Schweinegrunzen und Meistersinger

9. April 2022. Christoph Marthaler versammelte am Theater Basel, dem Ort seiner frühen Triumphe, eine Riege enger, glänzender Vertrauter, um einen Krimi zu komponieren. Mit Anspielungen auf die Kirche, italienisch singenden Leichen und viel, viel Alpen-Schnee. Die Zeichen standen auf Marthaler-Musiktheater at its best, aber etwas kam dazwischen.

Von Claude Bühler

9. April 2022. Groß waren die Erwartungen: Nach sieben Jahren erstmals wieder eine Inszenierung des Publikumslieblings am Theater Basel, an dem er in den achtziger Jahren seine internationale Karriere startete. Christoph Marthaler wende sich erstmals dem beliebten Genre Krimi zu, hieß es. Dazu wurde "Der letzte Pfiff" mit einer Reihe von Leuten wie Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Nikola Weisse etc. besetzt, die in der Marthaler-Komik seit vielen Jahren trainiert sind.

Vielversprechend das Bühnenbild von Duri Bischoff: Ein verwinkeltes Würstchenbuden-Quartier mit anspielungsreichen Namen wie "Woelki Dog" oder "Stolzing’s Kaldaunen" – was man auf Joseph Stolzing, Redakteur von Hitlers "Mein Kampf", beziehen kann oder auf den Helden der Wagner Oper "Meistersinger". Eine riesige Ketchup-Flasche mit der Aufschrift "Wotan" hängt ins Bild.

"Ein Welterfolg" für 4 Franken

In die ungefiltert weiß beleuchtete Tristesse mit unappetitlichen Speisebildern an den Buden schiebt Bendix Dethleffsen ein Klavier, um inbrünstig die Ouvertüre von Suppés "Bauer und Dichter" zu schmettern. "Ein Welterfolg", liest das Publikum auf dem Rollband, aber der Komponist habe sich ein Leben lang gegrämt, weil er das Werk in einer schwachen Minute für 4 Franken verkauft habe.

Der letzte Pfiff 2 IngoHoehn uWeltprominenz und Jämmerlichkeit: das Marthaler-Ensemble im Bühnenbild von Duri Bischoff © Ingo Höhn

Die ersten Kenner-Lacher, der Marthaler-Dreh sitzt: Weltprominenz und Jämmerlichkeit in einem Satz. Weitere Meisterstückchen folgen. Ueli Jäggi mit zerknautschtem Gesicht raunzt "Chlöpfer!" in die erstbeste Bude. Aber statt die Schweizer Nationalwurst kriegt er vom beleidigten Budenwirt (Raphael Clamer, herrlich als Berufsgriesgram) runtersausende Rolladen serviert – ein running gag, den Marthaler mit Variationen frischhält. Kirchenglocken läuten: Ein Priester (Jean-Pierre Cornu ähnelt Kardinal Woelki verblüffend) schreitet in triumphaler Eitelkeit einher, und über ihm schwebt die Riesenketchup-Flasche wie der Heilige Geist – schallendes Gelächter, und man stellt sich dabei den grausigen Anblick vor, wenn sich die Flasche öffnete.

Das Mordopfer singt italienisch

Heftig blinzelnd tritt mit elegantem Schritt Liliana Bellini im Designer-Chic an die Rampe, greift sich unvermittelt ans Herz, an den Kopf, um gleich mehrere, höchstdramatische Tode – einmal sogar mit sportivem Überschlag – hintereinander zu sterben. Später wird sie den umstehenden Beamten ihre Mörder nennen, deren Adresse plus Tatzeit – aber auf Italienisch! Die Ermittler stumpfsinnig: Sie verstünden das nicht, hätten keine Hinweise, da könne man nichts machen etc., ziehen tatenlos ab.

Jürg Kienbergers Glanznummer als staubtrockener Polizist Herbert: Erregt esse er immer wieder heiße Würstchen, obwohl sie ihm gar nicht schmeckten, nur um Christel von der Bude sehen zu können. Das heißt, er sehe aus Respekt nur die Senfgurke an. Wie er bieder-beschränkt von seiner Liebe als "Knall der Wonne" spricht, ist ebenso lustig wie tieftraurig.

