Starke Frau an der Schwelle

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 19. August 2020. Übermorgen wird es so weit sein: das echte 100-Jahre-Jubiläum der Salzburger Festspiele. Am 22. August 1920 ist der Jedermann das erste Mal auf dem Domplatz doch nicht vom Teufel geholt, sondern vom anfangs recht kümmerlichen Glauben Richtung Himmel geleitet worden – das ist in Salzburg das Innere des Doms. "Ehre sei Gott in der Höhe der Preise", sollte Karl Kraus bald ätzen, nachdem die Festspiele mit erzbischöflichem Segen Fahrt aufgenommen hatten. Mit dem Satz "ein guter Jude wie Reinhardt" sei ihm "lieber als ein schlechter Christ" wird Erzbischof Ignatius Rieder gerne zitiert. Der hat (ab 1922) natürlich auch Reinhardts "Großes Salzburger Welttheater" in der Kollegienkirche goutiert. Der Theatermann wusste den lokal einflussreichen Kirchenmann zu nehmen.

Nahender Krebstod

Wie sommerliches Salzburger Welttheater dann in den Zeitläuften auch immer ausgesehen hat (drei Viertel der hundert Jahre selbstgewiss wertkonservativ und antimodern) – an der moralinsauren Ikone "Jedermann" ernsthaft zu rütteln hat kein Intendant je gewagt. Es werden immer nur kosmetische Operationen vorgenommen. Im Moment ist's eine einigermaßen knackige Raffung der allegorischen Szenenfolge durch den österreichischen Filmemacher Michael Sturminger, heuer zum letzten Mal Tobias Moretti in der Titelrolle und Caroline Peters als Buhlschaft.

Vor zwei Jahren haben die Festspiele bei Milo Rau um eine Neufassung des "Jedermann" angefragt. Der hat zwar zuerst nein gesagt, sich dann aber doch bitten lassen – und gemeinsam mit der wunderbaren Schauspielerin Ursina Lardi nun mit "Everywoman" etwas Leises, Eindringliches, Nachhaltiges geliefert. Ihre Jederfrau haben die beiden in Helga Bedau gefunden. Es hätte auch ein Jedermann sein können, denn um einen feministischen Zugang geht es hier ganz und gar nicht. 71 ist die Dame erst, aber das medizinische Urteil über sie ist gesprochen. Bauchspeicheldrüsenkrebs, inoperabel. Da ist's also bitterernst mit dem Ende.

everywoman 4 560 c sf armin smailovic u Hofmannsthal'sche Tischgesellschaft und Zwiegespräch: die Schauspielerin Ursina Lardi und die an Krebs erkrankte Helga Bedau © Armin Smailovic

Auf Video wird Helga Bedau zugespielt. Zuerst in einem die Hofmannsthal'sche Jedermann-Tischgesellschaft direkt zitierenden Setting, dann allein. Mutterseelenallein. Zwischen Ursina Lardi auf der Bühne und der Dame on screen entwickelt sich ein leises Zwiegespräch. Wie ist das für sie, sich jetzt in einem Theaterstück wieder zu finden, fragt Lardi. "Seltsam", sagt Frau Bedau. "Vor allen Dingen, weil ich nicht weiß, ob ich bei der Premiere noch da sein werde". Aufatmen beim Schlussapplaus. Sie ist noch da und sie war da, verneigte sich wie alle mit Mund-Nasen-Schutz (nicht nur beim Gastspiel der Berliner Philharmoniker gelten für deutsche Künstler auch in Salzburg deutsche Corona-Usancen).

Ungewisses Nichts

Das Theater ist ihr nicht fremd, der Helga Bedau. Als Zwanzigjährige war sie Statistin an der Freien Volksbühne Berlin, Höhepunkt war eine stumme Rolle in "Romeo und Julia". Und jetzt ihre letzte Rolle: "Die meisten sind nach drei Monaten tot, ich habe, wenn ich Glück habe, zwei Jahre." Sein oder nicht sein, das ist hier die letzte Frage.

everywoman 1 560 c sf armin smailovic uLetzte Dinge, letzte Rolle: Ursina Lardi in Milo Raus "Everywoman" © Armin Smailovic

Theaterspiel, im Angesicht des sicheren Endes? Milo Rau und Ursina Lardi haben zuletzt engagiertes politisches Theater gemacht, in Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (2016), im Kongo recherchiert und in Lenin (2017), vor dem Hintergrund der letzten Lebenswochen des russischen Revolutionärs nach den Utopien des 20. Jahrhunderts gefragt. Nun sind sie völlig unpolitisch, privat, intim. Es interessiert sie das ungewisse Nichts am Lebensende. Aufbegehren dagegen? Sinnlos. Theologen sprechen von der Theodizee-Frage, von der Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm zugelassenen Skandalon des Todes. Milo Rau im Programmheft: "Alles andere könnte anders sein, der Tod nicht." Lardi en passant ans Publikum: "Oder weiß hier einer mehr als ich?"

