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Gespenster der Angst

von Sarah Heppekausen

Gladbeck, 2. September 2011. Was ist das für ein Menschenschlächter? Regungslos steht er da, der Kriegsheimkehrer, seine Hände in den Taschen vergraben. Wenn er spricht, dann ruhig und langsam. "Seht hin, wies unsern Freund zerreißt", sagt Banquo. Doch dieser Macbeth zerreißt allenfalls innerlich. Es ist eine verhängnisvolle Leere, die über ihn hereingestürzt ist. Die ihn lähmt, bevor sie ihn zu weiteren mörderischen Untaten treibt.

Macbeth ficht einen Kopfkampf aus. Schauspieler Bruno Cathomas übersetzt ihn in reduzierte Körpersprache. Jeder schwer-gezogene Schritt ist die Spur eines zweifelnden Gedankens, jeder vorsichtig tänzelnde der Ausdruck vorübergehender Erleichterung. Luk Percevals Inszenierung für die Ruhrtriennale, in Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater, reicht die kleine Geste.

Soldatenstiefel als Kriegszeugen

Äußerlich spektakulär ist die Bühne. Perceval nutzt die Breite der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel. Bühnenbildnerin Annette Kurz hat sie mit einer Installation aus wirr gestapelten Tischen besetzt, auf dem Boden liegen unzählige Soldatenstiefel als Kriegszeugen. Im Breitbildpanorama leuchtet erst das reale Abendrot, später das künstliche Scheinwerferlicht durch die hohen Fenster der Industriehalle.

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Bruno Cathomas ist Macbeth.                                                                         © Armin Smailovic

 

So spektakulär die Bühne auch aussehen mag, so geheimnisvoll ist die Ruhe, die sie transportiert. Kein Tisch wackelt, niemand stolpert über Schuhe, kein Weinglas fällt klirrend zu Boden. Tänzerinnen mit fußknöchellangen Haaren winden sich extrem verlangsamt und traumbildartig durch die Tischskulptur. Diese Hexen sprechen nicht, sie verkrampfen lediglich, wenn Macbeth Banquos Geist erscheint. Als wäre nicht genug Platz für alle in einem Hirn. Denn es sind ebensolche Kopfgeburten, Geschöpfe der Einbildungskraft, Gespenster der Angst.

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© Armin Smailovic

Macbeth und Buddha

Perceval spart mit ablenkenden Requisiten. Der flämische Regisseur verweigert sich Kunstblutorgie, Hexenzauber oder Dolchschau. Beim Mord ist bloß ein dumpfer Schlag zu hören. Die Worte der Lady Macduff und ihres Sohns spricht Macbeth mit verstellter Stimme selbst. Wie ein nachhängendes Kriegstrauma spielt sich das Geschehen in seinem Kopf, aber mit (selbst-)zerstörerischer Wucht ab. Er bekommt nicht einmal mit, dass seine Frau in seinen Armen gestorben ist.

Es ist das Psychogramm eines Mannes, der sein einziges Kind verloren hat und sich seiner Zukunftslosigkeit bewusst wird. Dem Tötung zur Selbsterhaltung dient. Der sich Text wie reales Leben am Ende soufflieren lassen muss. "Man könnte sagen, das Buddhistische an diesem Stück ist die antibuddhistische Haltung von Macbeth", erklärt Perceval im Programmheft. Das diesjährige Thema der Ruhrtriennale ist der Buddhismus. Nicht nur Intendant Willy Decker, auch Luk Perceval ist praktizierender Buddhist. "Nur wo Leere ist, kann etwas Neues geschehen", sagte der indische Philosoph und spirituelle Lehrer Jiddu Krishnamurti. Auch wenn Cathomas' Macbeth recht still kämpft, so kämpft er doch gegen die Leere. Er macht einen (mörderischen) Schritt, statt Stillstand zu akzeptieren. Das muss schiefgehen.

