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Das blinde Inszenieren

von Kai Krösche

Wien, 11. März 2011. Irgendwie sind sie zwar noch da – die sieben Revue-Engel, der Schauspieler, eine Kostümassistentin – doch wirken sie eher wie Verlorene, scheint die Vorstellung bereits abgespielt, verschwunden, ist "das blinde Geschehen" an die Stelle des gewöhnlich Sichtbaren getreten. Dieses "blinde Geschehen" ist es, das Botho Strauß in seinem neuen Stück sucht und in Form einer absurden Szenenabfolge voll traumartiger Bilder, Dialoge und Situationen zeichnet.

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Dörte Lyssewski    ©Reinhard Werner

Kreisend um zwei Hauptfiguren, den Gamedesigner John Porto und eine junge Frau mit dem altgermanischen Namen Freya Genetrix entspinnen sich Szenen und Dialoge, die auf oft ungewöhnliche Weise vom menschlichen Miteinander handeln.

Ungewöhnliche Bilder und Fragen

Ein Mann und eine Frau, einander unbekannt, beziehen eine leere Wohnung und treiben sich gegenseitig in Gesprächen in den Wahnsinn; ein Ensemble aus Vater, Ehemann, Liebhaber, Schwester und Zufallsbekanntschaft versucht, eine Frau zur Abtreibung zu bewegen; eine gnadenlose Reporterin macht aus einem Interview ein seelenentblößendes Verhör der aggressivsten Sorte, und stets ist die Rede von nie gesehenen, zerstörerischen Riesen – mit ungewöhnlichen Bildern und Szenen wirft "Das blinde Geschehen" ungewöhnliche Fragen auf. Fragen nach Wirklichkeit und Fiktion – im Theater wie im Cyberspace wie im "Real Life", Fragen nach Liebe und Abhängigkeit, nach dem Sichtbaren und dem Nicht-Sichtbaren, Verborgenen, nur Erahnbaren.

Es sind manchmal merkwürdige, oft interessante Fragen, die sich schwer in andere Worte als jene des Stücks fassen lassen, dafür umso dringlicher der (Bilder-)Sprache des Theaters bedürften: Hier könnte eine geschickte Inszenierung genau jene zwiespältige Atmosphäre eines nur Angedachten, nicht Fertiggedachten, wieder Verworfenen und doch Entäußerten zum flüchtigen Leben erwecken – sofern sie bereit ist, hinter den Worten der komplexen Vorlage etwas Tieferliegendes (und sei es auch noch so abstrakt) zu ergründen. Eine Notwendigkeit, auf die die Uraufführung am Wiener Burgtheater zumindest dem Schein nach zugunsten einer bombastisch-phantasielosen Bebilderung verzichtet.

Mit den technischen Mitteln einer Großbühne

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©Reinhard Werner

Das Irritierende an der Inszenierung von Burgintendant und Regisseur Matthias Hartmann ist dabei, dass sie auf der einen Seite mehr oder weniger 1:1 das Stück mit all seinen Bühnenbeschreibungen und Regieanweisungen auf die Bühne bringt, zeitgleich aber – und das trotz guter Schauspieler, trotz Ausschöpfung des nahezu gesamten technischen Apparats des Burgtheaters – all das, was im geschriebenen Stück spannend wirkt, zu im besten Fall oberflächlich unterhaltsamen, überwiegend jedoch langweiligen zweieinhalb Stunden umsetzt.

In der im Stück "Das nackte Zimmer" übertitelten Szene zum Beispiel: Da schwebt zunächst eine ganze Altbau-Studio-Wohnung aus dem Schnürboden; an den Stellen, an denen im Stück eine gelbe "Lärmwolke" das Bühnenbild überzieht, legt sich dann auch noch (nicht nur ein- sondern gleich ein halbes Dutzend Mal) eine riesige Gaze über das Bild, gefolgt von einer Videoprojektion, die aussieht (und sich anhört) wie ein zeitgeraffter Probenmitschnitt, über dem, nun ja, eine gelbe, projizierte Wolke hängt. Oder die ganzen Szeneneinleitungen, in denen die Figuren oft breit die Szenenkonstellationen samt Kostümen erklären: Als gäbe es keine andere Möglichkeit, stehen natürlich alle Figuren dort, wo sie laut Gesprochenem stehen sollen, sind sie genauso gekleidet wie gesagt – eine unnötige Doppelung. Selbst ein singendes Mikrofon löst in seiner technisch vielleicht übertriebenen Perfektion eher Staunen aus – und lenkt in seiner Kuriosität von allem anderen ab.

