Hinschauen hilft!

27. November 2022. Seinen Roman, der in dem fiktiven ostdeutschen Städtchen Guldenberg spielt, siedelt Christoph Hein im Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise an. Unbegleitete junge Männer aus Syrien und Afghanistan kommen an und die Aggression der Alteingesessenen schlägt um in Gewalt. Max Claessens hat den Stoff nun für die Bühne adaptiert.

Von Christian Muggenthaler

27. November 2022. Ein Querschnitt durch organisches Material ergibt Schichten, die auf den ersten Blick voneinander getrennt scheinen und auf den zweiten untrennbar miteinander verbunden sind. Das gilt etwa für die Jahresringe der Bäume, die Geologie der Kontinente – und auch für menschliche Gesellschaften. Wo immer man einen Strich durch Geschichte oder Gegenwart ansetzt, hat man sofort ein hoch komplexes Gebilde vor sich als Summe aus Gegensätzlichem und Gemeinsamem.

In der Uraufführung der Dramatisierung von Christoph Heins Roman "Guldenberg" am Staatstheater Meiningen ist dieser Summenstrich die Bühne (von Ilka Meier) ein am Boden verkohltes, nacktes Gebäude. Da ist etwas passiert. Was, wie und warum es passiert ist – also den literarischen Querschnitt eines ganz bestimmten Moments – zeigen Hein und jetzt auch die Dramatisierung und Inszenierung des Buchs durch Regisseur Max Claessen. Christoph Hein beschreibt auf der Basis seiner Erfahrungen als Betreuer von unbegleiteten jugendlichen Migranten in der ostdeutschen Stadt, in der er lebt, den Umgang der städischen Gesellschaft mit ihnen. Er beschreibt in seinem Roman Wirklichkeit so, wie er sie beobachtet und erlebt hat – inklusive zerstochene Autoreifen.

Herausforderung durch Veränderung

Das ist aber genau so wenig eine Wiedergabe explizit ostdeutscher Realität wie etwa Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" ausschließlich niederbayerische Umstände geschildert hätten: Regionalität ist hier nur ein beispielhafter Ausschnitt aus überregionaler gesellschaftlicher Gewebestruktur. Und dass bei Hein wie Sperr Antagonismen radikal aufeinanderprallen, liegt in der Natur der Sache: Konflikt und Konfrontation sind unglücklicher Weise häufig die Bruchlinien im Umgang mit ungewohnten Herausforderungen durch gesellschaftliche Veränderungen. Deswegen beginnt die Inszenierung von "Guldenberg", diesem fiktiven Ort, in dem die Ankunft von solch unbegleiteten jungen Männern aus Syrien und Afghanistan die städische Gesellschaft erkennbar spaltet, in kaum überwindbarer Konfrontation – bis hin zum Brandanschlag auf das Alte Segelheim, in dem sie untergebracht sind.

Bunt. Leben. Wirklichkeit

Die anonyme Masse – mit Papiermasken – säuft, grölt und hetzt, die Polizei wirkt in ihrem Ermittlungseifer eher einseitig, der Stadtentwicklungsreferent will auf der unguten Hitze dieser Ablehnung sein ganz eigenes politisches Süppchen kochen: "Guldenberg first". Michael Schrodt spielt den Mann schön schmierig schmiegsam. Ein Mann, ungefähr so unmöglich wie seine unmöglichen orangefarbenen Laufschuhen zum schwarzen Anzug (Kostüme: Christian Rinke), die nebenbei beweisen, dass in dieser Inszenierung die Farbgebung im Detail liegt. Denn die ganze Wirklichkeit zwischen Schwarz und Weiß ist eben genau: Bunt. Leben. Wirklichkeit.

Guldenberg 2 JochenQuast uVerkohlter Untergrund, abgebrannte Gesellschaft © Jochen Quast

"Guldenberg" lässt allerlei Personal aus der kleinen Stadt auffahren. Den tapferen Bürgermeister, den Stefan Willi Wang mit viel Kraft ausstattet, ebenso wie Miriam Haltmeier die Betreuerin der Flüchtlinge. Michael Jeske ist ein hemdsärmliger Unternehmer mit ganz eigenen Problemen, der in einer Hintergrund-Szene zu seiner ökonomischen Belastung den Stadtchef so übergriffig knufft, pufft und knetet, dass man schon vom Zuschauen blaue Flecke bekommen könnte. Gunnar Blume wiederum ist ein Priester mit dem Herz am eigentlich rechten Fleck, aber einem sehr gespannten Verhältnis zum eigenen Körper. Ein sehr junges Mädchen, gespielt von Emma Suthe, löst eine weitere Konfliktspirale aus: Sie ist schwanger und will den unbekannten Vater decken, indem sie vorgibt, von einem der Migranten vergewaltigt worden zu sein: ein Brandbeschleuniger.

Querschnitt durch die Stadtgesellschaft

Die Migranten werden gespielt von Ahmad Jolaak, Mirza Jbouri und Shadi Abdulhai, drei geflüchteten jungen Männern, die schon länger in Bürgerbühnenprojekten mit dem Theater verbunden sind. Schlussendlich ist es schließlich auch und vor allem die Geschichte von Migrantinnen und Migranten, die hier erzählt wird. Die gesamte Dramaturgie des Stücks ergibt sich aus diesem Querschnitt durch die Stadtgesellschaft, ist mehr kühle dokumentarische Analyse des alltäglichen Rassismus, als dass sie auf einem wendungsreichen, spannenden Plot basieren würde. Ihre Schärfe gewinnt sie aus dem Kanten der geschilderten Konfliktlinien. Es geht nicht um ein Spiel, sondern um den Ernst der Lage: Hinschauen hilft.

 

Guldenberg
nach dem gleichnamigen Roman von Christoph Hein
Regie, Textfassung: Max Claessen, Bühne: Ilka Meier, Kostüme: Christian Rinke, Video: Andreas Klein, Dramatrurgie: Cornelius Benedikt Edlefsen.
Mit: Miriam Haltmeier, Stefan Willi Wang, Michael Jeske, Emma Suthe, Gunnar Blume, Michael Schrodt, Ahmad Jolaak, Mirza Jbouri, Shadi Abdulhai.
Premiere am 27. November 2022
Dauer: zwei Stunden, keine Pause

www.staatstheater-meiningen.de

Kritikenrundschau

Im Freien Wort (28.11.2022) hadert Henryk Goldberg mit der Buchvorlage, "weil dieser Text Schauspielern
kein Material bietet zur erquicklichen Ausübung des Berufes". Überzeugend findet der Rezensent vor allem "die drei syrischen Darsteller der Jugendlichen, auffallend Ahmad Jolaak, die arabisch beginnen und dann in ein deutlich fremd gefärbtes Deutsch fallen". Diese seien "gleichsam das Gegengewicht zu dem Bürgertrio, sie sind der authentische Kern". Die Frage bleiber aber: "Warum spielt man einen Text, um dessen Unzulänglichkeiten man sichtlich weiß?" Womöglich, so der Kritiker, gehe es vor allem um "ein gesellschaftliches Statement des Theaters".

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