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Kahl und kalt und meist verhängt

von Ute Grundmann

Dresden, 6. Mai 2011. Otto lässt das Haus tanzen. Ein Plüschtier in der einen, ein Steuergerät in der anderen Hand, bewegt er damit den kleinen, flachen Bau auf der Drehbühne hin und her, immer schneller. Doch wirklich aussteigen kann er nicht, er muss wieder zurück in das kahle Zimmer, in dem seine Eltern ihn erziehen, auf Leben und Tod vorbereiten wollen. So beginnt im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels die Uraufführung des neuen Stücks von Martin Heckmanns, "Vater Mutter Geisterbahn". Vater Johann, Mutter Anne und Sohn Otto werden alle mal versuchen, aus dem kahlen, kalten Raum zu fliehen, in dem sie zwecks Erziehung und Lebensbewältigung zusammengesperrt sind.

Die (An)Spannung in dieser Kleinfamilie ist von der ersten Szene an sicht- und spürbar. Da steht Anne (Nele Rosetz) mit geballten Fäusten im Zimmer, wünscht dem gerade heimgekommenen Johann (Christian Erdmann) angestrengt einen "schönen Abend". Doch weil der nicht freundlich genug reagiert, muss er wieder raus, noch mal reinkommen und, alles auf Anfang, es mit einer netteren Begrüßung versuchen. Von dieser Spannung zwischen Heile-Welt-spielen, dem Scheitern daran und plötzlich aufbrechenden Aggressionen lebt das 80 Minuten kurze Stück.

Sätze wie aus dem Erziehungsratgeber

Martin Heckmanns, seit 2009 Hausautor und Dramaturg am Dresdner Staatsschauspiel, hat in kurzen Szenen das Psychogramm einer Familie geschrieben, in der die Eltern alles richtig machen wollen. Dazu legt er ihnen mal Sätze wie aus dem Erziehungsratgeber in den Mund, mal reden sie sich das Chaos, das Sohn Otto (Robert Niemann) anrichtet, niedlich.

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Und schließlich haben sie auch noch genug miteinander zu tun. Sie hat ihr Philosophiestudium nicht beendet und trinkt – Nele Rosetz lässt sie aus mit geballten Fäusten behaupteter Kraft manchmal in kindliches Verhalten kippen. Er ist erfolgloser Regisseur und arbeitet im Kopierladen – Christian Erdmann spielt ihn mit verwundert-verwundetem Blick, hilflos und überfordert.

Einschlafen durch Überforderung

Für diese Familienszenen hat Alexander Wolf eine ungemütliche Szenerie auf die Drehbühne gebaut: Über dem flachen, an einer Seite offenen Kasten mit dem Zimmer ragt eine Graffiti-Skyline auf; drinnen ist der Raum kahl und kalt, die Fenster meist verhängt, wie abgeriegelt gegen das Draußen. Hier lässt Regisseur Christoph Frick (Leiter der Schweizer Theatergruppe KLARA, der zum ersten Mal in Dresden inszeniert) die Kleinfamilie unerbittlich umeinander kreisen.

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"Vater Mutter Geisterbahn"     © David Baltzer

Da starren die Eltern ihr Kind an, als wäre es ein Objekt, das eine bestimmte Reaktion zeigen muss. Der Sohn, dessen verschiedene Alterstufen durch die Kleidung (rosa Strampler, Anzug, hochgekrempelte Hosenbeine) signalisiert wird, spricht derweil ins Publikum über seine nervigen Eltern. Der Vater liest Otto hochgestochene Texte vor, damit der durch Überforderung endlich einschläft. Entspannung, Gelassenheit, Nähe ist selten in diesen Szenen, einmal steckt Otto den Kopf unter Mutters T-Shirt, als könne er so zurückkehren in ihren Bauch.

Weggelaufen ohne Grund

Dabei soll er doch eigentlich (endlich) hinaus in die Welt, aber aus diesem kalten Zimmer flieht man eher. Immer wieder lässt Christoph Frick Vater, Mutter, Sohn durch Fenster fliehen, mit den Türen knallen, sich verbarrikadieren, doch es nutzt nichts, aus der Kleinfamilie gibt es scheinbar kein Entkommen.

