Hört die Signale

von Stefan Bläske

Wien, 7. September 2009. Es ist ein großes, ein eindrucksvolles Theater, und es wirbt mit seiner Offenheit: "Das große Theater ruft euch! Jeder ist willkommen! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier!" Wenn Sie jetzt ans Burgtheater denken, liegen Sie knapp daneben. Gemeint ist das Nature Theater of Oklahoma aus Franz Kafkas Roman "Amerika". Es wird zum Hoffnungsschimmer für Karl, der aus der Tschechoslowakai kam und nirgends heimisch wurde auf seiner Reise durch das große weite Land. Doch der Werbeslogan bringt Zuversicht: "Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!" Diese Offenheit war ein Grund für Kelly Copper und Pavol Liska, ihre New Yorker Performancegruppe nach Kafkas Roman-Theater zu benennen. Biographische Parallelen ein anderer.

Brücken schlagen von New York bis Moskau

Pavol Liska ist Slowake, als Jugendlicher verschlug es ihn – ähnlich Karl – in die USA, zunächst nach Oklahoma. Inzwischen hat sich die Reiserichtung umgekehrt. Denn in Europa ist ein regelrechter Hype um das Naturtheater aus New York entstanden: 2008 eröffnete es das Sommerfestival Kampnagel Hamburg und sahnte bei den Salzburger Festspielen den Young Directors Award ab, nun produziert es am Wiener Burgtheater und wird allein in diesem Jahr noch auf über zehn europäischen Festivals und Theatern zu sehen sein, von Oslo bis Istanbul.

Noch weiter, bis zum Roten Platz in Moskau, reicht die Brücke, die Liska und Copper in ihrer aktuellen Inszenierung schlagen: Dominierendes Symbol ist ein "red square", ein rotes Quadrat. Es wird auf die weiße Rückwand projiziert, klappt in Form von Bodenluken aus der Unterbühne und findet sich an der Brust eines jeden Darstellers, angeheftet an das Gemeinschaftsgrau von Schuluniformen oder sozialistischer Einheitstracht. Deutlich drängt sich ein Bezug zu Russland auf, zur Avantgarde, zum Suprematismus von Kasimir Malewitsch und seinem Gemälde "Rotes Quadrat: Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen".

16 Stunden Telefongespräch

Von einem "musikalischen Realismus" zeugt die Inszenierung. Die realistische Dimension ergibt sich dabei aus der Textgrundlage. Eine junge Frau (Performerin bei der letzten Inszenierung "No Dice") erzählt in 16 Stunden Telefongespräch von ihrem Leben, einem ganz gewöhnlichen, amerikanischen. Radiomoderatorentochter Copper und Hörspielfan Liska gehen anhand dieses Materials ihrem Interesse für orale Traditionen nach und planen mit der ungekürzten Aufzeichnung eine Biografie-Serie.

"Life and Times 1" präsentiert eine erste Episode, bis zum sechsten Lebensjahr. Die teils faden, teils fantastischen Alltags-Anekdoten (von "Als Baby war ich so süß" bis hin zu Scham und Pein des jungen Mädchens, das im Klassenzimmer ihren Harn nicht mehr halten kann) werden inklusive aller Stotterer als Libretto verwendet.

Drei Frauen und drei Männer (gemischt aus den USA und dem Burgtheaterensemble) singen und tanzen und wippen, sie rudern in der Luft mit Bällen, Ringen und Tüchern im Stil der rhythmischen Sportgymnastik. Sie schmettern ihre Lieder mit Verve, ihre Energie ist die von Kindern, die – um Zuschauende zu beeindrucken – unermüdlich in Pfützen springen, wieder und wieder.

Orale Erzähltradition und neuer musikalischer Realismus

Begleitet von drei Musikern mit Ukulele, Klavier, Querflöte und Xylophon: sie haben keine Noten, sondern improvisieren, ein bisschen Jazz, ein bisschen Folk, ab und an bekannte Melodien wie die Internationale, und durchgängig ein rhythmisches Gitarresaiten-Schrubben, das viele Zuschauerbeine zum Mitwippen animiert. So wird der Text durch seine Präsentationsform konterkariert, die Künstlichkeit der Musical-Show prallt auf die angebliche Authentizität, auf den psychologischen Realismus und Dokumentarismus der Tonbandaufzeichnungen.

Mit Opernpathos und Musicalkitsch wird der häusliche Badbelegungsplan oder die Fahrgemeinschaft zum Kindergarten besungen, natürlich korrekt mit allen Ähs und Ähams. Klar ist das irgendwie orginell und witzig. Aber auf Dauer auch recht ermüdend und anstrengend, zumal die Spanne der Ausdrucksmittel nicht sonderlich variationsreich ist: über drei Stunden die fast immergleiche Leier.

