Zirkus der Erinnerung 

von Ute Grundmann

Cottbus, 30. Oktober 2010. Fürst Pückler stöbert in der Gruft seiner Ahnen. Aus einem Sarg fallen ihm Schuhe, aus einem anderen Bücher entgegen. Aus einem dritten poltern Stahlhelme zu Boden. Schließlich stellt der Fürst sich in einen der hochkant stehenden Särge, gewiß, dass auch er, der 30jährige, einmal hier enden wird. Auch solche makabren Szenen gehören dazu, wenn Johann Kresnik im Staatstheater Cottbus eine "Geburtstagsfeier" für Hermann Fürst von Pückler-Muskau zelebriert. Der war Weltreisender und Reiseschriftsteller, Landschaftsarchitekt und Frauenverbraucher, Demokrat und Tyrannenfreund. All das und vieles mehr kommt vor in "Fürst Pücklers Utopia".

Christoph Klimke hat die Textvorlage zu diesem zweistündigen, pausenlosen Abend geschrieben. Doch wer von ihm und Kresnik eine stringente Geschichte, eine nach Zahlen abzählende Biografie erwartet, ist hier natürlich falsch. Wild springen Stück und Inszenierung zwischen Personen und Jahren, Orten und Ereignissen hin und her, so dass selbst der Fürst (Roland Renner) bisweilen ins Grübeln kommt, woher die Menschen um ihn herum etwas wissen, was lange nach ihnen geschehen wird. So etwa, wenn er selbst noch das Kind bei seinen Eltern ist, die aber schon Briefe an eine seiner Frauen lesen.

Schelmenfürst, Glücksritter, Ameisenpoet
Das ist eine der vielen Stationen in dieser Revue, die als Zirkusvorstellung beginnt. Auf der Bühne herbstliche Bäume an den Seiten, hinten sind hinter einem Glitzervorhang Palmen und das Orchester verborgen. Zu Saxophonklängen und Zirkustusch schlagen Kleinwüchsige Rad, Bauchtänzerinnen und Hinkende ziehen vorbei, der klassich schwarz gewanderte Chor zieht rote Nasen an, es gibt Feuerzauber und Remmidemmi. Kresnik bietet alles auf, was das Mehrspartenhaus zu bieten hat: Orchester, Chor, Tänzer, Sänger, Schauspieler und jede Menge Cottbuser Bürger, die als Statisten an diesem Abend des 225. Geburtstages Pücklers dem Fürsten ihre Reverenz erweisen, und sei es als Bäume.

Auf den lautstarken und effektvollen Auftakt folgt die stille, erste Szene des Fürsten, der, mit einem Äffchen auf der Schulter, auf sein Leben blickt, alt ist er und krank, geblieben sind ihm nur blecherne Orden an seinem fadenscheinigen Rock. Er will die Menschen bitten, seine Träume, seine Ideale von Freiheit und Freundschaft nicht zu vergessen, doch die Menschen, die hinter den Statisten-Bäumen hervorlugen, beschimpfen ihn, als Schelmenfürst, Pascha, Glücksritter, Ameisenpoetlein. All das ist Fürst Hermann wohl auch gewesen. Aber auch einer, der die Parks in Bad Muskau und Branitz (Cottbus) schuf, der mit Goethe parlierte und mit Bettina von Arnim flirtete.

Napoleon in Stars-and Stripes-Shorts
Dies alles nun lassen Klimke und Kresnik in einer wilden Hatz Revue passieren, sind mal in Muskau, mal in Afrika, zwischendurch gibts immer wieder schräge Musik von Saxophon- und Flötenspielerinnen, meldet sich das Orchester mit schrillen oder bedrohlichen Klängen, mehr untermalend und begleitend als dominierend zu Wort. Da tanzen drei Melkerinnen im Bikini und nutzen die Kannen als Schlagwerk, da tritt Napoleon in Stars- and Stripes-Shorts auf und disputiert mit Pückler über Politik und Freiheit und singt "Im Leben, im Leben, da geht mancher Schuss daneben". Kurz darauf trifft Pückler eine seiner Frauen, Ida, und wundert sich, dass er sie doch 30 Jahre später erst kennengelernt hat.

