Vertraute Geräte

von Anna Landefeld

München, 12. Dezember 2019. Es gibt kein Entkommen aus dieser grundkaputten Welt: Sie tarnt sich als hübsche traditionelle japanische Minka mit papierenen Schiebetüren, geflochtenen Böden und ebenhölzernen Balken. Und doch stinkt es hier so widerwärtig nach Spätkapitalismus, dass einem die Seele brennt. Der Kapitalismus hat Löcher ins Innerste der fünf SchauspielerInnen gefressen in Toshiki Okadas "The Vacuum Cleaner". Okadas vierte Inszenierung an den Münchner Kammerspielen ist die fast beiläufig erzählte Geschichte einer Familie, die sich zu entziehen versucht, aber schon längst auf dem neoliberalen Altar des "Höher, Schneller, Weiter" geopfert wurde. Okada ist dabei kein selbstgefälliger Agitprop-Phrasendrescher. Gemächlich-zurückhaltend, ganz in der Tradition des Nō-Theaters, konzentriert er sich auf Alltagsbanalitäten. Das Große wird aus dem Kleinen heraus angesprochen.

Gefangene ihrer unterdrückten Affekte

Der ganze Systemschmerz lastet auf diesen Menschen in dieser Wohnung. Die Mutter tot. Der Vater um die 80, die Tochter in ihren Fünfzigern, der Sohn in etwa genauso alt. Sie sind Entfremdete, in freshe Fashion gekleidete Puppen mit leerem Blick. Okada der Puppenspieler, der sie zu Bambusquerflöte und Fasstrommel tickartig ihre Arme schlenkern, ihre Rümpfe drehen und ihre Beine zucken lässt, während sie ihren Text sprechen. Musik, Bewegung und Sprache sind kunstvoll asynchron choreografiert, wofür Okada bekannt ist. Die Figuren sind Gefangene ihrer unterdrückten Affekte. Sie können ihren Platz im System niemals verlassen.

VacuumCleaner1 560 JulianBaumann uUnter Performance-Druck: Thomas Hauser, Julia Windischbauer, Walter Hess © Julian Baumann

Ausgerechnet einem Gegenstand jedoch gelingt das – dem titelgebenden Staubsauger. Julia Windischbauer ist die allwissende, vom Ladekabel bis zur Mordfantasie alles in sich aufsaugende und wieder ausspuckende Erzählerin mit den kommentierenden Augen und dem skeptischen Mundkräuseln, wenn zum Beispiel Annette Paulmann davon berichtet, wie sie sich einmal die Fingerknöchel blutig schlug und eine Delle in den Holzbalken. Ihr "Monument", das kaum zu sehen ist.

Flucht zurück ins Kinderzimmer

Seit ihrer Studienzeit versteckt Paulmanns Figur sich in ihrem Zimmer vor der Welt. Eine "Hikikomori" ist sie und damit eine von einer Millionen Menschen in Japan, die sich ursprünglich wieder bei ihren Eltern einquartieren mussten, weil viele ihre Jobs und Wohnungen verloren, nachdem die Wirtschaftsboom-Blase geplatzt war. Okada dreht das Ganze weiter – macht das japanische Phänomen zu einem universellen, weil der Spätkapitalismus überall auf der Welt Freiheit und Wohlstand mutieren lässt zu Orientierungslosigkeit, Überforderung und einer daraus resultierenden Egalheit gegenüber sich selbst und anderen.

VacuumCleaner2 560 JulianBaumann uFerngesteuerte Familie: Julia Windischbauer, Damian Rebgetz, Annette Paulmann, Thomas Hauser, Walter Hess
© Julian Baumann

Innerlich haben die Hikikomori dieser Welt ihr Elternhaus vielleicht nie verlassen. Und auch die alterslose Annette Paulmann klammert sich an die Erinnerungen, die sie hat – neue sind ja keine hinzugekommen, und die alten liegen Jahrzehnte zurück. So alt wie die Weltkarte auf der Toilette, in der die Sowjetunion noch lila-braun gezeichnet ist. Im obersten Stockwerk gibt sich Paulmann intensiver Langeweile hin; kniet kopfüber, wälzt sich auf dem Boden, starrt stumm in die Ecke wie ein unartiges Kind, das man dorthin abgestellt hat. Trotzig wütet sie über ihre nutzlose Existenz, für die sie den Vater anklagt. Ein Seelengeschrei über eine gescheiterte Flucht ins Kinderzimmer.

Nach Außen flüchtet ihr Bruder und kommt doch nicht weiter als seine Schwester. Mechanisch-anonym tut Damian Rebgetz das, was alle tun: zur Arbeit gehen – oder zumindest tut er so. Damit es niemandem auffällt, hängt er stattdessen in Parks herum oder auf Bänken in Einkaufszentren. Er erzählt von einem Freund, der in São Paulo war und von den Bäumen schwärmte, deren Äste niemals jemand stutzt, die so ganz anders sind als die Natur hier, die nicht viel mehr ist als Accessoire gegen aufkeimende Depressionen. Naiv, ja, aber tiefberührend – und sie wird es durch Rebgetz' weit aufgerissenen Augen und Arme noch einmal mehr – ist diese Allegorie auf den Menschen einer durchkapitalisierten Gesellschaft, die sich nach einem lateinamerikanischen Zustand (zurück-)sehnt, einem vermeintlich un-industrialisierten, ursprünglicheren und freieren.