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Peter Matic – © Reinhard Werner

Das zeigt zum einen, dass das diffuse Prinzip "Werktreue" auch bei zeitgenössischen Uraufführungen zu ernst genommen werden kann, zum anderen, dass auch die finanziellen und technischen Mittel einer Großbühne wie dem Burgtheater nicht von der Notwendigkeit befreien, einen Text vor der Um-Setzung erst vom einen ins andere Medium zu über-setzen. So jedoch beweist Hartmann zwar aufs Verschwenderischste, dass er ein guter Handwerker ist (die Schauspieler sind tadellos geführt, das Timing passt, auf grell flackerndes Licht folgt Dunkelheit, die Gruselsounds mit all ihren Bässen und Höhen donnern durch die Boxen und die Dekorationen schweben aufwärts, abwärts, seitwärts, überhaupt sind alle einzelnen Elemente so dermaßen öde-perfekt, dass man sich geradezu freut, wenn wie hier bei der Premiere in einer Szene kurz die Kulisse hakt).

Verpufftes Potenzial

Bei aller Beherrschung des großen Ensembles und der technischen Muskelschau jedoch beschränken sich die Regieeinfälle auf wenige, dann auch noch überflüssige Ideen: Von der gigantischen Videoprojektion hin zum zotigen Späßchen (wenn ein Bleistift, statt wie im Text hinters Ohr, lieber in den Hintern eines Schauspielers gesteckt wird – natürlich nur angedeutet) undsoweiter; lediglich die totale Öffnung des Bühnenbilds auf die gesamte Größe der Hinter- und Seitenbühnen in der letzten Szene schafft noch einen netten Effekt, der nach fast 150 Minuten dann aber auch wenig mehr verspricht als das endlich bevorstehende Ende des Abends.

Das alles ergibt ein ästhetisch selbstverliebtes und zeitgleich völlig unentschlossenes Nebeneinander, in dem notgedrungen alles Existentielle, alles Tiefergrabende verlorengeht. Das ist nicht nur schade, das ist vor allem ärgerlich angesichts des schauspielerischen und ja, doch, auch budgetären Potentials, das hier einfach verpufft: Da hätte es doch mehr Mut sein dürfen, können, müssen. So aber scheint es, als wäre bei aller Vorsicht, dem Text gerecht werden zu wollen, ausgerechnet wie erwartungsgemäß eben dies nicht gelungen.

 

Das blinde Geschehen (UA)
von Botho Strauß
Regie: Matthias Hartmann, Bühnenbild: Stéphane Laimé, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Arno Waschk, Choreographie: Ismael Ivo, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Plinio Bachmann, Video: Hamid Reza Tavakoli.
Mit: Maria Happel, Regina Fritsch, Sabine Haupt, Hermann Scheidleder, Bibiana Zeller, Adina Vetter, Alexandra Henkel, Falk Rockstroh, Dörte Lyssewski, Robert Hunger-Bühler, Christiane von Poelnitz, Peter Knaack, Peter Matic, Michael König, Moritz Vierboom, Sabine Haupt, Johann Adam Oest.

www.burgtheater.at

 

Am Morgen nach der Premiere lud Matthias Hartmann die Zuschauer zur öffentlichen Kritik seiner Uraufführung ein: Kai Krösche berichtet auch hier. Alles über Matthias Hartmann auf nachtkritik.de im Lexikon.

Kritikenrundschau

Strauß habe die Helden seines neuen Dramas "mit großen Geheimnissen umgeben", Regisseur Matthias Hartmann den "hermetischen Text in sehr starken Bildern umgesetzt", die Sprache sei "anspielungsreich und oft von hohem Ton getragen", das Ensemble füge die "Fragmente geschickt und lustvoll zu einem Ganzen", schreibt die Wiener Zeitung Die Presse in einer Nachtkritik (11.3., 23:20 Uhr), die in der Zeitung vom Samstag (12.3.2011) gedruckt erschien. Am 13.3.2011 dividiert Norbert Mayer Inszenierung und Stück (das wirke, als habe sich Strauß in seiner Exegese des Zeitgeists und diverser Klassiker "verirrt wie ein postmoderner Don Quijote") weiter auseinander: "Hut ab vor dem Burgtheater! Dieses Ensemble wäre auch noch gut, wenn es Verlautbarungen der Europäischen Union szenisch umsetzen müsste. Und der Regisseur bietet alle Kunst und Routine auf, aus diesem Lesedrama mit starken Bildern die Imitation eines großen Ganzen zu formen. Ein Kampf Sancho Pansas gegen Windmühlen ist das, eine Überforderung."

