Lottoscheine im Park

von Ute Grundmann

Dresden, 7. März 2009. Die Verwundungen des Soldaten werden mit weißem Klebeband auf seinem schwarzen, zivilen Anzug markiert. So wird sichtbar gemacht, worüber er nicht sprechen kann und vielleicht können die äußeren Verletzungen irgendwann geheilt werden. Doch was ist mit den inneren Versehrungen, was kann ein anderer darüber wissen, was können (Trost-)Worte bewirken.

Das sind nur einige der Fragen, die Dea Loher in ihrem Stück "Das letzte Feuer" dem Zuschauer stellt. 2008 uraufgeführt und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, ist es jetzt auch im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels zu sehen, in einem ziemlich wilden Mix aus Musik, Comedy, Aufsage- und anrührendem Theater.

Konstellationen und Allianzen
Das Bühnenbild von Dirk Thiele signalisiert Umbau, Umbruch: Tapeziertische, ausgehängte Türen, Teppichrollen, Hocker, ein Plüschpanda und eine Porzellankatze, und das alles vor einer geschwungenen Plane, die wie das Stück die Farbe wechselt. Diesen chaotischen Raum betreten nach- und miteinander die Schauspieler, nehmen Aufstellung und beginnen sich zu erinnern. Immer wieder neu ansetzend, sich oder die anderen korrigierend, setzen sie jene Szene des Unfalls zusammen, bei dem der kleine Edgar ums Leben kam. Noch sind sie scheinbar distanzierte Erzähler, doch schnell ballen sie sich zur Gaffergruppe, die in den Zuschauerraum wie auf den Unfallort starren.

Aus den vielen Ichs wird dann in Niklaus Helblings Inszenierung immer mal wieder eine Gruppe auf Zeit, bildet sich ein brüchiges "Wir", das dann bald neue Konstellationen und Allianzen eingeht. So darf (fast) jeder mal Edgars alzheimerkranke Oma spielen, die im Schaumbad abgeschrubbt wird – Helbling lässt diese dreimal gespielte Szene von links nach rechts über die Bühne wandern. Brille, Perücke, Bademantel reichen zur Charakterisierung der Figur und den Schaum zum Bad gibt es aus der Tüte.

So wie hier ist und spielt die Inszenierung immer auch deutlich Theater und das chaotische Bühnenbild wird zum Materiallager für das Ensemble. Für das Zimmer, in dem Karoline (Anya Fischer) und Rabe (Philipp Lux) sich treffen, reicht als Symbol eine Tür, die aber immer einer festhalten muss. Und wollen Rabe und Susanne (Friederike Tiefenbacher) eine Bootsfahrt machen, stellen die anderen einen umgekehrten Tisch auf Papprollen und "bewegen" das Boot fort.

Aus Erinnernden werden Erzählende
Das gibt der 90minütigen Inszenierung immer auch etwas Improvisiertes, während sie gleichzeitig einer genauen Choreografie zu folgen scheint. Denn aus der Gruppe der Erinnernden des Anfangs werden Einzelne, die ihre Geschichte erzählen, für ihre Verletzungen und Versehrungen einen Zuhörenden finden und wieder verlieren. Der kriegsverletzte Rabe und die brustamputierte Karoline finden in einer kurzen, anrührenden Umarmung zueinander, doch scheinbaren Trost findet er erst bei der Mutter des toten Edgar. Dessen Vater Ludwig (Andreas Schröders) versucht, sein Los zu meistern, in dem er für andere Menschen Schicksal spielt: Er verstreut seine Lottoscheine im Park, damit andere zu Gewinnern werden.

Doch diese Szene wird, mit Mikro in der Hand, zum Aufsagetheater, in dem dem Publikum etwas erzählt, aber nicht gespielt wird. Und auch die Wandlung der Polizistin von der Aufklärerin zur – vielleicht – Verursacherin des Unfalls des kleinen Jungen und schließlich zur Terroristin wird mehr aufgesagt als entwickelt. So wechseln dichte mit überdrehten Szenen, HipHop-Tanz mit geflüstertem Schmerz, Komisches mit Verstörendem – zu einem Theaterabend, der kurz, aber nicht schmerzlos ist.


Das letzte Feuer
von Dea Loher
Regie: Niklaus Helbling, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Judith Steinmann, Dramaturgie: Stephan Wetzel. Darsteller: Friederike Tiefenbacher, Andreas Schröders, Franziska Beyer, Anya Fischer, Johannes Geißer, Mario Grünewald, Philipp Lux.

www.staatsschauspiel-dresden.de


Mehr lesen? Andreas Kriegenburg inszenierte 2008 am Hamburger Thalia-Theater die Uraufführung des Stücks, das nicht nur den Mülheimer Dramatikerpreis gewann, sondern auch mit dem Faust-Theaterpreis ausgezeichnet wurde. Im Herbst 2008 inszenierte Tobias Wellemeyer Das letzte Feuer in Magdeburg.

Kritikenrundschau

Wegen der permanenten Ensemble-Präsenz auf der Bühne sehe Dea Lohers "Das letzte Feuer" in Nikluas Helblings Dresdner Inszenierung "gewöhnungsbedürftig" aus, schreibt Torsten Klaus in den Dresdner Neuen Nachrichten (9.3.2009), schiebt indes gleich nach: "Aber das Gewöhnen lohnt sich." Sei einmal die Betriebstemperatur erreicht, bleibe "die Dichte des Gezeigten immer deutlich über Normal-Null. Das Bühnengeschehen, die Art des Erzählens geben somit einer nicht ungewöhnlichen Geschichte außergewöhnliches Format." Das Stück enthalte zwar "kaum neue dramatische Geistesblitze", doch vor allem "die ungeheuer poetische Bühnensprache" sei ein Zeichen für dessen Qualität. Lohers Lust am Theater lasse "die Fragen von Schuld und Scheitern in einen dichten Text fließen, den die Akteure mit Lust" umsetzten.

Albtraumhafte Schicksale und Horrorszenen, wie sie Dea Loher in "Das letzte Feuer" entwerfe, seien "heikel auf der Theaterbühne", meint Jacqueline Rau in der Sächsischen Zeitung (9.3.2009). "Denn wer Gruselgeschichten mag, findet sie zur Genüge im Fernsehprogramm." Niklaus Helbling gelinge es aber "sehr gut, dem Stück die Härte zu nehmen und doch betroffen zu machen." Von den Schauspielern falle vor allem Philipp Lux durch sein "punktgenaues Spiel" auf.

 
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