Passion ist überall

von Regine Müller

Oberhausen, 20. November 2009. Der Komponist Mauricio Kagel hat einmal gesagt: "Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle." Damit hat Kagel nicht nur den künstlerischen Ausnahmerang seines barocken Kollegen unterstrichen, sondern auch umschrieben, dass Bachs Musik imstande ist, religiöse Gefühle selbst bei jenen zu erzeugen, denen der Glaube im strengen Sinne eigentlich fehlt. Nicht umsonst ist Bach auch als "fünfter Evangelist" bezeichnet worden.

Obwohl – oder gerade weil? – Bach zu Lebzeiten immer wieder vorgeworfen worden ist, seine Musik sei zu wenig sakral, zu dramatisch, ja "opernhaft". Was also liegt in diesen Zeiten, da die Religion im Theater wieder Konjunktur hat näher, als Bach auf die Bühne zu bringen?

Geschichten in Hartz-IV-Moll
Dachte man jedenfalls am Oberhausener Theater und stellte sich zudem die Frage, was wohl passieren würde, wenn Jesus Christus heutzutage durch die prekäre Ruhrgebietsstadt ginge. Seit langem schon schwebt über dem Oberhausener Theater das Damoklesschwert der städtischen Finanzmisere, das im unweiten Wuppertal unlängst hinabgesaust ist. Die "Oberhausener Johannes-Passion" spielt nun also im nachgebauten Gleistunnel des Hauptbahnhofs. Dort wimmeln zum vom Band eingespielten düster machtvollen c-moll-Eingangschor der Bach'schen Passion Statisten als Oberhausener Passanten in Endlosschleifen hin und her.

Dann übernimmt ein von Schauspielmusikchef Otto Beatus arrangiertes Kammerensemble aus Saxophon, Klarinette, Cello und Klavier Bachs Musik und die Sopranistin Mascha Bohn teilt sich fortan mit dem Schauspielerensemble Arien und Chöre. Über weite Strecken folgt der Abend der Passionsgeschichte in Bachs Vertonung und stellt die Bibeltexte und Arienlibretti nach. Für den Bezug zur Jetztzeit hat der Dramatiker Lothar Trolle Texteinschübe gedichtet, die Episoden des grauen Oberhausener Klischee-Alltags erzählen: Hartz-IV-Dramen, Geschichten von Vereinsamung und Verwahrlosung. Passion ist überall.

In Oberammergauhausen
Rasch erkennt man in einem jungen Mann in Jeans und Pullover anhand von Haar- und Barttracht den Leidensmann, auch der struppige Judas ist schnell identifiziert. Maria und Maria Magdalena gesellen sich hinzu, der Sopran-Engel trägt schwarze Strapse, Pilatus ist ein Verwaltungsbeamter mittlerer Position.

Tatsächlich erzählt der katalanische Regisseur Joan Anton Rechi das Passionsgeschehen, einzig unterbrochen von Trolles sehr vereinzelten Texteinschüben bis hin zur ungeschickt inszenierten Kreuzigung derart eins zu eins, als sei man in Oberammergau. Keine Brechung, kaum Reibung. Und leider kommt es auch zu arg wenig aktualisierender, geschweige denn kritischer Spannung zwischen der barocken Passion und Trolles trostlos fatalistischen Texten.

Auf Bachs Selbstläufer-Qualität und Wucht kann Rechi sich zwar verlassen, aber er hat dem wenig Verdienstvolles hinzuzufügen. Auch die anfangs noch fruchtenden Effekte wie die Bahnhofsgewimmel-Endlosschleife nutzen sich rasch ab. Auch einzelne Momente dichter Intensität und lakonischer Eindringlichkeit – die Pilatusszene etwa und Michael Wittes Judas-Monologe – retten den Abend nicht. Es bleibt bei einem assoziativen Bilderbogen zur Passionsgeschichte, der die großen Themen Schuld und Erlösung nicht wirklich zu fassen kriegt.

Und Bach hat das letzte Wort.

 

Die Oberhausener Johannes-Passion
von Johann Sebastian Bach und Lothar Trolle
Regie: Joan Anton Rechi, Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Mona Ulrich, Musikalische Leitung: Otto Beatus, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Mascha Bohn, Susanne Burkhard, Nora Buzalka, Martin Hohner, Jürgen Sarkiss, Hartmut Stanke, Michael Witte.

www.theater-oberhausen.de

 

Mehr Passionen im nachtkritik-Archiv: zum Beispiel Die Matthäuspassion, mit der im September 2008 Sebastian Hartmann seine Leipziger Intendanz eröffnete. Bachs Matthäuspassion lieferte im September 2008 auch die Grundlage für Alain Platels Abend Pieté - Erbarme Dich! bei der Ruhrtriennale in Bochum. In Oberammergau erzählte im Juni 2009 Christian Stückl mit Die Pest, wie es kam, dass die Stadt einst zur Mutter aller Passionfestspiele wurde, wo im übrigen die Vorbereitungen für die Spiele im kommenden Jahr bereits begonnen haben.

