Sieg Geil!

von Guido Rademachers

Köln, 9. Januar 2010. Eigentlich war ein Projekt über die "Edelweißpiraten" geplant: jene Kölner Jugendbewegung, die während der Nazizeit durch abweichendes Verhalten in puncto Mode, Musik und Mitmarschieren auffiel. Aber irgendwann im Herbst, nachdem das Spielzeitheft schon gedruckt war, müssen Regisseur Robert Borgmann und Dramaturgin Sybille Meier festgestellt haben, dass der Stoff sich nicht so recht den Vorstellungen fügte, die sie von diesem Theaterabend gehabt haben mögen.

Der Spielplan wurde geändert. Anstelle historischer Recherche steht jetzt Prosabearbeitung auf dem Programm. Gleich um drei Texte geht es: "Ausgehen" von Barbi Markovic, Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" und Georg Büchners Novelle "Lenz". Zusammengefasst unter dem Titel "Ausgehen 1-3".

Ausgehen oder auswandern, das ist die Frage

Ausgehen ist beispielsweise für die junge serbische Schriftstellerin Barbi Markovic einziger Lebensinhalt einer Party- und Clubszene, zu dem es nur eine echte Alternative gibt: das finale "Sich-vor-die-Glotze-Knallen". Der erste Satz von Büchners Fragment "Lenz" stellt klar, dass der Sinn- und Selbstfindungstrip des Sturm- und Drangdichters Lenz keinesfalls im Sessel stattfinden kann: "Den 20. ging Lenz durchs Gebirg." Das Ausgehen beschäftigt Horváths Ich-Erzähler dagegen nur am Schluss. Erst einmal betreibt der Lehrer 150 Seiten lang Grundlagenanalyse der faschistoiden Tendenzen seiner Klasse. Am Ende denkt er ans Auswandern.

Allerdings kann der Abend, der insgesamt etwas Unfertiges hat, kein geschlossenes Bild vermitteln. Ein Gebläse pumpt Luft unter schwarze Stoffbahnen, die sich zu einer sanften Hügellandschaft aufbauschen. In diesem "Gebirg" steht Simon Eckert und spricht Büchners Text. Wort für Wort. Mit eisernem Gestaltungswillen lässt er die "schweren Nebel" schwer klingen und die "Leere" leer. Und doch "alles so..." – Pause, nicht zu lang und nicht zu kurz – "...dicht".

Überspannte Mechanik

Ein paar hundert Meter vom WDR-Gebäude entfernt ertönt in der Schlosserei des Schauspiel Köln perfekter Hörfunk fürs Bildungsprogramm. Eine Meisterleistung der gepflegten Sprechkunst. Ein Pianist spielt dazu auf gehobenem Mondscheinsonaten-Niveau. Am Ende blickt Eckert in eine Spiegelfolie, die die Bühne rechts abschließt. Er nimmt ein Messer und zerschneidet die Folie. "Es war aber eine entsetzliche Leere in ihm." Durch das Loch verschwindet er, die langen Stoffbahnen nach sich ziehend.

Sofort purzelt mit Hitlergruß und Uniformjacke Horváths 30er-Jahre-Schulklasse durch den Spiegel auf die Bühne. Martin Reinke nestelt als Lehrer an einem Taschentuch. Fassungslos sieht er ins Publikum, das seinerseits auf Reinkes schwarz angemalte nackte Waden starrt, die unter einem klobigen Dufflecoat hervorschauen. "Die Erde ist rund, aber die Geschichten sind eckig geworden."

Richtungslose Unruhe

Wie eine Aufziehpuppe mit stark überspannter Mechanik spult Reinke ab und lamentiert mit Berlinernder Quetschstimme über eine Jugend, die inzwischen auf eine Videowand (deren Betrieb nach ambitioniertem Beginn weitgehend eingestellt wurde) Sprüche wie "SIEG GEIL" schreibt. Anders als Eckert hat Reinke nicht nur sich und seine Stimme, sondern auch Mitspieler an der Grenze zur Dialogfähigkeit. Anders als beim "Lenz" werden in Horváths Roman Passagen umgestellt und große Teile gestrichen.

