Hauptsache exotisch!

von Johannes Schneider

Hamburg, 12. Juli 2010. Es gibt Inszenierungen, die sind schon dem Titel nach einschüchternd. Wilde Gebilde aus Klammern, Punkten und einer Groß- und Kleinschreibung am Rande des Erlaubten weisen zielsicher den Weg zu den Avantgarden, zum Exotischen, Neuen. Die Vorschautexte in den Programmübersichten tun ihr Übriges: Wer da auch nur die Skizze eines Handlungsverlaufes erkennen kann, projiziert das aus seiner provinziellen Theatersozialisation, einer Welt, in der es noch Stücke gibt, Sinn und Kohärenz.

Transparenz und Unübersichtlichkeit

Gernot Grünewalds "Projekt" "wund.es.heim innen/nacht" eröffnete in den Hamburger Zeisehallen das "Finale", die einwöchige Werkschau der Theaterakademie Hamburg, die 2010 erstmals in das mit über 120 Veranstaltungen gigantische örtliche "Kaltstart"-Festival für Nachwuchstheater integriert ist. "Ausgehend von Schleef" wolle das Projekt "ZU/HAUSE als Wunde, als Ort der Zurichtung und der Sehnsucht" definieren, war im Programmheft zu lesen.

Zu dieser Ankündigung scheint die Einrichtung der Bühne auf den ersten Blick kongenial: Frei gruppiert auf Kissen und Hockern sitzen die Zuschauer rund um die Spielfläche, die mit Zellophanwänden und spärlichen Requisiten zu Räumen strukturiert ist, dadurch Transparenz suggeriert und trotzdem unübersichtlich wird. Unübersichtlich wird allerdings auch das Geschehen auf der Bühne schnell: Was programmkonform als chorisches Schleef-Sprechen von Schülern der Hamburger Schauspielschule beginnt, nimmt bald eine gänzlich unangekündigte Wendung.

Suche nach der Mutter

Aus dem Chor, der engagiert die Qualen der Kindheit, allen voran das Leiden des Kindes an der Mutter, beklagt, löst sich bald eine vierköpfige Gruppe, die selbst Mutter wird und eine Tochter sucht, die sie unterdrücken, gängeln und für ihr Leben verderben kann. Sie findet sie in der großartigen Cornelia Dörr, die vom Chor der Mütter Erika genannt wird, und die ihrerseits in ihrer Klavierschülerin Anna (Marie Seiser) eine Projektionsfläche für Hass und in ihrem Verehrer Herrn Klemmer (Bastian Dulisch) eine für Perversion findet.

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Trügerische Transparenz: "wund.es.heim", Kaltstart Festival © Nane Blattmann

Fortan ist Grünewalds Abend nicht nur ein Schleef-, sondern auch ein Elfriede-Jelinek- und Michael-Haneke-Abend und auch sonst konsequent übervoll: Die Schauspieler werden bewusst gegen zeitgleich verlesene Regieanweisungen aus Hanekes Drehbuch zur Filmadaption von Jelineks "Klavierspielerin" geführt, zwischendurch gibt es immer wieder Schleef-Chor-Ausbrüche, außerdem flackern Pornofilmsequenzen auf Wänden und den durchsichtigen Folien, oder - Intermedialität ist Pflicht - Dinge werden per Beamer gezeigt, die live gefilmt werden. Im anschließenden Publikumsgespräch zeigt der Overkill Wirkung: Die Zuschauer, obschon spürbar beeindruckt, tun sich schwer, einen speziellen Moment der Aufführung in Erinnerung zu rufen.

Irakheimkehrer Dannys Bezugspersonen

Es scheint da nur bedingt zynisch, von Felix Meyer-Christians Bearbeitung von Simon Stephens' Kriegsstück "Motortown", das im Anschluss auf der Hauptbühne gezeigt wird, beinahe als Erholung zu sprechen. Ganz reduziert lässt Meyer-Christian seine Protagonisten auf einer schmalen Bühne vor einem schwarzen Vorhang agieren. Annähernd plakativ tritt dabei hervor, wie Irak-Heimkehrer Danny (Dennis Pörtner) verloren ist zwischen denen, die einmal seine Bezugspersonen waren, und die ihn nun, wie er von einem zum anderen geht, abwechselnd spüren lassen (mehr oder weniger bewusst), wie wenig sie noch mit ihm, dem schwerst Traumatisierten, anzufangen wissen.

