Wo die Kauflust rauscht

von Kartrin Ullmann

Hamburg, 21. März 2009. "Ich will es ein bisschen so, wie es sein soll, ich will es ein bisschen wie im Fernsehen", sagt Jess (Susanne Wolff) gegen Stückende. Da ist sie frisch verheiratet, glücklich und vor allem zuversichtlich. Dieses Ende ist der Beginn, ist der glückliche Anfang einer Beziehung, deren Liebe am (fehlenden) Geld scheitern wird. Tatsächlich erzählt der britische Dramatiker Dennis Kelly in "Liebe und Geld" die Geschichte von David und Jess nur ein bisschen rückwärts, das kapitalismuskritische Krisendrama ist voller Zeitsprünge. Sicher ist nur: Das Glück steht am Ende, der Schrecken am Anfang.

Von diesem Schrecken erzählt David (Daniel Hoevels) zunächst in Form einer Email-Korrespondenz. Einer französischen Geschäftspartnerin schreibt er von seiner Frau. Von ihrem Selbstmord, bei dem er schließlich nachgeholfen hat. Denn mit seiner Frau Jess starben auch 70.000 Pfund Schulden, rückte der Traum vom Ford Mondeo damit in greifbare Nähe.

Im Brautkleid nach Pizzakartons fischen

Während er von seinen Grausamkeiten erzählt, stromert Daniel Hoevels durch sein enges Minireihenhaus – für das Hamburger Thalia Thater haben Katja Haß und Oliver Helf eine weiße, skelettartige Anmutung desselben entworfen. Hoevels guckt verwegen, klettert und bereitet sich schließlich ein Rührei-Sandwich. Seine Stimme ist warm und ruhig. All zu beiläufig erzählt er von seiner grausamen Tat. Jess ist währenddessen – genauso wie die restlichen Figuren des Stücks – ebenfalls auf der Bühne. Im weißen Brautkleid turnt sie durch das Hausgerüst, fischt nach Pizzakartons und liegen gebliebene Socken.

Es folgen lose Szenen mit Bekannten, Eltern und der Exfreundin. Alle angesiedelt rund um den Tod von Jess. Alle durchsetzt von dem Thema Liebe und Geld und vor allem davon, wie das Geld die Liebe zerstört. Damit der Zuschauer in den knappen Dialogszenen den Faden nicht verliert, lässt Regisseur Stephan Kimmig seine Darsteller die entsprechenden zeitlichen Orientierungspunkte ansagen. Nach und nach stellt sich heraus, dass Jess kaufsüchtig ist und damit sich und ihren Mann in eine tiefe Schuldenfalle stürzt

Existenzielle Not des Charmeboys

David erniedrigt sich daraufhin für einen Lagerjob bei seiner Ex (Victoria Trauttmansdorff), die ihm lapidar zu einem besser bezahlten Blow-job rät. Natürlich ist David auch recht verzweifelt, bevor er seine Frau ermordet. Doch so richtig kauft man Daniel Hoevels die seelischen Abgründe seiner Figur nicht ab. Kimmig gewährt ihm zu viel boy charme und lässige Hugh-Grant-Attitude, als dass man ihm seine innere Leidenschaft und seine existenzielle Not glauben mag.

Insgesamt kommt Kimmigs Interpretation dieses auf die Krise zielenden, harten Gegenwartsstücks recht harmlos daher, lassen einen die darin verhandelten Schicksale und Ereignisse seltsam unberührt. Fast teilnahmslos wirkt Kimmigs Blick auf die Figuren: hilflos gruppiert und sortiert er sie um, vor und in das weiße Wohngerüst. Wenige Szenen – etwa wenn die Eltern der verstorbenen Jess (Sandra Flubacher und Stephan Schad) von ihrer Denkmalschändung als Friedhofsrache erzählen – haben Rhythmus, Spannung und Format. Dann wird die Situation zynisch und roh, eklig und ein bisschen pervers.

