Warten darauf, dass es weitergeht

von Tim Schomacker

Osnabrück, 29. August 2020. Eine gefilmte Hafenszene bricht sich an den Rippen einer Containerwand. Der Container ist schmuddelig weiß. Sehr groß. Und sehr Gegenstand. Es ist keine pittoreske Hafenszene: Man sieht die Flussmündung, ein Frachtschiff fährt ein, Lastwagen warten, Autos. Wir warten. Auf den Beginn der Vorstellung. Die auch mit Warten zu tun hat. Vielleicht ist das Warten eine der großen vernachlässigten Kategorien des – an Verwerfungen und Beschleunigungen nicht eben armen – 20. und 21. Jahrhunderts. Der Container dreht sich auf der Drehbühne. Drinnen ist einer zu sehen, der sich im Warten eingerichtet zu haben scheint.

Fluchtbewegungen im 20. und 21. Jahrhundert

Der Osnabrücker Spielleiter Dominique Schnizer hat sich des 1962 erschienenen (und also vorletzten) Romans "Die Nacht von Lissabon" von Erich Maria Remarque angenommen. Ein Flucht- und Exilantenroman. Was die Frage nach der Gegenwärtigkeit des Textes ziemlich sofort ziemlich nahe legt. Erzwungene Fluchtbewegungen im 20. Jahrhundert. Erzwungene Fluchtbewegungen im 21. Jahrhundert, und was die beiden wohl verbindet oder eben auch nicht. Diese Bühnenadaption des Remarque-Stoffes geht mit diesem Problem dramaturgisch sehr geschickt um. Das hat – auch – mit dem Warten zu tun.

die nacht von lissabon 560a UweLewandowski uThomas Kienast auf dem Container © Uwe Lewandowski

Der Container dreht sich also auf der Drehbühne. Jetzt sehen wir ihn von innen als abstrakten geschlossenen Raum, zunächst nur von Taschenlampenlicht durchzuckt. Thomas Kienast kauert in einer Ecke mit Henkelmann, Wasserflasche, Rucksack. Er spricht, sprach uns an, noch bevor wir ihn gesehen hatten. Die Stimme ist mikrophoniert und somit einen Tick näher an uns dran als sie sein sollte. Wodurch wir Zusehenden näher an die Bühne rücken. Ins Spiel. Denn wir Zusehenden sind der Ich-Erzähler aus Remarques Roman. Thomas Kienast spielt – "das ist nicht mein richtiger Name!" – Joseph Schwarz. Er bietet uns, dem Ich-Erzähler, wartender Exilant wie er, einen Deal an: Du kriegst Visa und Schiffstickets nach Amerika – aber dafür musst du meiner Flucht-Geschichte lauschen.

Beweis der Existenz

Wir willigen ein, lassen uns also erzählen – was bleibt uns auch übrig, schließlich sind wir ja ins Theater gekommen, damit uns wer was erzählt. Wenn wir für das Zuhören Visa für und eine Passage nach USA kriegen, muss dieses Zuhören was wert sein. Es ist die Beglaubigung dessen, was war und was ist. Beweis der Existenz eines menschlichen Lebens.

Der namenlose Ich-Erzähler, an dessen Stelle wir gerückt werden, wird gehen. Schwarz wird bleiben. Ausgelaugt. Und sich vermutlich das Leben nehmen. So wie jener, dessen Pass und Namen er trägt. Papiere, Namen, Wege, Behörden. Angst und Verzweiflung. Und Warten. Das ist gewiss etwas, was unsere Gegenwart und das iberische 1942 des Romans verbindet. Nicht zufällig werden in einem Filmzuspieler ganz am Schluss – wie ein Hidden Track, noch nach Vorhang und Applaus – ein gutes Dutzend Frauen und Männer ihre Namen, ihre Herkunftsländer und Herkommenswege sowie die Dauer des bisherigen Aufenthalts vor Ort ins karg kadrierte Kamerabild sagen. Es sind Menschen, die heute in der Erstaufnahmeeinrichtung in Bramsche nahe Osnabrück leben. Eine Woche, 7 months, seit 2018. Warten.

