Im schwarzen Loch

20. Februar 2022. "Die Hölle, das sind die anderen" lautet das berühmteste Zitat aus Jean-Paul Sartres ohnehin berühmtem Existenzialismus-Stück "Geschlossene Gesellschaft". Dass da drei Menschen zusammengesperrt sind und einander quälen, passt als Metapher immer, in Pandemiezeiten besonders. Jetzt hat Martin Kušej das Stück am Wiener Burgtheater inszeniert – vorm verrammelten Bühnenportal.

Von Theresa Luise Gindlstrasser

20. Februar 2022. "Da sind wir also" – ins neongrelle Saallicht geworfen. Denn so will es textlich Jean-Paul Sartre für seine Ménage-à-trois der Untoten und so will es inszenatorisch Martin Kušej für das Publikum in der Burg. "Da sind wir also", konstatiert Tobias Moretti als Garcin und nachdem das Bühnenportal mit einer grauen Ziegelmauer verbaut ist, tut er das im Parkett stehend. Die "Geschlossene Gesellschaft" – sollen's leicht "wir" sein, sind wir alle, also Publikum inklusive, "da" in der Hölle? Moretti rüttelt energisch an den Saaltüren. Die sind aber offenbar alle abgesperrt. Sind wir eingesperrt? Mit einem Garcin, der trotz Neongrelle und Null-Abstand das volle Haus nicht sehen kann? Will? Darf?

Theater, das double-bind spielt

Die Hölle, das ist Theater, das sein Publikum wegdenkt. Wegwünscht. Über die stur ins Leere gehenden Blicke der Schauspielenden weginszeniert. Von einem Bühnenhell in ein Saaldunkel gesprochen, mag die Rede vom "Schwarzen Loch" eine Spannung bedeuten, zwischen der Fiktion, dass da kein Publikum wäre und dem Fakt, dass dieses Publikum im Finstren sitzt. Das Saallicht schafft in diesem Fall aber eine andere Faktenlage und für die stur über diese Faktenlage hinweg stolpernde Fiktion müssen die Spielenden sehr extrem stur ins Als-ob-Leere schauen. Und muss das Publikum sich selber vergessen, damit die Rede vom "Schwarzen Loch" Sinn ergibt. Andererseits ergibt das ganze (!) Theater ohne Publikum keinen Sinn! Die Vielen, die hier als "Schwarzes Loch" bespielt werden, haben anwesend und abwesend gleichzeitig zu sein. Die Hölle, das ist Theater, das double-bind spielt.

GeschlosseneGesellschaft 1 MatthiasHorn uAuf dem Weg in die Theaterhölle: Regina Fritsch, Dörte Lyssewski, Tobias Moretti © Matthias Horn

Aber von vorn: Garcin, Inès und Estelle, die drei kürzlich Verstorbenen und zur gegenseitigen, unendlichen Folterknechtschaft Verdammten, werden von einem Diener - den ein gedehnt artikulierender Christoph Luser recht süffisant anlegt - im Irgendwo-Nirgendwo vor der grauen Mauer ausgesetzt. Meistens dröhnt es dumpf. Manchmal nicht. Und das an der Rampe aufgebaute Buffet besteht aus leeren Behältern nur. Während Moretti den Garcin vor sich hin grübelnd und vor sich hin rastlosend als Intellektuellen ausweist, spielt Dörte Lyssewski, sich selbst umarmend, eine allgemein misstrauische und missgünstige Inès und lässt Regina Fritsch ihre Estelle gewohnheitsmäßig weltgewandt über die fehlenden Annehmlichkeiten verärgert sein. Die jeweiligen Gründe für ihr in-die-Hölle-geworfen-Sein werden nach und nach erzählt – der Abend lässt sich Zeit –, die möglichen Beziehungen innerhalb der Ménage-à-trois nach und nach durch dekliniert.

"Machen wir weiter"

Wobei vor allem die Beziehungslosigkeit der drei ins Auge sticht. Ein jedes für sich so abgeklärt, als wüssten alle immer schon, dass später im Text resümiert werden wird "Die Hölle, das sind die anderen", geben sie sich keinen begehrlichen Illusionen hin und bleiben isoliert voneinander. Was auch immer sie einander antun, psychisch oder physisch, sie tun es ohne gerichtetes Interesse, auch ohne Freude am Sadismus und sogar ohne Wunden davonzutragen. Die Folterknechtschaft wirkt trotz gegenteiliger textlicher Behauptungen und abgesehen von ein paar ironisch oder kitschig, jedenfalls überzeichneten Ausbrüchen so unkompliziert – niemand zerrissen zwischen brauchen, wollen, hoffen und hassen – als könnte das Ganze sofort auch wieder ein Ende finden.