Sehnsucht nach Taschen und Schuhen

Natürlich rettet Susanne Wolff den stockenden Abend auch ein bisschen. Zumindest dann, wenn sie sich endlich aus ihrer turnenden, stummen Rolle in zwei große Dialoge ergießen darf. Da steht sie vorn an der Bühnenrampe, mit hängenden Armen und gesenkten Kopf. Schuldbewusst schwärmt sie von Taschen und Schuhen, nach denen sie sich sehnt, und gesteht mit kippender, berührender Stimme ihre heimliche Kauflust, die zur Sucht geworden ist.

Insgesamt nähert sich Stephan Kimmig zu vage dem ohnehin schon sehr skizzenhaften Stück, als ob er sich nicht entscheiden könne, zwischen psychologischer Figurenzeichnung und greller, klischeehafter Übertreibung. So bleibt der Abend – trotz Velvet Underground und mädchenhafter Brit-Pop-Tristesse – recht distanziert und belanglos.

Warum, fragt man sich, wollte Kimmig das Stück eigentlich inszenieren? Aus Liebe oder Geld?


Liebe und Geld
von Dennis Kelly, Übersetzung von John Birke
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Oliver Helf, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec. Mit: Daniel Hoevels, Susanne Wolff, Victoria Trauttmansdorff, Sandra Flubacher, Stephan Schad, Harmut Schories.

www.thalia-theater.de


Mehr lesen? Im Dezember 2008 inszenierte Stephan Kimmig am Wiener Burgtheater William Shakespeares Macbeth. Am Thalia Theater in Hamburg kam im November 2008 Ödön von Horváths Kasimir und Karoline heraus.

 

Kritikenrundschau

Werner Theurich konnte auf Spiegel-Online (22.3.) diesem "Schwarz-humorig düsteren Bilderbogen" über Liebe in Zeiten des Kaufzwangs einiges abgewinnen, wenngleich das "verschachtelte Sozialdrama" und seine Charaktere ihm mitunter auch etwas reißbrettartig vorkamen. Fazit: "Solides Rampentheater: Ein wenig wie aus dem Lehrbuch des britischen Sozialdramas, aber gut zu bearbeitende Knetmasse für Schauspieler." Allerdings räumt er auch Vorteile dieser Nummernrevuehaftigkeit ein – dass zum Beispiel "der Zuschauer bei allen Zeitsprüngen und Perspektivwechseln immer auf Augenhöhe der Handlung bleibt." Stephan Kimmig erschien Theurich spürbar von Aktualität und Struktur des Stückes inspiriert, und damit auch der ideale Regisseur dafür zu sein: "Die komplizierte Szenenfolge erforderte eine entschlossene Regie: Genau das Richtige für den ebenso routinierten wie erfolgreichen Kimmig." So wurde es doch ein spannender Theaterabend für Theurich. Von den Schauspielern gefiel ihm speziell Susanne Wolff als "hilflos zerfließende Jess", und erlebte eine "kleine Sternstunde der Wolffschen Schauspielkunst".

Monika Nellissen von der Welt (23.3.) findet den Begriff "Stück" ("im Sinne eines dramaturgisch stringent gebauten Bühnenwerks") im Fall von Dennis Kellys "Liebe und Geld" nicht ganz passend, seien es doch eher "lose, fast willkürlich erscheinende Dialog- und Szenefetzen mit bisweilen metaphysisch verbrämten Gedanken, deren Sinn sich erst nach mehrmaligem Lesen halbwegs erschließt – ohne tieferen Gewinn". Stephan Kimmig und Dramaturg John von Düffel hätten das "episodenhafte Nebeneinander" nun am Thalia-Theater zu einer Geschichte verknüpft, die "immer im direkten Kontakt mit dem Publikum erzählt" werde – "Niemand kann sich gedanklich herausschleichen". Die Schauspieler agierten in dieser "Totentanz"-Choreographie als "stille, verständnisinnig lächelnde Beobachter eines schrecklichen, schrecklich normalen Lebens, das uns mitunter erschreckend unterhaltsam erscheint, weil es in seinem grotesken Zynismus und seinem bitteren Humor alltäglich Menschliches bloßlegt". Dies sei dem Thalia-Team, allen voran Susanne Wolff, zu verdanken, "das mit distanzierendem Augenzwinkern und tatsächlich bewegender Solidarität gegenüber den Rollen Momente schafft, die buchstäblich zu Herzen gehen".

