Im Tränenteich

von André Mumot

Göttingen, 6. März 2010. Wie schön, dass er nicht sein muss, wie Schiller ihn haben wollte. Eigentlich ist der Hofmarschall von Kalb bloß eine parfümierte Knallcharge, eine schrill kreischende Schranze, die im Kabalenablauf lediglich eine kurze und unrühmliche Rolle spielt. Hier aber darf er vorerst werden, was er nie zu träumen wagte: der Held des Abends.

Benjamin Bergers Kalb steht schon auf der Bühne, als das Publikum noch seine Sitzplätze ansteuert, und probiert dort wieder und wieder den einen Satz aus, um den es hier gehen soll: "Ich liebe dich." Sein Hofmarschall ist ein staunender, unbefleckter Naivling, der in gelben Gummistiefeln durch die Liebesszenen der anderen stakst und große Augen macht, wenn sie sich küssend in den Armen liegen. Hat er genug gesehen, tritt er an die Rampe, der Vorhang schließt sich hinter ihm, und er kommentiert das eben Geschehene mit Worten, die zum großen Teil bei Roland Barthes und seinen "Fragmenten einer Sprache der Liebe" ausgeliehen sind.

Alles trieft

Regisseurin Alice Buddeberg konfrontiert in ihrer Göttinger "Kabale und Liebe"-Inszenierung den Sturm und Drang also mit den desillusionierenden Analysen des Spätstrukturalismus – und packt das Stück vor allem dort, wo wortwörtlich die Emotionen überfließen. Denn während Schiller zu beweisen suchte, "dass Tränen der Liebe schöner glänzen in unsern Augen als die Brillanten in unserm Haar", versteht Barthes die Tränen der Liebe vor allem als inszenierte Imitation, als Mittel, um mit dem Geliebten "wieder zum Säugling zu werden."

Ganz in diesem Sinne stellt sich Lady Milford, die Philip Hagmann mit Würde und ohne Affektiertheit spielt, direkt in den Dauerregen, der sich aus dem Schnürboden ergießt, und benetzt sich immerfort die Augen. Und wenn sie Ferdinand (Alois Reinhardt) für sich gewinnen will, spritzt sie ihm Wasser ins Gesicht, schüttet schließlich eine ganze Karaffe über ihm aus und sagt: "Das Gewicht dieser Tränen musst du noch fühlen."

Hier ist alles Spiel, und alles trieft: Kein Wunder also, dass der Hofmarschall in Gummistiefeln unterwegs ist. Die gesamte Bühne bildet ein opulentes Jugendstil-Schwimmbad, dessen vorderer Bereich sich immer mehr mit Wasser füllt. Wohl auch, weil Luise (Marie-Isabel Walke) mehrmals sagt: "Fühlt sich doch das Insekt in einem Tropfen so selig, als wär' es ein Himmelreich, bis man ihm von einem Weltmeer erzählt, worin Flotten und Walfische spielen."

Gefühlsdiskurs und politische Ränke

Die Feuchtgebiete, die sich hier ausbreiten, stehen also für die Tränenfluten, die wir gerne weinen möchten, weil wir beseelt sein wollen von Gefühlen, von denen andere uns vorgeschwärmt haben – Schiller zum Beispiel. Alice Buddeberg möchte aber nicht nur die Gier nach emotionaler Wahrhaftigkeit bebildern, sondern auch "Kabale und Liebe" nacherzählen. Nachdem anfangs also mit charmanter Verspieltheit die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten der Liebe schematisch durchexerziert und kommentiert wurden, leuchtet schließlich das Wort "Kabale" über der Bühne auf, und es beginnt ein neuer Abschnitt.

Hier hat nun Handlung stattzufinden: Jetzt müssen Kinder als Soldaten nach Amerika verkauft und politische Ränke geschmiedet werden – was leider so gar nicht zum konzentrierten Gefühlsdiskurs der ersten Hälfte passen will. Auch hier erfreut immerhin der glücklose Hofmarschall als verzweifelter Tragikomiker, überlebt mit knapper Not ein sehr lustiges Duell mit Ferdinand und kann doch nicht verhindern, dass die Szenenfolge unübersichtlich und beliebig bleibt.

"Warum fühle ich denn nichts?"