GeschlosseneGesellschaft 2 MatthiasHorn uGestrandet am eiskalten Buffet: Regina Fritsch, Dörte Lyssewski © Matthias Horn

Was es aber nicht tut. Als für einen Moment die Saaltüren offen stehen und von dort aus warmes Scheinwerferlicht die plötzliche Dunkelheit flutet, unternimmt niemand den selbstbestimmten Schritt in die Freiheit. Stattdessen propagiert Inès: "Wir sind unzertrennlich". Irgendein geheimnisvoller Wahnsinn oder eine nicht minder geheimnisvolle Mechanik muss die drei also doch miteinander verbinden. Und die Moral von dieser G’schicht: Die Hölle, das sind immer nur die geheimnisvollen ganz anderen. Das letzte Wort hat wieder Garcin: "also – machen wir weiter". Und das machen sie, die Spielenden, sitzen still und schauen stur ins Leere. Bis das Publikum zu klatschen beginnt und den bösen Zauber für beendet erklärt.

Geschlossene Gesellschaft
von Jean-Paul Sartre
Regie: Martin Kušej, Bühne: Martin Zehetgruber, Bühne-Mitarbeit: Stephanie Wagner, Kostüme: Werner Fritz, Musik: Aki Traar, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Alexander Kerlin.
Mit: Dörte Lyssewski, Regina Fritsch, Tobias Moretti, Christoph Luser.
Premiere am 19. Februar 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Geschlossene Gesellschaft" sei die beste Inszenierung von Martin Kušej als Direktor des Burgtheaters überhaupt, meint Rezensent Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (online 20. Februar 2022, 14:02 Uhr). Die Schauspieler:innen-Leistung hebt der erfreute Autor hervor – oft sei diese komisch und gelungen im Partner:innen-Spiel. Vor allem "das kühle, scharfe Spiel" von Tobias Moretti in dem laut Kralicek "auch etwas Geisterhaftes mitschwingt" findet der Autor erwähnenswert. Es bilde das Zentrum des Abends. Etwas bedauerlich ist für den Kritiker, dass Klaus Maria Brandauer die Figur des Garcin aufgrund von Terminproblemen nicht spielen konnte, auch diesen "Klassiker" würde Wolfgang Kralicek gerne mal wieder auf der Bühne sehen.

Man erhalte einen "eigentümlich bitteren Vorgeschmack auf die Plagen, die Plackerei in der Ewigkeit", schreibt Ronald Pohl im Standard (online 20. Februar 2022, 11:13 Uhr). Insgesamt wenig überzeugend findet der Rezensent das: "Praktisch zu jeder Gelegenheit eignet dem Abend das säuerliche Phlegma der Pflichtübung" resümiert er unbegeistert. Man lausche den Wut- und Hassarien der drei Spieler:innen, blicke auf die "grell überschminkten Münder der Damen" und empfinde sich "doch merkwürdig allein gelassen in dieser (schlechten) Ewigkeit". Dieser Abend sei nicht mehr gewesen als "ein ermüdender Hinweis auf das mittlere 20 Jahrhundert".

In der Tiroler Volkszeitung schreibt Bernadette Lietzow (online 21. Februar 2022, 7:00 Uhr), dass die Figur der Estelle Rigault ("Kindsmörderin und Intrigantin") in dieser Inszenierung, mit "kleinem Schwarzen und rotem Kussmund fast klischeehaft französische Bürgersfrau der 1940er-Jahre" sei – was die jüngst mit dem Albin-Skoda-Ring ausgezeichnete Schauspielerin Regina Fritsch für die Rezensentin "nicht so ganz freiwillig" zu spielen scheine. Die Figur vorrangig auf den Einsatz ihrer weiblichen Reize hin zu deuten, ist auch für die Rezensentin kein guter Ansatz, lässt sich implizit aus ihrer Kritik lesen. Überhaupt vertraue der Regisseur dem "philosophischen Kern" des Stückes nicht, meint die Autorin: "Sartres messerscharfe Offenlegung dessen, dass Solidarität eine schöne Utopie und der Mensch wider besseres Wissen nach wie vor des Menschen Wolf ist (oder 'Folterknecht', wie der Autor seinen Charakteren in den Mund legt), wird am Burgtheater mit einigem Getöse seines aufrüttelnden Gehalts beraubt", resümiert sie.

"Was hat Kušej aus diesem Klassiker gemacht? Fantastisch viel, mit vier Stars des Burgtheaters in Hochform“, schreibt Norbert Mayer in der Presse (20.2.2022). Das Ensemble zelebriere "diese einzigartige Gemeinheit Sartres so, als ob er sie soeben für das Burgtheater geschrieben hätte". Text, Gestik und Mimik säßen präzise.