"Dass die Liebe nur solange heiß brennt, wie genügend Kohle da ist", erzähle Kelly mit seinem Sozialdrama "ein bisschen plakativ, platt und skizzenartig", so Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (23.3.). Die Aufführung desselben konnte ihrer Meinung nach bei einem Regisseur mit derart "analytisch-präzisem, psychologischem Blick" wie Kimmig "nur halb gelingen", nämlich bei Inszenierung und den "großartigen Schauspieler". Demgegenüber erschließt sich ihr nicht, warum man dieses Stück aufführt, das bloß "reißbrettartig Szenen eines ökonomischen Niedergangs" vorführe.

"Enttäuschend" findet auch Susann Oberacker von der Hamburger Morgenpost (23.3.) die letzte große Premiere unter Ulrich Khuons Intendanz. Kimmig habe das Stück als "90-minütiges Drämchen" inszeniert und dabei "versucht, Kellys Text-Schnipsel zu einer Geschichte zu fügen". Daniel Hoevels als David bleibe blass. Wenn er "wie nebenbei" vom Tod seiner Frau erzähle, treffe einen das nicht, "weil wir nicht erfahren, wie es dazu kam, dass David so ist, wie er ist". Wolff hingegen überzeuge als verzweifelt Kaufsüchtige. "Doch letztlich berührt auch sie einen nicht – zu sehr bleiben Stück und Inszenierung an der Oberfläche".


Nicht sehr zufrieden ist auch Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (26.3.) Kellys Stück erinnert sie in der "dreckigen Härte", mit der er die "Trostlosigkeit und Verlorenheit in der zivilisierten, degenerierten Welt des Konsums" zusammengestellt hat, an englische Theaterautoren der neunziger Jahren wie Sarah Kane oder Mark Ravenhill. Nur dass bei Dennis Kelly nun nichts mehr an Hoffnung durchschimmere, was selbst bei Sarah Kane noch der Fall gewesen sei. Stephan Kimmigs Inszenierung lasse den Text zwar in seiner Rohheit wirken, schreibt die Kritikerin. Insgesamt hätte sie sich dennoch mehr Vertauen in dieses "well made play der neuen Dekade" gewünscht. Außer einem eher verflachend ordnenden Zugriff, spürt sie große Indifferenz dem Stoff gegenüber.

"So what?" fragt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (26.3.) Bereits vom Stücktext sei die Frage, "ob es sich bei Kellys Stück um guten alten britischen Sozialrealismus handeln soll oder doch eher um eine überdrehte Monsterparade" "vermutlich bewusst" nicht eindeutig beantwortet worden. Kimmigs Regieentscheidung, die extreme Häufung absonderlichen Verhaltens durch eine glaubwürdige Wiedergabe als Gegenwartsporträt zu behaupten, findet er völlig falsch. Denn die bereits im Stück angelegte Gefahr, dass "aus dem Sammelsurium extremer Verhaltensweisen kein Ganzes, sondern eine Szenenaufzählung entsteht", erfüllt sich in Stephan Kimmigs Inszenierung für ihn dann leider bis zur Langeweile. Hinter all denn nicht sehr spektakuulären Einzelfällen, in die die Inszenierung aus Brieglebs Sicht zerfällt, wird dann für ihn lediglich die dünne These sichtbar, "dass die kapitalistische Leistungs- und Konsumgesellschaft die menschlichen Beziehungen zerstört", die der Kritiker allerdings mit nichten abendfüllend findet.

 

 

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