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© Armin Smailovic

Seelenwanderung in den Gefühlsstau

Macbeth als stillwütender, vom Selbsterhaltungstrieb genötigter und letztlich an der Sinnlosigkeit des Lebens zerbrechender Menschenmörder ist ein nachvollziehbarer und spannender Regieansatz. Und Maja Schöne ist eine sehenswerte Lady Macbeth, die Ängste, Gatten-Provokation und eine im Tangoschritt angedeutete Leidenschaft bis in den Wahnsinn vermengt.

Aber warum lässt die Inszenierung trotzdem so seltsam kalt?
Die Figuren bleiben auf ihrer Seelenwanderung im eigenen Gefühlsstau stecken. Es sind mit Mikroports ausgestattete Skulpturen, auch wenn die Darsteller noch so sehr dagegen anspielen. Schön anzusehen in ihrem präzisen Spiel zwischen Distanz und Nähe, psychologisch ausgedeutet bis in die Fingerspitzen und dabei doch unnahbar.


Die Tragödie des Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch / Fassung von Luk Perceval
Regie: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musik: Lothar Müller, Choreographie: Ted Stoffer, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Bruno Cathomas, Maja Schöne, Peter Maertens, Alexander Simon, Thomas Niehaus, Julius Feldmeier, Rabea Lübbe.

www.thalia.de
www.ruhrtriennale.de

Kritikenrundschau

Auf der Webseite des Deutschandfunks (3.9.2011) schreibt Karin Fischer: Einen so stillen  "Macbeth" habe es noch nie gegeben. Luk Perceval inszeniere Shakespeares blutigstes Drama "als Kammerspiel mit dem Charakter einer Familienaufstellung". Der Abstand der Figuren und die lang dauernde Stummheit von Macbeth zu Beginn schienen wichtiger als die Worte von Thomas Braschs Übersetzung. Der Text sei so zusammen gestrichen, dass ohne Kenntnis der Geschichte vieles unklar bleibe. Das Stück entfalte sich als "sehr langsames, kryptisches Wort-Puzzle eines zumindest versehrten Geistes". Der Raum wirke eher "als Nicht-Ort, als eine Art Babel aus Leben, Tod und vor allem Sprachlosigkeit". Perceval inszeniere Macbeth "überdeutlich als einen Mann in Not, zuerst als stummen, traumatisierten Kriegsheimkehrer, als schwermütigen Grübler, später als ängstlichen Schwarzseher". Bruno Cathomas und Maja Schöne bildeten ein "grandioses Gegensatzpaar: apathische Abgründigkeit trifft auf aggressive Anstachlerin".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.9.2011) schreibt Andreas Rossmann: Der Monumentalist Luk Perceval habe sich mit seiner bildmächtigen "Macbeth"-Inszenierung zum Minimalisten gewandelt. Seine "zwar schmale, doch stimmige und emotional intensive Inszenierung" entstünde ganz aus den Formen und Vorgaben des alten Industrieschlosses in Gladbeck. Annette Kurz' imposante und fragile "Skulptur aus Tischen" biete Nischen zum Zurückziehen und Beobachten, das Abendlicht umgebe "die Figuren mit einer Aura der Vergänglichkeit". Bruno Cathomas spiele den "Kriegsheimkehrer, den die Greuel des Schlachtfelds traumatisiert haben". Das zentrale Motiv für Percevals Deutung bildeten das Kind, das Lady Macbeth "gestillt hat und das beide verloren haben, seine Impotenz, auf die Lady Macbeth ihren Mann demütigend anspielt". Das Paar wende "seine Energie in Hass und Wut auf die Nachkommen der anderen". Indem "er Leben zerstört", behaupte "der von Angst getriebene Held seinen eigenen Überlebenswillen". Das, so der Regisseur im Programmheft, sei „die antibuddhistische Haltung von Macbeth“. Perceval gebe "ein düsteres Seelendrama", eine "Erkundung des Vor- und Unbewussten". Die Beziehung des Ehepaares rücke, "zum Konflikt zwischen Apathie und Aggression, Phlegma und Peitsche geschärft, ins Zentrum".

In Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung (5.9.2011) schreibt Peter Michalzik: Luk Percevals Aufführungen der vier großen Shakespeare-Tragödien "Lear", "Othello", "Hamlet" und jetzt "Macbeth" bildeten einen "der großen Shakespeare-Zyklen unserer Zeit". Percevals Shakespeare sei ein "Maler finsterer Archetypen, verdrängter Seelenzustände". Ein Flüstern, durch Mikroports monumental verstärkt, bilde den bleibenden Ton der Aufführung: eine "Innenstimme". Die Grundidee eines angstbeladenen Wahns, eines inneren Vorgangs, sei hier besonders überzeugend. Doch bleibe die Aufführung in dieser Idee stecken, bleibe statisch, ohne Entwicklung. Die beiden großen Rollen begönnen "nie zu vibrieren, sich zu wenden oder zu öffnen". Trotz Maja Schönes "emotionaler Heftigkeit", sehe man doch nur "eine Idee, kein Spiel". Eine "regelrechte Fehlbesetzung" sei Bruno Cathomas als Macbeth. Wenn er fest an einer Stelle stehe, stünde da "ein Nichts", ein "seiner Möglichkeiten beraubter Schauspieler". Perceval hätte sich seiner selbst weniger gewiss sein dürfen. "Wer sich der Angst gewiss ist, hat sie schon verfehlt." So werde eine "schön gedachte Aufführung zu inbrünstig-langweiligem Beeindruckungstheater".

In der Tageszeitung Die Welt (5.9.2011) schreibt Jan Küveler: Bruno Cathomas als Macbeth sei das Gravitationszentrum dieser Inszenierung, er stehe noch und schreie, wenn der Abend endet: "mit einem blaffenden Asperger-Autisten, der nur noch Schimpfbruchteile dessen nachgeifern kann, was ihm ein böser Geist hinterrücks souffliert". Es sei das Verdienst dieser Inszenierung, dass sie "formale Klarheit" bemühe, um "das Unklare dieses kapitalen Kopfes herauszustellen". "Die Hexen, jeder Mord, selbst Macbeths Sterben sind nur als Projektionen eines getriebenen Geistes zu erdenken, zu erträumen." Luk Perceval zeige "Macbeth" als "Drama des verpassten Moments". In ewige "Zeitlupe gedehnte Ratlosigkeit". Das sei aber eben "kein Versehen dieses Abends, sondern sein stiller Triumph".

Regine Müller schreibt in der tageszeitung (5.9.2011): "Leere und Stille" seien für Luk Perceval "der Schlüssel für sein hochwirksames "Macbeth"-Konzentrat" in der auratischen Maschinenhalle der Zeche Zweckel. Perceval nehme sich "unendlich viel Zeit". Braschs Übersetzung habe er eingedampft "auf einen Textrumpf", der seine Bruchstücke fast unzusammenhängend preisgebe. Der Einsatz von Mikroports erwecke den Eindruck, "den Shakespeareschen Monstren beim Denken zuzuhören". Bei Perceval seien es "versehrte Monstren", vom Leben "traumatisierte, angstgesteuerte Geschöpfe", in deren Inneren es so lange wüte, bis die Gewalt sich Bahn breche. Maja Schöne als Lady Macbeth zische dem traurigen Gatten "die fatalen Karrierebefehle ins Ohr", fordere den "gesellschaftlichen Aufstieg als Rache für nicht gelebtes Leben". Denn das gemeinsame Kind sei einst gestorben und der traumatisierte Macbeth sei impotent. Das Rätsel des mörderischen Paares löse Perceval mit dieser Einsicht "auf verblüffende, suggestiv einleuchtende Weise".

