Unendlichkeit der Breite nach

von Esther Boldt

Mannheim, 20. Januar 2009. Und diese beiden sollen mal eine Unendlichkeit miteinander gehabt haben? Er, mit Schnauzer, Kassengestell in der Visage und rotem Baseball-Pulli, sie im Kapuzenkleid, mit schicken Stiefeln und blaugrünen Strumpfhosen? Der stumme Stoffelspießer Oli, der jetzt schon ausschaut wie sein eigener Vater und Dani, die Zorn- und Ratlosigkeitsträgerin, die ihre Kapuze als Tarnkappe benutzt und wirkt, als sei sie aus einer "Star Trek"-Folge heraus gefallen? Unvorstellbar, dass diesen beiden mal die Unendlichkeit gewunken haben soll.

Der Breite nach, versteht sich. Denn in Ewald Palmetshofers "hamlet ist tot. keine schwerkraft" werden Sinnfragen aus Ost und West lustvoll verquirlt, und wenn der westliche Weg, das lineare Nachvorngeschaue, nicht mehr zieht, dann muss man die Ewigkeit eben drehen und aus der Länge eine Breite machen. Einen Glücksewigkeitsmoment.

Aber den hat Oli ausgeschlagen, er ging zu Bine, und Dani stieg zu ihrem Bruder Mani ins Bett. Zwischen sechs Figuren knüpft Palmetshofer den Schicksalsknoten und zieht ihn stramm, ohne Kollateralschaden kommt hier keiner raus. Binnen eines Tages, zwischen der Beerdigung eines Freundes und dem Geburtstag der Großmutter, setzt es Inzucht, Seitensprünge, Stolperfallen und erschossene Söhne. "Die Alten feiern Geburtstag, und die Jungen gräbt man ein", fasst Mutter Caro lapidar zusammen.

Sich ins Schicksal versteigen

Die Wiener Uraufführung von Palmetshofers Stück wurde im letzten Jahr zum Mülheimer Festival der Gegenwartsdramatik "Stücke 08" eingeladen. Bei der deutschen Erstaufführung nun setzt Regisseurin Cilli Drexel eine hyperaktive Zombieversammlung auf die karge Bühne des Mannheimer Werkhauses. Mit bleich geschminkten Gesichtern und schwarz umschatteten Augen versteigen sich Caro und Kurt, Dani und Mani, Bine und Oli in ihr Schicksal.

Denn Palmetshofer verbindet in seiner hochmusikalischen Kunstsprache österreichische Dialektfetzen mit theoretischen Exkursen. Der Himmel ist, erzählt Mani, eine Maschine, die nach dem Tod Gottes Schicksalslose ausspuckt, Treffer und Nieten, und so darüber entscheidet, wer in der Welt zählt – und wer über den Rand kippt. Die Zahl ist zur einzigen höheren Ordnung geworden, den Fragen von Leben und Gegenwart wird mit Mathematik zuleibe gerückt.

Aber was heißt hier Gegenwart? Die Zeit ist zu einer unmöglichen Veranstaltung geworden, denn die Vergangenheit lässt die Gegenwart nicht aus ihren Klauen, die selbst immer schon vorbei ist, während man nicht weiß, ob da noch eine Zukunft blüht.

Mit der Losspuckerei herrscht ein wüster Darwinismus, in dem die Stärkeren überleben und die anderen die Geier fressen. Palmetshofers Figuren sind nicht wirklich Herren ihres Lebens, sie sind chronische Verbenverschlucker, als sei ihnen die Tätigkeit aus der Sprache gerutscht – das Vermaledeite an der Gegenwart ist, schreibt der Autor im Programmheft, dass "nichts zu tun bleibt, weil schon alles geschieht."

Verunklarender Hyperaktivismus

So lässt Cilli Drexel ihre überdrehten Zombies entweder Sätze ins Publikum schießen oder aber herumrennen, eine Einbauküche aus Schaumstoffkuben montieren und später durch die Gegend schmeißen. Wirklich schlau aber wird man aus dem Hyperaktivismus nicht, der wirkt, als habe Drexel nicht so recht gewusst, was tun mit dem Text.

So nehmen ihn sich die Schauspieler nach ihrer jeweiligen Fasson, und die klappt denkbar weit auseinander: Karl Walter Sprungala gibt Vater Kurt als Gleichgültigkeitsvertreter, der den Text wegspricht, ohne ihm viel Beachtung zu schenken, während Almut Henken Mutter Caro verkarikiert, indem sie bei jedem Wort Pointen setzt, ob sie nun Sinn machen oder nicht, und mit aufgerissenen Panikkulleraugen in die Welt stiert.

