Gefangen im Netz

von Michael Bartsch

Dresden, 15. November 2020. Niemand im Theater, gleich in welchem, kann das Wort noch hören. "Streamen" zählt spätestens seit der erneut verordneten Generalpause schon zu Hate Speach, und nur widerwillig greift man in den Häusern zumindest auf einige Teaser zurück, um den Online-Kontakt mit dem Publikum zu halten. Als am 29. September das Dresdner Staatsschauspiel das Programm für den zehnten Jahrgang des Europäischen Festivals für Junge Regie "Fast Forward" vorstellte, erhielt es bereits den Zusatz "at work". Ein Hinweis auf die seuchenbedingte Flexibilität, auf den hybriden Charakter des Festivals 2020 mit vier Live-Aufführungen an Dresdner Orten und vier rein digitalen Beiträger.

Es kam noch schlimmer für dieses "Festival für junge Regie", das Intendant Joachim Klement vor drei Jahren dankenswerterweise aus Braunschweig nach Dresden mitbrachte. Übrigbleiben konnte zuletzt nur ein Online-Programm. Ein skurriler Phantasieapparat mit Leiterplatinen und Zahnrädern empfing Besucher der Homepage, bei einigen Aufführungen immerhin bis zu 80. Ab dem zweiten Tag aber drängte sich schon eine rot markierte Lesefläche in den Vordergrund, die beklagte, dass man "at work" noch wörtlicher zu nehmen gezwungen sei als geplant. Zu allem Überfluss mussten sich 24 Stunden vor Beginn des Festivals zwei Mitarbeiter*innen der Technik, die den komplexen digitalen Teil der Unternehmung betreuten, in Quarantäne begeben, so dass die Live-Übertragungen nur schwer zu sichern seien. Ob deshalb am Sonntagnachmittag auch die vielversprechende und mit den Corona-Beschränkungen spielende "Schloss"-Adaption von Studio Beisel völlig steckenblieb, ist nicht klar.

FastForward 2020 woyzeck grzegorz jaremko marcin oliva soto uCharlotte Orti von Havranek bei der Pressekonferenz für "Fast Forward at work"  © Sebastian Hoppe

"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat", heißt es in Brechts "Galilei". Wenn es eine solche Heldin hat wie dieses reduzierte Festival, kann es nicht ganz unglücklich sein. Die langjährige "Festivalmutter" Charlotte Orti von Havranek nahm durch ihre ständige Präsenz "Fast Forward" etwas von der erzwungenen Anonymität und Isolation. Sie begrüßte, führte ein, führte tagsüber die Arbeits- und nach den Vorstellungen die Inszenierungsgespräche, geduldig und ohne einen Anflug von Misslaune. Bravo!

Starker homoerotischer "Woyzeck" aus Polen

Was sie zu besprechen hatte, war allerdings über das Handicap fehlender Unmittelbarkeit hinaus von sehr unterschiedlicher Qualität. Das größte intellektuelle Vergnügen an den vier Festivaltagen bot die tägliche Morgenlesung aus "Golem IV" von Stanislaw Lem. Eine dankenswerte Wiederentdeckung des im Osten ehedem sehr populären polnischen Sci-Fi-Autors und Fortschrittsphilosophen, hier mit einer Vorwegnahme des "Clash of cultures" und der heute wieder diskutierten möglichen Weltrettungsfunktion der Künstlichen Intelligenz.

Die polnischen Nachbarn hinterließen auch den stärksten Eindruck bei dem einzigen Stück, das im strengeren Sinn unter die Rubrik Theater gefasst werden kann. Grzegorz Jaremko, eigentlich noch Student an der Theaterakademie Krakau, brachte im Vorjahr in Warschau gemeinsam mit dem Autor und Dramaturgen Marcin Cecko einen eigenwilligen "Woyzeck" auf die Bühne. Ein androgyn wirkender Typ, Sänger einer Garagenband, der wie alle Männer des Stücks nach männlichem Selbstverständnis sucht. Vom Sozialdrama bleibt nicht viel, dafür teilt die Band einige Seitenhiebe gegen die heutigen patriarchalischen Verhältnisse in Polen aus. Vor allem aber gibt es viel Homoerotik in ästhetisch gekonnten Videos, statt einer Rasur erhält der Major gleich zu Beginn eine Intimrasur. Und statt Marie und Kind tritt psychoanalytisch inspirierend Woyzecks Mutter auf.