Eine Nachtkritik liefert genauso Ronald Pohl in der Konkurrenzzeitung Der Standard (11.3., 23:11 Uhr), am 12.3.2011 erschien sie in der gedruckten Zeitung: das Stück spiele mit der Einsicht, "dass wir Menschen mit der Einführung der Netzkultur die iridischen Fesseln abgestreift haben". Jede Szene finde "quasi nur auf Widerruf" statt. "Ein Mann will eine Frau in seine Schattenwelt herüberziehen. Er gebärdet sich als Zauberer Prospero - aber sein Programmierspiel ruft zumeist nur zankende Paare auf den Plan." Ansonsten bevölkerten das Stück vornehmlich "ausgedachte Wesen", deren "mythische Präsenz" vom "enormen Bildungsanspruch ihres Autors" zeugten. Hartmann habe sich diesem "stark nach Papier raschelnden Stück" wie "auf Zehenspitzen angenähert", er lausche "hingerissen den Tiraden seiner bewährten Schauspieler", störe diese aber auch nicht weiter mit einer "Haltung" oder einer "Lesart", er überlasse "Das blinde Geschehen" weitgehend sich selbst.

In der Kleinen Zeitung aus Graz (12.3.2011) schreibt Frido Hütter: Am Ende sei das Publikum "vom Geschehen völlig erblindet" gewesen. "Das blinde Geschehen" könne man "allenfalls als eine Reihe mehr oder minder gelungener Essays akzeptieren". Manche Texte wirkten eher wie "verbale Abwinde", "ausgelöst von intellektuellen Blähungen eines ermatteten Denkers". Bei diesem Text sei der "Geburtshelfer" Hartmann trotz "meist wirklich einfallsreicher Regie" überfordert gewesen. Weder ein "tolles Bühnenbild" noch der "Thriller-Soundtrack" oder ein "gut disponiertes Ensemble" hätten aus dem "naseweisen Gesäusel" ein Stück formen können ("wiewohl es ein paar wenige große Momente" gebe). Kräftige "Streichungen" wären "vielleicht eine Rettung gewesen".

Iin Kultur heute (12.3.2011) auf Deutschlandfunk beschwert sich Michael Laages bitter (hier die Audio-Datei). Botho Strauß nütze "das jüngste Allerlei" aus vierzehn szenischen Miniaturen nur, um einen "ururualt und sehr abgestanden wirkenden Beziehungssalat anzurühren". Dass Männer und Frauen halt nicht zusammen passen, wüssten wir seit Loriot und Evelyn Hamann, die seien komisch gewesen, Strauß meine es dagegen "wie immer eher ernst". Das "mächtig ambitiöse und zugleich erschreckend hohle Bramarbasieren" werde "aufgemotzt" mit Anspielungen auf den "ewig unauflöslichen Konflikt von Schein und Sein speziell im Theater". Dennoch handele es sich um ein "geradezu wurschtig zusammengestoppeltes Sammelsurium", das auch durch die "Revue-Zutaten" keinen "rechten Zusammenhalt" gewinne. Burgtheaterdirektor Hartmann unterfordere sich und das Wiener Ensemble "ziemlich penetrant" – abgesehen von einigen "bestenfalls sparsam funkelnden Miniaturen" biete Hartmann an diesem "bemerkenswert langweiligen Abend" Theatereffekte, "Verpackungen, wohin das Auge schaut.

