Die flackernden Augen des Martin Wuttke

von Thomas Askan Vierich

Wien, 6. März 2010. Am Anfang stand die Frage: groß oder klein? Burg oder Akademie? Die Fortsetzung von "Das Fest" hätte gut ins intimere Akademietheater gepasst. Doch Thomas Vinterberg und sein Mitautor Mogens Rukov, der "große alte Mann" der dänischen Dogma-Bewegung, entschieden sich für das Große, für die Burg.

Als hätten sie dann doch Angst vor der eigenen Courage gehabt, stellen sie zunächst die riesige Bühne mit billigen Kulissen zu. Die sollen ein Hotel darstellen. Den Ort, wo vor zehn Jahren das Familienoberhaupt Helge seinen Geburtstag feierte – und Sohn Christian offenbarte, dass er und seine tote Zwillingsschwester einst vom Vater sexuell missbraucht wurden. Das war Vinterbergs Dogma-Welterfolg fürs Kino. Seitdem lief "Das Fest" auch an vielen europäischen Theatern. Jetzt kommt die Fortsetzung, ohne Film, gleich auf die Bühne: "Das Begräbnis". Soll hier eine Erfolgsmasche einfach weitergesponnen werden?

Es plätschert das Remake, doch dann …

"Verdammt noch mal", sagt der jüngere Sohn Michael (ein Vulkan, immer kurz vor dem Ausbruch: Oliver Stokowski) zu Beginn des Stücks. "Verdammt noch mal, was?", fragt seine neue und reichlich naive Freundin Sofie (enervierend gut im kurzen Schwarzen: Johanna Wokalek). Doch Michael fehlen die Worte.

Die Geschwister Christian, Michael und Helene (gewohnt temperamentvoll und herrlich ordinär: Christiane von Poelnitz) kommen zum ersten Mal seit damals wieder ins Haus des Vaters. Der ist von der Leiter gefallen und muss zu Grabe getragen werden. Die Mutter (aufregend verletzlich: Corinna Kirchhoff) tut so, als sei alles ganz normal. Nur Reden verbittet sie sich. Davon seien vor zehn Jahren genug gehalten worden. Dafür schenkt sie allen ordentlich Schnaps ein. Man darf ein bisschen sentimental werden.

So plätschert das Stück etwas bemüht witzig als Remake dahin. Dann dreht sich die Bühne, das Licht geht aus, man sieht schemenhaft Henning duschen, den jungen Sohn Michaels, beobachtet von Christian. Eine Frau schreit, es wird wieder hell und alle wissen: Es ist etwas geschehen. Etwas Furchtbares.

Jetzt wird es ernst. Im Vordergrund der Bühne fährt eine chromglänzende Küchenzeile hoch. Hier gesteht Christian (Martin Wuttke) seinem alten Freund und Koch der Familie (wunderbar hemdsärmlig: Tilo Nest), dass er sich an Henning sexuell vergangen hat. Was er einst mit Schaum vor dem Mund dem Vater vorwarf, hat er jetzt selbst wiederholt. Christian verfällt vor den Augen der Zuschauer. Er kann nicht fassen, was er getan hat. Was er nicht zum ersten Mal getan hat. Aber zum ersten Mal mit dem Sohn seines Bruders. Er spricht von seiner Lust, kaputt zu machen.

Auftritt Martin Wuttke

Und es wird sehr still im weiten Rund des Burgtheaters. Gebannt starrt alles auf den Schauspieler Martin Wuttke. Der lehnt am Nirosta-Spülbecken und zittert. Seine Augen flackern. Das Glas in seiner Hand klappert gegen die Weinflasche, aus der er sich nachschenkt. Der Zuschauer weiß: Ich sitze im Theater. Ein Stück über Kindesmissbrauch. Na gut, das Thema war vor zehn Jahren aufregend. Heute wirkt es etwas überstrapaziert. Künstlerisch gesehen. Wie Auschwitz.

