Monster, von der Theorie gezähmt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Februar 2020. Ein Duett der Vokale und Konsonanten, des lullend Weichen im Dialog mit dem anstößig Stöhnenden, ein Zungenspiel als erotischer Sprechakt ist, womit Nabokov seinen Humbert Humbert das Lo-li-ta-Hohelied anstimmen lässt. Mit dem Namen und Wesen Lu-lu verhält es sich nicht anders. Auch sie – Kindfrau und Projektion der Männer, ihres Begehrens, ihrer Demütigung und Scham, ihrer Angstlust. Ein Phantasiegeschöpf aus Bibel-Tagen (Lilith – noch so eine Labial-Existenz), antiker Mythologie ("Die Büchse der Pandora") und archaischem Muttergrund ("Der Erdgeist"). Dafür muss niemand Freud gelesen oder Weiningers Nächte durchbebt haben, um zu verstehen, was gemeint ist: "der Ursprung der Welt" – das Geschlechtliche.

Unväterliche Väter, unmännliche Männer

Es kostet Anstrengung, Frank Wedekinds Lulu zu – weiblicher – Autonomie aufzuhelfen, auch wenn es um die Männer der Reihe nach Alter, Status und mordlustiger Psychopathologie armselig bestellt ist, hinter deren Lu-Lu-Buchstabieren man Stammeln, Stottern und regressives Wimmern vernimmt. Unväterliche Väter und unmännliche Männer. Lulu, das sexualisierte Schau- und Lustobjekt und Gewaltopfer ("Das schöne wilde Tier", wie der hier gestrichene Wedekind-Prolog zirkusreif herausposaunt) ­– wer möchte schon Gefahr laufen, neben Woody Allen, Placido Domingo, Roman Polanski, Dieter Wedel und anderen zu stehen. Not me! Bernadette Sonnenbichler scheint unverdächtig, den Phänotyp Lulu zu etwas zu nötigen. Oder?

Lulu1 560 thomasrabsch uStammeln, Stottern, Wimmern: Lieke Hoppe, Florian Steffens © Thomas Rabsch

Viele leere Wände hält der kastige Atelierraum im Düsseldorfer Schauspielhaus für erst noch zu schaffende Bilder offen. Man ahnt, die Flächen sollen sich füllen. Das Urbild jedoch wird sofort zum Opfer gebracht: Lieke Hoppe, die Lulu, zieht sich aus, sogar den Mikro-Port, offensiv frontal, bevor sie wieder in Höschen und Shirt steigt. Das wäre also erledigt! Die Männer werden ihr in dieser Zurschaustellung wenig schmeichelhaft zu folgen haben und sich – mit der naheliegenden Assoziation – als "Würstchen" zeigen.

Papiertiger, angeleint

Die Liebe, jawohl: die Liebe, hat viele Gesichter, die meisten sind Fratzen und haben schiefe Mäuler. "Monstre-Tragödie" heißt das Stück nicht umsonst. "Lulu" taugt nur dann noch zum Skandal, wenn sie sich als Modeartikel verpackt – wie in Düsseldorf, der Stadt der Kunstakademie. Das Drama verbleibt hier im Atelier des Malers Eduard Schwarz und ist – in schwitzender, sich heiser lärmender, bürgerschrecklicher Ekstase ein Action- und Body-Painting-Happening mit Fontana-Ritzen in der Leinwand, expressiver Geste und viel Schmierage, so dass der eine und andere ausrutscht wie im unbeabsichtigten Slapstick.

Die ihr verfallenden, sie benutzenden Männer, ob Goll, Schwarz, Vater und Sohn Schön, Schigolch, Quast stehen unter Druck, als hätten sie zu viel Grönemeyer gehört. "Toxische Männlichkeit"? Beileibe nicht! Im Düsseldorfer Schauspielhaus, das soeben das 50. Jubiläum seines Theater-Gebäudes feiert, haben Schroeter, Schleef und Gosch Anarchie nicht behauptet, sondern in Form gebracht, während diese Ambition bei Sonnenbichler ausläuft wie ein Eimer Farbe. Man hat es nicht mit erwachsenen Menschen zu tun. Doch die Kinderseele fehlt auch. In der Wirkung: eine Aufführung aus Kalkül, die im zweiten Teil komplett ausfranst und an ihren Theorie-Einspritzungen krankt.

