Blubbern in der Bürgerwertewelt

von Dirk Pilz

Berlin, 12. Juni 2009. Und jetzt? Was war denn das? War überhaupt was, oder war das nur ein einziges Bilder- und Szenenblubbern?

Zwei Stunden schnurrte die Regietheatermaschine, sprudelten die Szeneneinfälle, Ideen, Musiken über die Bühne, und doch hat bereits eine Stunde nach der Premiere hartnäckiges Vergessen eingesetzt. Wie war der Anfang noch mal? Eine Tafel war. Schüler in bunten Westen standen davor. Ein Film flimmerte. Schillers "Jungfrau von Orleans" wurde zitiert. Und dann?

Zwei Stunden später füllt ein raffiniert gebasteltes Video die Tafel. Bunte Insekten sind zu sehen, sie verwandeln sich in lustige Autos, die Autos werden zu Flugzeugen, die Flugzeuge werfen Bomben. Es kracht und knallt und schießt bis es dunkel ist. Der Schlagzeuger tippt noch einen hellen Ton in die Schwärze, danach ist das Spiel aus.

Der Professor fällt, die Doppelmoral bleibt

Krieg. Am Ende läuft es also auf Krieg hinaus. Darauf hat es Sebastian Baumgarten angelegt: auf das Kriegsfinale, die Droh- und Warngeste. Sieh da!, sieh da!, die Katastrophe naht!, ruft uns dieser Abend fortwährend entgegen. Kassandras Kinder haben immer recht, denn Katastrophen sind stets zu erwarten, so oder so.

Und jetzt? Braucht es dafür dieses Buchbearbeitungstheater?

Das Buch ist "Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen" von Heinrich Mann, erschienen 1905. Es ist ein Roman über den Gymnasialprofessor Emanuel Raat, der fest an die bürgerlichen Werte seiner Zeit glaubt. "Nur Freundschaften und klassische Literatur sind das Wahre", sagt er. Seine Schüler aber schimpfen ihn Unrat, schleichen sich zu Fräulein Rosa Fröhlich in den "Blauen Engel", verachten, verhöhnen, verlachen des Professors brüchige Wertewelt. Der Professor zürnt, der Professor will Fräulein Fröhlich aus dem Blickfeld der Schüler räumen – und verfällt ihr. Himmelt sie an, steigt ihr nach, hält sie aus, heiratet sie. Der Professor stürzt, wird kriminell, verhaftet und verspottet. Der Einzelne sinkt, die doppelmoralische Bürgerwelt bleibt bestehen. Das ist Heinrich Manns böse Pointe: die alles und jeden erfassende Katastrophe findet nicht statt.

Diese Pointe ist gestrichen. Statt dessen: Krieg. Die Bürgerwelt fällt, die Katastrophe tritt ein. Das Finale dieses Abends ist ein lautes Ausrufezeichen hinter ein raunendes Andeuten auf – ja welche Katastrophe wird hier eigentlich beschworen? Erster Weltkrieg? Faschismus? Terrorismus? Irgendeine dunkle Zukunft jedenfalls.

Regietheaterornamente um eine leere Mitte

Sebastian Baumgarten erzählt den Fall Unrat und streicht die Fallhöhe. Sein Professor ist bei Andreas Leupold kaum als hartherzig verbitterter Tyrann eingeführt, da strudelt er schon. Seine Rosa Fröhlich braucht bei Kathrin Angerer keine zwei halbe Blicke, schon ist ihr der Professor erlegen. Seine Schülerschar ist mit Anika Baumann, Johann Jürgens und Stefan Konarske ein fiebrig aufgekratztes Trio, ganz gleich in welcher Situation es steckt.

Jede und jeder hat bei Baumgarten seine Momente. Der eine beim Badespaß in der Wanne, die andere mit Sektglas in der Hand. Schön die rauchende Angerer auf dem Teppich, wenn sie über nervende Kinder schimpft, noch schöner, wenn sie rauchend auf dem Stuhl hockt und Marlene Dietrich eine kurze Referenz erweist: "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt." Fast immer schön auch der Live-Soundtrack des "Nie Da Landen"-Trios, hoch oben auf einer Drehbühnenbox. Wäre alles allerdings auch ohne das Brimborium ringsum hübsch anzuschauen.

Diese Inszenierung hat, so gesehen, hohe Wurschtelqualitäten – sie hangelt sich geschickt und handwerklich einfallsreich von Szene zu Szene. Die Romanhandlung bleibt in groben Zügen erhalten, zwischendurch setzt die Regie einzelne Deutungstupfer. Kathrin Angerer switcht zeitweilig in die Rolle der Johanna von Orleans, Andreas Leupold präsentiert einen "Hottentotten"-Film. Beides vermag viel zu bedeuten, vor allem viel Vages. Wer auf Katastrophe gestimmt ist, wird überall Katastrophensignale finden. Bei Schiller und Heinrich Mann, in der einstigen Bürgerwertewelt und in der Gegenwart, im Theater und im "Blauen Engel".

Und jetzt?

Dieser Abend flicht lauter Regietheaterornamente um eine leere Mitte, weil alles im Dienste des Schlussknalleffektes steht. Den Roman oder die Gegenwart aufschließende Kraft hat er damit nicht. Oder ist das Entscheidende schon dem Vergessen zum Opfer gefallen?