Doch dann sieht man den Schauspieler Martin Wuttke. Seinen Schweiß. Seine Augen. Seine aschfahle Haut. "Ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll", sagt er. Seine Flammenrede vor zehn Jahren war ein selbstgerechtes, erbärmliches Ablenkungsmanöver. Schon damals stand er auf Knaben. Seine Welt bricht zusammen. Alle schauen gebannt zu. Halten den Atem an. Bis zum Ende des Stücks. Die Spannung wird – Gott sei Dank – durch keine Rauch- und Getränkepause unterbrochen.

Christians Vater konnte seine Taten lange Jahre vertuschen. Diesmal gibt es Zeugen. Christians Frau Pia (beeindruckend körperlich, mit strähnigem Haar: Dörte Lyssewski) hat alles gesehen. Sie reagiert entsetzt, panisch. Alle haben Angst, dass Michael davon erfährt. Als ihm Christian seine Tat selbst gesteht, reagiert Michael zunächst überraschend ruhig: "Du bist doch mein Bruder." Dann aber, provoziert vom verzweifelten Christian, geht er mit dem Schürhaken auf den Bruder los.

Bis an die Schmerzgrenze

Vinterberg, und das ist das Schönste an diesem intensiven und vor allem intimen Abend in der Burg, setzt nicht auf (Knall-)Effekte. Nur am Anfang wird gewitzelt. Später geht es sehr ernst ums Ganze. Der tote Vater (als Verständnis heischendes Monster: Michael König) erscheint nicht nur Christian, sondern auch der unbedarften Sofie. Er erklärt ihr, warum er und Christian sich an Jungs vergreifen. Es hat etwas mit Scham und Lust zu tun. Und Reinheit. Er verführt die neben dem schlafenden Henning liegende Sofie dazu, sich selbst zu befriedigen. Etwas, das Sofie erst vehement ablehnt, um es dann umso leidenschaftlicher zu tun. Der alte Mann erzählt von seinen sexuellen Päderasten-Fantasien – und törnt damit die junge Frau an. Keine Sekunde ist die Szene peinlich. Vinterberg geht wirklich bis an die Schmerzgrenze. Aber er geht nicht darüber hinaus.

Thomas Vinterberg ist auf der dinosauriergroßen Bühne des Burgtheaters eine intime Tragödie geglückt, die nur anfangs als Komödie getarnt daherkommt. Lang anhaltender Applaus für ein Stück, das furchtbar hätte daneben gehen können. Ovationen für Martin Wuttke.

 

 

Das Begräbnis (UA)
von Thomas Vinterberg, aus dem Dänischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Thomas Vinterberg, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Dramaturgie: Klaus Missbach, Musik: Zbigniew Preisner, Licht: Friedrich Rom. Mit: Michael König, Corinna Kirchhoff, Martin Wuttke, Oliver Stokowski, Tilo Nest, Christiane von Poelnitz, Dörte Lyssewski, Johanna Wokalek.

www.burgtheater.at

 

Mehr Martin Wuttke? Auf der Bühne des Wiener Burgtheaters stand er unter anderem schon im Dezember 2008 in René Polleschs Fantasma. Aber auch in eigenen Inszenierungen tritt Wuttke als Schauspieler in Erscheinung: zum Beispiel im höchst eigenen Ernst-Jünger-Abend Das abenteuerliche Herz, Juni 2009 am Berliner Ensemble. Informationen zu Thomas Vinterberg hält das Glossar bereit.