Ganz anders Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (14.3.2011): Botho Strauß schleuse mit seiner Novität "den Virus der Poesie in unser programmiertes, durchformatiertes Leben ein, verwebt quintessentiell seine bekannten Motiv zu einem kaleidoskopartigen Szenenreigen, angereichert mit ins Surreale überhöhten Realitätspartikeln, Zivilisationskritik und literarischen Reprisen." Sein Stück sei "feinstoffliches, metamorphotisches Komödien-Gespinst, in dessen veredeltem Boulevard-Realismus die Klopfzeichen des Mythischen widerhallen." So "leichthändig hat Botho Strauß vielleicht seit 'Der Park' (1984) nicht mehr für die Bühne geschrieben, spielerisch lockt er den Zuschauer in ein zauberisches Zwischenreich, in dem die Gegenwart ins Archetypische verflimmert." Und in Matthias Hartmann finde er einen "kongenialen Äquilibristen der Regiekunst",der, "ein Strauß-Betörter von je her, 'Das blinde Geschehen' wunderwitzig zum Schweben bringt und ersichtlich seinen Spaß daran hat, wie ein kindlicher Magus schwerstes Gerät durch die Luft zu wirbeln, als wär's eine Handvoll Konfetti." Quintessenz: "Das Glück des Gelingens, dass nämlich aus der Uraufführung ein leichtes Spiel wurde, eine Luftnummer von zugleich künstlerischer Gewichtigkeit – es verdankt sich einem Regisseur, der den auf dem Theater mittlerweile unerhörten Mut zur Hingabe aufbringt, statt dem Stück das Brandzeichen der Regiehandschrift ins Fleisch zu sengen, und der die Tiefe dort sucht, wo sie am besten aufgehoben ist: an der Oberfläche."

Zum Barockdichter werde Botho Strauß mit seinem neuen Stück, analysiert Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.3.2011). "Es setzt dort an, wo Pirandellos 'Riesen vom Berge' (1936) enden. Nur dass sein Gott jetzt etwas bekommt, was alle Gott-Zauberer-Gestalten zuvor nicht hatten: eine Frau. Also ist die Gotteskomödie auch eine Paarkomödie", ja eine "dramatische Feier des Paarglücks". Darin werde "das Phantastische, Unglaubliche und Märchenhafte nun nicht scheinbar wahr, dann wäre es Kitsch, sondern zur träumerischen Hoffnung – einer schöneren Wahrheit. Es ist ein großes, schwereloses Stück. Keine kulturkritische Wut gegen die Zeitgeistwelt, sondern deren geisterhafte Überwindung in sardonischer Heiterkeit." Ausgiebiges Lob fällt auf das Ensemble und die Hauptrollen: Robert Hunger-Bühler als Game-Designer John Porto (kein "Fanatiker der Gegenwelt, sondern eher der sanft über sich selbst belustigt staunende große altkluge, wissende Junge, der in eine Rolle hineingeraten ist, die ihm leicht über den sanft verstrubbelten Kopf wächst") und Dörte Lyssewski als Freya ("kühl bis ins heiße Herz, in madamiger Schnippischkeit: eine Amazone des intelligenten Eros“). Freya und Porto "suchen sich, wehren sich und verzaubern sich. Eine barocke Liebesgeschichte in gesellschaftsloser Welt. Auf der Traumhinterbühne der Realität, in der allein die Luftgeistererscheinungen in einem zerstörten, aber wunderbar belebten Theater (einem Welt-Burgtheater sozusagen) die Gegengesellschaft bilden. In kurzen Ausrissen, Schnipseln einer großen Imagination im Traumtheater voller Liebeswirrnisgeschichten." Regisseur Hartman helfe "dem Autor Strauß auf die Luftzaubersprünge. Nichts ist wirklich, alles witzig." Trotz "des Hintergrunddröhnens der theaterzerstörerischen Riesengewalten, zeigt das Theater seine schön inszenierte Überlebensüberlegenheit. Die Cyberwelt wird auf- und abgefangen von der Verwandlungskunst, die aus Menschen nicht fühllose Phantome macht, sondern fühlende Figuren."

Einspruch erhebt sich in der Nachbarschaft der FAZ bei der Frankfurter Rundschau in Person des Berliner Kritikers Dirk Pilz (14.03.2011). Und zwar mit Vehemenz: Das "neue Stück des Dramatikers, Welt- und Theaterbeschimpfers Botho Strauß" folge "einem pauschalen, beneidenswert schlichtem Intellektuellenpopulismus", es sei "ein ganz aus Ressentiment geschaffenes Drama, das weder von der virtuellen noch von der 'stinkrealen' Welt etwas wissen will, weil es ohnehin in allem den Fingerzeig auf eine schwachsinnig gewordene Welt zu erkennen glaubt. Nicht Tragik, Komik, Geist spricht aus diesem Text, sondern Welt- und Webekel. Nicht Figuren bevölkern dieses Drama, sondern Bannerträger des blinden Grimm." Und Hartmann? Der habe "zu all dem nichts zu sagen: Er verlegt sich aufs ästhetische Grimassieren und szenische Gesichtermachen. (…) Dieser Abend versagt sich jeder Regieintelligenz." Die Bühne werde zum "Selbstgefälligkeitsbunker. Man erschrickt regelrecht, wie dumm sich das Theater stellt, wie widerstandslos es zur Nachplapperanstalt verludert. Das Streitgespräch mit dem Text zu suchen, das war einmal der Sinn von Inszenieren. Dieser Abend aber macht sich zum blinden Komplizen der Vorlage, verdoppelt also ihre dumpfen Ressentiments."