Zu Recht feierte das Publikum diese Inszenierung, so Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.2.2022). "Kušej verzichtet diesmal dankenswerterweise beinahe zur Gänze auf die in seinen jüngeren Inszenierungen leider schon zur Gewohnheit gewordenen Schwarzpausen und lässt sogar fast ständig von oben besonders helles Licht über dem ganzen Saal erstrahlen." Wodurch sich eine gewisse "Höllenstimmung" auch aufs Publikum übertrage.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Geschlossene Gesellschaft, Wien: SchadeJean Paul 2022-02-21 01:53
Schade, dass es nicht wie ursprünglich angekündigt der Brandauer gespielt hat!
#2 Geschlossene Gesellschaft, Wien: HöllenbegriffPeirates 2022-02-21 08:07
Dass Menschen zusammengesperrt sind und einander quälen, wie in Sartres
kurzem Stück "Geschlossene Gesellschaft", passt als Metapher immer,
(die "Hölle" mancher quälenden menschlichen Beziehungen)
zu allen Zeiten - in der Pandemiezeit wie jetzt, heute - ganz besonders . . .
Jean-Paul Sartre sagt: "Alles hat man herausgefunden, nur nicht wie man lebt."
Wenn das 2O. Jahrhundert das Zeitalter Sartres sein sollte, wie manche es
nennen, dann . . . (Zwei Weltkriege, Faschismus, Nationalsozialismus,
Stalinismus usw.) . . . Und die Möglichkeit der Befreiung aus der "Hölle"
durch eine buddhistische Lebenshaltung: Garcin will in sich gehen und
schweigen, und mit seinem vergangenen Leben ins Reine kommen - doch
wird er durch die zwei Frauen im Höllen-Salon daran gehindert.
Ines sagt zu ihm:
"... ich werde Sie nicht in Ruhe lassen, das wäre zu bequem. Sie säßen da,
unempfindlich, in sich versunken wie ein Buddha . . ."
Estelle (an einer anderen Stelle): "Ich soll schweigen?"
Garcin: "Ja. Und wir... wir werden gerettet sein. Schweigen . . ."
Der Buddha lehrt, dass nichts in dieser Welt Dauer habe (auch nicht die "Hölle").
Folglich muss alles das, was wir für beständig, für real ansehen, in Wirklichkeit
irreal, muss unser Eindruck Täuschung sein. Während sich der Westen seit
alters der Bewältigung der Welt zuwandte, an deren Realität kein Zweifel bestand, haben sich die Inder mehr für das interessiert, was jenseits der
sinnlichen Wahrnehmung liegt . . .
Dass Leiden und Qualen Vergeltung und Strafe für Sünde seien, ist eine Lehre
der christlichen Welt. Sie bringt die grausame Bestrafung mit der Höllenpein,
die Läuterung im Fegefeuer.
Dass die Hölle der Ort dieses Leidens war, lag nahe. - Indem Sartre also den
Höllenbegriff aufnimmt, ganz gleich in welcher Form ("Die Hölle, das sind
die Anderen!"), übernimmt er einen christlichen Begriff, den er aber als Atheist
keineswegs übernehmen dürfte:
Ein Atheist darf ja weder an die Hölle noch an den Himmel glauben, ebenso wie
die Begriffe Sünde, Verdammnis, Strafe, Reue, Erlösung für ihn nicht existieren
dürfen. Ja selbst die "Verurteilung" des Menschen zur Unfreiheit oder zur Freiheit
beinhaltet eine Inkonsequenz, denn sie setzt eine Macht voraus, welcher der
Mensch untertan ist, mag sie auch in seinem eigenen Wesen angelegt sein.
So kann man, christlich erzogen und geprägt, sagen: "Also - machen wir
weiter!" - wie bisher. Was bleibt uns anderes übrig?
Die zahlreichen Traditionen und Strömungen des Buddhismus haben die Lehre
des Siddhartha Gautama als verbindendes Element gemeinsam.
Sie besagt, dass das Leben ein leidvoller Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt
ist, der jedoch überwunden werden kann . . .
#3 Geschlossene Gesellschaft, Wien: beglückenFredrik Martin 2022-04-22 12:39
Ich fand dieses Stück sehr amüsant, da ich mir schon sehr viele Stücke angeschaut habe. Man muss sagen , dass dieses Stück viele Menschensherzen berühren & beglücken wird. Mein hübscher Begleiter André Martin hat mir mitgeteilt das es einer der besten Theaterstücke war den er je gesehen hat.

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