Können, werden, machen, tun

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 11. September 2019. "Ich bin das Überschreiten aller Grenzen", sagt Childerich III. von sich. Er ist der letzte der Merowinger. Mit dem Stamm ist's nicht mehr ganz so weit her. Aber was schert das Childerich, den Grenzüberschreiter? Es ist ganz leicht, in ihm einen Vorfahren heutiger Populisten zu sehen. In seiner "totalen Familie" (so der Untertitel des 1962 erschienenen Romans "Die Merowinger" von Heimito von Doderer) hat er das Totale längst umgesetzt, ist durch gerissene Heiratspolitik sein eigener Vater, Großvater, Schwiegervater und Schwiegersohn geworden. Eine Bettkarriere, die Verwirrung, aber auch Autorität stiftet. "Ich bin der Urknall und die Apokalypse", trompetet er hinaus.

Verschleierungsexperten

Das ist nur ein Strang in Doderers Romangroteske. Ein anderer ist jener um den Psychiater Doktor Horn. Er heilt ausgeklinkte Zeitgenossen – Wutbürger ist eine heutige Wortkrücke für Leute dieses (Un)Bewusstseinszustandes – mit eigenwilligen Methoden körperlicher Züchtigung. Jedenfalls gibt er Heilung als Ziel vor. Und dann ist da die mehr als dubiose Geheim-Firma Hulesch & Quenzel. Sie handelt geschäftsmäßig mit Produkten und Vorgängen, die der Verschleierung, der Tatsachenverdrehung, jedenfalls dem Schaden welcher Klientel auch immer dient.

Merowinger 3 560 www.lupispuma.com Volkstheater uBösewichte auf der Showtreppe: Bernhard Dechant, Peter Fasching © Lupi Spuma

Die Moral von der Geschicht'

Kurz: Wir haben es in Doderers haarsträubend skurrilem Text mit einer Gemengelage von Verneblern und Tatsachenverdrehern zu tun, hinter denen man leicht die Trumps und Johnsons dieser Welt, im österreichischen Kleinformat die Kurzes und Straches ausnehmen kann. Und sehr praktisch: Doderer, ein Nationalsozialist der ersten Stunde (der sich freilich schnell selbst von dem Wahn läuterte), hat an seinem Lebensabend nicht nur seinen Roman "Die Dämonen" durch Umarbeitung quasi entnazifiziert, sondern auch in den gleichzeitig entstandenen "Merowingern" immer wieder anklingen lassen, wie die Wut gegen das verlogene Establishment rasch faschistoide Züge annehmen kann.

Franzobel hat den Stoff fürs Volkstheater konsequent in diese Richtung überhöht, weiter gedacht und heutig formuliert. Dies im Schulterschluss mit Volkstheater-Chefin Anna Badora als Regisseurin. Gemeinsam haben sie recht massiv eingegriffen in Doderers erzählerischen Duktus. Was wäre dem Schriftsteller ferner gelegen als political correctness! Seine rotzfreche, destruktive Erzähllust (die den Roman einst zum Bestseller machte) ist der Bühnenfassung weitgehend ausgetrieben. "Die Merowinger" kommen brav und reichlich gedankenschwer daher. Szene um Szene bekommt man die Moral von der Geschicht' eingebläut, die sich ohnedies wie aufgelegt erschließt.

Alles bloß erfunden?

Peter Fasching ist Childerich III., Populistenkönig von der traurigen Gestalt. Seine Auftritte absolviert er auf einer wie in Unordnung geratenen Showtreppe. Seine verstorbenen Ehefrauen kommen als Untote daher, ihr Erscheinen würde sogar einem Fachmann für letale Ehen vom Format eines Herzog Blaubart zu schaffen machen. Die Selbstgewissheit in Person spiegelt Thomas Frank als Doktor Horn, der Seelenmetzger der Wutbürger. Duckmäuserisch-gefährlich wirkt Michael Abendroth als Zilek, Undercover-Agent des Nebelgranaten-Unternehmens Hulesch & Quenzel: "Wir können, wir werden, wir machen, wir tun", sagt er immer wieder kryptisch. Da spricht Schwester Helga (Julia Kreusch), die Assistentin des Doktor Horn, schon eher Klartext, und der Hausmeier Pippin (Günter Franzmeier) geriert sich sowieso als ein politischer Hellseher, wenn er die Achillesferse des Volkes beschreibt: "Wer wütend ist, ist schwach."

