Der Hedonist und der Tod

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 17. Juli 2021. Wer hat die Hosen an im Hause Jedermann? Hugo von Hofmannsthal täte uns den Lebemann als erstes im Dialog mit dem Koch vorführen. Das Menü für die Tischgesellschaft kann ja gar nicht erlesen genug sein. In Salzburg nutzt Regisseur Michael Sturminger diese Szene, um gleich mal die Buhlschaft einzuführen. Sie sitzt auf Jedermanns Schultern, ihr Kleid verdeckt sein Gesicht – und sie ist es, die den Essensplan vorgibt. Er tritt (mit dem Text des Kochs) durchaus fürs Recycling der Überbleibsel vom Vortag ein.

Es gibt viele Schrauben, an denen man drehen kann im "Jedermann", dieser Ikone der Salzburger Festspiele. Entsprechend viel ist herumgedoktert worden in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Der Oberammergau-erprobte Christian Stückl (ab 2002 für elf Saisonen) und – deutlich kurzlebiger – die auf Monty Python-Humor setzenden Engländer Brian Mertes und Julian Crouch waren fleißige Schraubendreher. Auch Michael Sturminger hat ab 2017 nicht gelinde eingegriffen in die hofmannsthalsche Dramaturgie.

 LEidingerJedermann13072021Foto Ursula Kaufmann 33A9766Jedermann 2021: der Berliner Schauspieler Lars Eidinger © Ursula Kaufmann

Nun aber hat Sturminger, und das ist mehr als bemerkenswert, eine Kehrtwendung vollzogen. Mit komplett neuer oder durcheinandergewirbelter Besetzung ging er die Sache weitgehend neu an. Einige wenige Umstellungen und Text-Neuverteilungen zwar, aber im Prinzip haben wir jetzt eine Hofmannsthal-Urtextaugabe vor uns. Am Premierenabend leider nicht am angestammten Platz vor der mächtigen Domfassade – dort ist's leicht, katholisch zu werden! – sondern im Großen Festspielhaus. Die deutschen Unwetter sind ostwärts gewandert und machten open air zunichte.

Überzeitliche Stimmungsbilder

Nicht unehrgeizig also, Hofmannsthals Text getreu durchzustelzen und trotzdem das Zeitlose darin herausarbeiten zu wollen. Das geht gut mit dem neuen Jedermann, mit Lars Eidinger. Dem nimmt man die Rolle als Ich-AG mit prall-gottlosem Hedonismus voll ab. Und weil er ja beileibe kein Prasser von der traurigen Gestalt ist, rennen Armer Nachbar und Schuldknecht schier hoffnungslos an gegen den Hünen. Auch später wird er die allegorischen Figuren, die sich seinem Weg ins Jenseits widersagen oder sein Katholisch-Werden befördern, immer wieder locker hopps nehmen, vom Mammon bis zu den hier als größere Gruppe auftretenden, wiewohl schmächtigen Guten Werken.

Von denen stemmt er gleich zwei zugleich hoch. Für diesen Pfundskerl braucht's schon einen Glauben mit besonderem Charisma – Kathleen Morgeneyer. Die hält ihn auf Distanz. Und Edith Clever als Tod ist sowieso eine Größe für sich. Sie nimmt selbstbewusst neben Jedermann an der jäh menschenleeren Tafel der Tischgesellschaft Platz, argumentiert gefährlich leise. Wenn sie an die Stirnseite dieser Tafel wechselt, sind die Machtverhältnisse ohnedies klar. In diesen Phasen, da Jedermann existenziell getroffen wird, ist Lars Eidinger äußerst konzentriert und nicht minder glaubhaft.

LEidingerECleverJedermann13072021Foto Ursula Kaufmann 33A9649Der Tod trifft Jedermann: Edith Clever und Lars Eidinger © Ursula KaufmannSchuldknecht und Mammon sind als Doppelrolle angelegt. Mirco Kreibich ist ein kleiner Wicht gegen Lars Eidinger. Sturminger lässt die Schuldknecht-Szene als Boxkampf ablaufen, und da wird das Fliegengerwicht ordentlich hergezwiebelt. Das vermittelt aber auch: Selbst ein Großformat-Jedermann muss seine Position erkämpfen und halten, und sei's mit Boxhandschuhen. Die Mammon-Szene lässt dann eher an David und Goliath denken.

