Nach Gutenstein! Nach Gutenstein!

von Martin Thomas Pesl

Gutenstein, 11. Juli 2019. Vor 200 Jahren müssen Schauspieler*innen schon ziemlich furchtbare Schmiere betrieben haben, aus heutiger Sicht jedenfalls. Das ist eine Nebenerkenntnis der Uraufführung "Brüderlein fein", die bei den Raimundspielen Gutenstein das Leben des nach Johann Nestroy zweitbekanntesten Vertreters des Altwiener Volksstücks Ferdinand Raimund nachzeichnet. Und es dürfte schon was dran sein: Das rollende R, die große Geste, die übertriebene Emotion und das "Extemporieren", das wollten die Leute damals. Sehr erfreulich, dass sich das heute geändert hat. Die "echten" setzen sich von den Stück-im-Stück-Szenen doch angenehm ab.

Neigung zum Märchenhaften

Wie Nestroy war Raimund (1790–1836) zuerst Schauspieler. Ihre Schreibkarrieren begannen beide mit allegorischen Geschichten aus der Feenwelt. Während bei Nestroy Wortwitz und Gesellschaftssatire mit der Zeit überwogen, blieb Raimund in seinem Wirken dem Märchenhaften gewogen, vom "Barometermacher auf der Zauberinsel" bis zum "Verschwender". Aber – auch das wird jenen Österreicher*innen, deren Deutschunterricht schon länger her ist, hier in Erinnerung gerufen: Raimund war zuerst da.

BruederleinKrisch 560Johannes Krisch als Raimund in Felix Mitterers biografischem Stück für die Raimund-Festspiele Gutenstein © Joachim Kern

Auch persönlich schwebte der Mann wohl in anderen Sphären, die man heute aber weniger als Esoterik denn als Neigung zum Manisch-Depressiven bezeichnen muss. Mit 46 schoss er sich in den Mund, in der festen – und falschen – Überzeugung, ein Hund habe ihn mit Tollwut infiziert. Im niederösterreichischen Gutenstein wird seit 1993 (mit Unterbrechung) jeden Sommer ein Stück von ihm in einem Zelt auf einer Wiese aufgeführt. Für dieses Jahr hat sich Andrea Eckert, die aktuelle Prinzipalin der Raimundspiele, etwas Besonderes ausgedacht: ein Stück über Raimund selbst.

"Man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren"

Den Auftrag zu "Brüderlein fein" erteilte sie dem seinerseits als Volksstückeautor sowie Routinier im Genre biografisches Drama geltenden Tiroler Felix Mitterer. Der schreibt auch TV-Drehbücher, kennt die Regeln der Spannungsdramaturgie und liefert auch hier wieder einen Mix aus Gelehrigkeit und Unterhaltung, Drama und Historie. Von Anfang an lässt er Raimund mit einem Handschuh von Hundsvieh herumlaufen: Das böse Ende wirft seine Schatten voraus. Auch mehr als passend ist, dass Mitterer die Biografie seines Helden mit einer hanebüchenen Zaubergeschichte rahmt. Eine Nymphe und eine Fee in unerträglich prachtvollem Kleide statten den armen Zuckerbäckerssohn mit Begabung aus – symbolisiert durch Goldglitzerstaub natürlich.

Bruederlein2 560 JoachimKern uMit weinseliger Wienerliedmelancholie: Tommy Hojsa, Eduard Wildner, Reinhold G. Moritz, Johannes Krisch, Larissa Fuchs © Joachim Kern

Regisseurin Nicole Claudia Weber agiert angemessen uraufführungsbrav, die Ausstattung Vanessa Achilles-Broutins folgt Mitterers Anweisung: "Man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren." Mantel über Jacke und Hut und Halstuch und bürgerlicher Reifrock und klapprige Milchkanne. Bühnenteile werden rasant rein- und rausgeschoben, während Tommy Hojsa mit weinseliger Wienerliedmelancholie das Raimundsche Leben am Akkordeon vor sich hertreibt. So wird – ohne Extemporieren! – der Handlung gedient.