So geht das hin und her in einer unterhaltsamen, wenn auch nicht immer tiefgründenden Revue, in der es um des Fürsten Utopien ("wären die Menschen nicht besser als Bäume auf die Welt gekommen?"), aber auch immer wieder um das fehlende Geld, die stets drohende Pleite geht. Einmal wird der Fürst sich wünschen, er hätte Schlager statt Bücher schreiben sollen. Die Szene mit dem à la Italien gekleideten Goethe ist eher dürftig, hübsch, wenn auch kaum motiviert der Auftritt von vier klasssischen Tänzern im Frack. Ein echtes Pferd zieht ein Bett auf die Bühne und äpfelt prompt, was für einen der wenigen Lacher sorgt. Eine Gruppe von sieben Tänzern bewegt sich, hochragende Plastikschnüre umgeschnallt, wie Ähren in einem Kornfeld. Eine Bananenrock-Josephine-Baker-Parodie mit falschen, schwarzen Brüsten und umgeschnallten Schwelllippen karikiert Afrika-Bilder, des Landes, das der Fürst liebte und bereiste.

Ein Trabi mit Karl Marx und Don Quichote
Auch der Dichter Georg Herwegh schaut mal eben vorbei, zitiert Heine und nennt Pücklers Leben einen "Zirkus der Erinnerungen". Und natürlich darf in all dem das Fürst-Pückler-Eis in Tortenform nicht fehlen, das gleich mehrfach in den Szenen serviert wird. So nimmt Kresnik Pückler-Klischees auf die Schippe, seine Träume und Utopien mit Wohlwollen unter die Lupe und macht daraus einen Theaterabend mit Höhepunkten und Schwächen.

Schließlich knattert noch ein Trabi auf die Bühne, Karl Marx am Steuer, Don Quixote und seine Dulcinea an Bord, zu denen dieser träumende, kindliche, fantasierende Fürst ganz wunderbar passt. Am Ende aber fallen die herbstlichen Bäume einer nach dem anderen um und, da kann Kresnik den Zeigefinger doch nicht ganz lassen, es regnet jede Menge Plastikmüll auf das fürstliche Utopia. In den langen, freundlichen Beifall an des Fürsten Geburtstag mischten sich einige wenige Buhs.

 

Fürst Pücklers Utopia (UA)
von Christoph Klimke
Regie und Choreografie: Johann Kresnik, Ausstattung: Marion Eisele, Musik: James Reynolds, Musikalische Leitung: Marc Niemann, Dramaturgie: Christoph Klimke.
Mit: Roland Renner, Sigrun Fischer, Hanna Petkoff, Marlen Ulonska, Berndt Stichler, Jan Hasenfuß, Sarah Behrendt, Jens Klaus Wilde, Bardo Henning, Eileen Osei sowie Damen und Herren des Balletensembles und des Opernchores. Des weiteren führt die Besetzungsliste Saxophonistinnen, Bäume, Kleinwüchsige, Bauchtänzer, Korpulente, Stripteasetänzer, Transvestiten, Feuerspucker, Bodybuilder und Statisterie auf.
Es spielt das Kammerorchester des Philharmonischen Orchesters Cottbus.

www.staatstheater-cottbus.de

 

Alles zu Johann Kresnik auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Johann Kresnik habe sich Pücklers Motto "Die Realität ist nichts, der Traum ist alles" zu eigen gemacht und erzähle "nicht etwa dessen Biografie, sondern setzt die wirren, trügerischen Erinnerungen eines Greises in Szene", schreibt Antje Rößler in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (1.11.2010). Kresnik vermenge "Orchester, Chor, Ballett, menschliche und tierische Statisten sowie den Fundus (...) zu einem überbordenden, bunten Trash-Theater". Roland Renner liefere als "alter, ungebrochen lebenshungriger Fürst" eine "Glanzleistung" ab. Allerdings werde hier das allzu "einseitige Bild eines party-süchtigen Lebemanns" vermittelt. Wie gewohnt zeige Kresnik "viel nackte Haut, lässt Jungfernblut und Sperma fließen". Dieser Rückgriff in Freuds Traumsymbol-Kiste sei zwar "nicht ganz abwegig bei einem Helden, der mit Stiefmutter und Stieftochter in die Betten kroch. Aber man wird der blanken Busen und Popos bald überdrüssig." Die lenkten nämlich nur von dem intelligenten Text Christoph Klimkes ab. Das Orchester tue hingegen nichts weiter, "als die Dialoge mit sphärischen Klängen sanft zu untermalen. Aufregender sind da die schmissig spielenden Damen des Steyer Saxophon Quartetts".

