"Get out of your head!"

25. Februar 2022. Englisches Autor:innentheater wird im deutschsprachigen Raum gefeiert und beäugt. Die Inszenierung von Simon Stephens' Stück in der Regie von Lilja Ruprecht glänzt vor allem durch ein ungewöhnliches Kostümbild und schenkt Vertrauen in eine mögliche Zukunft.

Von Gabi Hift

25. Februar 2022. Christine, Mutter dreier erwachsener Kinder, trockene Alkoholikerin, von ihrem Mann betrogene Frau, berichtet sachlich von ihrem eigenen Tod: gerade als sie rückfällig werden und sich in einem Supermarkt in Stockport eine Wodkaflasche aus dem Regal nehmen will, wird sie von einer Hirnblutung umgehauen, die alle möglichen Gründe haben oder auch purer Zufall sein kann. Dorothee Hartinger als Christine zieht einen sofort hinein in ihre Geschichte. Und man sieht fasziniert zu, wie sich ihr Geist aus einem merkwürdigen, turmhohen Schädel herausschält, der hier allen Lebenden auf den Schultern sitzt.

Vertraute Erzählung

Es ist die alte Geschichte: ein Geist ruht so lange nicht, wie er noch etwas zu erledigen hat. Wir begegnen also den unterschiedlich gebeutelten Mitgliedern von Christines Familie am Abend ihres Todes. Ihr Ehemann Bernhard trifft sich in einem Restaurant mit seiner Geliebten und deren Freundin zum ersten Dreier seines Lebens. Die älteste Tochter Jess wacht verkatert neben einem Mann auf, an dessen Namen sie sich nicht erinnert. Der Sohn Steven trifft sich mit seinem Boyfriend, und quält ihn mit seiner Angst verlassen zu werden. Und die jüngste Tochter Ashe, alleinerziehende Mutter, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat, versucht aus dem drogenabhängigen Kindsvater die Unterhaltszahlung herauszuholen.

 Österreichische Erstaufführung  AM ENDE LICHT von Simon Stephens Premiere am 24. Februar 2022 im Akademietheater Christine / Claudie / Andrea / Victoria    Dorothee HartingerBernard, VaterNorman HackerJessMarie-Luise Stockinger AsheMaresi RiegnerStevenMax GindorffMichaelPhilipp HaußAndyBardo BöhlefeldJoeSebastian KleinMichaelaDunja SowinetzEmmaStefanie DvorakLive-MusikPhilipp Rohmer Regie:Lilja RupprechtBühne:Holger PohlKostüme: Annelies VanlaereMusik:Philipp RohmerVideo: Moritz GrewenigLicht:Norbert PillerDramaturgie:Anika SteinhoffUnter den Turmschädeln: Marie-Luise Stockinger, Max Gindorff und Philipp Hauß © Susanne Hassler-Smith

Simon Stephens, der Autor des Stücks, hat eine Liebeserklärung an die Menschen seiner Heimatregion Nordengland geschrieben. Das ist britisches Autorentheater at its best – und das hat im deutschsprachigen Raum einen merkwürdigen Status. Einerseits ist es beliebt. Stephens wurde von "Theater Heute" schon sechsmal zum Dramatiker des Jahres gewählt. Andererseits stehen die "wellmade plays" der Engländer:innen unter generellem Kitschverdacht. Historisch liegt das daran, dass eine ganze Generation deutscher Theatermacher:innen (alle, die nicht emigrieren mussten) sich mit dem Faschismus gemein gemacht hat. Und es ging nach Kriegsende ebenso schöngeistig und verlogen weiter: eine riesige Vertuschungsmaschinerie. Dagegen hat in den 70er-Jahren das Regietheater geputscht und die alten Formen zerschlagen, um mit einem antifaschistischen Blick nach der Wahrheit zu suchen. In England passierte das Umgekehrte: hier brauchte sich niemand für seine Rolle im Krieg zu schämen. Für Gesellschaftskritik wurde das neue Autorentheater in Stellung gebracht. Bei beiden Formen war und ist eine Theateraufführung die Vision eines einzelnen Menschen, beim Regietheater ist es die Regisseurin oder der Regisseur, beim Autorentheater ist es Autorin oder Autor.

Vom Zusammenspiel der Regisseurin mit dem Autor

Hier ist nun der interessante Fall einer Regisseurin, die im Regietheaterland mit einem Autorentheaterstück umgeht. Lilja Ruprecht will keine bloße Dienende für den Text von Simon Stephens sein. Sie will ihn aber auch nicht dekonstruieren, sie will sogar durchaus dasselbe wie er: Freundlichkeit und Güte in den Figuren zeigen, will es aber auf ihre eigene Weise tun. Dazu erfindet sie viele Bilder, die meist einleuchten und schön anzusehen sind, die aber den psychologischen Ausdrucksmitteln der Schauspieler:innen in die Quere kommen.

Dass alle Figuren im Korsett ihrer Ängste und Neurosen feststecken, bilden die Kostüme von Annelies Vanleere mit den turmhohen Schädeln ab. Ihre Gesichter sind in Strumpfmasken eingeschnürt. Es ist offensichtlich was ihr Leben besser machen könnte: "Get out of your head!", wie die Engländer:innen sagen. Die künstlichen Köpfe schränken die Schauspieler:innen nicht so stark ein, wie es eine Maske täte. Sie behindern aber doch die Möglichkeit, in Gesichtern zu lesen: die direkte Übertragung subtiler Seelenzustände von Schauspieler:in zu Zuschauer:in wird blockiert.