Trauergesellschaft im Schnee

Traurig ist der Abend in mehrfacher Hinsicht. Immer wieder hören wir die Frage: Schneit es immer noch? Ja, es schneit und schneit. Forciert grinsend fabuliert das Ensemble über die grüne, graue, weiße, rosa Traurigkeit, und was alles – Feuchttüchlein, Tintenfische, Kaugummi – mit der jeweiligen Farbe zusammenhänge. Traurig wirkt auch diese gänzlich disparate Gesellschaft aus vereinzelten, untereinander beziehungslosen Figuren; in einer fulminanten Szene drängen sie sich voller Entsetzen gegenseitig einen Vogelkäfig auf, aus dem panisches Schweinegrunzen ertönt.

Der letzte Pfiff 3 IngoHoehn uDer Mord lässt sich nicht aufklären, selbst wenn das Mordopfer (Liliana Bellin) die Täter singend preisgibt © Ingo Höhn

Da sind die typischen Marthaler-Ingredienzen, Sotto-Voce-Chörchen, hintersinnig-absurde Gedichte, Songs, Monologe, gewohnt liebevoll gestaltet. Aber mit der Zeit schleicht sich das Gefühl ein, einer Nummern-Revue beizuwohnen, die außer versiert inszenierte Übergänge wenig zusammenhält. Wollte der Meister nihilistisch seine Kunst entblößen?

Die Antwort liegt eher bei den Produktionsbedingungen. Nur die erste Probe fand in Vollbesetzung statt. Das Coronavirus erwischte fast alle Mitwirkenden. Gelegentlich waren nur fünf der elf Ensemblemitglieder einsatzfähig. So gelang es nicht, die Fäden zu einem Gewebe verknüpfen, ja die Anlage auszuführen. Gezeigt wurden Fragmente. Das Publikum wurde darüber im Programmheft informiert.

Man mag den Entscheid der Theaterleitung kritisieren, am Premierentermin festzuhalten. Das Virus hatte zuvor für massive Publikumseinbrüche gesorgt. Auf die zunehmend längliche Aufführung reagierte ein Teil des Basler Premierenpublikums ungeduldig und verließ ab Beginn des Applauses das Auditorium. Das ist unanständig und wird der künstlerischen Leistung, die unter schwierigen Bedingungen erarbeitet wurde, nicht gerecht.

 

Der letzte Pfiff – ein Drehschwindel
von Christoph Marthaler
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sara Kittelmann, Musikalische Leitung/Klavier, Keyboards: Bendix Dethleffsen, Licht: Thomas Kleinstück, Ton: Jan Fitschen, Robert Hermann, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Inga Schonlau.
Mit: Liliana Benini, Carina Braunschmidt, Raphael Clamer, Barbara Colceriu, Jean-Pierre Cornu, Bendix Dethleffsen, Vera Flück, Martin Hug, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Annika Meier, Nikola Weisse.
Premiere am 8. April 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritkenrundschau

Michael Laages für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (8.4.2022) bespricht diesen gescheiterten Krimi, der zum "Sammelsurium, sozusagen Best of Marthaler" werde, mit großer Zuneigung: Ein "Welttheater" in "witzigen" Imbissbuden, voller "Spinnereien und Musik" hat der Kritiker gesehen. Es sei "wie die frühen Marthaler-Abenden von vor dreißig Jahren, wo man gar nicht wusste, wo es hingehen soll und sich immer maßlos Mühe gegeben hat, zu interpretieren. Es ist aber nicht interpretierbar. Es ist ein Spiel mit Fantasien."

"Hart ist dieser Abend von Christoph Marthaler, bitter und verzweifelt. Dabei verzweifelt komisch. Es gibt viel zu lachen, immer wieder, viel Slapstick, viel sprachlichen und musikalischen Witz", berichtet Andreas Klaeui im Schweizer Rundfunk SRF (10.4.2022) und versteht den Abend im Kontext der politischen Großwetterlage des Ukraine-Kriegs: "Vom Drehschwindel der Barbarei ist dieser Abend im Innersten erfasst, vom Schrecken an der Bestie, die der Mensch ist. Am Schluss wird sie – zugedeckt, aber unüberhörbar – in einem putzig scheinenden Käfig hereingetragen. Ihr Brüllen steigert sich zum apokalyptischen Echo."

