Wenn der Wahnsinn leise dämmert

von Matthias Schmidt

Dresden, 5. September 2020. Es ist dies ein ulminanter Christian-Friedel-Abend – obwohl er nur als Trailer, als Arbeitsschritt, als abgespeckte Version der im Frühjahr ausgefallenen und nun für den Januar avisierten Macbeth-Inszenierung eingeführt wird. Friedels Art, Konzert und Inszenierung zu verbinden hat nicht wenige (und nicht nur Dresdner) Zuschauer der seit Jahren gespielten Show "Searching for William" süchtig nach ihm und seiner Band "Woods of Birnam" gemacht. Dieses Mal suchen die Woods Macbeth, mit etwas größerem Theater- und etwas kleinerem Musikanteil. Doch im Grunde ist es wieder genau diese Mischung, der man sich kaum entziehen kann. Eine Shakespeare-Show, ein dramatisches Konzert im Wald Birnam, ein eigenes Genre, exakt auf der Schnittstelle zwischen Ernst und Unterhaltung.

Robert Wilson trifft auf Coldplay

Aus den bekannten Gründen fehlen 31 Menschen auf der Bühne, informiert zu Beginn ein Probenarbeit und Vorgeschichte zusammenfassender Film, und angesichts der sich langsam einstellenden Gewöhnung an den schrecklichen Abstand zwischen den Menschen in Foyer und Parkett fragt man sich, wo die alle hätten stehen sollen. Geschweige denn tun, was wir früher im Theater für normal hielten: sich bewegen, berühren, anschreien, bekämpfen, ermorden. Darum geht es schließlich im "Macbeth".

Searchingformacbeth2 560 SebastianHoppe uChristian Friedel, Bad-Boy-King of Pop © Sebastian Hoppe

"Searching for Macbeth" heißt er, der Zwischenstand, und in seinem Zentrum steht – Christian Friedel. Als Sänger und Spieler, als Musiker und Macbeth. Zudem als Regisseur, der sich als großer Bebilderer und Vertoner entpuppt, als einer, der den Nebel und die Düsternis mag und dem es gelingt, kinderliedeingängigen Pop mit Industrial-Krachen zu verbinden. Der mit Geräuschen arbeitet, mit Lichteffekten, der den ganzen Saal in einem graphischen Artwork leuchten lässt, der – mal detailverliebt, mal zügellos – ausschöpft, was Bühne und Technik und Licht und Ton in so einem Haus können. Robert Wilson meets Coldplay.

Nur Rosen, wenig Bindegrün

Friedel reduziert die komplexe Handlung für diesen Abend auf zwei Rollen und vier Songs, er wickelt sie quasi in seine Musik ein. Kurz sollte es sein, daher (erstmal?) nur die Rosen, wer braucht Zweige und Bindegrün? Es beginnt mit "Woods of Birnam", dem Song, der der Band ihren Namen gab und der, obgleich in den Konzerten immer schon ein Highlight, erst in dieser Arbeit seine Bestimmung zu finden scheint. So wie einst "I'll call thee Hamlet", der die Dresdner Hamlet-Inszenierung von Roger Vontobel schmückte, der, spielte man ihn im Radio, ein Hit wäre, der sich aber erst vor der Kulisse von Schloß Kronborg in Helsingør beim Shakespeare-Festival Hamletscenen das Attribut kongenial verdiente.

Searchingformacbeth3 560 SebastianHoppe uEin Königreich für mehr Songs! © Sebastian Hoppe

"Woods of Birnam" etabliert den Wald, die Hexen, das Stück, die Stimmung. Und Macbeth selbst, für den Friedel im Grunde viel zu lieb scheint. Zu klar seine Stimme, zu fein sein Gesang. Und doch deutet er die Abgründe an, die sich auftun werden und in die sich hineinzusteigern ihm mit Verve gelingen wird. Mit diesem Song, seinem poppigen Setting, den Videoprojektionen, viel Nebel und Lichteffekten öffnet Friedel eine andere Welt und entzieht die Inszenierung von Anfang an den gängigen Fragen.

Win-win-Situation

Kaum zu sagen, was er aus dem Stück herausinterpretiert, was vielleicht hinein. Was er ins Heute holt, was im Damals versteckt. Vordergründig: nichts außer Spielfreude und Phantasie. Denn dieser verkürzte Abend ist erstmal (und das ist gut so!) nur eins: eine dreidimensionale, multimediale Illustration, getragen von zwei Musik und Donner und Licht und Projektionen großartig trotzenden Schauspielern. Christian Friedel als Macbeth und Nadja Stübiger als seine Lady, die ihn bekanntermaßen anfangs zur Tat drängt und später vergeblich zu bremsen versucht, lassen den Wahnsinn überraschend leise aufbrechen, auf jeden Fall nie melodramatisch. Was angesichts der lauten Show um sie herum nahe gelegen hätte. In der Dresdner Kurzfassung geht das so schnell, gelingt diese Umkehr so glaubhaft, dass man nach den 70 Minuten kaum etwas vermisst. Dass man erstaunt denkt: Warum hat je auch nur eine Person mehr mitspielen müssen?