Sturmingers Jedermann ist ein Steinbruch mit ausreichend Ideen-Geröll. Das Fokussieren und Konzentrieren ist dieses Regisseurs Stärke auch diesmal nicht. Dass die Kostüme und die Musik für krass-postmoderne Verschnitte aus Barock und Gegenwart stehen, schafft Über-Zeitlichkeit, aber auch viel Durcheinander. Er sehe seine Arbeit als ein work in progress, als eine "ewige Dombaustelle", wird Sturminger im Programmheft zitiert. Das ist legitim, gerade angesichts des Ikonischen, das dem Stück in Salzburg anhaftet.

Diskussionsstoff für den Medienboulevard

Die Wechselbäder zwischen Turbulenz und Ernst sind durchaus fordernd. Sturminger setzt nämlich oft auch zu Vollbremsungen an. Ganz ohne Besserwisserei redet Angela Winkler als Mutter dem Sohn ins Gewissen, und der lange Dialog Jedermanns mit dem Guten Gesell (Anton Spieker) wird zu einem Ruhepol der Aufführung. Oder ist das Wort Stillstand besser am Platz? Ein Problem am Ersatzspielort ist die Textverständlichkeit. Mag sein, dass diese mit Hilfe der Microports am Domplatz deutlich besser ist als im Großen Festspielhaus, wo man schon sehr genau hinhören muss, um auch Zwischentöne aufzuschnappen.

Das wurde am Premierenabend immerhin klar: Man nimmt den Text sehr ernst und erzeugt glaubhafte Stimmungsbilder. So ist sogar, wenn Mavie Hörbiger als rothaarige Teufelin auf Bockshuf-Kothurn durch den Zuschauerraum gen Bühne wuselt, viel Ernst drin. Wenn sie, vom Glauben abgeschmettert, auf allen Vieren von der Bühne kriecht, kann man nur sagen: armer Teufel.

Und endlich: die Buhlschaft. Um diese Rolle wird immer viel Rumor gemacht, das gehört zur österreichischen Theater-Folklore. Erst das Geheimnis, wer's wird, dann das Kleid. Neuerdings geht auch Hosenanzug. Heuer waren auch die Haare ein Thema, denn Verena Altenberger, gerade super im Filmgeschäft, hat jüngst eine Krebskranke gespielt und den Kopf kahl rasiert. Buhlschaft mit Stoppelglatze oder Perücke? Diskussionsstoff für den Medienboulevard, in der Aufführung kein Thema.

Jedermann A Winkler Eidinger 1200 UrsulaKaufmann uFrau Jedermann und ihr Sohn: Angela Winkler + Lars Eidinger © Ursula Kaufmann

Altenberger ist eine starke Buhlschaft, nicht nur, weil jetzt sie die Menüfolge vorgibt. Die Fronten zwischen ihr und Jedermann sind klar, es herrscht weibliche Selbstbestimmung. Dass das nichts wird mit dem gemeinsamen Weg ins Jenseits, macht sie ihm schon während der Tischgesellschafts-Szene klar (gute Idee, dieses Textstück vorzureihen). Und wenn es ernst wird: Eine längere choreographische Szene ohne Worte, starkes Körpertheater. Jedermann versucht's mit Sex, sie entwindet sich – und geht wortlos.

Die Musik von Wolfgang Mitterer und die Choreografien von Dan Safer sind überhaupt wichtige Elemente, formal und inhaltlich. Der "Jedermann" ist ja auch vom mittelalterlichen Totentanz inspiriert. Dieser Aspekt kommt nicht zu kurz in einer Inszenierung, die weit davon entfernt ist, dramaturgisch abgerundet zu sein. Aber sie nimmt nicht nur das zeitlose Thema einer Lebens-Umkehr ernst, sondern auch die verknittelten Verse des Hugo von Hofmannsthal. Und die sind beileibe nicht so banal und querständig, wie ihnen oft nachgesagt wird.

 

Jedermann
von Hugo von Hofmannsthal
Regie: Michael Sturminger, Bühne und Kostüme: Renate Martin, Andreas Donhauser, Komposition: Wolfgang Mitterer, Licht: Urs Schönebaum, Choreografie: Dan Safer, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Edith Clever, Lars Eidinger, Angela Winkler, Anton Spieker, Jörg Ratjen, Mirco Kreibich, Anna Rieser, Verena Altenberger, Gustav Peter Wöhler, Tino Hillebrand, Kathleen Morgeneyer, Mavie Hörbiger, Theresa Dlouhy, Fabian Düberg, Julia Duscher, Claire Gascoin, Skye MacDonald, Paula Nocker, Maximilian Paier.
Premiere am 17. Juli 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

Siehe auch der Kommentar: Jedermann kennt kein Morgen – Der Ballermann an der Hofstallgasse. Kaum eine:r trägt Maske im dicht besetzen Festspielhaus. 