Nachvollziehbares Psychogramm

19 NAC App Visual MeerMorgen in der Sommerfestival-App: die Nachtkritik zu Lilja Rupprechts Uraufführung von Thomas Melles "Überwältigung" bei den Nibelungen-Festspielen WormsBurgschauspieler Johannes Krisch erfüllt den Raimund mit Herz und kindischem Überschwang. Gerade die cholerischen Ausbrüche des eifersüchtigen Egozentrikers gelingen Krisch mit seiner Wiener "Papp'n" echt und doch fiebrig. Im zweiten Teil zunehmend manisch, blüht Krisch richtig auf und schafft auch ein nachvollziehbares Psychogramm des menschenfeindlichen Publikumslieblings. An seiner Seite rührt Anna Rieser in der Rolle der ganz einfachen Kassiererin Toni Wagner, die Raimund sein Leben lang auf ein Podest stellte. Sie ist der Aktualitätsbezug in Mitterers Stück: die nüchterne Stimme des normalen Theater-Publikums, das nahbare Stoffe sehen will – und beim größenwahnsinnigen Geliebten auf Granit beißt. Fünf weitere Spieler*innen teilen sich ein Dutzend weiterer Rollen auf.

Mitterers Stück funktioniert, hält bei der Stange. Erst am Ende spürt man die typische Not, schnell noch ein paar Fakten und größte Hits (wie das Hobellied aus dem "Verschwender") abzuarbeiten. Natürlich weiß Mitterer auch genau, wer seine Auftraggeberin ist. Wenn es den erfolgsverwöhnten Dichter gen Ende immer mehr in die Natur treibt, so nennt er stellvertretend für diese Sehnsucht Gutenstein. "In drei Tagen bin ich tot. Begrabt mich in Gutenstein, ja nicht in Wien", erklärt der vermeintlich Tollwütige, jedenfalls aber rabiate Raimund seinem irritierten Freund. Und das hat ja immerhin geklappt. Intendantin Eckert erklärte in ihrer Eröffnungsrede, sich täglich an Raimunds Grab dessen Segen zu holen. Puh, das war dann doch ein bisschen dick aufgetragen. Den Leuten von damals hätt's gefallen.

Brüderlein fein
von Felix Mitterer
Uraufführung
Inszenierung: Nicole Claudia Weber, Bühne, Kostüme, Maske, Hüte und Puppenbau: Vanessa Achilles-Broutin, Musik: Tommy Hojsa.
Mit: Larissa Fuchs, Gerhard Kasal, Johannes Krisch, Reinhold G. Moritz, Lisa Schrammel, Anna Rieser, Eduard Wildner.
Premiere am 11. Juli 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.raimundspiele.at

 

Kritikenrundschau

Felix Mitterer webe in sein neues Theaterstück feinsinnige Denkanstöße zum im Grunde brutalen Verhältnis von Schauspieler und Zuschauern, Schauspieler und Gesellschaft ein, schreibt Anne-Catherine Simon in der Presse (13.7.2019). Dennoch lief etwas grundlegend falsch, das Auftragswerk sei mehr Auftrag als Werk. "Raimunds Stil taugt nicht zur Zeichnung eines Individuums – wie es 'Brüderlein fein' versucht." Hauptdarsteller Johannes Krisch "ist als junger Raimund eine unbegreifliche Fehlbesetzung – und er ist es überhaupt, weil es seinem Spiel bis zur Selbstparodie an leisen Tönen fehlt. Es lenkt ab vom Text, statt ihn auszudrücken, zertrampelt selbst die feinsten Passagen. Es ist kraftlos vor lauter Kraft."

"Einer der besten Dramatiker Österreichs bringt ein Stück über einen der größten Dichter, die dieses Land je besessen hat, an dessen Lieblingsort zur Uraufführung. Ein grandioser Schauspieler spielt die Hauptrolle. Was soll da schiefgehen?", fragt Heiner Boberski in der Wiener Zeitung (13.7.2019). Aber trotz der mitreißenden Stimmung im Festzelt merke man, dass Felix Mitterer mit dem Stoff kämpfe. "Mitterer verbindet Raimunds Lebensweg mit der Feenwelt, die ihm seine Begabung schenkt, vor allem aber mit saftigen Szenen, die im Theater spielen." Die besten Szenen der humorvoll-sommertheaterlichen Inszenierung "sind freilich jene mit Raimunds Originaltext, die Mitterer geschickt in sein Stück eingebaut hat".