Natürlich wünscht man sich, dass die anderen 31 im Januar dabei sein können, und dann bitte auch vor vollen Reihen. Dass sie der Inszenierung mehr Facetten und natürlich Handlung geben. Was wiederum dazu führen muss, dass Friedel und seine Band mehr Songs performen können. Win-win-Situation, nennt man das wohl. Aber bereits das, was hier als Brücke zu "Macbeth" zu sehen war, war deutlich mehr als eine Notlösung.

 

Searching for Macbeth. Shakespeare in Concert
nach MACBETH von William Shakespeare in der Übersetzung von Dorothea Tieck.
Regie: Christian Friedel, Bühne: Alexander Wolf, Hannah Rolland, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Woods of Birnam, Licht: Johannes Zink, Ton: Torsten Staub, Video: Clemens Walter, Vanessa Dahl, Making-of-Video: Benedikt Kauff.
Mit: Christian Friedel, Nadja Stübiger; Musiker: Philipp Makolies, Uwe Pasora, Onne Dreier, Christian Grochau.
Premiere am 5. September 2020
Dauer: 1 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 


Kritikenrundschau

Mit dem Ausweis "theatralischer Trailer" liefere Friedel selbst "das Eingeständnis, dass das, was es jetzt zu sehen gibt, nur ein müder Abklatsch sein kann", sagt Stefan Petraschewsky im MDR Kultur (7.9.2020). Friedel und seinem Team gelinge es, "allerdings sehr gekonnt das zu kaschieren", indem er mit seiner Band Woods of Birnam einen "Klangteppich" wirkt und mit "einer phantastisch komponierten Licht- und Nebelorgie" umspielen lässt. "Dazu liefert Nadja Stübiger, die hier die Lady Macbeth spielt, zwei sehr bewegende Monologe ab. Friedel selbst spielt und singt den Macbeth ebenfalls sehr gefühlvoll."

Über "Reizüberflutung" und eine "teils überwältigende Wucht der Bilder, Worte und Klänge" schreibt Andy Dallmann in der Sächsischen Zeitung (7.9.2020). "Doch wirken die teils langen Textpassagen, die vergleichsweise statisch daherkommen, etwas ermüdend." Die "Wechsel zwischen bombastisch-theatralischem Pop-Konzert und großer, tiefschürfender Sprachkunst verpassen" diesem Abend "einerseits eine sehr spezielle Spannung, andererseits sorgen sie dafür, dass man schnell Gefahr läuft, den Faden zu verlieren". Aus Sicht des Kritikers bleibt dieser Shakespare hinter Friedels "Searching for William" zurück, sei eher ein "Trailer für das eigentliche Ereignis".

Für Michael Bartsch von den Dresdner Neuesten Nachrichten (7.9.2020) ist dieser "Macbeth"-Abend von Christian Friedel "keine Light-Version, kein Exposé des blutigen Machwerks, sondern eine 70-Minuten-Fassung von ganz eigener Klasse und Ästhetik". Es nimmt den Kritiker "mit seiner suggestiv-düsteren Atmosphäre gefangen und zeichnet ein Psychogramm des Verhältnisses von Macbeth zu seiner Lady".

Kevin Hanschke schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.9.2020): er finde die Idee, einen Konzert­abend mit "Essenzen" der kommenden Macbeth-Insenierung zu zeigen "keines­wegs abwe­gi­g". Frie­del verkör­pere einen "getrie­be­nen Macbeth, verzwei­felt, einsam und voller toxi­scher Selbst­zwei­fel". "Eindring­lich" seien beson­ders die Szenen, die "die fieb­ri­gen Träume des jungen Königs illus­trie­ren". Nadja Stübi­ger spiele eine "hart­her­zi­ge Gattin, berech­nend, aber auch voller Liebe". Frie­del habe einen "düste­ren Macbeth konzi­piert", mit einer Haupt­fi­gur, zwischen "Depres­si­on und Wollust, Gier und Antriebs­lo­sig­keit". Das Szenen­bild in Verbindung mit den Indiepop der "Woods of Birnam" wirke manch­mal "fast expres­sio­nis­tisch".

 

 
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