Merowinger 2 560 www.lupispuma.com Volkstheater u Thomas Frank, Blaskapelle © Lupi Spuma

Als Alter Ego Heimito von Doderers ist der Schriftsteller Döblinger gezeichnet, der in einem Deus-ex-machina-Finale als derjenige aufgedeckt wird, der sich all die Personen und ihre Machenschaften bloß ausgedacht hat. Das wäre ein pfiffiger, einigermaßen pointierter Schluss gewesen, aber da holen Franzobel und Anna Badora nochmal mächtig aus. Sie setzen an zu einer Parabel darüber, dass der Mensch von Populisten belogen und also geschlagen sein will. Da ist alle Luft draußen und die Sache wird zum knochentrockenen Lehrstück. Dem nur maßvoll begeisterten Beifall nach zu schließen haben das so manche im Publikum gleich gesehen.

Die Merowinger oder Die totale Familie
nach dem Roman von Heimito von Doderer in der Bearbeitung von Franzobel
Regie: Anna Badora, Bühne: Paul Lerchbaumer, Michael Mayerhofer, Kostüme: Beatrice von Bomhard, Musik: Klaus von Heydenaber, Musikalische Leitung Blaskapelle: Thomas Schrammel, Sounddesign: Gábor Keresztes, Choreografie: Jasmin Avissar, Kampfchoreografie: Martin Woldan, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Julie Paucker.
Mit: Michael Abendroth, Bernhard Dechant, Peter Fasching, Thomas Frank, Günter Franzmeier, Katrin Grumeth, Julia Kreusch, Sebastian Pass, Renata Prokopiuk, Lisa-Maria Sommerfeld, Julian Haunold, Daniel Kieslow, Christian Paul, Renata Prokopiuk, Jürgen Weisert, Marc Zobel.
Uraufführung: 11. September 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Es sei "nicht ganz klar, was Heimito von Doderer geritten haben mag, 1962 den höchst skurrilen Roman Die Merowinger oder Die totale Familie zu schreiben", findet Margarete Affenzeller im Standard. "Der pseudohistorische Schinken tanzt – nach Die Strudlhofstiege und Die Dämonen – ziemlich aus der Werkreihe des Epikers." Im Roman kämpfe "der letzte Merowingerkönig mit allen Mitteln der Heiratspolitik um den Machterhalt." Vom "Glanz und Glamour, vom Wahnwitz, von der grotesken Attitüde dieses Möchtegern-Usurpators", sei am Volkstheater allerdings nichts zu sehen. Anna Badoras Inszenierung, die es "auf den Wutbürger-Erzählstrang abgesehen" habe, erteile stattdessen "viel Moralunterricht mit der Bratpfanne." Franzobels Bühnenfassung, "die sich wie ein schräger B-Movie-Plot" lese, sei bei der Urauffühung "völlig leblos" geblieben. Affenzellers Fazit: "So unbeseelt war das Volkstheater schon lange nicht mehr."

Etwas zu lachen gäbe es allenfalls, so Norbert Mayer in der Presse, "wenn Wänzrödl (Bernhard Dechant), der Diener Childerichs, einen Hund spielen muss oder Günter Franzmeier als konkurrierender Karolinger Pippin mit Schwert und Rüstung in wildeste Übertreibung fällt." Ansonsten sei mit dieser Inszenierung der "tapfere Versuch" zu sehen, "diese 'Blödsinnigkeit', wie der fiktive Dichter im Epilog des Romans über ebendiesen sagt, nicht nur via Kostüme fälschlich in die Merowinger- und Karolingerzeit zurückzuführen, sondern auch krampfhaft bis in die Gegenwart." Der Saisonauftakt am Volkstheater ende jedoch "so, wie es die Wut-Therapie des Dr. Horn eigentlich sollte. In völliger Erschöpfung nach sinnlosen Aktionen."

"Badora und Franzobel haben versucht, möglichst viel an Handlung zu transportieren", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung. "Dabei ist die gar nicht so wichtig. Es ginge viel eher darum, eine szenische Übersetzung für die Wut zu finden, die mit dem – ohnedies sehr episodisch angelegten – Plot transportiert wird." Das gelinge Anna Badoras Inszenierung aber nur in Ausnahmemomenten: "Meistens blickt man bloß, leidlich amüsiert, in ein skurriles Paralleluniversum. Wut ist anders."


"Wird das Stück Doderers Roman gerecht?", fragt Christina Böck in der Wiener Zeitung und antwortet gleich selbst: "Dafür müssten die Tumulte tumultiger sein, müssten die Wutschäume wahnwitziger wuchern, müsste wenigstens ein Porzellanfigürchen zerschlagen werden." Dennoch sei der Abend kurzweilig, "weil es Franzobel gelungen ist, die Doderersche Sprache bekömmlich zu transponieren."

 
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