Kritikenrundschau

Stephan Hilpold schreibt auf derStandard.de (18.7.2021): Verena Altenberger als Buhlschaft lassen von Beginn an keinen Zweifel "wer in dieser Beziehung die Hosen anhat". Doch sei es Hauptdarsteller Lars Eidinger, der "den Anstoß" zur Neuinszenierung von Michael Sturminger gegeben habe, mit der nun endlich auch der Jedermann "stärker in der Gegenwart angekommen" sei. Genauer: "im Boxring der Muskelspiele und Neurosen, der Selbstgefälligkeiten und Selbstüberschätzungen". Lars Eidingers Jedermann sei "genauso übermütig wie neurotisch, seine Männlichkeit lotet er immer wieder neu aus". Er spreche Hofmannsthals "Knittelverse" mit einer Selbstverständlichkeit, wie man sie in Salzburg noch nie gehört habe. Sturminger spiele "mit der Schablonenhaftigkeit der Figuren spielt, wie sie sich mit psychologischem Feingefühl" dagegenstemme. Donnernder Applaus.

Christian Mayer schreibt in der Süddeutschen Zeitung (19.7.2021): Noch nie sei der "Jedermann" so weiblich gewesen. "Männlich dominante Denkmuster" wolle Regisseur Sturminger aufbrechen, deshalb seien "einige Figuren fast schon penetrant genderfluid, die Männer stöckeln mit hohen Absätzen lustvoll herum, während die Frauen über Leben und Tod entscheiden." Mit "verblüffender Selbstsicherheit" trete die neue Buhlschaft Verena Altenberger "ins Bild", und eigentlich präsentiere sie sich "als Herrin der Geldsäcke und Immobilien". Lars Eidinger sei anfangs bedrohlich nahe an der Farce: Wie ein nicht mehr ganz junger Glam-Rocker "immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, dem nächsten Opfer". Grandios indes sein Schaukampf mit dem Schuldknecht Mirco Kreibich. Im zweiten Teil verliere die Inszenierung deutlich an Tempo und Kraft, gewinnt aber die "unvergleichliche Edith Clever" als Tod. Die letzte Runde "Narzissten-Sex" von Buhlschaft und Jedermann ende "ergreifend", danach falle die Inszenierung ins Katholische und auseinander. Eidinger taumele "etwas zu märtyrerhaft dem Ende entgegen".

Simons Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.7.2021) beschäftigt sich eingehender mit diesem Ende. "Dieser Jedermann" sterbe zweimal: "einmal als Mann und einmal als Mensch". In der ersten Hälfte zeige er, "wie unangenehm ihm sein Geschlecht ist". Einer, der von Beginn an "aufhören will, das zu sein, was er ist, aber keinen Weg hinaus findet. Aus seinem starken Körper, aus seiner ererbten Rollenmacht". Das könne "wohlfeil wirken", aber Eidinger spiele es so, dass "es vor allem eines ist: unendlich traurig". Mit dem Auftritt der majestätischen, Gehorsam gebietenden Gestalt von Edith Clever "sind die Geschlechterfragen beiseitegekehrt wie ein Haufen feuchtes Laub". Von nun an "geht es um den Menschen" und die Regie von Sturminger ziehe sich "auffallend zurück". Allerdings entwickele sie auch keinen Sinn für die Erlösungsszene am Schluss. Dabei sei der Jedermann, wie Eidinger ihn spiele, durchaus "angewiesen auf etwas Großes, das ihm seine Kleinheit nimmt". Und doch liege "ein Hauch von neuer Zeit in der Luft". Zum Ausdruck gebracht "durch die verunsicherten Gesten und brechenden Haltungen eines Mannes, der mit letzter Kraft seinen eigenen Abgesang singen will".

"Während andere Darsteller den Jedermann in den vergangenen Jahren als reifen Machtbrocken anlegten, herb und aggressiv (Tobias Moretti), rauschhaft (Gert Voss), verlebt und genießerisch (Peter Simonischek), ist Lars Eidinger in dieser Rolle ein ewiger Sohnemann, der im Schoß seiner Mutter zur Ruhe kommt", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (28.7.2021).

 

 
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