Einreise, Gefängnis, Abschiebung

Thomas Kienast legt seine Rolle an zwischen Verzweiflung und Ruhe. Viel Zittern, viel Nervosität bleibt innerlich und dennoch spürbar, vor allem hörbar. Nur selten durchbrechen abrupte Gesten, hockendes Greinen, schmerzhafte Ausrufe seine Erzählung. Etwa wenn er den Teufelskreis aus "Einreise, Gefängnis, Abschiebung" mehrfach an die Wand tackert mit Stimme und Hand. Ansonsten ist dieser Schwarz sichtbar bemüht, selbst Text zu werden, Zeugnis abzulegen. Filmbilder zeigen den Schauspielerkörper, wie er durch Paris geht, durch Lissabon (Originalschauplätze!), halbleere Straßen, Plätze, non-places in regloser Totale. Dazwischen albtraumartige Erinnerungsbilder. An seine kranke Frau Helen. An deren – Sack über dem Kopf, Folterkeller – Gestapo-Bruder Georg, der "Schwarz" und Helen nach Bordeaux folgte, nach Marseille. Und den "Schwarz" dann umbrachte.

die nacht von lissabon 560 UweLewandowski u"Schwarz" und Helen (Monika Vivell im Video) © Uwe Lewandowski

Wie lange sie überleben würden, wenn sie vorsichtig wären, fragt Helen (Monika Vivell) einmal. Die beiden liegen in weißen Laken, halbnackt, ein wolkenartiges Bild aus der Vergangenheit, sie ist nun tot (Krebs!), bloß schmerzliche Erinnerung. Ein Jahr, vielleicht etwas länger, antwortet "Schwarz" ruhig. "Dann lass uns unvorsichtig sein." Dieser Dialogfetzen enthält den Widerspruch zwischen Überleben und Würde, der vielen Flüchtlingen aufgebürdet wird. Gleich welcher Kontext. Der Brückenschlag über verschiedene Zeiten und Zusammenhänge hinweg gelingt Schnizers konzentrierter audiovisuell-schauspielerischer Einrichtung des zeitgebundenen älteren Textes zum Spielzeitauftakt gut. Remarque mit seinem Hang zum Allgemeinen im Konkreten hätte es gefreut.

Die Nacht von Lissabon
nach Erich Maria Remarque
Regie: Dominique Schnizer, Bühne; Kostüme: Christine Treunert, Film, Video: Christoph Otto, Dramaturgie: Jens Peters.
Mit: Christina Dom, Klaus Fischer, Ronald Funke, Thomas Kienast, Mick Riesbeck, Philippe Thelen, Monika Vivell.
Premiere am 29. August 2020
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-osnabrueck.de

 


Kritikenrundschau

"Der Roman wird lebendig auf der Bühne auch als eine schmerzlich-glühend Liebesgeschichte. Mit den Videodrehs an Orten unserer Gegenwart, sei es eine leere Kantine oder ein umzäuntes Erstaufnahmelager, die ebenso einsam, verlassen oder trostlos wirken wie die Stationen vor 80 Jahren, wird der Roman freilassend genug bis in unsere Gegenwart aktualisiert", berichtet Christine Adam für die Neue Osnabrücker Zeitung (31.8.2020). Das Finale mit Dokumentaraufnahmen aus dem Erstaufnahmelager Bramsche wirft für die Kritikerin allerdings Fragen auf: "Lässt sich das Schicksal des Regimegegners Schwarz während des Nationalsozialismus mit den aktuellen Gründen für das Verlassen der Heimat gleichsetzen? Denn das suggeriert der zweite Teil, der ja um die gleiche Empathie wirbt, wie für Remarques Emigrationsstoff. Mit solch einer Gleichsetzung dürfte diese Inszenierung für Fragen, wenn nicht gar Debatten sorgen."

"Thomas Kienast ist ein fesselnder Berichterstatter, dem überzeugend die verschiedensten, auch jäh wechselnde Gemütszustände gelingen", schreibt Hanns Butterhof in den Westfälischen Nachrichten (2.9.2020). Christoph Ottos Videoarbeit sei effektvoll, mit ihnen liefere die Arbeit "einen fesselnden Einblick in das Innenleben eines Flüchtlings". Jedoch: Die Figur des Josef Schwarz bleibe blass. Bedauerlich seien ferner die ungenauen Versuche "einer Identifikation des Damals mit dem Heute, des Osnabrücker Publikums über einen Osnabrücker Protagonisten mit leibhaftigen Flüchtlingen" im Abspann. Das verenge das Stück plakativ und zeuge von mangelndem Vertrauen in seine ästhetische Wirksamkeit.

 
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