Leiser, eindringlich und privat

So einfach kann man fragen in der Gewissheit, keine Antwort zu erhalten. Ganz ohne einen Anflug von Tränendrüsendrücken. Von einem Besuch bei einem Pferderennen hebt Lardi an zu erzählen, von einem strauchelnden, verletzten Pferd. Zwischendurch wird sie sich in einem Monolog über die letzten Dinge warm reden. So emotional das ist, es mündet nicht in Marktschreierei. Was bei Hofmannsthal als plakative Allegorie daher kommt, ist bei Rau/Lardi höchstens unterschwellige Metapher.

Der Mammon? Helga Bedau fragt Lardi, mit wie viel Abendgage sie als Hauptrollenträgerin rechnen könne. 6.000 Euro, so die Dame, brauche sie. Sie will ihre letzte Ruhe in Griechenland finden, wo ihr Sohn lebt. Der Sargtransport kostet...

Mit sich im Reinen

Metaphysik und Erdung, das geht an diesem Abend ganz wundersam unprätentiös zusammen. Viel Zeit, der kranken Dame ins Gesicht zu schauen. Milde, weiche Züge. Nicht die Spur von Verhärmtheit. Da ist ein Mensch mit sich, seinem Leben und seinem Ende im Reinen. Wie sie sterben wolle, fragt Ursina Lardi. Im Sommer, nach einem Regen... Da ist er auch schon, der Bühnen-Sprühregen, und die Schauspielerin setzt sich ans Klavier und spielt eine Choralbearbeitung von Bach, während Helga Bedau auf der Leinwand zu entschwinden scheint.

Doch noch ein Abgleiten ins Sentimentale also? Nicht die Spur. Nochmal kommt Lardi auf die Bühne, redet von der Lücke zwischen Stückende und Schlussapplaus. Da ist er wieder, der geheimnisvolle, mysteriöse Leerraum. Lardi legt eine Kassette in den altmodischen Player ein, und wir hören nochmal Helga Bedaus Stimme: Berlin. Charlottenburg. Die Pizzeria gibt es noch, die Kantstraße auch. So wie damals, als sie in den 1968ern aus Lünen dorthin zog. "Doch, es war schön..." Blackout.

Everywoman
von Milo Rau und Ursina Lardi
Koproduktion der Salzburger Festspiele mit der Schubühne Berlin
Regie: Milo Rau, Recherche und Dramaturgie: Carmen Hornbostel, Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Video: Moritz von Dungern, Sound: Jens Baudisch, Licht: Erich Schneider, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Ursina Lardi, Helga Bedau (Video).
Premiere am 19. August 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

Nach der Salzburger Uraufführung:

"Während Hugo von Hofmannsthals Jedermann ja bekanntlich die letzte Ausfahrt Glaube nimmt und damit auf dem katholischen Erlösungsticket im Grunde den Tod vermeidet, konfrontiert das Stück 'Everywoman' mit der Ungeheuerlichkeit, die der Tod für jeden Menschen eigentlich bedeutet", so Sven Ricklefs im Bayerischen Rundfunk (20.8.2020). Enstanden sei ein "sensible(r) und leise(r) Abend, der uns auf so beeindruckende Weise mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert".

"Penibel abgestimmt, kommen Lardi und Bedau(s Projektion) immer wieder ins Gespräch, reden über Erinnerungen, die Familie – ja, auch Lardi gibt so manches aus ihrem Leben preis – und, so ist es gedacht, über das Sterben und den Tod", schreibt Martin Lhotzki in der Frankurter Allgemeinen Zeitung (21.8.2020). Dass diese "beinahe intim zu nennende" Koproduktion zwischen Salzburger Festspielen und Berliner Schaubühne in einem Jahr erscheine, "in dem zumindest in Europa seit fast hundert Jahren nicht mehr gekannte Restriktionen für künstlerische Darbietungen jedweder Art gelten", sei zwar "reiner Zufall, aber keineswegs unpassend".