In manchen Momenten stellt sich für Anna Kardos von der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag (10.4.2022) der  "marthalersche Tonfall" ein. "Und mit ihm eine leise Poetik, die die Umgebungsluft auf der Bühne um ein paar Grad kühler erscheinen lässt, aber die Körpertemperatur der Menschen gleichzeitig leicht erhöht." Gleichwohl hinterließen die widrigen Produktionsbedingungen (Corona) ihre Spuren an diesem Abend, "in Bezug auf dessen Tiefe". Seltener als in Marthalers bisherigen Stücken erreichten die Figuren hier einen Zustand "existenzieller Obdachlosigkeit"; auch gerieten sie nicht wie sonst an den Punkt, an dem "Komik eine gemeinsame Schnittmenge mit der Tragik" aufweise.

"Der Abend gleicht einem Entwurf mit einzelnen Szenen, die allesamt prima einstudiert sind, aber als Ganzes wohl aufgrund der fehlenden Probenzeit nicht wirklich zusammenpassen", berichtet Mélanie Honegger im St. Galler Tagblatt (10.4.2024). "Mit schrägen Figuren, vielen musikalischen Einlagen und absurder Komik ist viel gegeben, was Fans von einem gelungenen Marthaler-Abend erwarten dürften.“ Doch fehle „eine Erzählung und damit das Gerüst, das alles zusammenhält"; bald mangele es an "Spannung"; und "aus dem absurden Spass wird ein zähes Hoffen auf einen fulminanten Schluss. Doch die anfängliche Euphorie des Publikums weicht zunehmender Müdigkeit, bis einigen gar die Augen zufallen."

Auch Stephan Reuter von der Baseler Zeitung (11.4.2022) konstatiert, dass der Inszenierung "zwar keineswegs der titelgebende 'letzte Pfiff', wohl aber der letzte Schliff fehlt. Es gibt durchaus Längen sowie unzulänglich verknüpfte Szenen in diesem Stück." Immerhin punktuell entfalteten sich "jene subversiven Slapsticks, für die Marthalers Szenencollagen berühmt geworden sind".

Wenn "das Ensemble aufgereiht am Bühnenrand die verschiedenen Arten von Traurigkeit (weiße, rosa, gelbe und graue) aufzählt: Dann blitzt er auf, dann ist er da – der Drehschwindel, der die ganze instrumentelle Vernunft für einen Augenblick mit sich reißt", berichtet Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (11.4.2022) über diesen Abend, den auch sie als notgedrungen unfertig und fragmentiert beschreibt. "Dass sich die Produktion von den die Kunst und das Leben lähmenden Bedingungen ihrer Entstehung nicht freimachen will, indem sie ihnen trotzt, ist am Ende ihr ureigener Sieg."

Die "urkomische Krimipersiflage" sei eigentlich kein Theaterabend, "weil dieses Stückfragment mit seinen dadaistischen Monologen und Musikeinlagen das Theater als lineares Erzählgebäude dekonstruiert", findet Kevin Hanschke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.4.2022). Christoph Mar­thaler habe "mit dieser situationskomischen Collage ein weiteres Stück Anekdotengeschichte geschaffen".

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Kommentare

Kommentare  
#1 Der letzte Pfiff, Basel: Die ganze Miseremichael dissmeier 2022-04-09 23:34
Es ist unanständig, wenn das Publikum geht???
Die ganze Misere des Theaters, der Kritik und der Theaterleitungen in einem Satz!
#2 Der letzte Pfiff, Basel: Wie Bravos und BuhsKen 2022-04-10 10:07
Herr Bühler, was ist daran unanständig, wenn jemand eine Theateraufführung (vorausgesetzt, ohne andere mit einem Ego-Auftritt zu stören) verlässt??? Das ist genauso nicht unanständig, wie Begeisterung mit Bravo oder Enttäuschung mit Buh zu bekunden.

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