22 Arten von Störmoment

Valeria Heintges

Zürich, 11. September 2021. Das Schauspielhaus versah die Ankündigung der Inszenierung von Yana Ross' "Kurze Interviews mit fiesen Männern. 22 Arten der Einsamkeit" mit dem Hinweis: "Inhaltliche Warnung: verbale Gewalt, Live-Sex". Gleichzeitig machte die Meldung die Runde, erstmals an Theatern im deutschsprachigen Raum sei mit Kasia Szustow ein Intimacy Coach engagiert worden, um mit den Akteuren über ihre Grenzen bei der Darstellung von Sexualität zu reden. Die #Metoo-Debatte lässt die Theaterleitungen vorsichtig werden. Zumal dann, wenn wie in diesem Werk mit Texten nach David Foster Wallace, die toxische Sexualität von Männern das Thema ist.

Live-Sex und Cowboys

Das Publikum betritt die Schiffbau-Halle direkt durch den Flur des Bungalows, den Karolien De Schepper und Christophe Engels auf die Bühne gesetzt haben und vor dem die Zuschauer wie in einem Arenarund sitzen. Aus einer Luke im Flur ragt Lena Schwarz als gelbgekleideter Cowboy, Michael Neuenschwander liegt wie besoffen im Liegestuhl auf der Terrasse. In einem der Glaskasten-Zimmer praktizieren die Sexarbeiter Katie Pears und Conny Dachs den angekündigten Live-Sex. Dazu murmelt eine Stimme fast unverständliche Sätze in den weiten Raum. "Es war alles so widerlich und zog sich so endlos, warum sagt denn keiner die Wahrheit", allerdings ist deutlich zu verstehen. Wenn man da "widerlich" mit "mechanisch" ersetzt, ist dem Thema erstmal nichts mehr hinzuzufügen.

Interviews fiese Maenner2 600 Sabina Boesch uPastellig am Pool - auch eine Art von Einsamkeit © Sabina Boesch

Dann folgen, wie es der Untertitel verrät, "22 Arten der Einsamkeit" (das zähle nach, wer will). Da redet eine Tochter in aller Ausführlichkeit vom Beruf ihres Vaters – er ist Toilettenmann. Da spricht einer von seiner "Abart" beim Sex; im Moment des Orgasmus muss er schreien: "Sieg den Kräften der direkten Demokratie", wie es in der Schweizer Version heißt (im Original ist von "democratic freedom" die Rede). Sexarbeiterin Pears gibt eine Anleitung zum Cunnilingus, später auch Kuss-Unterricht und solchen für Analsex. Und zwei streiten sich im Jacuzzi um die Vereinbarungen nach der Scheidung.

Genderklischees im Fleischwolf

Der Clou: Nicht bei einer Szene stimmt das Gesprochene mit dem Dargestellten überein, alles wird ironisch-grotesk aufgebrochen, karrikiert, unterlaufen. Die Toilettenmann-Tochter dreht gleichzeitig Fleisch durch den Fleischwolf, Cowboys singen Westernsongs in Haarföne statt in Mikrophone und die zwei, die sich um die Post-Ehe-Modalitäten streiten, sind Cowboys, die in ein als Penis verkleidetes Mikrofon sprechen. Genialer Höhepunkt: Drei Männer sezieren die Probleme der Frauen. Lena Schwarz als Moderatorin sitzt dabei so breitbeinig da, wie es nur Männer können, und reibt sich lustvoll an allem, was sie finden kann: von der Balkonbrüstung bis zum riesigen Bison, der in dieser Cowboy-Wildwest-Umgebung direkt neben ihr steht. Sie ist das brünstige Wesen, während die Herren wie Softie-Abziehbilder daneben sitzen. Großartiger kann man Genderklischees nicht entlarven.

Interviews fiese Maenner3 600 Sabina Boesch uHätt' gar nicht sein müssen: die FSK 18 Szenen der Wallce-Inszenierung (Katie Pears, Conny Dachs) © Sabina Boesch

Das Prinzip zieht sich durch wie ein roter Faden: Kein Text wird im passenden Setting gesprochen. Das meiste kommt total "clean" daher, nicht geleiert, aber ohne jedes Pathos, jede Empathie; vielmehr mit einem Tonfall, mit dem einen auch der Apotheker Gebrauchsanweisungen vorlesen könnte. Das versieht jeden der Texte mit einem Störmoment, der die Identifikation verunmöglicht und das Spiel ständig als Spiel und als gedankliche Auseinandersetzung kennzeichnet. Zusätzlich baut Wallace in seine Interviews, die in vier Teilen in einem Erzählband erschienen sind, dem sie auch den Titel gaben, Drehpunkte ein, an denen sich vermeintlich eindeutige Geschichten plötzlich in ihr Gegenteil verkehren. Da ist etwa der Mann, der von der brutal vergewaltigten Frau erzählt und es schaffen möchte, dem traumatischen Ereignis etwas Positives abzutrotzen. Klar, da will sich einer reinwaschen, denkt man. Bis er plötzlich sagt, die Betroffene sei seine Frau.

