Arbeit am Widerspruch

Augsburg, 19. Februar 2022. Auch in ihrem dritten und letzten Jahr als Leiter des Augsburger Brechtfestivals eröffnen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit einer eigenen Inszenierung. Ihren kaleidoskopischen Blick richten sie dabei auf den Autor, Regisseur und geistigen Brecht-Enkel Thomas Brasch. Und machen ihn, der im Osten nicht als Linientreuer und im Westen nicht als Dissident gelten wollte, allgemeinverständlich.

Von Sabine Leucht

Augsburg, 19. Februar 2022. Einmal haben sie es live gemacht, einmal digital. Das Online-Kurzfilmfest, das das Brechtfestival 2021 faktisch war, hat es dann zur Erwähnung in der New York Times gebracht. Und jetzt, wo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner die Festivität um den berühmten Augsburger zum dritten und letzten Mal leiten, findet es vorsichtshalber zweigleisig statt (noch bis 27. Februar). Die zeitgleich gestreamte Eröffnung ist auch gleich ziemlich lustig. Ob er Brecht jetzt anders sehe, wird Kuttner gefragt. Nö, nölt der erstaunlich kurz angebunden, über den anderen Sohn der Stadt habe er weit mehr gelernt: Roy Black.

Brecht durchs Fernrohr sehen

Ob es der Schnulzensänger aus der Fuggerstadt dem Mann aus Berlin tatsächlich angetan hat, ist schwer zu sagen. Vorgeblich träumt letzterer jetzt von einem Abend über Brecht und Black; gemacht hat er aber einen über Brasch, Thomas, den man am besten mit Neugier und Brecht im Kopf anschauen sollte. Haben wir, aber leider vorher auch den Dokumentarfilm "Annäherung an Thomas Brasch" von Georg Stefan Troller geschaut, der so einladend auf der Festival-Homepage herumlag, wo auch vieles zu finden ist, was Augsburg bereits im letzten Jahr in die Welt versendet hat.

#Worldwide Brecht ist heuer das Motto, Brecht selbst nur noch durchs Fernrohr zu sehen. Und Thomas Brasch war 1977, als besagter Dokumentarfilm entstand, gerade mal von Ost- nach Westberlin gekommen. Seine Düsternis hatte er mitgenommen und seine Wut, seinen distanzierten Blick auf die Menschen, die er "wie Verpackungen" durch die Straßen laufen sah – und den scharfen auf die Verhältnisse. In all dem schon ein bisschen brecht-ähnlich.

Lippensynchron auf Verfremdungseffekt getrimmt

Braschs Fotostreifzug durch die Stadt, bei dem er die sich selbsttätig öffnenden Türen der Konsumtempel ablichtet (und bissig kommentiert), sieht man nicht auf die Rückwand des Mini-Guckkastens projiziert, der auf der Augsburger Brechtbühne im Gaswerk steht. Vieles andere schon. Und so schaut man den Großteil der Doku glatt nochmal, während die Schauspieler auf der Bühne ihre Lippen dazu bewegen. Und obwohl das filmische Porträt sehenswert ist in der sich gegeneinander aufschaukelnden Launigkeit von Interviewer und Interviewtem und den Bonmots, die Braschs Misstrauensfuror hervorbringt, ist das enttäuschend.

Eintagsfliege 1 Jan Pieter Fuhr uHarlekine im Halbprofil: Pascal Riedel und Paul Langemann in "Brief an den Vater" © Jan Pieter Fuhr

Es steckt viel vom DDR-sozialisierten Sprechfunkmacher und Schnipselmonteur Kuttner in dem Abend, auch wenn er selbst nicht auf der Bühne steht. Richtige Spielszenen gibt es kaum, nur eine krachende Wettkampfsatire (und Männlichkeitsdemontage?) aus Braschs Erzählband "Vor den Vätern sterben die Söhne" zu Beginn, aber auch die wird zwischen Notenpulten und Stühlen entwickelt und mit bewusst unsachgemäß traktierten Instrumenten auf Verfremdungseffekt getrimmt.

Assoziative Aneinanderreihung von Texten, Videos und O-Tönen

Natalie Hünig, Christina Jung, Paul Langemann, Sebastian Müller-Stahl und Pascal Riedel stecken in zweifarbigen Pierrot-Kostümen mit Halskrausen und Perücken und hauen sich mächtig rein, gleich ob es ans Ironisieren oder Schwäbeln, ans Mackertum, ans Gedichtevortragen, an Pauke und Trompete oder ans Lip-Sync-Sprechen geht. Ihre Schuld ist es nicht, dass die assoziative Aneinanderreihung von Textausschnitten, Videos und O-Tönen etwa von Braschs ehemaliger Partnerin Katharina Thalbach eine recht flüchtige Angelegenheit bleibt. Eine (warum?) um Peter Weiss- und Heiner Müller-Texte ergänzte Brasch-Werkstattbühne, die kaleidoskopische Einblicke gibt in seine Arbeitsfelder und seine Biografie und diese schnell wieder verwischt. Auch weil es Kühnel und Kuttner mit den Überlagerungen zuweilen übertreiben.