Ähnlich diagnostiziert es Martin Lhotzky in der Neuen Züricher Zeitung (14.3.2011): „Noch die albernste Regieanweisung wird sklavisch in technischer Perfektion, für die das Haus am Ring ja nicht selten gerühmt wird, umgesetzt, als wäre es die Offenbarung eines heiligen, nicht zu interpretierenden und ohne kritische Fragen zu befolgenden Textes.“ Zwei „oder drei witzige Einfälle von Botho Strauss“ würden „im Burgtheater mit bühnentechnischem Raffinement zugekleistert!“ Der ausgiebige Einsatz der Bühnenmaschinerie wird zum Hauptkritikpunkt: „Man soll eben nicht nur nicht mit Kindern oder Tieren, sondern auch nicht mit technischem, ferngesteuertem Firlefanz auf die Bühne treten. Wer dies nicht beherzigt, den straft – völlig zu Recht – das Publikum mit Nichtachtung.

"Heißt eine Dame Freya Genetrix, dann ist sie erstens ein Urweib, zweitens mythologisch überdeterminiert und drittens garantiert von Botho Strauß", hebt Ulrich Weinzierl in seiner Doppelrezension (gemeinsam mit Thalheimers "Maria Stuart") für die Welt (14.3.2011) ironisch an, um anschließend wenigstens ein bisschen Anerkennung für den Text auszuschenken: Strauß habe "lauter hübsche Miniaturen geschrieben, Splitter und Momentaufnahmen von heute, die wegen des hin und wieder raunenden Tonfalls so zart wie streng nach gestern duften. Dennoch ist's eine anregende Lektüre, des Autors hohe, poetische Intelligenz rückt die Frage 'Wozu das Ganze?' in den Hintergrund." Härter geht Weinzierl mit Burgdirektor Hartmann ins Gericht: Er habe "dank szenischer Opulenz ein staatstheatralisches Begräbnis erster Klasse" besorgt, schicke "vortreffliche, an Botho Strauß erprobte Schauspieler, darunter immerhin Dörte Lyssewki (Freya Genetrix) und Robert Hunger-Bühler (John Porto), ins Rennen – und nichts kommt dabei heraus als eine ziemlich lahme Angelegenheit." Die Mikroports ermöglichten keine Zwischenmenschlichkeit. "Hartmann denkt über den Text weder nach noch hinaus, er exekutiert ihn bloß. Die Aufführung hat den künstlerischen Wert einer tadellos ausgeführten Laubsägearbeit."

Als Zitatkonglomerat stellt auch Peter von Becker im Berliner Tagesspiegel (14.3.2011) Botho Strauß' Werk vor: "John Porto wird beraunt, doch leider nie beglaubigt als moderner Prospero mit dem Cyberstab, es gibt Figuren und Szenen, die Strindbergs 'Traumspiel' oder Schemen von Beckett bis Dorst wachrufen. Doch weil die Welt und alle Biografien, so lautet die These, sich nur aus einem Strom der Zufälligkeiten erheben, aus einem vernetzten, aber sinnlosen Chaos, eben dem 'Blinden Geschehen', driftet auch das neue Stück ins unverhofft Beliebige. Ein Potpourri aus handlungsarmen Spielnummern, Szenenpartikeln, Kurzgeschichten. Second Life? Ein Spiel aus zweiter Hand." Diesem Spiel setzte Hartmann, "der sonst doch ein effektbewusster Szenenaufreißer sein kann, erstaunlich wenig entgegen". Wo eigentlich "üppigst mit digitalen Animationen und doppelten visuellen Welten" gespielt werden müsste, da "arrangiert Hartmann in Stéphane Laimés fantasielosem Fastnullbühnenbild bloß eine Art Neowiener Zauberposse".



 
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