 

Kritikenrundschau

"Die Dogmen, anno 1995 erstellt, um dem wirklichkeitsfremden Illusionskino der special effects entgegenzuwirken", seien unterdessen verbleicht, vermerkt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (8.3.). Doch Thomas Vinterbergs Suche "nach jener 'Authentizität', die er damals u. a. mittels verwackelter Handkamera heraufbeschwor", dauere auch in "Das Begräbnis" am Burgtheater Wien fort. "Doch es ist klar: Vinterberg erfindet das Theater nicht neu." Der Anfang des Abends bestehe "aus purer Konvention. Die anlassbedingte Nervosität, potenziert durch das Auf- und Abtreten der Figuren (...), wirkt wie ein Versatzstück aus dem gestischen Stadttheater- oder gar Fernsehserien-Repertoire." Ohne das Theater allerdings neu zu erfinden, finde Vinterberg "trotzdem zielsicher zu sich – und zu grossem Schauspiel. Langsam, unentwegt und wuchtig wie das Schicksal, das in dieser schlichten, ja banalen Story zuschlägt, schält sich die Inszenierung aus den konventionellen Aufgesetztheiten heraus, entwickelt sich zur kitchen-sink tragedy und sprengt zuletzt selbst deren Rahmen."

Alle Ingredienzien sprächen bei Vinterbergs "Begräbnis" "für einen überwältigenden Theaterabend", meint Nobert Mayer in der Presse (8.3.), "und doch, bis auf wenige bewegende Momente und hervorragende Einzelleistungen, zeigt sich auch hier: Ein Welterfolg ist schwer zu wiederholen." "Das Fest II" sei "plumper, streckenweise missraten, gefährlich für die Schauspieler, wenn sie an die Grenze gehen." Da wirke "sogar ein genialer Darsteller wie Martin Wuttke, der an diesem Abend insgesamt die interessanteste Leistung bietet, für Momente wie eine Revue-Rampensau." Anfangs aber müssten sich "die Darsteller an seltsam verkorkste Rollen herantasten. Die Einübung gerät erst sogar deplatziert komödiantisch." Johanna Wokalek und Dörte Lyssewski gäben schließlich "diesem Ensemble der Einzelgänger Kontrast und damit ein wenig Tiefe, deuten an, was dem Drama fehlt: die Vielschichtigkeit der Sprache."

Auf der Bühne von Johannes Schütz herrsche eine "geradezu Fassbinder'sche Kälte", konstatiert Margarete Affenzeller im Standard (8.3.): "Die riesenhaften Räume, Schlafgemächer, Bäder, das Treppenhaus, der Salon, sie alle enden diffus im Dunkeln und machen so jene Ängste sichtbar, die seit der Kindheit mit diesen Zimmern verbunden sind." Das aber sei zugleich "ein wunder Punkt der Inszenierung, die den Vater Helge (...) als Dämon in einem Gespensterschloss" charakterisiere. "Einen Kriminalfall als 'Fluch' zu bezeichnen, der 'über einem Haus hängt', ist zwar theatralisch ergiebig, aber gedanklicher Unfug und hat wohl jene kräftigen Buhs verantwortet, die sich zu Ende der Vorstellung unter einen ebenso heftigen Applaus gemischt haben." Von dieser "problematischen Behauptung" rette sich das Stück "aber zusehends in eine andere Richtung. Vinterberg fokussiert wie schon in 'Das Fest' auf die Kommunikation innerhalb der Familie, die unkontrollierte, hinausgezögerte, fast verhinderte Versprachlichung des Verbrechens." Und das gelinge ihm "meisterhaft".

Die Burgbesetzung für "Das Begräbnis" ist "so exquisit", dass Peter Michalzik von der Frankfurter Rundschau (8.3.) sie "nur ehrfurchtsvoll" abschreibt. Die Bühne wiederum "ist vom Meister der schönen Klarheit, Johannes Schütz. Und die Aufführung ist ein einziges Ärgernis." Am schlimmsten sei "der unbedarfte, schlichte, spekulative Umgang mit dem Thema Missbrauch. Das ist so ausgedacht, dass man die Vermutung hegt, dass es schon beim 'Fest' die hektisch-authentische Wackelkamera gewesen sein muss, die uns von einer abstrusen Geschichte überzeugte. Man sieht jetzt förmlich, wie da zwei Drehbuchautoren zusammensitzen und sich fragen, wie man die Geschichte möglichst aufregend weiterdrehen kann. Man sieht, wie der Missbrauch missbraucht wird, um einen Aufreger zu haben." Dazu mache Vinterberg dann "so verstaubtes Theater, wie man es so nicht mal in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kannte".