Neue Misch- und Ausdrucksformen, jetzt auch an der Burg

Die Arbeiten des Nature Theater of Oklahoma fordern Durchhaltevermögen, weil Experimente konsequent auf die Spitze getrieben werden. Darum wohl lieben sie so viele Kuratoren, Künstler und Kritiker. Es ist brillantes Kopf- und Konzepttheater. Voller Ideen, voller Zitate quer durch die Kunst-, Film- und Performance-Geschichte, immer auf der Suche nach neuen Misch- und Ausdrucksformen.

"Life and Times" ist nicht die stärkste Inszenierung des Nature Theater, dennoch rief so mancher Besucher begeistert sein Premieren-Bravo. Es waren einige Gesichter da, die man sonst nicht so oft im Burgtheater sieht, eher im brut oder im Tanzquartier. Und dennoch ist die Vorstellung im Kasino nicht voll gewesen. Weitere 14 Aufführungen sind angesetzt, alle innerhalb nur eines Monats (da beißt sich eben der Reise- mit dem Repertoiretheaterbetrieb).

Die neue Burgtheater-Intendanz hat nach der eher traditionellen Eröffnung nun auch ihre Offenheit für etwas experimentellere Theaterformen demonstriert. Nun stellt sich die Frage, wie offen das Publikum darauf reagieren wird. "Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer!" – Oder es hat sie nächstes Jahr dann wieder im brut oder beim Steirischen Herbst.

 

Life and Times – Episode 1 (UA)
von Kelly Copper & Pavol Liska / Nature Theater of Oklahoma
Entwicklung und Regie: Kelly Copper und Pavol Liska, Musik: Robert M. Johanson, Musiker: Kristin Worrall, Robert M. Johanson, Alexander Medem, Ausstattung und Licht: Peter Nigrini, Dramaturgie: Florian Malzacher. Mit: Anne Gridley, Sibyl Kempson, Fabian Krüger, Julie LaMendola, Markus Meyer, Moritz Vierboom.

www.burgtheater.at


Mehr zum Nature Theater of Oklahoma: 2008 eröffnete Romeo and Juliet das Sommerfestival auf Kampnagel. Und für diese Arbeit wurde die Truppe zwei Wochen später bei den Salzburger Festspielen mit dem Montblanc Young Directors Award ausgezeichnet. Im November 2010 kam Life and Times, Episode 2 zur Premiere.

 

Kritikenrundschau

Dass sich das Nature Theater of Oklahoma der Banalität des Alltäglichen zuwendet, gefällt Margarethe Affenzeller, wie sie im österreichischen Standard (Printausgabe 9.9.) schreibt. Wie das geschieht, nämlich auf einem authentischen Telefongespräch basierend und alle alle Spuren des Erzählten (alle Ähs und Versprecher) erhaltend, gefällt ihr ebenfalls. Dazu die "Countrymusik und ein aus dem Repertoire sozialistischer Sportgymnastik stammendes Bewegungsvokabular" – das ergebe eine "famose Kombination, die in ihrer konzentrierten Gleichförmigkeit an Richard Maxwell erinnert, den New Yorker Garagentheaterkünstler".

Ganz anders scheint Norbert Mayer von der Wiener Presse (Printausgabe 9.9.) seinen Abend im Kasino am Schwarzenbergplatz zunächst zu bewerten. "Wer wissen will, was Ennui ist...", schreibt er eingangs und breitet die Banalität und Belanglosigkeit von Stoff und rhythmisierter Darstellung von "Life and Times – Episode 1" im Folgenden gründlich aus. Im letzten Absatz jedoch korrigiert er seinen Kurs: "Klingt ein wenig dürftig für einen Abend vom Ausmaß eines klassischen Fünfakters. Ist es aber nicht, denn geboten wird eine sehenswerte Show mit zauberhafter Atmosphäre. Es beeindruckt auch, wie vor allem die Burgschauspieler diese englischen Textmassen bewältigten. (...) Dieses Naturtheater hat Potenzial."

Egbert Tholl indessen ließ sich, wie er in der Süddeutschen Zeitung (9.9.) in einer Doppelkritik über die Wiener Premieren schreibt, vom Nature Theater of Oklahoma zwar den "Kater" vertreiben, den er nach "Adam Geist" im Akademietheater bekommen hat. Überzeugend fand er die Aufführung aber nicht. Schwung, Musikalität und Durchformung seien zwar "ganz, süß, doch inhaltlich ist Kristins mit allen Stammellauten, Ähs und einem Dauergrinsen vorgetragene Lebensgeschichte nicht viel mehr als ein mit Bonbons verklebtes Poesiealbum einer faden Mittelschicht." Bei aller Kunstfertigkeit werde "die große Oper der ganz kleinen Dinge irgendwann schal".

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