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Sturz aus dem Himmel

von Ralph Gambihler

Dresden, 1. Oktober 2011. Anders als Kurt Vonnegut, der Autor des bekanntesten Romans über die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 ( "Schlachthof 5"), hat Harry Mulisch die Tragödie nicht selbst miterlebt. Er lernte die Stadt erst 1956 kennen, als Teilnehmer eines Heinrich-Heine-Kongresses in Weimar, den er für einen Abstecher an die Elbe nutzte. Bereits drei Jahre später erschien "Das steinerne Brautbett", eine erzählerische Fantasie über die Bombardierung Dresdens.

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Ein Amerikaner in Dresden    © David Baltzer

Mulisch war damals noch ein junger Autor von Anfang 30. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem, den er wie Hannah Arendt als Berichterstatter miterlebte, lag noch vor ihm. Sein großes Lebensthema, die Ergründung des nationalsozialistischen Schrecken, war aber bereits gefunden.

Gespensterbeschwörung der Geschichte einer Stadt

Stefan Bachmann hat sich nun in seiner ersten Arbeit am Staatsschauspiel Dresden auf den Schultern von Harry Mulisch durch den Mythos des 13. Februar bewegt. Seine Adaption auf der großen Bühne basiert auf einer Strichfassung, die den Roman leicht gekürzt wiedergibt und in dieser Form fast wie ein rohes Ei behandelt, sehr texttreu, sehr dienend, ohne übergestülptes Regiekonzept, ohne Aktualisierung.

Herausgekommen ist gediegenes und punktgenau gearbeitetes Literaturtheater, das am Premierenabend warm aufgenommen wurde. Bei Goethe wäre es womöglich staubig geworden in diesem Stil. Die Eigenheiten und Obsessionen von Mulisch boten aber genug Angriffsfläche, und so wurde es eine packende Gespensterbeschwörung über der Geschichte einer Stadt.

Erzählt wird von einem mehrtätigen Dresden-Aufenthalt im Jahr 1956. Der US-Amerikaner Norman Corinth, galant und lässig gespielt von Wolfgang Michalek, reist zu einem Dentisten-Kongress nach Sachsen. Er ist Zahnarzt, erlebt aber nun, von Erinnerungen bedrängt, die Rückkehr an einen Ort des Schreckens.

Wollüstige Hitze im Kampf gegen das Böse

Als ehemaliger Navy-Pilot war Corinth 1945 an der Bombardierung Dresdens beteiligt. Von der "tosenden Glasnase" des Flugzeug aus sah er die brennende Stadt: "Ein Fest, weißer als die Sonne, stieg in der Ferne aus der Nacht empor. Während die Maschine ihre Nase drehte und langsam anfing zu steigen, sah er hinüber zu der aufgerissenen Dunkelheit, ein Sommertag im Tal unter dem Schnee der Leuchtkugeln, eine Stadt der weißen Angst an einem Fluss aus Magnesium."

Corinth spürte, wie es heißt, beim Anflug den Beginn einer Erektion. Später war es vorbei mit der wollüstigen Hitze im Kampf gegen das Böse. Die Maschine wurde abgeschossen. Der "aus dem Himmel" gestürzte Pilot überlebte verletzt. Im Gesicht blieben Narben. So wie sich Harry Mulisch einerseits einer schlichten Einteilung in Opfer und Täter verweigert, schätzt er andererseits die Idee von Eros und Thanatos und lässt sie munter – oder soll man sagen beflissen? – durch seinen Roman geistern.

Er stürzt seinen Dresden-Rückkehrer Corinth in eine Amour fou mit der äußerlich reservierten und linientreuen, innerlich aber erotisierten Dolmetscherin Hella, die Karina Plachetka mit Marmor, Feuer und Verzweiflung gibt. Das Muster von Eroberung und Verletzung wiederholt sich auf amouröser Ebene. Es brennt im Verlangen weiter, derweil auf dem schwankenden Boden der Szenerie ein kleines Panoptikum von Nachkriegsgestalten die Vergangenheit mit flackerndem Irrwitz zu kurieren versucht - eher hilflos natürlich.

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Baugerüst für eine wackelige Zukunft                                                       © David Baltzer

Unfassliche, leere Mitte

Auf der Bühne von Simeon Meier gibt es viel Leere und davor, fast schon an die Rampe gerückt, bühnenbreit ein frei stehendes Baugerüst für Kletterpartien in den wackeligen Umständen einer noch unsichtbaren Zukunft. Man lebt eher unbehaust und luftig in dieser Welt der Möglichkeiten. Vielleicht hat man auch Angst vor der Tiefe, vor dem nächsten Sturz aus dem Himmel. Gewissheiten oder zumindest Positionen sind nur unten zu haben, auf ideologisch gefestigtem Grund.

Mulisch ist ein geschichtsphilosophischer, aber auch mystischer und fabulierlustiger Autor mit Sinn für Aberwitz und Abstruses. Es ist viel los in seinen Geschichten, was womöglich daran liegt, dass sie um eine unfassliche, leere Mitte kreisen, die wir das Böse nennen. Das ist sein eigentliches Thema, immer, auch im "Steinernen Brautbett". Wobei das Böse bei ihm, dem unideologischen "Allround-Dissidenten", kein Gesicht hat. Es ist ein anderes Wort für das Nichts, für Antimaterie. Das ist seine spezielle Sicht der Dinge.