Es scheine "die historische Aufgabe skandinavischer Dramatiker zu sein, dem Rest der Welt alle Spielarten psychologischer Ausweglosigkeit vorzuexerzieren", mutmaßt Dirk Schümer in der Frankfurter Allgemeinen (8.3.). Wie Ibsen, Strindberg, Bergman oder Norén singe nun eben auch Vinterberg "die ewige Litanei der schuldlosen Schuld, wenn seine Protagonisten zu ihrem Psychogottesdienst zusammenströmen, um einen hassenswerten Vater zu beweinen". Die Abgründe der Päderastie aber wolle Vinterberg wohl "gar nicht erhellen", es diene ihm alles "einzig als Aufhänger für eine altnordische Seelenholzhackerei". Für die großartigen Schauspieler sei "diese Lektion in Skandinavistik eine dankbare Konstellation". Und immerhin choreographiere Vinterberg als sein eigener Regisseur "seine Crew sicher über eine Drehbühne, die weit weniger Wackeleffekte hergibt als die Reißschwenks der dänischen Zentropafilmkollegen".

"Den Kinderschänder als heimliche Hauptfigur selber zu Wort kommen zu lassen, mit dem provozierenden Gestus: 'Ein bisschen was von mir steckt doch in allen von euch!'", sei "sicher ein Tabubruch", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (8.3.). Aber die Szene sei "weniger schockierend und düster aufreizend als einfach nur unappetitlich. Und in ihrer Machart und Zielgerichtetheit auch ein bisschen billig. Wenn es beim Schlussapplaus nicht wenige Buhs gibt – explizit für den Regie-Autor, nicht für die erstklassigen Schauspieler -, lässt sich schwer ausmachen, ob diese eher der heiklen Thematik oder der doch sehr fernsehtauglich braven, immer auf Distanz zur Schmerzgrenze bleibenden Umsetzung gelten, nach dem Motto: Wenn schon Tabubruch, dann sollte es bitteschön an die Eingeweide gehn! Aber weh tut und tiefer geht hier nichts." Wenngleich Dössel immerhin Martin Wuttke zugesteht: "Groß, was er da spielt! Man glaubt ihm beides, das Entsetzen über sich selbst und die (selbst)zerstörerische Lust, 'alles kaputt zu machen'."

Einen zweiten Teil von "Das Fest" in Auftrag zu geben und diesen von Vinterberg inszenieren zu lassen, sei gewiss "ein heikles Unterfangen, dem unschwer spekulative Absichten zu unterstellen wären", meint Ulrich Weinzierl in der Welt (8.3.). "Das jedoch ist, wie stets, eine Frage der Qualität, weil künstlerisches Gelingen jeglichen Grenzgang rechtfertigt." Die Qualität ist Weinzierl zufolge gegeben: "Behutsam geleitet Vinterberg das Geschehen aus dem Reich der Boulevardkomödie und der Edeldessousklamotte ins Drama seelischer Verletzungen und der Pathologie." Wie "differenziert Martin Wuttke seine Ich-Spaltung, den Druck der Schuld und die verborgene Lust an der Aggression" verkörpere, zeige "ihn als den Ausnahmeschauspieler, der er ist." Zu den "in jeder Nuance stimmigen Darstellern" trete eine faszinierende optische Lösung: "Selten wurde die Wiener Riesendrehbühne so präzise eingesetzt wie jetzt von Johannes Schütz. (...) Die kreisende Raumflucht von Foyer, Stiege, Salon, Speise- und Schlafzimmer und einer aus dem Unterboden gefahrenen Nirosta-Küchenzeile ermöglicht trotz eleganter Großzügigkeit Kammerspielintensität und atmosphärische Dichte in filmschnittartigen Übergängen."

 

 
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