Der grau-grüne Schnee deines Krieges

von Katrin Ullmann

Hamburg, 7. April 2010. Vor allem nachts nimmt er Hörerwünsche entgegen. Miles Davis, Leonard Cohen, Billie Holiday: Er wird keinen Song spielen. Aber von ihm erzählen. Genauso wie vom Schnee im August, damals 2008, von Kursen fürs Selbstwertgefühl, von Babyfüßen, Erdbeben und Atombomben, von Kriegen und vom Krieg, damals in Georgien.

Der Radiomoderator ist eine von sechs Figuren in Nino Haratischwilis "Radio Universe". Und die Figur – vielleicht liegt das auch in der Natur ihres Berufes –, der man am liebsten zuhört. Yuri Englert spielt diesen verschrobenen Moderator und er spielt ihn gut. Tatsächlich wird er in seinem grünen Mohairstrick (Kostüme: Lina Antje Gühne) auf eine weiße Fläche projiziert. Von dort nennt er historische Eckdaten und politische Begegnungen, zählt Jahresdaten und Fakten auf – bis sie im Dauerlauf der Ereignisse untergehen. Dazwischen überfällt ihn murmelnd seine eigene Einsamkeit, seine Schwärmerei für den Schnee, für eine gewisse Frau mit Namen Adel und für den Jazz.

E-Mails zwischen Hamburg und Tiflis

Die übrigen fünf Figuren in Haratischwilis jüngstem Stück bewegen sich in leicht entwirrbaren Kennenlern-, Liebes-, Familien- und Herrchen-Frauchen-Geschichten. Sie sind Hund, vergessene Tochter, Barfrau, Fotografin und Geliebter. Britta Firmer, Philipp Engelhardt, Vincent Heppner, Zoe Hutmacher und Susannne Pollmeier verdingen sich tapfer für Nina Mattenklotz. Die Regisseurin (Jahrgang 1980) hat bereits 2008 mit der georgischen Autorin Haratischwili gearbeitet. "Selma, 13" hieß die gemeinsame Arbeit über Gewalttäter und Verbrecherhirne. Die Produktion aus der Fleetstreet Hamburg war u. a. zu den Autorentheatertagen 2009 am Thalia Theater eingeladen.

Ausgangspunkt für dieses Projekt, für "Radio Universe", sind E-Mails, die sich Mattenklotz und Haratschiwili schrieben. E-Mails während des Blitzkriegs in Georgien im August 2008. E-Mails aus Hamburg und Tiflis. Nachrichten aus zwei recht unterschiedlichen Lebenswelten. "Irgendwo fallen die Bomben und irgendwo fällt der Schnee." Während die eine ein beschaulich-interessiertes Leben in der norddeutschen Hansestadt führt, lebt die andere nahe der kriegerischen Bedrohung ihres Landes. Mattenklotz erfährt vom Krieg über die Medien, Haratschwili durch ihren Alltag. Unmittelbar – mittelbar. Klar.

Er hinterließ Rechnungen – und mich

Doch dieser Ausgangspunkt ist in Mattenklotz' Uraufführung kaum mehr zu spüren. Allein ein paar Fernseher mit flirrendem Kunstgrissel weisen auf die ernüchternde, aber wenig überraschende Erkenntnis, dass die "grau-grünen Ausschnitte einer Wirklichkeit" kaum mehr Mitgefühl und Schrecken erzeugen. "Mein Leid zählt wohl nicht" – erkennt selbst die Fotografin (Susanne Pollmeier), als sie von ihrem persönlichen Verlassenwordensein erzählt. Textlich ist das eine von vielen schönen Stellen: "Er ging und hinterließ Rechnungen, hinterließ einen Eimer voller Fragen … hinterließ Lieblingsfilme, einen vertrockneten Kaktus, hinterließ zwölf gemeinsame Jahre und hinterließ mich."

