Die Zuneigung zum Leben

von Simone Kaempf

Hannover, 18. Juni 2007. Ist er es? Er muss es sein. Jewgenij Grischkowez hat noch gar nichts getan. Nur den ersten Satz gesagt. Aber das Publikum, und es sind viele Russen darunter, lacht schallend! Es ist für Jewgenij Grischkowez, den Performer, Stand-up-Komödianten und Geschichtenerzähler, sofort ein Heimspiel beim Festival Theaterformen.

Dabei wirkt er zunächst nur wie derjenige, der in der Voransage bittet, das Handy auszuschalten, und alle Russen im Saal instruiert, "auf die deutsche Übersetzung zu warten und dann zu lachen". Aber der Saal tobt schon, als der Abend noch keine drei Minuten läuft. Grischkowez ist der beste Stimmungsmacher für sich selbst. Bereitet sich selbst den komischen Rahmen, um seine traurigen und makabren Geschichten zu erzählen: von modernen Vergiftungs-Methoden, klappernden Skeletten und Familiengrüften, deren Türen sich von innen nicht öffnen lassen, "weil ein Rein und Raus nicht vorgesehen ist."

Stehen zwei Russen auf der Bühne und...

Wahrscheinlich ist die Geschichte einer lebendig Begrabenen noch nie so witzig erzählt worden wie hier. Da ist ihr Tod selbst, "die Temperatur ging hoch, dann sofort runter". Das Aufwachen im Grab, das Klopfen an die Tür. Dann stellt sich Grischkowez vor, wie die Frau schlagartig begreift, dass sich draußen niemand um ein Familiengrab schert, aus dem man Geräusche hört. "Was tat sie? Sie starb sofort."

Von solch überraschenden Wendungen und Perspektiv-Wechseln lebt "Nach Poe". Der Abend hat eine widerständige Note, trotz der Massentauglichkeit und der Aufmerksamkeit erregenden Besetzung. Denn in "Nach Poe" steht Grischkowez zusammen mit Alexander Zekalo, einem russischen Unterhaltungskünstler, auf der Bühne. Die Ursprungsidee lautete, dass beide sich die Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe nacherzählen, und zwar so, wie sie sie aus der Kindheit in Erinnerung haben. Angeblich war das Nachlesen während der Proben streng verboten.

Als Folge werden die Geschichten frei ausgeschmückt, mit viel Liebe zum Detail und mit Gespür dafür, in den kleinsten Winkeln einer Geschichte etwas über die große Welt zu erzählen. Da ist von einem Friedhofswärter die Rede, der sich nicht wundert, dass jemand mit einem Spaten in der Hand nach frischen Gräbern fragt, aber nicht versteht, was er mit der Schere will. Es gibt vier britische Ingenieure, die mit ihrem Heißluftballon über den Ärmelkanal nach England fliegen wollen und schließlich in Amerika landen.

Im alltäglichen Plauderton, wie zwei Nachbarn, die sich am Gartenzaun treffen, spinnen Grischkowez und Zekalo ihre Geschichten aus. Manchmal liegen sie auch wie ein Liebespaar auf dem Boden, der eine den Kopf im Schoß des anderen. Im alltäglichen Ton öffnen sie einem die Welt des Phantastischen. Aber egal, wie fabuliert die vielen Details über den Tod sind, die Zuneigung zum Leben nimmt man ihnen ab.

Der Turmbau zu Babel als Puzzle

Der Abend ist so allgemein ins Menschliche gerichtet, das jede Politik und jede Gesellschaft gemeint sein kann. Was "Nach Poe" zu einem beliebten internationalen Festivalbeitrag macht. Ins Programm der Theaterformen passt er jedenfalls vorzüglich. Denn während in "Nach Poe" jedes Detail ein Puzzlestück in einem Weltgefüge abgibt, ist genau dieser Zusammenhang in Simon Stephens' "Pornographie", uraufgeführt von Sebastian Nübling, abhanden gekommen.