Nadine Schwitters Bine hat sich ein Optimismussiegergrinsen ins Gesicht gesetzt und kiekst und perlt, was das Zeug hält, während Taner Sahintürk, um Realismus bemüht, mit zuckendem Gesicht den Denker Mani mimt.

Herrlich ist Silja von Kriegstein, die die artifizielle Sprache trocken, von ihrer musikalischen Seite greift, und damit gleich zu Beginn zeigt, dass man so viel weiter kommt als mit Psychologisierungsversuchen: Von Kriegstein spricht Danis Monolog über die Unendlichkeit, der Breite nach, nah an der Rampe, in ungeheurem Schnellsprech, rattert die Kaskaden dem Publikum vor den Latz, reißt die Arme hoch und wird von der Schauspielerin zur Leadsängerin – die prompt Szenenapplaus erhält.

So hätte es sein können, voller Abgründe, Sehnsucht und Theorieverdrehungs-schönheiten. Ohne umfassenden Zugriff aber zerfasern und verläppern sich die grandiosen Versprechen und thematischen Schwergewichte von "hamlet ist tot" zwischen Schaumstoff und Achtziger-Jahre-Fummel, zwischen Oberlippenbart und Trekkie-Kapuze.

 

hamlet ist tot. keine schwerkraft
von Ewald Palmetshofer (DEA)
Regie: Cilli Drexel. Bühne und Kostüme: Christina Mrosek. Dramaturgie: Stefanie Gottfried. Mit: Karl Walter Sprungala, Almut Henkel, Tim Egloff, Taner Sahintürk, Silja von Kriegstein, Nadine Schwitter.

www.nationaltheater-mannheim.de


Mehr zu Ewald Palmetshofer können Sie hier lesen, hören und sehen: Über Felicitas Bruckers Uraufführung in Wien und als die Inszenierung bei den Mülheimer Theatertagen 2008 im Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis lief. Andreas Klaeui, der den Dramatiker aus diesem Anlass für uns porträtierte, hat ihn oft das Wort radikal sagen hören und beschreibt in seiner Stückkritik dessen Schwerkraft-Sprache. Und in unserem Mülheimer ruhrpod können Sie Palmetshofer selbst sprechen sehen.

 

Kritikenrundschau

"Überspannt, karikaturistisch, auch oberflächlich, Lebensgefühl-Theater für die 30jährigen, die sich machtlos wähnen", findet Christian Gampert im Deutschlandfunk (21.1.2009). "Palmetshofers steter Wechsel zwischen postmoderner Theoriesprache und Gosse, zwischen Wissenschafts-Slang und Analvokabular kann einem auch auf die Nerven gehen." Cilli Drexel gebe dem Abend jedoch einen schönen Rhythmus. "Sie hält die Dynamik, 80 Minuten lang, sie seziert den verzweifelten Wunsch nach Heimat und Lebens-Sinn, nach politischer Teilhabe, der sich hinter all dem Gezeter ja auch verbirgt." Die Schauspieler seien durchweg virtuos, vor allem die aggressiv-anrührende Silja von Kriegstein. Und so ist der Rezensent auch wieder mit Palmetshofer versöhnt. "Man wird noch von ihm hören - er ist in Wahrheit ein etwas ruppiger Theologe, der immer noch den lieben Gott sucht, aber nur postmoderne Theorie zum Verdauen vorfindet."

"Was Palmetshofer, mitunter brillant formuliert, oft erbarmungslos herausschleudert, wirkt wie die Bestandsaufnahme einer jüngeren Generation, der das Leben immerzu wegläuft", schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (22.1.2009). Regisseurin Cilli Drexel habe auf diese hochartifiziellen Sprach- und Ekelwallungen mit verteilten Sprecherrollen witzig reagiert, sie einfallsreich garniert und "mit einer extrem dynamischen Spielweise dafür gesorgt, dass aus dem Unglück verfehlter Daseinsfreuden nicht der saure Kitsch psychopathologischer Fallstudien wird". Wer vom Theater allerdings mehr erwarte, "den detailfreudigen Blick auf die Figur, das Spiel mit überraschenden Ideen, spannende Dialoge, das Unbedingte jenseits der Routine, den Tiefsinn", werde enttäuscht, so der Rezensent, "in dieser Hinsicht verrät der Text Palmetshofers wenig Bewegung. Vermutlich zu wenig Schwerkraft."

 

 
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