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Die Macht, wie sie feuert und lacht

von Caren Pfeil

Dresden, 27. Januar 2011. Adam Krusenstern, der leitende Angestellte einer Firma, die gerade von einer neuen Leitung übernommen worden ist, die bereits die meisten Mitarbeiter entlassen hat, wird von eben dieser neuen Leitung in das Landhaus der Firma eingeladen und weiß nicht warum und wozu. Soll er die neue Firma leitend mitgestalten? Soll er gehen? Aber warum dann noch diese Prüfung? Was wird von ihm erwartet?

Eine attraktive Assistentin umsorgt ihn, der neue Personalchef verunsichert ihn und die Personaltrainerin begegnet ihm mit Verständnis. Aber was wollen sie von ihm, und wann lernt er die neue Leitung kennen? Und dann ist da noch dieser Praktikant, der ohne Manieren und offenbar auch ohne Wissen und Erfahrung Krusenstern mit seinen Flegeleien provoziert. Ziemlich schnell wird für den Zuschauer klar, dass Krusenstern keine Chance hat, sondern nur Spielball und Versuchsobjekt für die neue Leitung ist. An ihm wird sozusagen der alte Typ Mitarbeiter untersucht und verworfen.

Unternehmensführung als Gesellschaftsspiel

Man war gespannt auf dieses neue Stück von Lutz Hübner, der ja schon des Öfteren bewiesen hat, dass er den Finger sehr genau in die wunden Stellen legen kann, die einer Gesellschaft gerade brennen. Aber diesmal trifft er weder die Wunde so ganz genau noch den Ton. Auch von seiner Stärke, Figuren selbst in der Überzeichnung noch einen realistischen, gut beobachteten Kern zu geben, ist kaum etwas zu spüren. Hier blieben sie Sprachrohre und Material für spielwütige Schauspieler.

Das Stück konfrontiert in Krusenstern die gepeinigte Kreatur, die moralisch integer, aber unbrauchbar geworden ist, mit der neuen Generation der Wirtschaftsmanager, für die das Leiten einer Firma nichts weiter ist als ein amüsantes Gesellschaftsspiel. Es dient dazu, sich an der Machtausübung zu delektieren. Die riesigen Wortblasen, die Hübner dabei dem Jüngelchen von einem Praktikanten, der sich als der künftige Firmenchef herausstellt, in den Mund legt, offenbaren dessen moralische Verkommenheit ebenso wie seine soziale Deformation. Aber seine Monologe sind mehr ein Urteil über die Figur als die Figur selbst.

Von der Besetzungscouch verschluckt

Wo aber das Stück schon unentschieden und wenig prägnant ist in der Figurenzeichnung, in den Situationen, selbst im Plot, der sich am Ende in ein seltsames Nichts auflöst, es aber wenigstens noch eine gewisse Leidenschaft für das Thema erkennen lässt, da schludert die Inszenierung mit einer Beliebigkeit in der Auswahl der Mittel, dass es einen graust. Billige Effekte, sonst nichts. Statt Auseinandersetzung zwischen Figuren wird das Ausrutschen auf einer Bananenschale zelebriert, bei der der Schauspieler für diesen Moment brillieren darf, aber was bringt's? Einen kleinen Lacher.

An anderer Stelle verschwindet die Hauptfigur auf einem überdimensionalen Sofa in der Ritze, um die nächste Szene als winzige Handpuppe zu absolvieren – ein hübscher Einfall, aber doch mehr Illustration der Szene anstatt szenische Konfrontation. Am Schluss wird das gleiche Mittel noch einmal benutzt (also die gleiche Ritze), um den, der sozusagen der allerschlimmste Arschkriecher und Schleimer von allen ist, nun tatsächlich im Arsch der Hauptfigur verschwinden zu lassen. Auch das bringt einen kleinen Lacher. Und sonst?

Mit Zellstoffstöpsel Im Nasenloch

Dieses überdimensionale Sofa ist der Haupteinfall des Bühnenbildes. Irgendwo hinten dampft es aus einer imaginären Sauna, auf dem Dach kann man Golf spielen. Was am Bühnenbild fehlt, zum Beispiel die Türen, wird akustisch illustriert. Das ist eine hübsche Idee, wenn die Schauspieler pantomimisch agieren und der Tontechniker dann das entsprechende Geräusch dazu gibt, aber es ist letztlich ein Running-Gag, der folgenlos für das Geschehen bleibt.

Regelrecht wohltuend ist dagegen der Ausbruch von Krusenstern, wenn er nach einem der langen Monologe seines Gegenspielers ausrastet und diesen einfach nach Strich und Faden zusammenprügelt. Das ist nicht besonders originell, dass sich seine ganze Not, seine angestaute Wut in einer Prügelei entlädt, aber immerhin ist es mal eine kräftige szenische Provokation. Der Personalchef kriegt dabei auch gleich noch was auf die Nase, was die Regie dazu verleitet, ihn im Folgenden schön blöd aussehend mit Zellstoffstöpsel im Nasenloch zu präsentieren. Das ist wiederum lustig, doch nicht gefährlich, was solche Typen aber sind.

