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Ab mit uns Touristen ins All

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2011. "Ich hatte jedesmal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete" – Was Friedrich Nietzsche über seine Auszeit im schweizerischen Sils Maria schrieb, trifft auch heute noch auf Urlaubserlebnisse im Allgemeinen zu. Fern von zu Hause ist man aus dem Häuschen und kommt mitunter auf so manch komische Idee. So weit, so bekannt. Rainald Grebe nun wollte genau diesem Gefühl auf den Grund gehen.

Mittelfinger, Baströckchen, Kolonialismus

Mit "Die WildeWeiteWeltschau" bastelt er sich eine wahrlich buntgescheckte Revue um den Tourismus-Komplex zusammen, in man im Baströckchen dem Urlauber-Voyeurismus den Mittelfinger zeigt, immer wieder Sorben und andere Exoten heranzitiert und auch Nietzsche verwurstet wird. Die Lacher hat der Regisseur, Schauspieler und Sänger während seines unterhaltsamen Parcours aus Singsang und Schabernack gekonnt wie routiniert auf seiner Seite.

Als er aber gen Ende hin eben jenen Aufenthalt Nietzsches in Sils Maria bemüht, um den Bogen von dessen Schwester zum antisemitischen Schwager und seinen Arier-Fantasien zu spannen, dämmert etwas: Zu den vielen losen Fäden der Inszenierung will Grebe unbedingt noch den proto-nazistischen Kolonien geistig verwirrter Deutscher des 19. Jahrhunderts in Südamerika einen mitgeben. Wer kommt auch auf die Idee, das Deutschtum in Paraguay erstarken zu lassen?

Man kann dies als Schlüsselstelle des Abends lesen, der keineswegs enttäuscht, nicht nur unterhaltsam ist, sondern sich in weiten Strecken auch pointiert, klug und kritisch gibt. Er trägt aber einen Hauch von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, deren Idee Nietzsche just bei seinem Erlebnis in Sils Maria ansprang, ein Prinzip, das sich auch bei Grebe am Werk zeigt. Energie und Materie im Universum sind limitiert, die Zeit ist unendlich, also müssen sich Ereignisse wiederholen, so Nietzsches reichlich krude Gleichung.

Wiederkehr des Schönen und Absurden

Grebe scheint auch auf Zeit zu spielen an diesem Abend. Man glaubt, vieles schon irgendwie gesehen zu haben in seinen zwei vorherigen Inszenierungen am Schauspiel Leipzig. Nicht inhaltlich, aber dramaturgisch und formal spult sich hier eben ein Grebe ab. Wenn Schönes wiederkehrt, Lustiges und Absurdes, ist daran nichts verkehrt – im Gegenteil. Aber es verliert seine Spitze: die Überraschung. Und wirkt bisweilen bemüht.

Wenn sich knipsende Pinguine in die bewusst als billige Kulisse gestalteten Bühnenbilder schieben, Inuit mit freiem Oberkörper und Schiffshaken Fische jagen und Indien als "Land von Shiva und Lassi salzig" angepriesen wird, zeigt Grebe souverän seinen Sprachwitz und sein Können, groteske Bilder zu entwerfen. Wenn Menschen analog zu den nicht nur in Leipzig einst sehr erfolgreichen Kolonialausstellungen wie in einem Zoo ausgestellt werden und das ganze hernach als Touristikmesse entlarvt wird, macht der Lästerer einen gewichtigen Punkt.

Die Frage nach der Schaulust des touristischen Blicks gewinnt hier im Theater noch an Gewicht. Am intensivsten wird dies bei den mehrmaligen Auftritten eines sorbischen Folklore-Quartetts, das Tradition bewahren will und doch so lächerlich wirkt wie jede exotische Konserve, die anderes um der Fremden Willen bewahren will. Das gipfelt in einer Publikumsverlosung für eine Reise nach Bautzen, um den Charme der Lausitz auch dem Städter schmackhaft zu machen: "Sorben sind selten."

Störe meine Kulturkreise nicht

Mit einem Handstreich nimmt Grebe die alte Völkerkunde – nicht Ethnologie! – aufs Korn, deren Nachwehen bis heute tönen: Störe meine Kulturkreise nicht. Er wischt leichtfüßig solch Blasen wie kulturelle Identitäten von der Bühne und geißelt spöttisch die Vorstellung, mit ein, zwei Wochen planmäßigem Eskapismus – "Vergessen sie den Alltag" – ein besserer Mensch zu werden. Ein sangria-schlürfender Menschenhaufen ruft etwa unisono entschlossen: "Sehnsucht!"

Ohne Zweifel: Grebes Revue beizuwohnen macht Spaß. Nach einigen Nadelstichen mehr aber läuft der kichernde und krachende Kreisel allmählich unrund. So lose und unverbunden sind die in sich witzig-schlüssigen Tableaus, dass der Inszenierung der Drive schließlich abhanden kommt. Viele Stellen laden weiterhin zum Amüsement ein. Stellt das Ganze aber mehr als die Summe seiner Teile dar, dann fehlt der Inszenierung schlichtweg der dramaturgische Bogen, der spannungshaltende Kitt.