Am Schluss schwenkt die überladene Inszenierung dann ein weiteres Mal um und konzentriert sich auf Luise. Während der Rest des Ensembles nur noch tonlos Stichwörter vorliest, hockt Marie-Isabel Walke bis zum Bauch im Tränenteich und durchleidet nachdrücklich all ihre wichtigen Sätze am Stück. Mit Schreien der Ungläubigkeit unterbricht sie sich, singt auch noch ein schwer melancholisches Lied und stirbt schließlich in zuckender Verklärung. Doch auch dieser grandiose Darstellerinnenmoment ist nur Spiel, nur Unverbindlichkeit.

Es ist eben kein Zufall, dass die Begrenzungen des Schwimmbads den Theaterlogen nachempfunden sind. In dieser unzusammenhängenden Abfolge von szenischen Kabinettstückchen läuft alles auf die Sehnsucht nach dem Theater selbst hinaus, nach seinen Gesten, seinen erzitternden, absterbenden Stimmen, nach seiner emphatischen Künstlichkeit. Und so sind auch die Emotionen im Finale sehr groß und sehr kalt. Der Held des Abends sitzt dabei längst nutzlos und schmollend im Hintergrund herum – dafür planscht Ferdinand wild durchs Wasser, ruft verständnislos: "Warum fühle ich denn nichts?" Und ahnt wohl, dass es dem Publikum nicht anders geht.

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie: Alice Buddeberg, Ausstattung: Sandra Rosenstiel, Musik: Stefan Goetsch, Choreografie: Dorothea Ratzel, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Benjamin Berger, Philip Hagmann, Nikolaus Kühn, Alois Reinhardt, Daniel Sellier, Marie-Isabel Walke, Paul Wenning.

www.dt-goettingen.de

 

Mehr zu Alice Buddeberg im entsprechenden Glossareintrag. Kabale und Liebe wurde in jüngerer Zeit auch von Stephan Kimmig, Andreas Kriegenburg oder Falk Richter inszeniert.

 

Kritikenrundschau

Alice Buddeberg gehe in ihrer Inszenierung von "Kabale und Liebe" "wahrlich nicht zimperlich mit der Vorlage um", so Michael Schäfer im Göttinger Tageblatt (8.3.2010). Sie breche den Text auf – "'dekomponieren' heißt das auf Feuilletondeutsch"– kürze ihn und verschärfe den Schluss (kein Selbstmord Ferdinands, keine Verzeihung für den Vater), füge Texte von Sloterdjk und Barthes ein und lasse sogar kurz die "Titanic"-Katastrophe anklingen. "Warum? Weil sie – wie Schiller – etwas von der Liebe erzählen will. Das irritiert, verstört, stört auch bisweilen, ist befremdlich. Aber es rührt an, macht Angst." Die Schauspieler exerzierten "stellenweise extremes Körpertheater", das Dorothea Ratzel "sauber choreografiert" habe: "Fast meint man als Zuschauer die Schmerzen der handelnden Personen selbst zu spüren." Herausragend sei Marie-Isabel Walke, "mit hoher Sprechkultur", "anrührender Emotionalität und klugen Brüchen", an die Alois Reinhardt als Ferdinand nicht ganz heranreicht. Aus dem Part der Lady Milford mache Philip Hagmann "ein Paradestück der Affektmöglichkeiten". "Wunderbar fies" auch Paul Wenning als Präsident, "angemessen schleimig und durchtrieben" Daniel Sellier als Wurm.

In der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (8.3.2010) schreibt Bettina Fraschke, Buddeberg und ihr Dramaturg Lutz Keßler wollten dem Stück "insgesamt die Luft herauslassen, den Gefühlen auf den Grund gehen und jede Sprache, mit denen die Figuren ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen versuchen, als schwierige Hilfskonstruktion entlarven". Im ersten Teil laufe Ferdinand "wie ein naturkundlicher Beobachter zwischen den Figuren umher", oft würden dieselben Szenen "in verschiedenen Gemütslagen gezeigt (ernst - kreischend), die Figurenanordnungen wirken wie auf einem Versuchstableau". Der Schiller-Text werde "in statisch aufgesagte Textbrocken geteilt, wenn es emotional wird, zucken die Figuren herum wie unter Krämpfen". Der "Erkenntnisgewinn dieser Methode" bleibt für die Kritikerin jedoch gering. Die alltagssprachlichen Textpassagen über die Liebe bekämen neben dem Dramen-O-Ton "ein ungünstig großes Gewicht", weil sie "nicht sprachlich oder analytisch-brillant zugespitzt" seien. Es gebe eine Reihe "stimmiger Einzelbilder, doch insgesamt wirkt das Sammelsurium der Regietheaterideen überfrachtet".

 

 
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