Eine Verfassung, die es gut meinte

von Harald Raab

Weimar, 23. August 2019. "Durch Deutschland geht ein tiefer Riss - dafür gibt es keinen Kompromiss", singt Bariton Matthias Goerne das Spottlied Kurt Tucholskys auf Politiker-Techtelmechtel im "Reichstags-Reenactment" zum Auftakt des Weimarer Kunstfests. Vor der Fassade des Deutschen Nationaltheaters bauscht sich mächtig die schwarz-rot-goldene Fahne im Wind. Die Republik feiert die Geburtsstunde der ersten deutschen Demokratie. Sie hat vor 100 Jahren genau an diesem Ort stattgefunden. Weimarer*innen sind in langen Röcken und mit Topfhut erschienen, Männer mit sommerlichem Girardi-Hut, um auf dem Platz vor dem Theater eine historische Aufnahme nachzustellen. Unbeeindruckt von der Masse Mensch damals wie heute das Duo Goethe und Schiller auf hohem Denkmalsockel. Was treibt das Völkchen da schon wieder?

Man muss es nicht gleich hochtrabend eine "soziale Skulptur" nennen, wenn man ein geschichtliches Ereignis rekonstruiert. Worauf es ankommt, ist ästhetische Reflexion, die überzeugt. Und das tut dieses Eintauchen in Stimmung und Inhalt der Arbeit in der Weimarer Nationalversammlung und des Reichstags danach. Nurkan Erpulat hatte die Reenactment-Aufgabe zu stemmen.

Jenseits der Geschichte

Es wurde ein großartiger, ein beeindruckender Beweis, was durch kreativen Umgang mit Theaterformen geleistet werden kann. Kluge Textauswahl, ein auf schwarz-rot-goldene Farbräume setzendes Bühnenbild (Nurkan Erpulat, Luise Ehrenwerth) und Musik/Gesang aus dieser Zeit lässt den kompakten Geschichtsunterricht zu einem sinnlichen Erlebnis werden. Freilich, Zeit musste man investieren. Insgesamt neun Stunden, verteilt auf zwei Tage, waren gefordert.

Kunstfest19 560 NachgestelltesFoto c Candy Welz uDamals wie heute: Gründung der Verfassung im Nationaltheater Weimar, nachgestellt 100 Jahre später © Candy Welz

Welch ein bedeutungsschwangerer Einfall der Geschichte: die erste deutsche Demokratie wurde ausgerechnet in einem Theater aus der Taufe gehoben. Eine Inszenierung - damals aus der Not geboren. Vorspiel zu einem Zwischenkriegsstück für Helden und Idealisten auf verlorenem Posten, für Nationalisten, Räuber und braune Banditen, für kapitalistische Raffkes und Zack-Zack-Militaristen. Die Weimarer Republik - eine Hoffnung, aber ebenso eine Farce, eine Tragödie für Deutschland und die Welt. Denn allzu viele Deutsche wollten diese Demokratie nicht.

Der Kampf von heute

Im Deutschen Nationaltheater der Goethe-und-Schiller-Stadt heute - ein Event. Eingeladen zum Mitmachen waren Bürgerinnen und Bürger der Stadt, aber auch Politiker wie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, sein Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff, der Weimarer Oberbürgermeister Peter Kleine, Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, der Richter am Bundesverwaltungsgerichtshof Klaus von der Weiden oder der umtriebige Gregor Gysi aus dem Bundestag. Gemeinsam mit Schauspielern und Schauspielerinnen sowie mit Weimarern und Weimarerinnen werden parlamentarische Debatten szenisch zum Leben erweckt und historische Reden nachgesprochen. Es geht um die Bewusstmachung geschichtlicher Fakten vom Ringen um eine republikanische Gesellschaft und eine demokratisch geführte und kontrollierte Regierung - und vom Scheitern.

Eines konnte man nicht ohne Erschrecken dabei konstatieren. Der Kampf von damals mutet erstaunlich aktuell an. Es gilt, die alten Kämpfe erneut zu kämpfen - um Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger, keine Ausgrenzung von Menschen aus anderen Kulturkreisen, um die Interessen der Volkswirtschaft vor denen kapitalistischer Privatwirtschaft, um Unabhängigkeit der Politik von Wirtschafts- und Verbandsmacht, um angemessene Beteiligung der Gemeinschaft durch Steuern beim Vererben von Privatvermögen. Dieses und mehr steht in der Weimarer Reichsverfassung - und harrt heute noch der Realisierung.