Geräte als Vertraute

Oft stumm lässt Walter Hess, der Vater, die Querelen seiner Tochter und die Schwärmereien seines Sohnes über sich ergehen. Auch seine ständigen Begleiter sind die Scham und die Überforderung. Er flüchtet sich tänzelnd in viertelstündige Monologe über Kaffee mit Erdbeeraroma. Er ist das Relikt aus der Zeit, in der Familien noch mehr den Familien aus den Haushaltswaren-Katalogen glichen – idealtypisch mit Haus, Urlaub, Klavierunterricht für die Kinder und einem Chef, gegen den man vielleicht noch in den Klassenkampf ziehen konnte. Was seine Kinder um die Lebenslust bringt, wird ihm nicht klar.

Thomas Hauser buchstabiert es schließlich aus, ein Freund des Sohnes. Im "Dschungel" –  natürlich ist damit überdeutlich der Versandhändler Amazon gemeint – war er für vier Tage, obwohl er den "Scheißegeruch" des "Scheißhaufens" schon am ersten Tag riechen konnte. Er, Regalreihen und ein Handscanner, der ihm sagt, wo und wie schnell er die Produkte aus den Regalreihen holen muss, damit das Ranking passt. Zärtlich berichtet er von seiner Beziehung zu diesem Handscanner. Die anderen Menschen sind genauso wie er nur noch reine Reduktion auf ihre Leistung. Hinausgeschwungen hat er sich vielleicht nach ein paar Tagen aus den Hallen des "Dschungels", so wie sich Hauser über die Geländer, Vorsprünge und Dächer der Wohnung schwingt und sich den anderen überlegen fühlt, während er zornig von dieser Selbstbefreiung berichtet. Wahrhaft frei ist er deswegen noch lange nicht. Wie auch. So wie alle bleibt er der Sklave eines alles durchdringenden Systems. 

 

The Vacuum Cleaner
von Toshiki Okada, aus dem Japanischen von Andreas Regelsberger
Inszenierung: Toshiki Okada, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: Tutia Schaad, Musik: Kazuhisa Uchihashi, Licht: Pit Schultheiss, Dramaturgie: Tarun Kade, Makiko Yamaguchi.
Mit: Thomas Hauser, Walter Hess, Anette Paulmann, Damian Rebgetz, Julia Windischbauer.
Premiere am 12. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.muechnerkammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Die Erbarmungslosigkeit des Systems, nicht das Versagen des Individuums nehme Toshiki Okada mit "The Vacuum Cleaner" ins Visier, so Sven Ricklefs auf Bayern2 (13.12.2019). "Dabei scheint der gesellschaftliche Druck zugleich auch in die Körper seiner Opfer gefahren zu sein": Wie in seinen vorhergehenden Münchner Arbeiten habe der Regisseur mit seinen fünf Spielern auch jetzt wieder eine sehr individuelle Bewegungschoreographie entwickelt, die jenseits der Sprache in teilweise komischer Absurdität davon erzähle, was in den Körpern gerade vorgehe. "The Vacuum Cleaner" zeige "auf ebenso leise, wie absurd melancholische Weise, welche Wirkung die perversen Auswüchse unseres kapitalistischen Systems auf den Menschen hat".

Textlich schwach, aber reizvoll in Körpersprache, Musik und Bewegungschoreografie findet den Abend Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (14.12.2019). Okadas vierte Arbeit an den Kammerspielen komme "auf weichen Socken" daher, der Regisseur sei ein "seine Sätze dem Alltäglichen, Banalen ablauschender Künstler". Soziologische Erklärungen oder dezidierte Gesellschaftskritik dürfe man bei Okada nicht erwarten. In "The Vacuum Cleaner", so Dössel, entstehe allerdings "nicht diese bei Okada oft so feine, aus innerer Melancholie aufschwirrende Komik" wie etwa in "No Sex". Begeistert ist die Kritikerin von der "famos grazilen" Julia Windischbauer. Okadas bekanntes Stilmittel, Sprache und Gestik zu entkoppeln und sich beim Reden "seltsam zwanghaft" zu bewegen, "im Sinne eines Stör- und Verfremdungseffekts oder auch zur Kenntlichmachung eines Affekts", erfülle Windischbauer "am kuriosesten, unschuldigsten, natürlichsten". Schön auch "die Lichtfarbeffekte auf den Papierkassettenwänden" im japanischen Haus auf der Bühne und Kazuhisa Uchihashis nachdrücklicher "Klopf-, Trommel-, Flötensound, zu dem die Schauspieler sich beim Sprechen wie in eurythmischen Bewegungen ergehen" – ein Fall fortgeschrittenen Hospitalismus.

"So poetisch, so zart erzählt er davon, was es heißt, einsam zu sein, wie schnell es gehen kann, der Welt abhandenzukommen": Für Simon Strauss von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.12.2019) übertrifft "The Vacuum Cleaner" alle bisherigen Arbeiten von Toshiki Okada. Um die Einsamkeit der Menschen und der Dinge gehe es dessen neuester szenischer Phänomenologie an den Münchner Kammerspielen, um die Hikikomori, "in sich selbst Zurückgezogene". Zuverlässig schlucke das sonore Sauggeräusch die Verzweiflungsgeräusche von Annette Paulmann – "jede Träne verbittet sie sich, zeigt ihre Gefühle lieber durch plötzliche Körperzuckungen". Die umwerfende Julia Windischbauer in der Rolle des Staubsaugers untermale ihre Sätze mit rahmenden Gesten, umzittere jedes Wort mit ihren Fingern: "So viel hat sich in ihr von dem angestaut, was sie selbst nicht aufsaugen kann: ihre eigenen Träume."

 

 
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