In der Süddeutschen Zeitung (5.9.2011) schreibt Till Briegleb: Luk Perceval habe formal den "großen Konflikt" gewagt: zwischen "riesigem Raum und winzigen Menschen". In der melancholischen Installation von Annette Kurz werde "verharrt und geflüstert", das "schöne Raumkunstwerk" verkleinere jedoch die Schauspieler zu "Sprachinsekten". Als lege er "den Seelen ein Stethoskop an", vergrößere Perceval per Kopfmikrofonen die "Sprechlaute zum Raumklang". Das Publikum aber höre aus der Distanz die Stimmen nur aus Lautsprechern, die sich zu einem "Flüster-Hörspiel in Mono" vermischten. Wer wo spreche, werde zur mühsamen Aufmerksamkeitsprobe. Die Erschöpfung der Charaktere, die Perceval mit dieser stimmlichen Intimität offensichtlich zeigen wolle, litten zudem daran, "dass die Figuren sich nicht entwickeln". Bruno Cathomas wirke wie gelähmt. Maja Schöne falle aus "ihrer lauten, schrillen Boshaftigkeit unvermittelt in die jammervolle Depression". Und "vielleicht, weil man über die Distanz keine Mimik erkennen kann", wirkten auch Nebenfiguren wie "Marionetten an ausgeleierten Gummibändern".

Auf Der Westen (4.9.2011), dem Internetportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, schreibt Arnold Hohmann: Macbeth sei kein "hungriger Machtmensch" nur ein "Häuflein Mensch, von den Gräueln des Krieges ebenso verfolgt wie von den Hexenstimmen in seinem Kopf". Und daheim statt Liebe eher Erniedrigung. Erst das gemeinsame Töten schaffe "wieder ein wenig Nähe zwischen diesen beiden". Zwar sei der Ansatz interessant, doch der erste Teil des Abends sei eine "bleierne Zeit". Irgendwann aber lasse sich Shakespeare "nicht länger in Zaum halten", da gelängen auch Perceval "plötzlich Szenen von großer Eindringlichkeit". Wenn etwa McDuffs toter Sohn zum Ende hin die zahllosen Schuhe des Bühnenbildes sorgfältig aufreihe, sei das "ein schönes Symbolbild für den wachsenden Widerstand gegen Macbeth". Zum Schluss stoße Macbeth nur noch kehlige Laute aus und taumele aus Angst seinem Ende entgegen. Hier hinterlasse er zumindest einen Eindruck von Größe. "Der färbt nun endlich auch auf die Inszenierung ab."

Kritiken zur Hamburg Premiere am 23. Oktober 2011 im Thalia Theater:

Im Hamburger Abendblatt (23.10.2011) schreibt Armgard Seegers über Percevals "sehr entkernten und reduzierten" Macbeth: "Keine Bluttat, die immerzu neue Bluttaten fordert, sieht man. Und auch keinen Hexenzauber." Es sei eine strenge, sehr eindringliche Interpretation des Stückes, der man aber wohl nur folgen könne, wenn man den Inhalt kenne. Als "eindringlich, überzeugend, aber nicht unanstrengend" hat Seegers den Abend erlebt und schließt mit einer Beschreibung des ambivalenten Premierenpublikums: "Die Schauspieler wurden heftig gefeiert. Für Regisseur Perceval gab es auch ein paar kräftige Buhs."

In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (23.10.2011) schreibt Heinrich Thies, Luc Perceval habe den sprachgewaltigen Klassiker über Machtgier und Gewalt in ein surreales Gemälde verwandelt – "eine beklemmende Szenenfolge, die das Innere der tragischen Helden theaterwirksam nach außen kehrt." Die großen Schlachtenszenen habe Perceval ebenso eingespart wie viele andere Szenen und Nebenfiguren der episch breiten Handlung. Bisweilen habe die Inszenierung deshalb etwas von einem modernen Kammerspiel. Dieses Konzept, von dem Seegers angetan zu sein scheint, habe allerdings seinen Preis: "Wer einen opulenten Shakespeare-Abend erwartet, wird möglicherweise enttäuscht." Sehr unterhaltsam sei das Ganze nicht.

 
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