Keim der Zerstörung

In diesem Rückblick fehlt auch nicht, die Aufdeckung der Schwächen der Weimarer Verfassung. Sie war ja aus gutem Glauben entstanden, dass es alle mit dem deutschen Volk gut meinen würden. Sie trug aber auch den Keim zu ihrer Zerstörung in sich. Sie war nicht wehrhaft genug konzipiert. Ein Schülerchor zeigte dies zielgenau auf: keine Sicherung der Grundrechte vor Abschaffung, ein starker Ersatzkaiser als Reichspräsident, der demokratische Grundvoraussetzungen außer Kraft setzen konnte. Nach Friedrich Ebert der antidemokratische Kommisskopf Paul von Hindenburg. Sein Regiment mit Notverordnungen wurde schließlich auch zum Wegbereiter Adolf Hitlers und seiner Barbarei.

Identität und Heimat - zwei heute heiß umstrittene Begriffe - spielten in der Weimarer Nationalversammlung noch eine ganz andere Rolle. Sowohl Reichspräsident Ebert wie der Präsident der Nationalversammlung, Constantin Fehrenbach, sahen darin die Basis von Gemeinsamkeit und nicht eine System der Abschottung und Ausgrenzung. Sie überließen diese Begriffe nicht wie heute den Rechten. "Dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein anders gutes Land . .." sang Matthias Goerne die Kinderhymne von Bert Brecht. Der aus Weimar stammende Sänger ist Botschafter des Kunstfestes 2019.

Eröffnungs-Kraftakt

Im zweiten Teil des großen Geschichtsseminars beim Kunstfest war die verhängnisvolle Entwicklung des Reiches im Fokus, gespiegelt im Reichstag, bis zum NS-Ermächtigungsgesetz. Deutlich wird von Nurkan Erpulat herausgearbeitet, wie die Nationalsozialisten Deutungshoheit erkämpft haben, wie Gregor Strasser, Hermann Göring und vor allem Joseph Goebbels mit ätzenden Populismus die junge Demokratie verächtlich gemacht und sie im Parlament ihrem Rassismus freien Lauf gelassen haben: Ergreifung der Macht, Zerschlagung des demokratischen Staates, Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Leben und notfalls Krieg, um die Schmach von Versailles zu tilgen. Die Nazis haben mit ihren Absichten nicht hinterm Berg gehalten.

Mit diesem Reichstags-Reenactment hat Festivalleiter Rolf C. Hemke sein erstes Kunstfest eröffnet, ein gelungener Kraftakt. Das Programm bis 7. September bietet 22 szenische Projekte, acht Installationen und sieben Konzerte, darunter 15 Uraufführungen und acht Erstaufführungen.

Hemke hat seinen Mix zwischen den Konzepten seiner Vorgänger Christian Holtzhauer und Nike Wagner angesiedelt, nach Goethe'schem Motto: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen . . ." Musik kommt wieder mehr zu ihrem Recht. Arabisches und afrikanisches Theater und Tanz begegnen sich. Postkoloniale Fragen werden behandelt, ebenso das Flüchtlingsdrama und der Umgang mit der Verantwortung für den verhängnisvollen Teil deutscher Geschichte. Buchenwald ist ja auch ein Teil Weimars. Experimente werden gewagt. Hemke versichert: "Das Kunstfest ist finanziell bis 2023 gesichert." In diesem Jahr hat er einen Etat von 900 000 Euro zur Verfügung, wegen des Weimar-Jahres obendrein 250 000 Euro. Nicht viel für ein Festival, das den Anspruch hat, auf internationalem Niveau zu agieren.

Reichstags-Reenactment
Ein partizipatorisches Projekt für und mit Bürger*innen aus Weimar und der Region
Idee und Konzept Rolf C.Hemke
Konzept und Regie: Nurkan Erpulat, Konzept und Dramaturgie: Tuncay Kulaoglu, Bühnenbild: Nurkan Erpulat, Luise Ehrenwerth, Kostüme: Rabea Stadthaus, Musik: Michael Haves, Benjamin Weidekamp, Video: Mehmet Can Kocak, Recherche: Walter Mühlhausen, Katharina Flick, Tuncay Kulaaoglu
Mit: 67 Bürgerinnen und Bürgern Weimars, Mitgliedern des Ensembles des Deutschen Nationaltheaters und 20 Politikerinnen und Politikern sowie Repräsentanten des öffentlichen Lebens

www.kunstfest-weimar.de

 

