Maßstab für Nazi-Witze heute

von Michael Laages

Bochum, 19. Juni 2009. Zugegeben – seit Dani Levy den Führer vor kurzem in die Badewanne setzte und ihn dort aussehen ließ wie Helge Schneider, schien die Debatte beendet. "Frühling für Hitler!", das Musical nach dem Film von Mel Brooks, läuft mit Erfolg in Berlin. Die Amüsierschwelle also hat sich längst verflüchtigt – umso besser darum, auf der Bühne an Zeiten zu erinnern, als Nazis noch nicht so richtig zum Lachen waren. Und Witze darüber nur denen zustanden, die schon genug gelitten hatten.

Mel Brooks hat übrigens 1983 einen Film nachzudrehen versucht, der 1941 wirklich zum Skandal taugte und Provokation pur war - als der Berliner Jude Ernst Lubitsch, Kind aus einer Familie von Schneidern, im Hollywood-Exil "Noch ist Polen nicht verloren" zu inszenieren begann, nach dem Drehbuch des ungarischen Juden Melchior Lengyel.

 

Die Provokation war sehr speziell: Amerika stand noch nicht im Krieg. Im Gegenteil – große Strippenzieher wie der Patriarch der einflussreichen Kennedy-Familie hegten starke Sympathien für das neue deutsche Ordnungsmodell der Friedhofsruhe. Lubitsch und Lengyel rannten überhaupt keine offene Tür ein; der Film musste durchgesetzt werden und hieß nicht umsonst am Ende "Sein oder Nichtsein". Das war weniger verdächtig – und eben kein Auszug aus der Nationalhymne der Polen, sondern Shakespeare.

Komödien-Voraussetzungen

Es ist fatal – wer heute, 67 Jahre nach Fertigstellung dieses Filmes, eine der ja erst in jüngerer Zeit entstandenen Theaterfassungen in den Spielplan nimmt, bräuchte als Einführung eigentlich ein ordentliches Seminar. Kaum je stand ein Film, eine Komödie zumal, derart mittendrin im historischen Prozess seiner (und ihrer) Zeit.

Es ist deswegen nicht nur eine wohlfeile Pointe, wenn der junge Regisseur Henner Kallmeyer die Inszenierung für das Schauspielhaus in Bochum mit dem Auftritt eines Guido-Knopp-Klons eröffnet. Mit all der sahnigen Sülzigkeit des TV-Historikers, der ja noch den Weltuntergang fürs Kaffeekränzchen des Fernsehgemeinde nachstellen würde, suggeriert "das Knopp", dass alles ganz genau so gewesen sein muss damals. Oder eben ganz anders. Genau das ist die Voraussetzung für die Komödie.

Die Film-Story ist weithin bekannt; sie handelt von der kleinen polnischen Theater-Kompanie, die morgens ein Anti-Nazi-Stück mit dem Titel "Gestapo" probt, in der "der Führer" auch persönlich auftritt: in Gestalt des Ensemblekollegen Bronsky. Abends spielt die Truppe "Hamlet".

Und schon aus dem Ungleichgewicht dieser Materialien (Klassiker contra Zeitstück) zieht Lengyels Film-Vorlage (hier in der Bearbeitung des einstigen Heidelberger Dramaturgen Jürgen Hofmann von 1984) eine Menge Witz – denn der "erste Schauspieler" des Hauses, der chronisch in den eigenen Ruhm vernarrte Joseph Tura, will natürlich eigentlich immer nur Shakespeare-Monologe sprechen; damit aber seine Kollegen die dramatischen Verwicklungen zu Kriegsbeginn in Warschau überleben, muss er alle Nazi-Verstellungen perfektionieren, die ihm das "Gestapo"-Stück abverlangte, das ihn zuvor doch eher gelangweilt hatte.

Schuuuuulz!!!!

