Die Zukunft des Dramas?

von Dorothea Marcus

Mülheim, 3. Juni 2007. Ab wann ist ein Stück ein Stück? Dass es dafür zumindest einen Autor, eine nachvollziehbare Handlung und Dramenfiguren braucht, wird schon seit 1979 auf den Mülheimer "Stücke-Festival", der Oscarverleihung der zeitgenössischen deutschen Dramatik, widerlegt: da gewann Heiner Müllers Geschichtscollage "Germania Tod in Berlin" den Preis, eine postdramatische Textfläche.

Doch auch Elfriede Jelinek, seit 1986 elfmal in Müllheim nominiert, überlässt den Regisseuren hochkonzentrierte Wortsteinbrüche zur freien Verwertung, von denen dann nur jeweils etwa 30 Prozent überhaupt auf die Bühne gebracht werden. Immerhin hat Jelinek damit bereits zweimal den Stückepreis gewonnen.

Triumph des Nicht-Stücks

Noch nie aber ist das Votum des wichtigen Dramatik-Festivals in Deutschland so deutlich für ein offensichtliches 'Nicht-Stück' ausgefallen wie in diesem Jahr, denn nun gibt es gar keinen Autor mehr - oder vielmehr sehr viele: Gewonnen hat ein Stück, in dem vermutlich keine Silbe selbst geschrieben ist, sondern die Figuren darin den Text vorgeben - und selbst die "letzte Bastion eines Kriteriums für ein klassisches Drama" (Peter Spuhler), die Möglichkeit der Nachspielbarkeit, nicht mehr ohne weiteres gegeben ist: die Performer und Regisseure Helgard Haug und Daniel Wetzel von "Rimini Protokoll" erhalten den mit 15 000 Euro hochdotierten Mülheimer Theaterpreis für "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band" und, erstaunlich genug, auch den Publikumspreis dazu.

Die eigentlichen Autoren beim "Rimini Protokoll" sind bekanntlich Experten des Alltags, Menschen, die durch ihre persönliche Erfahrung so viel Authentizität mitbringen, dass sie die Bedeutung des Themas gewissermaßen stellvertretend für uns und die heutige Gesellschaft untersuchen - im Fall von "Das Kapital" unter anderem ein ehemaliger Maoist, der heute Unternehmensberater ist, ein schwer verschuldeter ehemaliger Spielsüchtiger oder ein blinder Callcenteragent, der "Das Kapital" in Braille liest und davon träumt, bei "Wer wird Millionär?" so richtig viel Geld zu machen.

Die Idee zählt

Bei Rimini-Protokoll geht es nicht um Handlung, sondern um ein Thema und seine Bedeutung im Hier und Jetzt. Dem Theaterkollektiv kommt in erster Linie das Verdienst der Idee zu, das Auffinden der geeigneten Akteure und die Montage des Materials. Das nähert sich den Prinzipien der Bildenden Kunst: auch hier ist Vorstellung eines mit der Form ringenden Künstlers im stillen Kämmerlein hinfällig geworden, es zählt die Idee mehr als das Handwerk, mehr noch: genau das ist die entscheidende Idee, die eine Ausführung in Sprachkunst zunichte machen würde.

Nachgespielt wurden die Arbeiten des Rimini-Protokolls noch nie. Was würde passieren, wenn die authentischen Texte von Schauspielern fiktionalisiert würden? Es sei möglich und einen Versuch wert, beschied letztlich die Jury, die sich um eine Diskussion des im Auswahlgremium kontroversesten Stücks lange herumwand.

Comeback der Geschichte?

Das schlagende Argument brachte die Regisseurin Friederike Heller: Denn letztlich lauscht auch ein Peter Handke sein Werk der Wirklichkeit ab, geht mit Notizbuch durch die Welt, um sich von ihr inspirieren zu lassen - bei Rimini sei der künstlerische Prozess lediglich offenkundiger und sichtbar gemacht. Ganz im Gegensatz zu den anderen drei Stücken der Auswahl, die ebenfalls mit dem "Comeback der Geschichte" (Till Brieglieb) auf der Bühne spielen, sich dabei aber zweifelhaft mit Fiktion vermischen: etwa wenn der Schauspieler Thomas Lawinky, berühmt geworden durch die "Spiralblockaffäre", in einer Mischung aus Eitel- und Eilfertigkeit seine Stasi-Mitgliedschaft ausposaunt, und daraufhin als Ausgangspunkt, Koautor und Hauptdarsteller der politisch unscharfen Täter-Opfer-Durchmischung "Mala Zementbaum" fungiert.