Ein "ehrgeiziges Großprojekt" habe das Staatstheater Cottbus mit diesem Kresnik-Pückler-Projekt gewagt, meint Hartmut Krug im Deutschlandradio (Fazit, 30.10.2010). An der "biografischen Revue" seien alle Sparten des Hauses beteiligt - "ein Theaterabend, der vor allem beeindrucken will", mit großer Show. Dieses "weniger auf inhaltliche Deutlichkeit als auf äußerliche Buntheit setzende Beeindruckungstheater" breite Pücklers wechselvolles Leben in einer "heftig hin- und herspringenden Collage" aus. Das "weder sprachlich noch dramaturgisch überzeugende Libretto" Klimkes verlange einen "kenntnisreichen Zuschauer". "Pücklers Leben zwischen Realität und Traum bebildert Kresnik mit kleinen Gags und Effekten. Doch der Erfinder des choreografischen Theaters (...) bietet dieses Mal nur flaues Stehtheater." Die Tänzer tun dem Kritiker ebenso leid wie die Schauspieler, die "immer nur als Zitat- und Erklärgeber fungieren". Besonders hart treffe es Roland Renner als Pückler, er habe "keine Chance in diesem unbeweglich aufgedrehten Äußerlichkeitstheater" und mogele sich "mit Dauerlächeln und monoton bedeutungsvoller Vortragsweise durch den Abend", der mit einer Vorfahrt im offenen Sport-Trabbi von Quichotte, Herwegh, Marx und Pückler "immerhin noch eine nette Kabarettszene aufzuweisen hat". Mit dem Engagement Kresniks habe das Cottbuser Theater "hoch gegriffen" und sei "tief gefallen". "Ein trauriger Abend."

Reinhard Wengierek schreibt in der Tageszitung Die Welt (2.11.2010): Das Biopic-Theater des Johann Kresnik bemächtige sich der abenteuerlichen Vita des Aristokraten. Der Titel "Fürst Pücklers Utopia" halte, was er verspreche: "Demonstrative Herumreiterei auf den revolutionären Phantastereien des konservativen Lebemanns". Plakatives passe zu dem "österreichischen Altherren-Politruk der Regie Kresnik". Der jage ein "Gewimmel" über die Bühne, das alle Ressourcen des Drei-Sparten-Hauses "spektakulär in Betrieb" setze, aber er fertige aus dem "Gewusel von Revue" kein "packendes Lebens- oder gar Epochenbild". Bloß "Tingeltangel an Bildchensalat".

Orchester, Ballett, Schauspieler und ein Saxophon-Quartett, Striptease- und Bauchtänzerinnen, Feuerspeier, Bodybuilder, kleinwüchsige Komparsen samt einem Affen, eine Schlange und ein Pferd – Irene Bazinger zeigt sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.11.2010) beeindruckt vom Aufwand, der in Cuttbus betrieben wird: "Kresnik entfesselt von Anfang an eine bunte, grelle, schrill assoziierende Revue mit zum Teil plakativen Effekten und nacktem Fleisch, aber auch mit nachdenklich-ruhigeren, oft ironisch bis witzig überformten Bildern." Souverän und geradezu altmeisterlich verschmelze Kresnik die verschiedenen Genres, male Schicht um Schicht ein pittoreskes Panorama um den polymorph glänzenden Pückler aus: "Ihn lässt der bravourös aufspielende Roland Renner als einen tief von innen leuchtenden Tag-und-NachtTräumer herumflattern, der um keinen Flirt, keine Chimäre und kein Glücksgefühl verlegen ist, der sich aber eigentlich nur um sich selbst dreht, auch wenn er alle anderen in kreativ-aufgescheuchte Bewegung versetzt."

"Liliputaner hüpfen über die Bühne. Es ist schwer was los. Das große Orchester im Bühnenhintergrund hinter dem Gazé-Vorhang lässt es richtig krachen. Tschingdarassabum. Eine Bombenstimmung. Aber: Ein stimmiges Bild.", schreibt Martin Lüdke (Frankfurter Rundschau, 12.11.2010). Pückler sei eine Gestalt des 19. Jahrhunderts, "wie man sie allenfalls in der Literatur, etwa bei Ibsen erwartet, aber nicht in der ostdeutschen Provinz". Diese Art von Überraschung habe sich auch das Cottbuser Theater zu eigen gemacht, und Kresniks Spektakel "erwartet man auch eher an der Berliner Volksbühne, Kresniks früherer Heimstatt, als am Rande des Spreewalds. Aber es funktioniert. Das Publikum spielt mit, überzeugt von den grandiosen Bildern." Die Textvorlage des Berliner Autors Christoph Klimke verblasse dagegen. Und "Roland Renner als Fürst Pückler bekommt kaum die Chance, die Zwiespältigkeit seiner Anlagen auszuspielen."

Kommentar schreiben