Benachbarte Fallen

Von solchen Momenten lebt die Inszenierung, weil sie vermeintlich Klares in Frage stellt. Weil die Schauspieler, vor allem Lena Schwarz, aber auch Michael Neuenschwander, Ilknur Bahadir und Urs Peter Halter, Futter für ihr Können finden und nicht Aussagen illustrieren müssen oder billigen Tricks hinterherlaufen. In anderen Momenten aber ist der Fokus so klar, wird die toxische Sexualität so eindeutig auf Einsamkeit, auf Unsicherheit zurückgeführt, dass die Aussage gefährlich ins Banale rutscht. Zudem tappt die Inszenierung in manchen Momenten in die Skandal-Falle, die direkt neben der Geschmacklosigkeits-Falle liegt. Etwa wenn sich der Live-Sex letztlich überhaupt nicht als wichtig für die Arbeit erweist. Oder wenn sich Neuenschwander als alter Mann mit eigenem Kot beschmiert und seine Kinder hilflos danebenstehen. In diesen Momenten, wenn der doppelte Boden fehlt, tritt der Abend auf der Stelle, wird er langweilig, vorhersehbar und zäh.

 

Kurze Interviews mit fiesen Männern. 22 Arten der Einsamkeit.
nach David Foster Wallace
Inszenierung: Yana Ross, Bühne: Karolien De Schepper, Christophe Engels, Kostüme: Zane Pihlstrom, Musik/Live-Musik: Knut Jensen, Live-Kamera: Julian Gresenz, Video: Algirdas Gradauskas, Licht: Christoph Kunz, Dramaturgie: Laura Paetau, Intimacy Coach: Kasia Szustow.
Mit: Ilknur Bahadir, Conny Dachs, Urs Peter Halter, Michael Neuenschwander, Katie Pears, Lena Schwarz.
Premiere am 11. September 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Dass Yana Ross ein Pornopaar in die Schauspielhaus-Produktion integriert, dient zwar als Provokation und Promotion. Damit ist aber auch eine üppige Schmuddel-Atmosphäre vorgegeben, in die die 'fiesen Männer' tatsächlich bestens hineinpassen", schreibt Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (13.9.2021). Allerdings zeige sich doch relativ rasch, dass Foster Wallaces 'Interviews' "kaum erzählerische Spannung generieren und wenig hergeben für lebendige Rollenspiele", so Bernays. Es gebe aber auch überzeugende Momente. "Wenn etwa die Pornodarstellerin bisweilen Tipps gibt zu verschiedenen Sexualpraktiken, wirkt sie so anständig und freundlich wie eine Primarlehrerin. Und wenn sich die Visagen der Cowboys schliesslich zu zornigen Masken verhärten, aus denen nur noch unflätiger Schimpf zischt, bringt das die Message des Stücks in ein pointiertes Bild."

"Yana Ross hat Schauspielertheater vom Klügsten geschafft. Sie hat die leichthin als Blut- und Hodentheater verschriene Ahnung eines Skandals in eine Lektion Menschlichkeit umgemünzt", schreibt Daniele Muscionico in der Aargauer Zeitung (13.9.2021). "Was Ross und ein 'umwerfendes Ensemble' mit Furor und Spielwut und Geschlechtertausch in ihrer Cowboy-Groteske um männliche (Gewalt-)Fantasien (…) auf die Bretter brachten, ist schlichtweg überzeugend. Es ist verteufelt intelligent gedacht und herzerweichend menschenlieb umgesetzt."

"Ganz unbekannt ist diese Regieidee keineswegs, ungewöhnlich eher schon – vor allem aber völlig unnötig", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (13.9.2021) über den Live-Porno. Die folgenden zwei Stunden hätten "durchaus ihre Highlights", aber "in die aktuelle Debatte über toxische Männlichkeit und Feminismus steigt die Arbeit vorderhand verspielt ein und blödelt sich – bisweilen arg billig – durchs Geschlechterdrama."

 
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