Genüssliche Komik

Das Kratzbürstige, Wütende in den Szenen wird im mittleren Teil von Marie-Luise Stockinger als Jess und von Maresi Riegner als Ashe so aggressiv und monoton heruntergebrettert, dass man sich wundert, dass die jeweiligen Partner sich nicht sofort auf und davon machen. Dass es auch anders geht, dass man mit all seinen Störungen auch auf grässlich komische Art verführerisch sein kann, beweist das wunderbare Trio der Nicht-mehr-Jungen: Norman Hacker als fremdgehender Ehemann mit seinen beiden auch nicht mehr taufrischen Damen Dunja Sowinetz und Stephanie Dvorak. Wie die drei bei der Anbahnung eines Dreiers bis zum Hals in Peinlichkeit waten, wie komisch sie sind in ihrer Traurigkeit, wie liebenswert und entschlossen etwas Schönes zu erleben, wie fein sie zusammenspielen, Verletzungen herunterschlucken, strahlen vor Eitelkeit, wie sinnlich sie sind, sogar mit Masken und Turmschädeln, ist ein Genuss.

 Österreichische Erstaufführung  AM ENDE LICHT von Simon Stephens Premiere am 24. Februar 2022 im Akademietheater Christine / Claudie / Andrea / Victoria    Dorothee HartingerBernard, VaterNorman HackerJessMarie-Luise Stockinger AsheMaresi RiegnerStevenMax GindorffMichaelPhilipp HaußAndyBardo BöhlefeldJoeSebastian KleinMichaelaDunja SowinetzEmmaStefanie DvorakLive-MusikPhilipp Rohmer Regie:Lilja RupprechtBühne:Holger PohlKostüme: Annelies VanlaereMusik:Philipp RohmerVideo: Moritz GrewenigLicht:Norbert PillerDramaturgie:Anika SteinhoffAm Ende Versöhnung? Marie-Luise Stockinger, Bardo Böhlefeld, Philipp Hauß, Norman Hacker, Max Gindorff und Maresi Riegner als Familie © Susanne Hassler-Smith

Auf Christines Beerdigung kommt es schließlich zur Annäherung der Familie: die Kinder wollen noch eine Woche beim Vater bleiben – mal sehen, wie es sich entwickelt. Ashe setzt einen kleinen Akt der Güte: Sie hat vom Geist ihrer Mutter den Auftrag erhalten, ihrem Vater zu sagen, dass Christine die Fotos der Geliebten auf seinem Handy gefunden hat. Aber Ashe sagt ihrem Vater, sie habe zwar eine Aufgabe bekommen, sich aber dagegen entschieden sie auszuführen.

Altes mit neuem Geschmack

Als Ashe mit der Grabrede beginnt, die man nicht mehr hört, erscheint auf der Bühnenhinterwand ein Bild des Universums – die Erde inmitten von Millionen kreisenden Sternen. Zusammen mit den Schauspieler:innen setzen sich die Zuschauer:innen rotgrüne 3D-Brillen auf, die man beim Eintritt bekommen hat, um von Sternen überschwemmt zu werden, die wie weiße Flocken in den Saal treiben. "Wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein", sagte Brecht den Nachgeborenen. Es scheint so, als würden sich gerade die Zeiten ändern. Jedenfalls ist dies ein Stück, das den Boden bereiten will für Freundlichkeit – das hat etwas Altmodisches, aber auch etwas ganz Neues.

 

Am Ende Licht
von Simon Stephens
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Holger Pohl, Kostüme: Annelies Vanlaere, Musik: Philipp Rohmer, Video: Moritz Grewenig, Licht: Norbert Piller, Dramaturgie Anika Steinhoff, Live Musik: Philipp Rohmer.
Mit: Dorothee Hartinger, Norman Hacker, Marie-Luise Stockinger, Maresi Riegner, Max Gindorff , Philipp Hauß, Bardo Böhlefeld, Sebastian Klein, Dunja Sowinetz und Stefanie Dvorak.
Premiere am 24. Februar 2022
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Zauberhafte 135 Minuten, die zwar ein paar Längen hatten, durch technische Spielereien auch etwas verwirrend waren, aber mit fantastischen Bildern und einem Ensemble berückten, das meist den richtigen Ton fand." Das erlebte Norbert Mayer von der Presse (26.2.2022) im Akademietheater.

Für den Standard (25.2.2022) schreibt Margarete Affenzeller: Lilja Rupprecht betrachtete "das Leben als so surreal, wie es eben auch ist" und montiere "aus diversen Elementen eine Bühnenlandschaft", die "in manchen Momenten wie ein Gemälde von Salvador Dalí aussieht". Der Abend verhandele "das gemeinsame Überwinden von existenziellen Zwangslagen. Das sozialpolitisch ausgehungerte England der Gegenwart schimmert da nur entfernt durch – null Stigmatisierung. Die durch ihre Masken in unbestimmtem Grad deformierten Figuren lassen hier viele Assoziationsmöglichkeiten offen, und das ist spannend."

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