Aus sieben Monologen besteht Stephens' Stück, von sieben bis eins wie ein Countdown heruntergezählt. Fiktionale Texte, die alle an jenen Tagen im Juli 2005 spielen, als in London nach dem Live 8-Konzert und dem Olympiazuschlag bei Terroranschlägen 52 Menschen ums Leben kamen. Es geht um den Einbruch der Gewalt, aber vor allem um eine Veränderung der Wahrnehmung durch die Anschläge: als sei etwas auseinandergesprengt, und jeder stehe jetzt allein da. Als würde die Verwirrung darüber eine neue Einsamkeit hervorbringen.

Aus tausenden Einzelteilen besteht auch Muriel Gerstners Bühnenbild: ein Gemälde des Turmbaus zu Babel als Puzzle auf der ganzen hinteren Bühnenwand. Viele Teile fehlen und haben Lücken hinterlassen wie die Flugzeugeinschläge in den Twin Towers. Die fehlenden Puzzlestücke liegen wie Trümmer auf der Bühne verteilt. Die Schauspieler sammeln, sortieren, puzzeln, aber das Zerstörende und das Aufbauende fallen zusammen, weil immer einer ausschert: in einen Wutanfall, der alles wieder kaputt macht.

Stephens' Monologe (deutsch von Barbara Christ) sind eigentlich der schwächere Teil des Abends. Es bilden sich flüchtige Figurenkonstellationen. Eine Frau trifft sich mit ihrem ehemaligen Professor und strippt für ihn, damit er ihr zu einem Job verhilft. Ein Junge schläft stockbesoffen mit seinem Bruder, die gealterte Journalistin klingelt bei wildfremden Menschen, weil sie der Grillgeruch aus dem Garten angezogen hat. Sprache entpuppt sich als Ergebnis einer babylonischen Verwirrung, die Menschen mehr isoliert als verbindet.

Dennoch leiden die Texte unter erheblichen Längen. Nüblings starke äußere Akzente sind notwendig, um den Abend zuzuspitzen, und er findet Bilder von beklemmender Wucht: Einmal räumen die Schauspieler den Blick frei auf das Gemälde, betrachten das Werk, das sie geschaffen haben, den durchlöcherten Turm zu Babel. Davor steht auf der Bühne eine leere Reisetasche. Einer von ihresgleichen hat sie dort abgestellt. Die anderen können nur dasitzen und zusehen, wie der Evangelist Johannes einst der Apokalypse. Schlussbild eines beeindruckenden Abends, der sehr real erzählt von Lähmungen und Verwirrungen unser Zeit.

 

Pornographie
von Simon Stephens, Deutsch von Barbara Christ
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Muriel Gerstner und Jean Marc Desbonnets, Kostüme: Marion Münch, Musik: Lars Wittershagen. Mit: Sonja Beißwenger, Christoph Franken, Peter Knaack, Angela Müthel, Jana Schulz, Monique Schwitter, Daniel Wahl, Samuel Weiss.

www.schauspielhannover.de

 

Kritikenrundschau

In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (18.6.2007) erläutert Ronald Meyer-Arlt nüchtern und sachdienlich, um was es sich handelt (Historie, Dramaturgie, Auftragsarbeit für das Hamburger Schauspielhaus, direkt für Nübling geschrieben, Koproduktion mit Schauspiel Hannover und Theaterformen...) und sagt ganz deutlich über Stück und Inszenierung: "Es ist eine ziemliche Anstrengung." So ein Schicksal nach dem anderen präsentiert zu bekommen. Doch man würde durch einige schöne Schauspielleistungen belohnt: von Samuel Weiss, Peter Knaack, Monique Schwitter, Christoph Franken und Daniel Wahl.