 

Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen
Roman-Revue nach Heinrich Mann in einer Theaterfassung von Sebastian Baumgarten und Carmen Wolfram
Regie: Sebastian Baumgarten, Kamposition/musikalische Leitung: Christoph Clöser, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ellen Hofmann, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Andreas Leupold, Kathrin Angerer, Stefan Konarske, Anika Baumann, Johann Jürgens, Ruth Reinecke, Gunnar Teuber, Leon Ullrich. Nie Da Landen: Christoph Clöser (E-Piano, Klavier, Vibrafon), Oliver Brand (Schlagzeug), Jens Massel (Bass).

www.gorki.de

 

Mehr lesen? Im Dezember 2008 inszenierte Sebastian Baumgarten in Frankfurt eine kolonialismuskritische Lesart von Albert Camus Der Fremde. Im September 2008 verband er in Berlins Komischer Oper Mozarts Requiem und Gespräche mit Sterbenden.

 

Kritikenrundschau

Vor kurzem wurde im Gorki schon einmal ein Mann-Roman auf die Bühnen-Bretter gezwungen, holt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (14.6.) aus. Aber wenigstens wäre klar gewesen, was Stefan Bachmann mit Thomas Manns "Zauberberg" wollte. "Professor Unrat" aber spiele, "statt in der reflexiven Höhe eines Schweizer Bergsanatoriums, in den geschlechtlichen Niederungen einer deutschen Kleinstadt". Was ihn an der Geschichte des autoritären Lehrers Emanuel Raat interessiere, wisse Sebastian Baumgarten aber ganz und gar nicht. "Uninspiriert schleicht er die Handlung entlang (...) und hascht nach jeder Anspielungsassoziation." Am Ende kommen die Bomber und legen auf der Videoleinwand mit lautem Kawumm eine Kleinstadt in Schutt und Asche. Fazit: "Doppelmoral und Triebunterdrückung führen in den Krieg – das hätte der Schluss wohl behaupten sollen, wenn vorher ein Hauch von beidem zu spüren gewesen wäre."

"Guter Unrat ist teuer" titelt die Rezension von Eleonore Büning, die dem Regisseur für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (14.6.) ins Sprechtheater gefolgt ist. Bei der Commedia-dell'Arte-Ahnengalerie habe Baumgarten eine ganze Tüte Formeln ausgeborgt. Im Text bringe er "schlau und fein, nebst wörtlicher Verwurstung von Roman und Film", noch weitere Original-H.-Mann-Zitate ("Untertan") unter, aber auch Milieuverwandtes vom Kollegen Döblin. "Raffiniert verdichtet ist das Ganze, vollgestopft mit Deutung. Hat viel Tempo, aber wenig Witz. Und der Aufwand (Video, Mikro, Licht, Livemusik, Drehbühne) steht in hartem Widerspruch zu den simpelsten Mitteln (Brecht-Gardine)." Aber auch Büning stellte sich im Laufes des Abends, und zwar "viel zu früh" die Frage, "was uns das angeht".

Hauptdarsteller Andreas Leupold ist nach dem Eindruck von Till Briegleb (Süddeutsche Zeitung, 15.6.) "zweieinhalb Stunden auf der Suche nach einer Zeit, in der seine Geschichte noch glaubwürdig wäre". Im "permanenten Kompromiss" zwischen Mann'scher Autoritätsperson und "modernen Erfahrungen von überforderten Pädagogen", bleibe dieser Professor eine "konfuse Erscheinung ohne fassbare Eigenschaften", dessen "Rache-Manie" überdies "ohne einen konkreten geschichtlichen Sittenkodex (...) weder plausibel noch zwingend" sei. Das Problem der Haltungslosigkeit habe auch der Regisseur, der "an der Oberfläche stilistisch frei" herumillustriere, "was er unter dem bildlichen Zusammenhang von Krieg und Gesellschaft versteht"; jeder konkrete geschichtliche Bezug verliere sich "in Andeutungs-Hopping". Derart "vollgestopft mit zufälligen Ideen" erzähle diese "Geschichte vom 'Ende eines Tyrannen' nur vom tyrannischen Zeichenkonsum". Immerhin verführe Kathrin Angerer "ein wenig zu Aufmerksamkeit", ebenso wie Stefan Konarske "Momente von Konzentration im Abgas der Einfälle" schaffe.

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (15.6.) macht der Abend "melancholisch": weil er viel Erwartungsfreude produziere (Baumgarten, Angerer, guter Stoff, Gorki-Theater) und dann der Knoten einfach nicht platze. "Das von der Wirklichkeit abgeschlagene sittliche Gefüge", das bei Mann am Beispiel Professor Unrats zusammenbreche, sei "vergleichbar mit unseren zur lieben Gewohnheit gewordenen materiellen Lebensstandards, die angesichts der haltlosen Verschuldung und der ungerechten Verteilung der Werte in der Welt absolut unbegründet sind und irgendwann, nein: bald, von der Wirklichkeit eingeholt werden. Was bleibt vom Menschen und von seiner Identität übrig nach den zu erwartenden Niederwürfen und Umbrüchen?" Diese des Kritikers "davongaloppierte Interpretation" lasse sich allerdings "kaum auf das Theatererlebnis zurückführen". Denn dort verpufften Baumgartens "assoziative Denkanstöße (...) als mal mehr, mal weniger unterhaltsame Regie-Einfall-Kompositionen und Schauspiel-Nummern". "So schön solches Arrangement der Zeichen ist, es kann einfach zu viel auf einmal bedeuten." Dramaturgisch funktioniere das Ganze "weder als lockere Zitat-Revue noch als stringente, spannende Erzählung". Dabei hat Seidler durchaus einzelne großartige Schauspieler-Nummern gesehen, Leupold aber fungiere "eher als Vorbereiter für glamouröse Kathrin-Angerer-Auftritte".

 

 

 

 

 
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