Firnis aus Humor

Stefan Bachmann, dem eine spannende, markante und für die nur langsam aus ihrem Trauma erwachende Stadt Dresden wichtige Inszenierung gelungen ist, macht sich diese Geschichtsphilosophie beiläufig zueigen. Etwa, wenn er die als kleine Komödien gezeigten Autofahrten durch die Stadt, bei denen stets vergnügte 50er-Jahre-Musik läuft, in eine gespenstische Ruinenlandschaft verlegt, die riesenhaft als Diapositiv vorbei zieht – eines der eindringlichen Bilder.

Und er kann auch etwas mit dem antikisch anmutenden Chor anfangen, mit dem Mulisch seine Geschichte formal aufbricht und anspitzt. Eingekleidet als Bomberpiloten-Crew stehen die Flieger an der Rampe und schmettern die Zeilen, die von ihrem Einsatz und Absturz handeln. Wie so oft an diesem Abend sind diese Szenen mit einem Firnis aus Humor überzogen.

Darunter ist viel, viel Abgrund.

Das steinerne Brautbett
nach dem Roman von Harry Mulisch
Deutsch von Gregor Seferens, für die Bühne eingerichtet von Stefan Bachmann und Felicitas Zürcher
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Simeon Meier, Kostüm: Barbara Drosihn, Musik: Jan Maihorn, Video: Christoph Menzi, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Felicitas Zürcher.
Mit: Wolfgang Michalek, Karina Plachetka, Ahmad Mesgarha, Stefko Hanushevsky, Annika Schilling, Hannelore Koch, Torsten Ranft, Lars Jung.

www.staatsschauspiel-dresden.de


Diese Inszenierung wurde von den Lesern für das virtuelle nachtkritik-Theatertreffen 2012 ausgewählt.

Kritikenrundschau

Wolfgang Michalek spielt den Corinth nach Empfinden von Hartmut Krug (Deutschlandfunk, Kultur heute, 2.10.2011) "wunderbar intensiv und zugleich locker als spielerisch cooles Klischee eines Amis". Simeon Meiers Bühnenbild öffne den Raum "für ein klar konturiertes Schauspielertheater mit tieferer Bedeutung". Bachmann habe Mulischs Roman hier "figuren- und texttreu" eingerichtet und auch noch "eine erstaunlich elegante und zugleich witzige Inszenierung" geschaffen, "ohne die Ernsthaftigkeit der Themen Zerstörung und Schuldhaftigkeit dabei aus den Augen zu verlieren". Bachmann biete bewusst "keinen Realismus, sondern immer Theaterspiel", wobei die Kunstfiguren dieser Inszenierung "gegensätzliche Möglichkeiten von Handlungsformen, aber auch von Klischees in sich" vereinten. Wie alle Figuren "in eine klare Uneindeutigkeit getrieben werden, zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Täter und Opfer, das gibt dem Abend seine Spannung und Kraft". Deutlich werde dabei immer, "dass der Krieg alle Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch tief zerstört hat, – und dass niemand schuldlos blieb".

Für die Rezensentin der Sächsischen Zeitung (4.10.2011), Johanna Lemke, bleibt an diesem Abend "das flaue Gefühl, das irgendetwas fehlt". Bachmann gehe "umsichtig, fast zurückhaltend mit der Vorlage um". Er "meißelt Szenen heraus, feilt an den Figuren, bis perfekt konstruierte Charaktere entstehen – fast zu perfekt." Wolfgang Michalek sei eine "sagenhaft passende Besetzung" und spiele den Protagonisten Corinth mit "kraftstrotzender Körperlichkeit". Im Bühnenbild mit seinen Videoprojektionen überlagerten sich Trümmerbilder der Vergangenheit von Troja bis Auschwitz und Dresden. Im Ganzen bleibe die Inszenierung "nah am Fragmenthaften der Vorlage, am Gewaltvollen des Textes". Wobei all das die Kritikerin nicht vollends überzeugen kann: "Bachmanns Zugriff ist nahe liegend und nicht sehr mutig."

Verhaltenes Lob schenkt auch Bistra Klunker, die Rezensentin der Dresdner Neuesten Nachrichten (4.10.2011), aus. Ihr gefällt vor allem, dass die Regie "nicht in die Falle der Aktualisierung tappt". Wertschätzung erfährt das Ensemble, allen voran Wolfgang Michalek als Corinth: "Mal ist er ein zynischer Yankee, mal ein kritischer Geist, mal Verführer, mal nur ein menschliches Wrack. Sein vielschichtiges Spiel hält die Spannung im Großen und Ganzen aufrecht." Nichtsdestotrotz ziehe sich "die Inszenierung manchmal hin", die Nebenfiguren "wirken irgendwie um die Hauptfigur herum organisiert". Fazit: "Es ist oft schwierig, bei Literaturtheater, ein lebendiges Figurenumfeld zu gestalten. Gelungen ist der Inszenierung auf jeden Fall, zum Nachdenken anzuregen und die Dünnhäutigkeit dieses Themas sichtbar zu machen."

"Spielplantechnisch ist es von Intendant Wilfried Schulz eine sehr clevere Entscheidung, für Bachmanns erste Dresdner Regiearbeit dieses Buch zu wählen", findet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau (5.10.2010). "Bachmann hat die nötige Distanz zur schwierigen Dresdner Seelengemengelage, um den Finger in die Wunde zu legen: Ist’s möglich, dass die Stadt  eine Hassliebe zu ihrer Vergangenheit pflegt?" Man könne den Abend auch als Denk- und Erinnerungsherausforderung lesen, als Philosophiespiel und Geschichtsdrama: "Wer mit der Hoffnung auf intelligentes, weder abgeklärtes noch besserwisserisches Theater in diese Inszenierung geht, wird kaum zu enttäuschen sein." Der Abend sei aber auch "pralles, zur Identifikation einladendes  Sinnenspiel".

 
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