So sieht Leben aus in der Discounter-Branche

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. Oktober 2007. Am Ende sind die Väter schuld. Die, die abwehrend die Hand erhoben haben, wenn der ungeratene Sohn mit einer neuen Lebensidee oder Weltweisheit anrückte. Am Ende, wenn Peter Vischer seinen perfekten Selbstmord beschreibt, den ohne Zeugen und ohne Vorwurfsnummer, dann findet er die Anerkennung seines Lebens, dann hört er seinen Vater "Hast Du gut gemacht" sagen.

Vorher allerdings geht so Einiges schief. Vor allem natürlich in Vischers Leben. Peter Vischer, das ist eine der Figuren aus Andreas Marbers jüngstem Stück "Die Beißfrequenz der Kettenhunde". Es ist ein Auftragswerk für das Hamburger Thalia Theater, Stephan Kimmig hat es dort uraufgeführt. Monologlastig und entsprechend handlungsarm ist das Acht-Personen-Stück und, um ein grotesk-unterhaltsames Kammerspiel bemüht, hat Marber es mit jeder Menge Psychologie und Wortwitz angefüllt.

Der Wahnsinnn der Väter und der Söhne

Es ist ein Theatertext über ein Unternehmen, das für Aldi Unterwäsche produzieren lässt, über Chefs, die auch Väter sind, über ungeliebte Söhne und Töchter, über gescheiterte Existenzen und über die tägliche Angst vor dem Jobverlust und der genauso täglichen Hoffnung auf Beförderung. Es spielt irgendwo zwischen Bangladesh und Hamburg, inmitten der Globalisierung. Doch zunächst ist da nur ein zwielichtiger Club in Dhaka – ein kleiner Guckkastenraum mit schmuddelig-grüner Rückwand und zwei lichtarmen Glühbirnen (Bühne: Katja Haß).

Dort hängt Peter Jordan erschöpft in einem roten Plastikstuhl und spielt tropische Hitze. Eine Bengalin (Nina Sarita Müller) tritt auf und stimmt in gebrochenem Deutsch "Der Kuckuck und der Esel" an – sie singt, weint und schreit. Doch Vischer bleibt regungslos. Auch als Rudolf Klaase (Werner Wölbern) wild telefonierend und gestikulierend aus den Parkettreihen auf die Bühne stürzt und ihn als den "Junior von Kübelpflanzen-Vischer!" erkennt, bleibt der junge Mann apathisch.

Aufsteiger inmitten brutaler Marktmechanismen

Klaase ist ein alter Bekannter seines Vaters – Wölbern ist großartig in der Rolle des hochrotgesichtigen Unternehmers –, was ihn befugt, ein paar mahnende Sätze loszulassen. "Vischer, nicht diese Christusmaske", "Sitz hier nicht rum wie ne feuchte Feder" und "Du sollst Dein Leben nicht als verglimmende Glühbirne verbringen" bellt er den verloren wirkenden Vischer-Sohn an, bevor er ihm, aus väterlichen Gefühlen wahrscheinlich, einen Job als Geschäftsführer anbietet. Da kann Vischer nicht mehr an sich halten und küsst den neuen, den anerkennenden Vater einmal von Fuß bis Kopf und zurück. Tatsächlich macht er seinen Job bei Klaases mittelständischem Unternehmen "PowerClothing" ganz ordentlich, bringt neue Ideen und gute Umsätze, begründet die ein oder andere Kündigung und versucht bei der spröden Kollegin Marie Stein (herrlich schräg: Maren Eggert) sein Glück.

Doch Vischer bleibt ein Unsympath. Er ist ein brüchiger und nervöser Typ mit all zu vielen Worten: Marber hat ihm einen erregten Endlosmonolog nach dem anderen auf den Leib geschrieben, die Peter Jordan alle atemlos herunterhetzt. So bleibt man völlig ungerührt, wenn Klaase ihn so plötzlich wieder entlässt wie er ihn eingestellt hat: ein Schicksal unter vielen.

Jeder gegen jeden, aber dennoch Collage

Marber verweigert in seinem Stück den Fokus auf eine einzelne Identifikationsfigur. Er sucht das Für und Wider, die These und die Antithese. Aus diesem Grund konstruiert er in "Die Beißfrequenz der Kettenhunde" bedeutungsschwere Konstellationen zwischen Vätern und Söhnen, Chefs und Sekretärinnen, Männern und Frauen. Bei ihm gibt es keine "unbedeutenden Rollen" und um diese Aussage zu unterstreichen hat Marber fast alle Figuren seines jüngsten Stücks mit ausführlichen Informationen zu Kindheit, Elternhaus und Lebenskrisen ausgestattet.