FastForward 2020 woyzeck grzegorz jaremko marcin oliva soto u"Woyzeck", inszeniert von Grzegorz Jaremko © Marcin Oliva Soto

Einigen Vorschuss genoss die Französin Marion Siéfert, die im Vorjahr mit "Du Sale!" den Festivalpreis gewonnen hatte. Der Monolog "_Jeanne_Dark_" sollte eigentlich halb live über Instagram übertragen werden, kam aber nur als Aufzeichnung vom 4. Oktober aus Aubervilliers. Gemacht wie typische Videos in den so genannten sozialen Netzwerken und auch so zu gebrauchen, wie Siéfert im Gespräch einräumt. Nämlich "auch andere Sachen dazwischen zu machen", weil man den detailüberfrachteten Berichten einer pubertierenden Jeanne, die mit ihrer Jungfräulichkeit und einer Menge anderer lebensbedrohlicher Erscheinungen Probleme hat, gar nicht hundert Minuten folgen kann. Und natürlich muss sie "morgen zum Psychologen". Ein bewundernswertes Solo der wandlungsfähigen Helena de Laurens, auch Ausbrüche von Lebenshunger, aber eben aus dem zeittypischen narzisstischen Knast heraus.

Flucht ins Dokumentarische

Beim "Willkommen anderswo"-Festival Mitte September in Bautzen hatte das Junge Theater Heidelberg vorgemacht, wie man eine dahindümpelnde Städtepartnerschaft originell aufs Korn nimmt. Der Film "Boulevard de Dresde / Strassburger Platz" von Barbara Luchner blieb mit einigen mäßig erhellenden Interviews in beiden Städten weit dahinter zurück. Am peinlichsten wirkte, dass die Autorin selbst nicht wusste, dass der Straßburger Platz in Dresden diesen Namen erst im Zuge des Straßenumbenennungs-Wahns nach 1990 erhielt. Zuvor erinnerte er an den 1943 von den Nazis ermordeten tschechischen Schriftsteller und Kommunisten Julius Fucik. Seine "Reportage unter dem Strang geschrieben" soll bis heute das am häufigsten, nämlich in 90 Sprachen übersetzte tschechische Werk sein.

FastForward 2020 thelastvinnetou 1000 frankbendors u"The Last Vinnetou" von Anna Klimesová und Petr Erbes  © Frank Bendors

Die auch bei diesem Festival dominierende Flucht ins Dokumentarische erlebte dann am Schlusstag einen Tiefpunkt. Völlig unerwartet, denn die Prager Anna Klimesová und Petr Erbes hatten im Vorjahr für die brillante Inszenierung "Vladar" (Herrscher) den Dresdner Residenzpreis erhalten. Was sie aus dieser Chance einer vierwöchigen Vor-Ort-Recherche machten, war aber dokumentarisch dürftig und künstlerisch mager. In Radebeul widmeten sie sich den Resten einer in der DDR einst blühenden Szene von Hobbyindianern und ein bisschen dem Karl-May-Museum. Ein reines Hördokument, fürs Auge loderte eine Stunde lang lediglich ein Lagerfeuer.

Die jungen Tschechen scheinen gar nicht mehr zu wissen, dass zumindest zwischen den Western-Musikanten in der DDR und in Nordböhmen einmal enge Verbindungen bestanden, die in die Indianerclubs hineinwirkten. Und dass zur "Week" oder zum jährlichen Council eine dreistellige Zahl von Tipis aufgebaut war, dass Clubs wie "Dakota" im zehn Kilometer entfernten Meißen mit einer 90 Minuten Folklore- und Artistik-Show als "Indsmen" und Cowboys Dutzende Auftritte jährlich absolvierten. Nicht nur, "um das System zu betrügen", wie die ahnungslose einzige junge und weibliche Stimme neben den sich selbst so bezeichnenden "Fossilien" sagt. Ein leider völlig entbehrlicher Beitrag. An Tristesse nur noch übertroffen von der erzwungen einsamen Disko jeweils zum Tagesausklang.

 

Fast Forward at work
Europäisches Festival für junge Regie
12. bis 15. November 2020

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr dazu: 

Der Residenzpreis 2020 ging an die estnischen Künstler*innen Üüve-Lydia Toompere und Siim Tõniste und ihre Arbeit "Supersocial". Die Inszenierung wird eine Einladung an das Publikum sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, um Unterstützung zu werben, mitunter mit der eigenen Meinung alleine da zu stehen, sich selbst zu hinterfragen oder andere zu bestärken. Dieses Projekt in Dresden umzusetzen ermöglicht der Residenzpreis, der vom Förderverein Staatsschauspiel Dresden e.V. ausgelobt wurde.

Üüve-Lydia Toompere (*1990) und Siim Tõniste (*1987) arbeiten als Performer, Choreograf*innen, Dozenten und Stückentwickler in unterschiedlichen Projekten und Disziplinen. Toompere studiert aktuell Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Tõniste lebt als freier Künstler in Tallin. Vom Theater, über soziale Bildung und Vermittlungsarbeit bis zur Clubszene beschäftigen sie sich mit verschiedenen kommunikativen und sozialen Aspekten ihrer Kunst. Seit 2015 erarbeiten sie als Autoren- und Regie-Team eigene Theaterstücke, "Supersocial" ist ihre dritte gemeinsame Inszenierung.

 

 

 
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