Irene Bazinger in der FAZ (18.6.2007) hat das Stück im Verdacht, seinen Titel aus Werbezwecken zu tragen und wird der Sache auch sonst nicht froh. Auf die Selbstmordattentate im Juli 2005 werde mit den sieben Episoden nur in Form eines "spekulativ zusammengereimten Fleckerlteppichs" verwiesen: "bisweilen schwer verkitschte Fragmente", die irgendwie die "gruselige Belanglosigkeit der menschlichen Existenz" belegen sollen. Der "emsige Turnvater" Nübling ließe dazu in die Hände spucken und Brueghels "Turmbau zu Babel"-Puzzle ("in der Rotterdamer Version" – auf die FAZ ist Verlass!) so heimwerkerfreudig restaurieren, als handle es sich um die Werbung einer Baumarktkette. "Sauber, Männer!"

Ganz anders Peter Iden in der Frankfurter Rundschau (18.6.2007). Er erklärt länglich, inwiefern Pornographie "für Stephens ein Merkmal gegenwärtiger Erfahrung der Welt" sei. An den Episoden selbst hat er nichts Generelles auszusetzen, sondern hält sie, fast etwas andächtig, für "individuelle Regungen mit für die Umgebung aufstörenden Konsequenzen". Von Nübling "vorzüglich" interpretiert. Von dem "enormen Innendruck der Texte" habe die Aufführung viel erfasst. "Die Spannung, die davon ausgeht, ist nachhaltig (...)".

In ihrer Ausgabe vom 20.6.2007 klappt die taz nach. Hans-Christoph Zimmermann zeigt sich beeindruckt: "Was sich wie eine Ansammlung atmosphärischer Fragmente anhört, entpuppt sich in Stefan (sic!) Nüblings Inszenierung als seismografische Bestandsaufnahme westlicher Kultur." Ohne "apokalyptisch auftrumpfenden Ton" erzähle er von "Machtmissbrauch, Inzest, Verrat, Hass, Mord, Einsamkeit." Und davon, dass der Attentäter Teild er Gesellschaft sei. Außerdem gibt Zimmermann einen Überblick über das restliche Festival, das seinem Namen alle Ehre mache und zwischen Zirkus und "wundersamer Stadtraumexpedition" ein breites Spektrum von Theaterformen zeige.

Roland Müller in Die Zeit (21.6.2007) ärgert sich (ja nicht als einziger) über den "grellen Titel des Stückes. Stephens' Definition von "Pornographie" sei so weit gefasst, dass jedes zweite Gegenwartsdrama so heißen müsste. Der Text selbst aber scheint ihn beeindruckt zu haben: "Die fiebrig nervösen, aggressiv angespannten, melancholisch abgeklärten Menschen heizen sich bis zu jenem Punkt auf, an dem sie absichtsvoll gegen kulturelle Regeln verstoßen." Sebastian Nübling habe das "kongenial" inszeniert. Sinnfällig werde: "Wir brauchen keine Terroristen, wir arbeiten selbst an unserer Auslöschung, emsig wie die Babylonier, die einst Gott im Himmel herausfordern wollten."

In der Ausgabe vom 22.6.2007 zieht Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung schon einmal eine Bilanz des gesamten Festivals. Die Theaterformen "werden ein Erfolg gewesen sein." Dössel lobt die Inszenierung der australischen Gruppe back to back theatre, die eine "ganz besonders einnehmende Form des Straßentheaters" machen, "Theatre to go, ein Theater im Vorübergehen, unspektakulär, leise, flüchtig". Simon Stephens' Stücktext "Pornographie" hält sie zwar nicht für aufwühlend, "das Stück tut viel tiefgründiger, als es ist". Umso bemerkenswerter findet sie, was Sebastian Nübling daraus macht, "wie er den Miniaturen ein Weltbild und einen großen Assoziationsraum schafft, sie einbettet in die, ja, Menschheitsgeschichte - und dabei trotzdem ungemein lässig bleibt." Insgesamt ein sachlich gehaltenes Lob für den Abend: "Es ist eine konzentrierte, intime, fast meditative Atmosphäre, die dabei entsteht."

 
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