Wenn jedoch kurz vor Schluss die Personaltrainerin, weil sie einen winzigen Fehler macht, sofort aus der Etage gewippt wird und ihren Job los ist, spürt man das Potential des Stückes. Christine Hoppe und Christian Clauß spielen das ganz präzise und zeigen schnörkellos, wie abgründig Macht funktioniert. Ohne Witzchen und Effekte, aber mit Kopf! Es bleibt eine Ausnahme.


Die Firma dankt (UA)
von Lutz Hübner
Regie: Susanne Lietzow, Bühne: Aurel Lenfert, Kostüm: Marie Luise Lichtenthal, Musik: Gilbert Handler, Video: Petra Zöpnek, Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Mit: Philipp Lux, Ina Piontek, Christian Clauß, Thomas Eisen, Christine Hoppe.

www.staatsschauspiel-dresden.de


Mehr über Unternehmenskultur auf dem Theater? Philipp Hauß brachte soeben in Wien seine Arthur-Miller-Fortschreibung Überleben eines Handlungsreisenden heraus. Einschlägig ist auch das Stück zur Pleite des New-Economy-Riesen Enron von Lucy Prebble.

 

Kritikenrundschau

Lutz Hübner schlage in "Die Firma dankt" vor, über die Wirtschaft, den Markt, die Krise "einfach herzlich zu lachen", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (29.1.2011): sie seien bei Hübner "nichts als ein verrücktes Computerspiel, das bestens ausgebildete, rein profitorientierte Kinder skrupellos beherrschten". Hübner mache sich "einen Theaterjux, und ganz in diese Richtung inszenierte Susanne Lietzow die Uraufführung: ein närrisch übersteuerter Klassenkampf zwischen ein wenig Old und sehr viel New Economy." Die Figuren seien "fest umrissen, die Konflikte plastisch. Ursachenforschung wird von Lutz Hübner nicht betrieben, jedoch voll schwarzen Humors über die sprachlich genau gefasste Problematik geschlittert." Susanne Lietzow lasse "die Zuschauer lachen und bloß im Inneren weinen, was ihrer amüsanten gelungenen Inszenierung den schönen doppelten Boden gibt".

Der Krusenstern in Lutz Hübners neuem Stück werde von Philipp Lux herausragend gespielt, meint Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (29.11.2011): "Er gibt den Angestellten als verknurksten, näselnden Spießer, den man nicht unbedingt zur Coctailparty einladen würde." Insgesamt aber fänden sich in dem Stück "übermäßig viele Stereotype", die "jede Subtitilität töten". Das alles sei "im Dienste der Unterhaltung gut gemeint, doch hinter den Klischee-Fassaden kommt keine Doppeldeutigkeit zum Vorschein. So verlieren nicht nur die Figuren an Kontrast, sondern auch die Inszenierung an wahrhaftigen Momenten." Dabei habe "die Regie einiges zu bieten: Während alles anfangs fast ein wenig zu ruhig dahinplätschert (...), werden die surrealen Elemente immer mehr." Wie bedauerlich, "dass es so selten gelingt, dem Ganzen Seele und Gesicht zu verleihen."

"Wichtiger als die szenische Umsetzung" erscheine "die bloße Tatsache, dass ein so brisantes Gegenwartsstück des engagierten Autors in Dresden uraufgeführt wird", schreibt Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (29.11.2011). "Eine dringende Empfehlung auch an jene, die sich an ihrem Arbeitsplatz noch sicher wähnen oder gar wohlfühlen. Man lernt jedenfalls etwas über die subjektiven Aspekte der vermeintlich so schicksalhaften Wirtschafts- und Finanzkrise." Hübners Stück sei ein "zuweilen ins Surreale umschlagender Text, der an Kafkas 'Prozess' erinnert und Orwellsche Züge trägt". Philipp Lux sei "jedoch ein anderer Krusenstern. als man ihn nach der Lektüre der Textvorlage" erwarte. Den "ernsthaften Arbeiter, den engagierten Anhänger der traditionellen Firmenkultur" nehme man ihm nicht recht ab: "Dazu parodiert er sich zu oft selbst, verordnet ihm die Regie von Susanne Lietzow immer wieder überflüssige Louis-de-Funès-Einlagen." Es habe am Donnerstagabend "im Foyer des Kleinen Hauses Stimmen" gegeben, "die meinten, Stoff und Text seien durch die komödiantische Auffassung überhaupt erst erträglich geworden. Ja, aber dieses mildernde Lachen müsste beim Zuschauer angesichts der Eiseskälte der Vorgänge häufiger gefrieren. Das klappt nicht, wenn man keine Gelegenheit für einen Slapstick auslässt." Trotzdem: "eine hochwichtige Aufführung".

 

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