Und erst allmählich, durch leise Sätze wie "und dann ist er weggelaufen, ohne Grund" und Fragen, was sie falsch gemacht hätten, wird klar, dass es eine Rückschau ist. Die bemüht-verzweifelten Eltern spielen hier noch einmal durch, was gewesen ist und was sie vielleicht anders, besser hätten machen können, müssen. Am Ende, in der starken Schlussszene einer gelungenen Inszenierung, singt, ja summt Otto ein Schlaflied für die Eltern, die nur noch stumm die Lippen bewegen.

 

Vater Mutter Geisterbahn (UA)
von Martin Heckmanns
Regie: Christoph Frick, Bühne und Kostüm: Alexander Wolf, Musik: Stefan Schneider, Dramaturgie: Martin Heckmanns, Julia Weinreich.
Mit: Christian Erdmann, Nele Rosetz, Robert Niemann.

www.staatsschauspiel-dresden.de


Mehr zu Martin Heckmanns? Im Oktober 2010 wurde in Nürnberg sein Monolog Ins Offene als Teil des Uraufführungsmarathons Paradisische Zustände gezeigt, im April 2010 Hier kommen wir nicht lebendig raus in Düsseldorf, im Juni 2008 sein Erfolgsstück Das wundervolle Zwischending in Zürich.

 

Kritikenrundschau

"Heckmanns sprachlich karg-konkretes, seine Figuren so schmal wie präzise zeichnendes Befindlichkeitsstück umkreist die Fragen 'wie soll man leben und was sollten Ziele des Lebens sein?'", sagt Hartmut Krug auf Deutschlandfunk (7.5.2011). "Fragen, die gelegentlich schon einmal gestellt wurden. Bei der Lektüre des Stückes wirkt all das nicht sonderlich aufregend. In Christoph Fricks Inszenierung allerdings schon. Denn er hat die Geisterbahn aus dem Titel auf die Bühne gebracht, indem er die kleine realistische Geschichte spannungsvoll fremd macht und sie fast surrealistisch versinnlicht." Und somit liege hier ein "solides, aber kein starkes Stück von Martin Heckmanns" vor, "das durch Christoph Fricks Regie und drei prächtige Schauspieler unvermutete Bühnenkraft bekommt."

Heckmanns neues Stück sei "nicht ganz so artifiziell und sprachverliebt wie die frühen Texte, und die böse Welt schaut auch nur streiflichtartig herein", schreibt Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (9.5.2011). "Aber sie spiegelt sich in dieser Vater-MutterKind-Geschichte, die mit geradezu psychoanalytischer Präzision und Feinfühligkeit die Gesetze dieses ewigen Dreiecks ausleuchtet." "Vater Mutter Geisterbahn" sei "ein paradoxes Kammer-Spiel im wörtlichen Sinn, dessen versuchte Abgeschlossenheit nicht funktionieren kann. Das Familien-Dreieck ist, anders als in der Geometrie und der Ingenieurskunst, eben nicht in sich stabil." Regisseur Christoph Frick habe "den anspruchsvollen Heckmanns-Text sehr genau nachgearbeitet und ihm darüber hinaus unerwartet berührende, kontemplative, manchmal surreale Dimensionen abgewonnen".

Martin Heckmanns sage, "unwahrscheinliche Existenzen" finde er interssanter als "echte Menschen" auf der Bühne, berichtet Rainer Kasselt in der Sächsichen Zeitung (9.5.2011). Entsprechend redeten die Figuren "nicht wie gewöhnliche Leute. Sie sprechen eine imitierte, angelesene, verkopfte Sprache." Indes biete der Abend keine "trockene Kost", auch wenn es ihm "gelegentlich an Leichtigkeit fehlt. Es gibt witzige Szenen, geschliffene Bonmots, feine Beobachtungen. Die Eltern spüren ihre Erstarrung, retten sich in die Freiheit des Spiels, stellen Szenen ihrer gescheiterten Versuche nach, um sich selbst zu erkennen". Regisseur Frick sorge für "einen schnellen Wechsel von ernsten, komischen und stillen Szenen. In der stilisierten, überhöhten Aufführung sorgen stumme, slapstickartige Momente für Ruhe und Nachdenklichkeit."

 
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