Lulu3 560 thomasrabsch uKastiger Atelierraum noch zu schaffender Bilder: Bühne von Simeon Meier © Thomas Rabsch

In Abwandlung des Wortes von Jean-Paul Sartre über seinen "Saint Genet" lässt sich für Lulu sagen: Ihr "Abenteuer" sei es, "benannt worden zu sein". In Düsseldorf ein spannungsloses Abenteuer, weil keiner der männlichen Benenner irgend ernst zu nehmen ist, nicht in ihrer Gewalttätigkeit, nicht in ihrer Hilflosigkeit und Erbärmlichkeit. Papiertiger an der Dramaturgen-Leine.

Lauter falsche Töne

Lulu hat eine andere Sprache als solche, die charakterisiert, definiert, judiziert. Die verweigert ihr Sonnenbichler, ihr und auch der Gräfin Geschwitz (Claudius Körber, dem ein anderes Düsseldorf-Debüt zu wünschen gewesen wäre). Stattdessen vertreten sie Thesen und zitieren Biopolitik: post-dramatisch, post-modern, post-kapitalistisch, post-emotional, post-deutsch (= Englisch), post-intelligent. Kein Drama, ein Diskurs-Formular. Unterdessen der Elektro-Sound von der Playstation ploppt, jault, wispert und erfreulicherweise auch mal die Klarinette ins Spiel bringt.

Lieke Hoppe spreizt sich gymnastisch durch die Rolle: ein patziges Club-Gör, das sich halb ironisch, halb kokett zum Publikum hin verbiegt und Pfötchen gibt. Lauter falsche Töne und abgegriffene Gesten. Nichts, was herausforderte. Lulu als Sprechpuppe mit Phrasen wie aus dem Judith-Butler-Proseminar. Die Textfassung als Sprechblase. Seltsamerweise ist der Schluss, die sich rein zum Pamphlet verdichtet, indem er einen neuen, weiblichen prometheischen Schöpfungsmythos "verkündigt", die einzige Stelle des mit Theorie-Quark zugekleisterten Abends, die nicht pamphletistisch wirkt. Die "Sexarbeiterin" Lulu in London braucht keinen Killer als Gegenüber mehr. Die Freier sind alle in ihr drin.

 

Lulu
von Frank Wedekind
Regie: Bernadette Sonnenbichler, Bühne: Simeon Meier, Kostüm: Tanja Kramberger, Musik: Jacob Suske, Dramaturgie: Janine Ortiz.
Mit: Joscha Baltha, Markus Danzeisen, Henning Flüsloh, Andreas Grothgar, Lieke Hoppe, Claudius Körber, Wolfgang Michalek, Miguel Abrantes Ostrowski, Florian Steffens.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
Premiere am 15. Februar 2020

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Sonnenbichler befreit diese monströse Figur aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit", schreibt schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (17.2.2020) Diese Lulu reflektiere, was geschehe, sie handele in vollem Genderbewusstsein. Indem Sonnenbichler ein vor gut 100 Jahren skandalöses Werk durch aktuelle Diskurse untergrabe, zähme sie Lulu, "was dem Stück auch Brisanz nimmt".

Das Team um Bernadette Sonnenbichler habe sich zu radikalen Transformationen entschieden, so Christian Oskar Gaszi Laki  in der Westdeutschen Zeitung (17.2.2020). "Schneidet viel und mit Herzblut herum und integriert aktuelle aus feministischer Ecke stammende Texte in ein trotz viel Bewegung statisches Konstrukt." Die Schauspieler*innen seien toll. "Von der Hoffnung in der Büchse bleibt indes nicht viel. Außer dem großen Befreiungsakt Lulus – der sie aber nicht menschlicher macht."

 

 
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