"Es ist sehr berührend", sagt auch Andreas Klaeui im SRF (20.8.2020). Der Abend habe eine "ganz starke, direkte Wirkung". Rau und Lardi gingen aber auch "hart an eine Grenze". Das jedoch geschehe mit "so viel Takt", dass "keinerlei Peinlichleit" aufkomme. Was bei Hofmannsthal "der Glaube war", also der "Trost", das sei hier, wenn Ursina Lardi sich ans Klavier setze, "die Musik, also die Kunst".

Stephan Hilpold vom Standard (21.8.2020) ist nicht überzeugt: "Ähnlich wie bei Peer Gynts Zwiebel dringt man in Salzburg aber weder bei der Frage nach dem Tod noch bei der nach dem idealen Theater zu einem Kern vor. Im Inneren sind die gestellten Fragen hohl. Trotz eines komplett anderen Zugangs in der Erarbeitung des Stücks ähnelt das Ergebnis herkömmlichem Stadttheater mehr, als es seinen Machern lieb sein kann."

"(T)echnisch ist die Aufführung, wie stets bei Rau, von stupender Perfektion“, berichtet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (21.8.2020). Und den konkreten Lebensberichten von Helga Bedau ist der Kritiker gern gefolgt. Aber "der Text verliert die Kontur, wird allgemein, raunt von einer Erlösung, die die Welt braucht. Vieles ist richtig, die Katastrophe nah, aber es ist so schrecklich viel Anliegen ohne Vermittlung. Bedau schläft, Lardi redet, ein bisschen Musik, 50 Jahre alt, aus dem Kassettenrekorder. Und man sehnt sich unendlich nach der Rückkehr der Frau im Video, nach einem Leben ohne Pamphlet."

Sophia Felbermair vom ORF (online 22.8.2020) beobachtet in dieser Inszenierung "wenige Effekte, die viel auslösen". Ursina Lardi moderiere sanft die Beiträge von Helga Bedau und steuere Persönliches bei. "Unaufdringlich, natürlich und extrem präsent gelingt der Schweizerin dabei der Spagat zwischen Neugier und Mitempfinden."

Norbert Mayer schreibt in der Presse (€, online 20.8.2020, 13:09 Uhr) aus Wien: Die Aufführung sei "einfach raffiniert". Das Bühnenbild von Anton Lukas beschränke sich auf wenige Dinge. Bedaus Geschichte sei eine "ganz persönliche, verwandt den Alltagsgeschichten im Fernsehen, in der wir gewöhnlichen Leute als Hauptdarsteller in Sozialpornos dienen". "Everywoman" aber transzendiere dieses zynische Genre. Das Stück leiste Widerstand gegen die "Obszönität des Todes". Da sei es für Lardi gar nicht so leicht, immer den richtigen Ton zu treffen. Wenn die "globale Aktualität mit hereingenommen werde, die Welt in der Klimakrise, schramme diese monologische Szene "an der Peinlichkeit". Am Ende aber sei die Aufführung", eine "One-Woman-Show mit einer mittels Videosequenzen eingespielten Jederfrau als Gesprächspartner", mit lang anhaltendem Applaus bedacht worden.

"Am Ende dieses kurzen Premiere-Abends, wenn zu Bach-Musik der Regen nieselt, weiss man zwar, dass Helga Bedau ihren Kampf gegen die tödliche Krankheit tapfer und auch heiter durchsteht. Das von Lardi und Rau zusammen erdachte Werk 'Everywoman' hingegen bleibt verschlossen," schreibt Bernd Noack in der NZZ (20.8.2020) "Bedau berichtet ruhig und besonnen von ihrem Schicksal; bewundernswert ist ihre lakonische Stärke, ihr Festhalten an diesem bisschen Existenz, das ihr die Ärzte noch versprochen haben, ihr unsentimentaler Blick in eine Zukunft, die ein strahlendes Reich oder auch das blanke Nichts sein kann." Derweil aber müht sich dem Eindruck dieses Kritikers zufolge "Lardi seltsam hölzern auf der breiten Bühne – auf der neben einem Flügel auch Steine herumstehen – mit halbgar Philosophischem ab."