Von "Ausgehen", eine Art Interlinearversion, die Thomas Bernhards "Gehen" ins Clubber-Milieu des heutigen Belgrads übersetzt, bleibt kaum etwas übrig. Zu Technobeats rotzen Laura Sundermann und Nora von Waldstätten nur noch einen Markovic-Resttext herunter. Dazu wird aus einem Präsentkorb Gegessenes auf eine Europafahne erbrochen oder in krachendem Balkan-Englisch erklärt, wie sich Ratten auffressen.

Am Ende der pausenlosen zweieinhalb Stunden droht der Abend mit seinen drei Stücken und drei Inszenierungsstilen zu zerfallen. Zwar verliert Borgmann sein Thema, die richtungslose Unruhe einer Jugend, den Drang zum "Ausgehen", nicht aus den Augen. Erstaunlich ist dabei auch, wie sehr der Regisseur, selbst Jahrgang 1980, es hinter einer gediegenen Kunstfertigkeit versteckt.

 

Ausgehen 1-3 (UA)
nach "Ausgehen" von Barbi Markovic, "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth, "Lenz" von Georg Büchner
Regie: Robert Borgmann, Bühne: Robert Borgmann, Lena Thelen, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik Frank Raschke, Marius Bubat, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit Simon Eckert, Orlando Klaus, Martin Reinke, Laura Sundermann, Nora von Waldstätten.

www.schauspielkoeln.de

Mehr lesen über Robert Borgmann im nachtkritik-Archiv. Im Juni 2009 inszenierte Borgmann in Mainz die Uraufführung von Lisa Danulats Familienstück Too Low Terrain, im März 2009 brachte er in Bielfeld Kleists Herrmannschlacht heraus. In der Box des Berliner Deutschen Theaters zeigte Borgmann im September 2007 seine Bühnenadaption von André Pilz' Skinhead-Roman Weine nicht!.

 

Kritikenrundschau

"Die Klammer um die drei hier verbandelten Stücke" von Barbi Markovic, Ödön von Horváth und Georg Büchner ist für Brigitte Schmitz-Kunkel von der Kölnischen Rundschau (11.1.) bloß "eine pure Behauptung. Es wächst nie zusammen, was ohnehin nicht zusammen gehört", "Ausgehen 1-3" bleibe eine "Kopfgeburt". Die ersten Bilder in Robert Borgmanns Inszenierung, wo sich dunkle Stoffbahnen zum "Gebirg" aufpumpen, findet die Kritikerin noch vielversprechend, "die Seelenpein des von Zweifeln, Anfällen und Selbstmordgedanken gequälten Lenz" könne Schauspieler Simon Eckert jedoch "in keinem Moment" vermitteln. Wenn aus dem Loch, das Lenz in den Spiegel reißt, "Horváths junge Nazi-Brut kriecht", sei dies "das stärkste Bild der Inszenierung". Allerdings lasse der Regisseur "die Chance ungenutzt, nach psychologischen Zusammenhängen zu fahnden. Horváths "politischer Kern" werde dabei "plattgeklopft", übrig bleibe lediglich "oberflächliche Krittelei an einer Jugend, die sich als völkisches Supertalent auf's Kriegerdenkmal wünscht". Und im letzten Teil des Abends, bei Markovic, verblüffe der 1980 geborene Regisseur auch noch "mit Opa-Effekten wie Stroboskop-Geflacker, Dumpfrock, Nebelgebläse und einer EU-Fahne, auf die gekotzt wird".

Im Kölner Stadt-Anzeiger (11.01) schreibt Christian Bos er finde es eine gute Idee, dass Barbi Markovic Thomas Bernhards Erzählung "Gehen" als "Ausgehen" umgedichtet habe. Naturgemäß eigne sich "der Bernhard’sche Redefluss bestens als Bühnensprache", und Robert Borgmanns Dramatisierung des Markovic-Texts falle "mitreißend" aus. Man hätte auch auf Regieeinfälle verzichten können, "gute, gut geführte Schauspieler genügen." Leider wollte der Regisseur noch sehr viel mehr. Zwar gelinge Simon Eckerts Reise durch Büchners Erzählung "Lenz" genauso "virtuos" wie die mit vereinten Ensemblekräften bewältigte Version von Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott". Doch eine "erhellende Spiegelung der drei Texte aus drei Jahrhunderten" ergebe sich nicht, und auch "ästhetisch" drifteten die drei Teile weit auseinander. Trotz des verdienten Beifalls für das Ensemble, ein "Abend im Würgegriff der Germanistik".

 

 
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