Oder wenn Sex-Monologe "echter" Neomuslima den poetischen Materialpool für die "Schwarzen Jungfrauen" von Feridun Zaimoglu bilden und das Dokumentarische ununterscheidbar mit seiner Bearbeitung durch den Autor verschmilzt. Es bestehe da allerdings die Gefahr von Voyeurismus und Verwechslung: Denn das, was so spektakulär medienwirksam daherkomme, als verhandele es den Kampf der Kulturen, beschreibe in seiner Sicht lediglich ein pubertäres Ablösungsphänomen, so Thomas Oberender - und könne leicht als repräsentativ gesehen werden, was die "Schwarzen Jungfrauen" ganz sicher nicht sind, laut Christine Wahl.

Oder wenn der erstaunliche Newcomer Dirk Laucke in "alter ford escort dunkelblau" (laut Christine Wahl) einen realistischen Unterschichtsoziolekt zur Kunstsprache verdichte, oder Lukas Bärfuss in "Die Probe" wieder einmal ein Medienthema, den Vaterschaftstest, thematisiere - oder Elfriede Jelinek in "Ulrike Maria Stuart" eine gnadenlosen Zitatenritt durch alle möglichen Ideologien vornehme und sich bewusst auf den Regisseur als Koautor verlassen, der dann die Dekonstruktionsschraube noch ein wenig weiterdreht. Wobei selbst die Jury offen zugab, es nicht geschafft zu haben, die 100-Seiten-Stückvorlage ganz durchzulesen.

Kapital auf Höhe der Zeitgenossenschaft

Obwohl das Dokumentarisch-Persönlich-Politische auf deutschen Bühnen so hip ist wie nie zuvor, fasste Friederike Heller ein großes Missbehagen zusammen, wenn "Zeitgeistthemen als Schreibimpuls dienen".

Das einzige, was sich also ohne Gegenstimme durch die Diskussion rettete, war "Das Kapital" des Rimini-Protokolls- dort sei immerhin die Gefahr der "Manipulation" nicht gegeben, so Till Briegleb. "Auf der Höhe der Zeitgenossenschaft", sah es Thomas Oberender, und Friederike Heller gar als "Zukunft des Dramas". Trotzdem bleibt die Jury-Begründung letztlich dünn und lediglich ex negativo gerechtfertigt durch die unvollkommenen dokumentarischen Versuche der anderen. Wer macht es realistischer real? Etwas anderes scheint gerade auf deutschen Bühnen nicht zu zählen. Wo die zeitgenössische Dramatik hinsteuert, wenn alle Komponenten des klassischen Dramas verschwinden und was diese Entscheidung über die Bedingungen der schriftstellerischen Arbeit aussagt, blieb völlig offen.

 

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Kritikenrundschau

Ausgesprochen kontrovers nehmen die Feuilletons die Vergabe des Mülheimer Dramatikerpreises an die Gruppe Rimini-Protokoll auf. Während die einen die Entscheidung als mutig und innovativ loben, sprechen andere von der Selbstdemontage dieses wichtigsten Forums für Gegenwartsdramatik.

Es sei mutig und richtig, mit Rimini Protokoll eine Gruppe auszuzeichnen, die mit ihrem Theaterkonzept genrebildend wirke, schreibt Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau. ""Damit öffnet sich das Mülheimer Stücke-Festival nicht nur der immer gängigeren Theaterpraxis, dokumentarische Formen auszuprobieren, sondern verändert auch den Textbegriff, der nicht nur im Theater immer noch der vorherrschende ist, fundamental."

Andreas Rossmann sieht das in der Frankfurter Allgemeinen ganz anders. Für ihn potenziert die Entscheidung eine Fragwürdigkeit des Auswahlgremiums dieses "bis vorgestern das wichtigste Forum für neue deutsche Stücke" . Das hier ein Stück gewählt wurde, dass auf Grund seiner Fixierung an die Biografien der Darsteller an anderen Theatern nicht nachspielbar ist, kommt für Rossman einer mülheimer Selbstdemontage gleich.

 

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