 

Kritikenrundschau

Als einen "Abend von bewegender Traurigkeit," empfand Ulrike Gondorf vom Deutschlandradio (21.11.2009) diesen Bachabend mit Texten von Lothar Trolle. Auch diesmal müssten die Menschen müssen schuldig werden am Tod Christi. Und Judas, der bitterlich über seinen Verrat geweint habe, sei in seinem tragischen Widerspruch auch in Oberhausen der eigentliche Held des Geschehens. " Michael Witte macht ihn auch zur stärksten Figur des Abends. Dieselbe Ausweglosigkeit und Absurdität, die die große Erlösungshoffnung scheitern lässt, prägt auch die kleinen, alltäglichen Höllen, aus denen die Figuren in Trolles Texten erzählen. Groß und heil ist nur die Erlösungssehnsucht und die utopische Kraft in Bachs Musik." Zwar bringe die Inszenierung sein wichtiges Thema nicht immer ganz präzis auf den Punkt bringt und wirke in manchen Momenten unfertig. Der positive Gesamteindruck jedoch überwiegt.

Auf Der Westen, dem Online Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, schreibt Michael Schmitz (22.11.2009): Joan Anton Rechi fände für seine nicht "lückenlos spannende" Uraufführung der Oberhausener Johannes-Passion keine "Bilder der Hoffnung". Die "Message des Messias" verhalle "im Hades einer sich verlierenden Stadt". Dafür habe es "großartige Bilder" der "Tristesse" und "Melancholie" gegeben, angesichts der "seelenlosen, plakativen Oberhausener Bezüge im Text von Lothar Trolle" habe es allerdings beim Autor wohl an "intimer Kenntnis" für eine Oberhausener Johannes-Passion gemangelt. Meisterhaft dagegen hätten die Werkstätten des Theaters den Bahnhofstunnel nachgebaut, "man glaubt die Chemietoilette zu riechen".

In der Welt (23.11.2009) schreibt Stefan Keim: Für die "Oberhausener Johannes-Passion" sei Bachs Musik neu arrangiert worden und Autor Lothar Trolle habe Texte geschrieben, "die das Leben in einer Stadt unter einer Haushaltssperre zum Thema haben". Nicht die ganze Passion sei zu hören, dafür auch ein Song des Robbie Williams, "in dem er von seiner Erkenntnis singt, dass Jesus für ihn gestorben sei". Die Schauspieler seien Passanten, die "unversehens in die Rollen von biblischen Figuren wie Judas und Pilatus rutschen". Wenn sie Bach sängen, klinge das "grob und schräg". Was auch die Absicht gewesen sei.

Mit "Oberammerhausen" überschreibt die Süddeutsche Zeitung (24.11.2009) Vasco Boenischs Besprechung. Regisseur Joan Anton Rechi inszeniere ein "Alltagsüberhöhungserlebnis", munter durcheinander wimmelnd "Heiliges, Profanes; Hehres, Leeres". "An- und abschwellende Ströme von Menschen, Junge, Alte, Gepflegte, Verwahrloste, mit und ohne Migrationshintergrund" liefen minutenlang zu Bachs "imposantem "Herr, unser Herrscher", vom Band, durcheinander". Der Effekt funktioniere und die Szene wiederhole sich mehrmals. Immer wieder suche man an diesem Abend "die Bedeutung - die Erleuchtung." Dochsei eben kein "Jesus in der Stadt", sondern "viel Bibelnacherzählung" zu hören. Ein vierköpfiges Musikerensemble spiele auf, eine Sopranistin als "Engel" singe Arien, die – "durchweg guten" - Schauspieler stimmten Rezitative an: "Opernmodernismen im Stadttheatergewand, die Passionsspiele von Oberammerhausen." Das wirke "etwas naiv". Es bedürfte eines "stärkeren Zugriffs". Anfangs, schreibt Boenisch, verbänden sich "die Welten noch sehr schön. Ein langhaariger Streuner (Jürgen Sarkiss) wird vom Engel (Mascha Bohn) zum Gottessohn erkoren und muss das weiße Jesus-Kleid überstreifen." Trolles "melancholisch-phantastische Miniaturen" erzählten "sehr fein" von der "Verwahrlosung einer Welt, für die Strukturwandel keine Verheißung (mehr) ist". Im hoch verschuldeten Oberhausen sei längst nicht nur das Theater von der Schließung bedroht, "die soziale Mitte bricht weg". Es gebe viele "anregende Assoziationen". Doch sei das Konzept ambitionierter als die Inszenierung. "Heiliges und Heutiges klaffen zunehmend auseinander, plötzlich rufsingen Bahnhofspassanten: "Kreuzige ihn!" Befremdlich unmotiviert."

 

 

 
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