Doch auf der Bühne verwandelt Mattenklotz diesen Text in ein distanzloses Aufsagen – und fügt daran ein anderes, ein weiteres und noch eines. Im immergleichen Rhythmus und ernsten Duktus lässt sie ihre Schauspieler Text vortragen. Auch dann noch, als der Krieg näher rückt, als er ins Private der Figuren eindringt und es zu zerstören droht. Selbst dann entwickelt sich keine Dramatik, wird der Versuch einer ästhetischen Reduktion (weiße Bühne, weiße Drehwand: Silke Rudolph) von lauten Accessoires übertönt.

Ernste Loops

Da werden knallpinkfarbene Wolfsmasken aufgesetzt und überdimensionale Plüschtiere gequält, ein Klebebandschwangerschaftsbauch zusammengezurrt und ein hektisches Kameraklicken auf Neurose trainiert. Von bemüht über ermüdend bis einfallslos. Statt  Zynismus oder Distanz vor allem Pathos: Ernste Stimmen tönen aus großäugigen, ernsten Gesichtern – untermalt von ernsten Elektro-Loops (Musik: Tobias Gronau).

Am Ende kehrt die vaterlose und nach Georgien gereiste Dunkelhaarige (Zoe Hutmacher) zurück in ihre – vermutlich deutsche – Wahlheimat, trifft ihre Freundin, ihren Geliebten und ihren Hund wieder. Der Krieg ist wieder weit weg. Doch, was für ein Glück!, Stammkneipe und Lieblingsradiosender sind wieder ganz nah.

 

Radio Universe (UA)
von Nino Haratischwili
Regie: Nina Mattenklotz, Bühne: Silke Rudolph, Kostüme: Lina Antje Gühne, Musik: Tobias Gronau, Video: Janos Szeymies.
Mit: Philipp Engelhardt, Yuri Englert, Britta Firmer, Vincent Heppner, Zoe Hutmacher, Susanne Pollmeier.

www.kampnagel.de


Mehr zu Nina Mattenklotz? Auf dem Talenteshowcase Körber Studio Junge Regie trat sie mit Hofmannsthals Elektra 2008 erstmals in die nachtkritik-Öffentlichkeit. 2009 überzeugte sie beim dritten Osnabrücker Spieltriebe-Festival mit Ihrer Aufführung von Paul Pourveurs Shakespeare is dead. Zuletzt besprach nachtkritik.de ihre Kafka-Adaption Die Verwandlung in Zürich.

 

Kritikenrundschau

Östliche Kriegsrealitäte soll mit westlichem Medienblick konterkariert werden. Der Zusammenhang bleibe allerdings diffus, es flimmere nur eine beliebige Wandprojektion, schreibt asti (höchstwahrscheinlich Annette Stiekele) im Hamburger Abendblatt (9.4.2010). Es ist eine Collage der Deprimiertheit, der einzig der Radiomoderator Jo zumindest noch ein paar verzweifelt-ironische Seiten abringe. "Mattenklotz gehört zu den Nachwuchsregisseuren, deren Arbeiten man verfolgt. Zu diesem Thema ist ihr allerdings nicht viel eingefallen." Eine von Dimiter Gottscheff abgeschaute Drehwand teilt die Szenen ab, soll Dynamik wecken. "Doch das Grauen und die Isolation, hier wirken sie nur langatmig, zugedröhnt. Sie lassen einen ratlos zurück."

In ihrem Stück versuche Haratischwili nicht den Krieg zu verstehen oder zu erklären, auch die unterschiedlichen Lebensrealitäten seien nicht ihr vordringliches Thema, sondern sie zeige Menschen, die am Tag nach dem Ausbruch des georgischen Krieges auf der Suche nach dem privaten Glück sind, so Hartmut Krug im Deutschlandfunk Kultur heute (8.4.2010). Und denen bürde die Autorin mächtig viel tiefere Bedeutungen und Reflexionen auf. Beim langatmigen Steh- und Redespiel, zu dem Nina Mattenklotz die Uraufführung eingerichtet habe, gingen viele der schönen sprachspielerischen Passagen verloren. Die Regisseurin lasse ihre Schauspieler vor allem Bedeutungen aufsagen und statt eine gestisch-mimische Form zu finden, komme sie uns mit drastisch äußerlichen Mitteln.

 

 

 
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