Eintagsfliege 3 Jan Pieter Fuhr uHauen sich mächtig rein an ihren Notenständern: Christina Jung, Paul Langemann © Jan Pieter Fuhr

Während die gleichzeitigen hämischen Kommentare der Schauspieler auf der Bühne bei Braschs als Video zu sehender Rede zur Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 eher stören – man hätte seine intellektuelle Arbeit am Widerspruch, dass er das Geld zwar brauche, es aber aus den Händen des feixenden Franz Josef Strauß eigentlich nicht entgegennehmen könne, gerne ungestört verfolgt.

"Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin"

In den besseren Momenten aber entsteht etwas Vexierspielhaftes, wenn zwei Akteure gemeinsam einen Brief an den Vater zusammenstoppeln, den der Sohn liebte und verstand, auch wenn der linientreue SED-Funktionär den 11-Jährigen in die berüchtigte NVA-Kadettenanstalt verfrachtete und 1968 das Telefonat annahm, das ihn wegen "staatsfeindlicher Hetze" in den Bau schickte. Das stellt die in Widersprüchen denkende und zunehmend an ihnen verzweifelnde Figur psychologisch auf festen Boden. Auf zu festen Boden vielleicht. Vulgärpsychologische Schlüsse liegen gleich ums Eck.

Zumindest aber wird der Mann, der im Osten nicht als Linientreuer und im Westen nicht als Dissident gelten wollte, allgemeinverständlich. Dafür, dass das Regie-Duo überzeugt davon ist, dass Brasch in Augsburg niemand kennt, löst es ihn in der Inszenierung, die ins Repertoire des Staatstheaters übergeht, recht spät aus seinen DDR-Verstrickungen heraus. Dabei stammt von ihm doch das vielleicht schönste Gedicht über die existenzielle Ortlosigkeit, an der er besonders, aber bei weitem nicht alleine litt. Es kommt – worauf man hätte wetten mögen –, aber es kommt erst ganz zum Schluss. Erst schmerzhaft polternd auf Deutsch, dann wehmütig verwehend auf Englisch gesungen: "Was ich habe, will ich nicht verlieren", das nach vielen mit "aber" schließenden Zeilen endet mit: "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin." Ein würdiger Schluss eines Abends, der es sich ein bisschen sehr leicht macht mit einem, der es sich immer schwer gemacht hat.

 

Morgen wird auch ein schöner Tag, sagte die Eintagsfliege (UA)
Ein Theaterabend mit Texten von Thomas Brasch
Spielfassung von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel
Inszenierung und Bühne: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Mitarbeit Bühne: Amelie Seeger, Licht: Moritz Fettinger, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Natalie Hüning, Christina Jung, Paul Langemann, Sebastian Müller-Stahl und Pascal Riedel.
Premiere am 18. Februar 2022
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten

www.staatstheater-augsburg.de
www.brechtfestival.de

 

Kritikenrundschau

Christoph Leibold vom Bayerischen Rundfunk (20.2.2022) macht sich Gedanken über den Titel des Abends. Dieser klinge zwar wie ein ironisches Bonmot, genau besehen drücke sich in ihm aber so etwas wie die Hoffnung auf ein besseres Morgen aus, die sich im eigenen kleinen Leben im Heute vielleicht noch nicht erfüllen möge, deswegen aber noch längst nicht tot sei. "Darin liegt die utopische Kraft von Thomas Braschs Werk, dem diese Inszenierung eindrucksvoll die Ehre erweist."

"Spielfreudig, präzise, immer den richtigen Ton treffend" brächten die Schauspieler:innnen dieses Bild eines Künstlers auf die Bühne, schreibt Richard Mayr in der Augsburger Allgemeinen (21.2.2022). Die Harlekinskostüme von Ulrike Gutbrod zeigten die Figuren "hell und dunkel, also voller Widersprüche, die einfach so aneinandergefügt sind". "Buchstäblich sichtbar" machten die Widersprüche im Verhältnis zwischen Staat und Künstler auch Kühnel und Kuttner, in starken Bildern, ohne groß zu dozieren: "da die DDR versus Brasch als Scherenschnitt-Schattentheater, dort das Heldenbild der Rotfront-Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg, das gebrochen wird durch den sich daran erinnernden Alten in seiner weißen, langen Unterwäsche". Stark seien die historischen Filmaufnahmen, so der Kritiker, und schmerzhaft der Tod von Thomas Brasch.

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