"Und immer mehr wird deutlich: Gar nicht so tatsachenhörig und wirklichkeitsverklebt wie sonst mischt auch Milo Rau ein zufällig hier einbrechendes, bald zu Ende gehendes Leben mit der Existenz der Schauspielerin, mit Reflexionen über das Theater und das Hofmannsthal-Stück," schreibt Manuel Brug in der Welt (22. 8.2020) Das tut er aus Sicht des Kritikers "so behutsam wie skizzenhaft, etwa wenn über die Lücke zwischen Stückende und Schlussapplaus philosophiert wird. Nichts wird ausgestellt, gar ausgeschlachtet, nur angerissen. Neunzig Minuten bewegen wir uns in einem sanften Bewusstseinsstrom zwischen abstrakten und sehr konkreten Sphären, die sich gelassen durchmengen."

"'Everywoman' spürt dem nach, was der schillernde 'Jedermann' am Domplatz auslässt," schreibt Simona Pinnwinkler in den Salzburger Nachrichten (20.8.2020). "Während Jedermann am Ende der Glauben geblieben ist, sitzt Helga Bedau allein da mit ihrem Schicksal. Sie denkt nochmal an ihren Sohn, an ihre Überführung nach Griechenland, um bei seinem Haus begraben zu werden. Es ist die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, einem Beisammensein, die sie bis zuletzt treibt. Damit ist 'Everywoman' die Version des 'Jedermann', die die Salzburger Festspiele in diesem Ausnahmesommer brauchen: Kein rauschendes Fest, kein hadernder Machtmensch, der durch den Glauben gerettet wird, vielmehr wird der Vereinsamung innerhalb unserer Gesellschaft auf den Grund gegangen, an Werte wie Solidarität und Empathie erinnert."

 

Nach der Berliner Premiere:

"Das Stück fokussiert auf eine Person, um dafür eine Sensibilität zu entwickeln", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (17.10.2020) anlässlich der Premiere an der Berliner Schaubühne. Dennoch habe der inszenierte Dialog zwischen der Schauspielerin auf der Bühne und Helga Bedau manchmal etwas fast Gestelztes. "'Everywoman' bildet eine Zäsur im Werk von Milo Rau. Die Theaterarbeitsbedingungen unter Corona mögen den Anstoß gegeben haben. Nicht zufällig ist in dem Text, den Rau und Lardi mit Helga Bedau zusammen entwickelt haben, oft von einem Moment des Innehaltens die Rede, von der Lücke, bevor etwas beginnt und noch offen ist." Es gebe aber auch besondere Momente.

Es gebe ein Konzept, tatsächlich aber passiere etwas anderes, schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (17.10.2020). Denn der gebrochene, befremdlich rohe und zugleich magische Blick vom Jenseits der Bühne, den die sterbenskranke "Theateramateurin Helga Bedau per Video auf das geschmeidige Erzählen und Spielen Ursina Lardis werfe, saugt dem Eindruck der Kritikerin zufolge "der Schauspielerin die Kraft aus. Das liegt auch an den dünnen Texten, mit denen Lardi den Tod vergeblich zu fassen sucht." Das Neue am Tod sei die Lebenszeit vor ihm und die Art, wie man sterbe. "Genau die wird hier aber leider nur in einer überlangen, auch kitschigen Wunschsequenz zu Bachklängen verklärt."

Die Passagen, in denen Ursina Lardi mit Helga Bedau direkt in den (Leinwand-)Dialog tritt, von Everywoman zu Jedefrau sozusagen, sind aus Sicht von Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (18.10.2020) die stärksten des Abends. Lardi stelle sehr intime Fragen, "das entstehende Gespräch ist wohltuend unsentimental. Zumal Helga Bedau tatsächlich eine fesselnde Leinwandpräsenz besitzt. Selbst wenn sie am Tisch einschläft – die permanente Müdigkeit sei zurzeit das schlimmste Krankheitssymptom, hatte sie anfangs erklärt – bleibt man abendfüllend an ihrem ausdrucksstarken Gesicht hängen. Gegen diese Konkretion fallen Lardis solistische Erzählpassagen eher ab. Vor allem dann, wenn sie ins Grundsätzliche entschweben wollen und sich in wolkigen Andeutungen verfangen."

 
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