Stephan Kimmig tut dem Autor leider den Gefallen und erzählt sie: die Geschichten von Roswitha Dutts (Katrin Wichmann) traumatischen 18. Geburtstag, von Vischers kaltherziger und raffgieriger Mutter, von Arnolds innovativen T-Shirt-Ideen, von Klaases verfilzlausten Töchtern und seiner sexsüchtigen Frau. Immer kleinteiliger werden Text und Inszenierung und immer nebensächlicher Geschichte, Handlung oder Inhalt. Wie ein schlecht sortiertes Puzzle zerfällt der Abend in lauter Einzelteile. Übrig bleibt eine zwar gut gespielte, doch so zusammenhangs- wie spannungslose Szenen-Collage.

 

Die Beißfrequenz der Kettenhunde
von Andreas Marber
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes.
Mit: Anna Blomeier, Maren Eggert, Moritz Grove, Peter Jordan, Nina Sarita Müller, Stephan Schad, Werner Wölbern, Katrin Wichmann.

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Von Genreunsicherheit der Uraufführung spricht Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (8.10.2007) Dabei habe es das Stück in sich: "Da ist sie also, die neue Literatur der Arbeitswelt. Nichts mehr von Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, kein Drang zur Veränderung, keine Spur von sozialer Verantwortung und schon gar kein Mitleid mit den Verlierern: der ganze Plunder, der im Theater mit Sicherheit jede Komödie klein bekommt. Nein, da steht – schaurig schön – die Lächerlichkeit, mit der man sich nach Kräften müht, zu einem gut funktionierenden Mitglied der ökonomistischen Globalsekte zu werden." Leider habe Stephan Kimmig aber "ein stirnrunzelndes Problemstück" daraus gemacht und Marbers "sanft boshaftes Drama" zu einem Entlarvungstext umgemodelt.

Zu einem anderen Ergebnis kommt Stefan Grund in der Tageszeitung Die Welt (8.10.2007) Marbers Stück sei mittelmäßig, die Regie habe daraus immerhin einen "passablen Gegenwartskommentar" gemacht. So dämlich und sinnlos die Handlung auch sei, so unstimmig ihre Charaktere psychische Abgründe behaupteten: "Aus dieser spannungslosen und überraschungsfreien Vorlage eine halbwegs brauchbare Aufführung gezaubert zu haben, ist eine große Leistung. Deshalb verdient vor allem Werner Wölbern ein Loblied. Dem gelingt es, den Mittelständler Klaase doch irgendwie glaubwürdig als cholerischen Patriarchen, als harten Hund mit aufgeweichtem Kern, mit komplett gescheitertem Ehe- und Gefühlsleben zu spielen."

Ein "plakatives" Stück, diagnostiziert Irene Bazinger in der FAZ (10.10.2007); Stephan Kimmig habe es mit "getreulicher Liebe zum Text, zum Detail und zu den klamottigen Schauspielern" inszeniert. Je entschlossener indes die Beteiligten "zupacken", desto "deutlicher wird, wie dünn und durchsichtig Marbers Antikapitalismustheater ist". Trotz aller "Klischees, Phrasen und Fadenscheinigkeiten" seien manche Beobachtungen Marbers "zutreffend bis absurd spaßig". Auch die Bemühungen der Regie die "Nummernrevue" mit "durchgängigem Spannungsbogen" und "cleverer Komik" vor dem "kompletten Absturz in die Kolportage" zu retten, seien nicht ganz vergeblich. Aber eben auch nicht lohnend.

Leicht erstaunt registriert Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (10.10.2007), dass Marbers Stück tatsächlich als Komödie funktioniere, "das will schon mal was heißen für ein deutsches Theaterstück, das naturgemäß ja immer auch ein Krisenstück ist". Das Thalia zeige "Romeo und Julia" in der Gaußstraße und das neue Stück, erstklassig besetzt, im Großen Haus, ein Luxus, den man sich erst einmal leisten können müsse, schwärmt Frau Dössel. Und: Marbers Witz sei nicht subtil, besitze aber Pointendichte, zwar sei das TV in Sachen Bürokomödie "böser, zynischer und anarchischer", doch funktioniere Marbers Mechanik bestens, so dass zuletzt "vermeldet werden" kann: "Operation gelungen - wenn auch Vischer tot".

 

 
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