Hofmanns Stück folgt dem Film so weit es eben geht; nur für den Top-Coup des Films, den Auftritt des Kleindarstellers Bronsky in derart täuschend perfekter Hitler-Maske, dass ihm die komplette Entourage der braunen Killer gehorcht, musste eine "Übersetzung" her. Bei Hofmann rettet der echt falsche Hitler die von polnischen Widerständlern wie deutschen Ober-Nazis heftigst umworbene Tura-Gattin Maria vor dem schon in Liebesbrunst erblühenden Gruppenführer Erhardt, "Konzentrationslager-Erhardt", der immer (und auch, als nach dieser Niederlage sein Selbstmord-Revolver nicht funktioniert) nach seinem Vorzimmer-Sklaven "Schuuuuuulz!" schreit.

Entscheidend für jede Bühnenfassung ist das Tempo – Kallmeyer setzt es sehr schnell sehr hoch an, entfesselt auf Franziska Gebhardts Vorderbühne-Hinterbühne-Konstruktion in Form des eines liegenden "S" von "SS" eine Orgie des Tür-auf-Tür-zu-Geklappers, bei dem der Ton kaum mitkommt in der Premiere.

Derart atemlos geht’s zu, dass die Drehbühne gelegentlich, und wie zum Verschnaufen, leer dreht oder eine Füllsel-Szene zeigt – in der etwa Sklave Schulz sich geißelt und seinen Rücken ein Hakenkreuz ziert - geschenkt.

Der rasante Abend ist eigentlich reich an Ideen, und womöglich hätte er sogar den Verzicht auf die Pause vertragen. Das Bochumer Ensemble jedenfalls, vorneweg Bernd Rademacher, schon öfter der große Komödiant des Hauses, hält Tempo und Timing weithin brillant. In der kommenden Spielzeit kommt "Sein oder Nichtsein" übrigens auch in Berlin auf die Bühne, im November inszeniert Zürichs Neumarkt-Chef Rafael Sanchez am neuen Deutschen Theater. Kallmeyer setzt in Bochum (und zur Eröffnung des spielzeitbeschließenden Festivals "Bretter, die die Zeit verleugnen") fürs erste einen Maßstab für zeitgenössischen Nazi-Witz.

 

Sein oder Nichtsein oder Noch ist Polen nicht verloren
von Jürgen Hofmann nach Melchior Lengyel
Regie: Henner Kallmeyer, Bühne: Franziska Gebhardt, Kostüme: Silke Rekort.
Mit: Bernd Rademacher, Veronika Nickl, Christoph Jöde, Martin Bretschneider, Maximilian Strestnik, Benno Ifland, Anna Staab, Andreas Bittl, Henning Hartmann, Ronny Miersch, Sebastian Zumpe.

www.schauspielhaus-bochum.de

 

Kritikenrundschau

Das K15-Festivals in Bochum begann in Werner Streletz' Augen "vielversprechend", u.a. dank "Sein oder Nichtsein". In der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (22.6.2009) schreibt er: "Regisseur Henner Kallmeyer versucht Distanz zu schaffen, indem er zunächst einen Schauspieler als ZDF-History-Fachmann Guido Knopp auftreten lässt. Dadurch soll wohl gekennzeichnet werden, dass die nun folgende burleske Handlung nachgestellt, in Szene gesetzt ist." Die "patente Inszenierung" sei "durchaus schräg angelegt, ohne jedoch das Klamottige überzubetonen". Ein "Rest von Eigentümlichkeit" bleibe den Figuren, sie würden "nicht vollständig an die Karikatur verkauft". Allen voran lobt der Kritiker Bernd Rademacher für seine Formung des eitlen Hamlet-Schauspielers.

Auch Ronny von Wangenheim von den Ruhrnachrichten (22.6.2009) sieht in Rademacher einen "brillanten Komödianten". "Beim unentwegten Auf und Zu der vielen Türen auf der Bühne von Franziska Gebhardt ist der Spaß groß an dem Witz des Stücks, den vielen Ideen Kallmeyers und der Spielfreude des Ensembles."

 

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