Dem Abebben und Verflüchtigen der vorher aufgebauten Intensität wird zum Schluss vollends Freilauf gegeben, wenn Astrophysiker Stephen Hawking persifliert wird: Die Menschheit soll – so das ultimative touristische wie kolonialistische Credo – alsbald das All bevölkern, um ihr Überleben zu sichern. Weißes Rauschen, Dopplereffekt: Höhnisch kichernd verlässt das Hawking-Double die Bühne. Und irgendwie vermeint der Autor dieser Zeilen beim Herausgehen einen schallend lachenden Nietzsche zu hören: "Schlimm genug! Schon wieder die alte Geschichte!"

 

Die WildeWeiteWeltSchau (UA)
Regie: Rainald Grebe, Bühne: Jürgen Lier, Kostüme: Kristin Hassel, Musikalische Leitung: Jens-Karsten Stoll, Dramaturgie: Johannes Kirsten.
Mit: Anna Blomeier, Martin Brauer, Rainald Grebe, Manuel Harder, Andreas Keller, Youngjune Lee, Melanie Schmidli, Jens-Karsten Stoll, Jeanny Gloria Tjakaurua, Klaus-Dieter Werner.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr zu Rainald Grebe gibt es im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

In der Leipziger Volkszeitung (29.1.2011) schreibt Nina May: Grebes bislang "stimmigste Produktion" im Centraltheater überzeuge mit "bösem Humor, Sozialkritik und treffenden Liedern". Es sei "dieses Zulassen von beinahe kitschiger Sehnsucht", die den "höchst unterhaltsamen Abend" von einer "klamaukigen Zirkusshow" in ein "tiefgründiges Denkspiel rund ums Thema Urlaub" verwandele. "Tourismus ist eine moderne Form des Kolonialismus", laute der "Grundgedanke", den Ensemble und zahlreiche Laiengäste in vielen Bildern durchspielten. "In die Indienkulisse verläuft sich Anna Blomeier als verwirrter Pinguin; ausgerechnet ein Japaner stimmt Grebes kultige Brandenburg-Hymne an; Ureinwohner tanzen Wiener Walzer" - mit den "satirischen Stilmitteln Übertreibung von Klischees und Bruch derselben" werde die "Überheblichkeit des Urlaubers" vorgeführt, der schon genau wisse, was er erleben wolle.

In der Mitteldeutschen Zeitung (29.1.2011) schreibt Andreas Hillger: Nach Klima-Revue und Karl-May-Festspielen wirke "Grebes dritter Streich", der "Fernweh mit den Folgen der Globalisierung" kurzschließe, wie eine "logische Fortsetzung". Das Publikum erführe dabei "am eigenen Leibe den Wechsel der Perspektiven": Während der Auftakt an jene Kolonial-Ausstellungen erinnere, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auch in Leipzig "fremde Völker zur Schau stellten", kippe der Abend später "in die Parodie einer modernen Reisemesse - und schließlich in die Vision einer Weltflucht Richtung All". Rainald Grebes kleines Welttheater sei "grell und schnell, übermütig und unterhaltsam" - aber es entlasse den "aufmerksamen Zuschauer mit einer Spur von Traurigkeit im Herzen".

Auf Deutschlandradio Kultur erzählte Michael Laages in Fazit (27.1.2011) von seinen Eindrücken: Er habe eine "rabiate Parodie" gesehen, eine "Satire auf diese ewige Sehnsucht von uns allen, dass wir weg wollen". Das beteiligte Ensemble erzähle "richtig Privates", das sei die Grundidee dieses Abends, alles "festzumachen an der eigenen Geschichte". Eindrucksvoll sei die große musikalische Begabung der Schauspieler. Außerdem sei auch noch "ein Haufen Statisten dabei", "Bauchtänzer, eine sorbische Gesangstruppe, afrikanische Buschmänner", alles sei "extrem parodistisch", Kulissen wie das Matterhorn würden rein- und rausgeräumt, "die Fallhöhe zum Komischen" sei "nicht unbeträchtlich - es durchzieht diesen Abend doch eine Art Debatte über diese Sehnsucht von uns allen". Und es werde in dieser Show "tatsächlich eine zweitägige Reise nach Bautzen verlost", bezahlt von Rainald Grebe selber. Der Abend habe "etwas holper-dipolter Zusammengestoppeltes, auch ein paar starke poetische Bilder". Ein Abend, der auf zauberhafte Weise erkläre, dass es in Bautzen "ganz wunderschön sein muss", und insofern ein Abend, der "die Lust an der Lebens- und Weltveränderung nicht austreiben kann".

Einerseits sei "Die WildeWeiteWeltSchau" klug und komisch, schreibt Ralph Gambihler in der Freien Presse (29.1.2010): "Grebe überzeugt mit Präsenz und Pointensicherheit, und wenn er auf seinem schäbigen Bürostuhl sitzt und seine schrägen Lieder singt, ist er sowieso seine eigene Show." Andererseits bleibe etwas Schales, Uneingelöstes: "Zu eilig und routiniert werden Klischees aneinander geheftet. Mancher absurden und grotesken Szene merkt man an, dass sie auf absurd und grotesk getrimmt wurde. Mache und Masche sind im Spiel." Seltsamerweise seien es "erzählerische und kaum pointenversessene Momente, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben: Anna Blomeier, Melanie Schmidli und Andreas Keller, wie sie anhand eigener Fotos autobiographische Reiserlebnisse aus ihren jüngeren Jahren verdichten. Als Suchende und bisweilen Findende. Als Ankommende und Nichtankommende. Als Menschen in der Welt des Wegfahrens."

 

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