Kritikenrundschau

"Kein kleines Vorhaben, sowohl für die Spielenden als auch die Zuschauer, aber ein relevanter Beitrag zu unserer Zeit", schreibt Torben Ibs in der taz (27.8.2019). Politische Bildung als Mammut-Performance, aber heraus komme eine schnörkellose Inszenierung "mit hoher Konzentration und Verdichtung", Der zweite Tag stehe ganz im Banne des Endes der Weimarer Republik. "Die Inszenierung zeichnet vor allem die Gegner der Demokratie." Immer stärker werden im Verlauf der Inszenierung die Distanzierungen und Interventionen der Gäste, die der antidemokratischen Rhetorik von damals mit zeitaktuellen Kommentaren Humanität entgegenstellen wollen.

Nurkan Erpulat setze ganz auf die Kraft der Wörter und Argumente, schreibt Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung (26.8.2019). Deswegen fühle man sich als Zuschauer ernst genommen, "nicht belehrt, sondern herausgefordert, sich einen Reim auf den Beginn der ersten deutschen Demokratie zu machen". Den ersten Szenenapplaus gab es für den Satz: "Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in alle Zukunft sich selbst." Auf Begeisterung traf auch die Feststellung, der Militarismus sei in Trümmer gestürzt. "Ausschnitte aus vielen Debatten werden geboten." Es hielten nicht alle im Saal bis zum Schluss durch, "aber das partizipative Projekt war ohnehin auf Kommen und Gehen, Hören, Denken, Reden angelegt. Es weckte die Lust, die Parlamentsdebatten nachzulesen und den Wunsch, in der Erinnerung an die demokratischen Traditionen möge die parlamentarische Arbeit eine ebenso große Rolle spielen wie Streiks, Demonstrationen, Wahlkämpfe." Am Ende folgte aufs Debatten-Reenactment ein Fest, die Leute tanzten vor dem Theater. Fazit: "An diesem Abend ging die Freundlichkeit über den Theaterplatz und lachte aller Verbiesterung frech ins Gesicht."

"Das Unperfekte hat Methode – wie überhaupt bei dieser 'Kunstfest'-Ausgabe unter Rolf Hemkes Leitung viel improvisiert wird", so Michael Laages im DLF (25.8.2019). "Richtig fertig geprobt muss nicht alles sein – und wenn, wie zur Eröffnung bei der Erinnerung an die erste deutsche Nationalversammlung vor 100 Jahren, ein fertiges Projekt an den Start geht, ächzt es beträchtlich unter der eigenen Ambition." Schon der Prominenten wegen konnte von einem "Re-Enactment" natürlich überhaupt nicht die Rede sein. Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Tuncay Kolaoglu "haben in guter Dokumentar-Tradition Momente montiert". Fazit: "Die 'partizipativen' Momente, Kern der Idee von der 'Immersion', hielten sich allerdings in Grenzen", der Geist des demokratischen Ortes aber habe durchaus Kraft entfaltet.

"Eine Geschichtsstunde par excellence", sah Wolfgang Hirsch in der Thüringer Allgemeinen (online 23.8.2019). "Wir lernen, wie man vieles, das uns selbstverständlich erscheint, damals erst erstritt. Etwa die bürgerlichen Grundrechte, den Abschied vom wilhelminischen Kolonialreich oder den 1. Mai als Feiertag. "Dass die präzise historische Situation mancher Reden dem Publikum kaum präsent sein kann, versuchen die Autoren des Abends mit eingeblendeten, knappen Erklärtexten zu lindern - hier bleibt ein Defizit des Weimarer 'Reenactment'-Versuchs." Sinnliche Reize birge der sperrige, wundervolle, aufregend langweilige Abend kaum. Aber "musikalische Interventionen durch eine Jazzband und den famosen Bariton Matthias Goerne stiften Auflockerung".

"Wir stehen für einen pluralistischen und demokratischen Diskurs, eine offene Gesellschaft, die diskriminierungsfrei ist", sagt der neue Kunstfest-Leiter Rolf Hemke gegenüber Kevin Hanschke, der Hemkes erste Festivalausgabe für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.8.2019) vorstellt. Das "Reichstags Reenactment" von Nurkan Erpulat war für den Berichterstatter "experimentelles Improvisationstheater, das den Geist von Weimar und den demokratischen Aufbruch jener Tage wieder lebendig machen soll".

 

 
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