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Kopf im Eimer

von Thomas Askan Vierich

Wien, 10. Mai 2011. Für seinen endgültigen Abschied vom Wiener Ensembletheater hat sich Dieter Haspel einen Monolog ausgesucht. Mit Starbesetzung: Helmut Berger ist ein bekanntes Gesicht aus unzähligen Filmen und Fernsehauftritten. In Österreich kennt man ihn auch als markante Stimme aus dem Radio. Haspel leitete seit den 1970er-Jahren das Ensembletheater. 2009 war daraus im Zuge der Wiener Theaterreform das Garage X geworden – das nun von Harald Posch und Ali M. Abdulla geführt wird. Haspel durfte und sollte noch zwei Jahre als Regisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung mitmachen. "Tagebuch eines Wahnsinnigen" ist nun seine letzte Inszenierung.

Dem Staatssekretär die Stifte spitzen

Man hätte ihm einen etwas spektakuläreren Abschied gewünscht. Helmut Berger müht sich dem 90 Minuten langen Abend Rhythmus und Intensität zu geben. Allein, es will nicht recht zünden. Die Inszenierung ist Teil der Serie "Ums nackte Leben" im Garage X. Darum geht es durchaus auch im Monolog dieses russischen Beamten, der auf Gogols Novelle von 1835 beruht. Er ist eine bemitleidenswerte, einsame Gestalt, haust in einer Einzimmerwohnung, sein einziges Vergnügen scheint sein allabendlicher Schluck Wein zu sein. Im Ministerium wird er von seinem Abteilungsleiter gemobt und von seinen Kollegen ignoriert. Zu seiner Jobbeschreibung gehört, dem Staatssekretär die Bleistifte zu spitzen. Niemand nimmt ihn ernst, keiner zollt ihm Respekt.

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© Yasmina Haddad

Seinen Frust diktiert er ins Tagebuch. Aber wie zeigt man einen Tagebuchschreiber auf der Bühne? Berger betritt und verlässt sie immer wieder durch eine Tapetentür, hängt Hut und Mantel an die wacklige Garderobe und setzt sich an seinen kleinen Holztisch. Umständlich schenkt er sich ein Glas Wein ein, klappt das Tagebuch auf und schreibt. Jede Handbewegung genau kontrolliert – um die Leere mit Ritualen zu füllen. Dazu murmelt er, was er schreibt.

Aber es hält ihn nicht lange am Tisch. Er läuft durch die Wohnung, spricht mit verstellter Stimme, imitiert seinen Vorgesetzen, erzählt wirre Dinge von zwei Hunden, die sich Briefe schreiben. Diesem Mann geht es nicht gut. Kann es nicht gut gehen. Er hat niemanden zum Reden, keine Perspektive, seine Existenz ist sinnlos.

Als er sich dann noch in die Tochter des Staatssekretärs verliebt, geht es mit ihm endgültig bergab. Berger macht das auch an Äußerlichkeiten deutlich: Sein Mantel landet statt am Garderobehaken auf dem Boden. Bald schläft er auf ihm, statt umständlich in sein Hochbett zu klettern, das schon aussieht wie ein überdimensioniertes Bett aus einer Irrenanstalt.

Thronfolger im Irrenhaus

Er hört Stimmen. Menschen, die Sex haben. Nachrichten aus Spanien, wo man einen Thronfolger sucht. Er geht nicht mehr aufs Amt, trinkt immer mehr. Dann findet er die Lösung seiner Probleme: Er ist Ferdinand VIII., der spanische Thronfolger. Plötzlich kehrt Leben in ihn zurück. Bergers manchmal schon recht erloschene Augen beginnen zu leuchten. Er fühlt sich der Welt wieder gewachsen. Nur leider verwechselt er die Delegation, die ihn nach Spanien holt, mit den Ärzten des Irrenhauses, in das er eingeliefert wird.

Aus seiner schlecht beleuchteten Einzimmerkemenate wird ein grell von Neonlicht bestrahltes Zimmer in einer Nervenheilanstalt, wo man ihn schlägt. Alles, was ihm bleibt, ist eine alte Matratze und ein Blecheimer. Jetzt bricht sich der Wahnsinn freie Bahn. Berger steckt den Kopf in den Blecheimer und ruft nach seinen Kollegen aus dem Ministerium.

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Es ist durchaus spannend, Helmut Berger dabei zuzusehen, wie er immer tiefer in den Wahnsinn rutscht. Auch wenn manche seiner Einfälle etwas aufgesetzt wirken – zum Beispiel, wenn er in Wiener Dialekt fällt. Manches an seinem Spiel wirkt maniriert. Selten erreicht er die Intensität wie in den Szenen, als er in seiner Zelle auf der Matratze herumtapert und wirres Zeug redet, um schließlich den Kopf in den Eimer zu stecken.

Wenig prekärer Titularrat

Von solcher Intensität hätte man gerne mehr erlebt. Der Inszenierung fehlen vor allem aktuelle Bezüge, die Gogols 180 Jahre alten Text in unsere durchaus krisenhafte Gegenwart hieven würden. Von "prekären Arbeitsverhältnissen" ist die Rede im Programm. Vom "postkapitalistischen System", das das "beschämte Individuum" ans "Ende der wirtschaftlichen Nahrungskette" treibt. Ja, genau! Nur davon war an diesem Abend wenig bis nichts zu sehen.

Vielleicht ist Gogols Titularrat Propritschin auch ein schlechtes Beispiel: Schließlich ist der bei aller Zurücksetzung zumindest ein unkündbarer Beamter, arbeitet also genau nicht in "prekären" Verhältnissen. Trotzdem ist er natürlich eine bedauernswerte Kreatur. Und wird von Helmut Berger auch genauso dargestellt. Seine Wut ist verhalten, weil er nicht weiß, gegen wen er sie richten soll. Und das ist das Schlimmste. Wo steht der Feind? Propritschin versucht einen Rest an Würde aufrecht zu erhalten. Was ihm immer weniger gelingt. Am Ende winselt er in seiner Zelle um Gnade.

Trotzdem: Das reicht nicht. Mitleid ist zu wenig. Und ein paar eingestreute Kalauer auch. Licht an, Licht aus, um einen neuen Tag anzuzeigen im langweiligen Leben des Tagebuchschreibers Propritschin ist auch ein bisserl wenig Regieeinfall. Bergers Blick, als er sich seinen verdienten Applaus abholte, wirkte etwas blümerant. Als wisse selbst er nicht recht, was er von diesem Abend und seinem Auftritt halten solle.

 

Tagebuch eines Wahnsinnigen
nach Nikolai Gogol, Stückfassung: Werner Buhss
Regie: Dieter Haspel, Ausstattung: Tina Prichenfried, Sound: Heimo Korak.
Mit: Helmut Berger

www.garage-x.at

 


 
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