Als Danny, der clownesk zu Militärmusik einmarschiert und später immer wieder sein Heil in Monologen suchen wird (die der Regisseur aus Briefen englischer Irakkrieg-Soldaten klug in die Stückvorlage eingefügt hat), am Ende in seiner Verzweiflung Bühnenaufbau und Vorhang niederreißt und dahinter doch nur ein größeres Gefängnis vorfindet, ist das in seiner Klarheit ein so unsagbar starker Moment, wie er nur aus planvoller Reduktion resultieren kann.

Ansätze zeigen, Fragen bleiben

Schade ist, dass die letzte Inszenierung des Abends das auf unterschiedliche Arten (hohe) Niveau nicht ganz halten kann - vielleicht ist es aber auch schlicht unfair, das junge Ensemble um Regisseurin Grete Michel im Anschluss an zwei derart fordernde Ereignisse spielen zu lassen. Zumal mit einem weiteren, gemessen an "Motortown" weniger eindeutigen Stück von Simon Stephens: Wie in "Port" die Geschichte des nordenglischen Working-Class-Mädchens Racheal (Julia Goldberg) und ihres Bruders Billy in schlaglichtartigen Szenen über mehrere Jahre erzählt wird, ertrinkt an diesem Abend in traurig-melodischen britischen Popsongs, in einem perfiden Fernweh und in Melancholie.

Immerhin ergibt sich daraus die Frage, mit der man den Abend aber schließlich verlässt: Wieviel Exotismus ist nötig für gutes Theater - und wann beginnt er zu schaden? Müssen - alternativ - Inszenierungen derart mit Selbst- und Fremdreferenzen, Intermedialitäten und Intertextualitäten überfrachtet werden, dass sich eine beschreibbare Erfahrung des Publikums gar nicht einstellen kann? Die Theaterakademie Hamburg hat an diesem Abend keine Antworten gegeben, nur die verschiedenen Ansätze konsequent voneinander abgesetzt. Dadurch hat sie - recht virtuos - Fragen aufgeworfen.

 

wund.es.heim innen/nacht
nach Einar Schleef
Regie: Gernot Grünewald, Bühne: Christiane Blattmann, Kostüme: Clara Bosch, Cello: Nora Hillen, Video: Frank Dietrich, Ivonne Kubitza, Dramaturgie: Hannah Kowalski, Chorleitung: Patrizia Bogs.
Mit: Cornelia Dörr, Bastian Dulisch, Marie Seiser; Chor der Hamburger Schauspielschule Frese: Marc Simon Delfs, Tasja Ehlers, Tobias Gennis, Humann Hadj, Samantha Hanses, Tanja Hirner, Christopher Jungbluth, Lisa Longo, Manuel Moretti, Jasmina Music, Julius Ohlemann, Lena Schlagintweit, Lara Christine Schmidt, Janine Schwarze, Jan-Henrik Sievers, Lena Westphal.

Motortown
nach Simon Stephens, Deutsch von Barbara Christ
Regie: Felix Meyer-Christian, Kostüme: Celestina da Costa, Ronja Lahr, Dramaturgie: Christina Bellingen.
Mit: Caroline Erdmann, Sebastian Klein, Dennis Pörtner, Raúl Semmler, Birgit Welink.

Port
von Simon Stephens, Deutsch von Barbara Christ
Regie: Grete Michel, Musik: David Pagan, Kostüme: Elena Koettgen, Assistenz: Friederike Runge.
Mit: Julia Goldberg, Fritzi Oster, Wolfgang Erkwoh, Rüdiger Hauffe, Markus Pendzialek.

www.kaltstart-hamburg.de


Mehr zum Kaltstart Festival: über die Hamburger Plattform für junges Theater berichteten wir im Sommer 2009. Cornelia Dörr, die in wund.es.heim innen/nacht mitspielt, kennt man vor allem aus Gintersdorfers/Klaßens Othello c'est qui.

 

 
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