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Raus ins Open Air Museum

von Dina Netz

Köln, 7. Oktober 2011. Ursprünglich war Gesine Danckwarts "Goldveedelsaga" schon vor einem Jahr als Premiere geplant. Die ortsspezifische Performance im Kölner Agnesviertel sollte die geographische und ästhetische Brücke zwischen neuer und alter Spielstätte des Schauspielhauses, zwischen dem Stammhaus am Offenbachplatz und der Ausweichspielstätte EXPO schlagen. Auf dem Weg vom einen zum anderen muss man über die Krefelder Straße fahren. Allein, Kölner Wutbürger erwirkten eine Änderung des Ratsbeschlusses. Das Schauspielhaus wird nun renoviert statt abgerissen, und bis zum vorübergehenden Auszug dauert es noch ein Jahr. So lange wollte Gesine Danckwart offenbar nicht mehr warten und baut mit ihrer "Goldveedelsaga" jetzt schon eine Brücke – in die Zukunft.

Leben an einer Kreuzung

Zwei Kneipen, ein Friseur, ein Imbiss, ein paar Gründerzeit- und ein paar 50er-Jahre-Häuser – eigentlich hat die Kreuzung von Aquino-, Balthasar- und Krefelder Straße im Kölner Agnesviertel keinen besonderen Reiz. Das interessanteste Gebäude ist die Kirche St. Gertrud, im Volksmund "St. Betonia" genannt, für die Gottfried Böhm 1967 mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet wurde und die heute keine eigene Gemeinde mehr hat. Genau genommen gibt es noch nicht mal einen Platz, auf dem die sechsköpfige Schauspielertruppe Station machen könnte – sie parken ihren Thespis-Karren (der in diesem Fall ein Lastwagen ist) auf dem freien Raum zwischen den Straßen. Aber für diesen Abend ist der Platz der "Mittelpunkt der Welt", wie Schauspieldirektor Roger (Robert Dölle) selbstbewusst ankündigt, nämlich der Schauplatz von Gesine Danckwarts "Goldveedelsaga".

Veedel ist das kölsche Wort für Stadtviertel. Etwas dem Gold Ebenbürtiges hoffen die Akteure vielleicht zu entdecken, und eine Saga erzählt Gesine Danckwart eigentlich nicht. Der Abend ist eher eine Art personenbezogene Viertel-Führung oder ein "Open Air-Museum", wie es einmal ganz treffend heißt. Die Zuschauer bekommen Kopfhörer und werden in Gruppen eingeteilt. Jeweils ein Schauspieler führt uns vor oder in ein Haus und erzählt uns die Geschichte seiner Figur, die der Kellnerin Mira (Marie Rosa Tietjen) zum Beispiel, die vielleicht ihre eigene Kneipe aufmachen will. Oder Claas (Maik Solbach), der ganz in der Historie von St. Gertrud aufgeht.

Nähe und Nachbarschaft

Gesine Danckwart hat diesen Figuren kleine philosophische und sehr poetische Texte geschrieben. Die Frau, die sich nicht entscheiden kann, ob sie heute noch ausgehen soll (Birgit Walter), überlegt sich zum Beispiel, dass sie "irgendwas Schönes anziehen" müsse "gegen das Gesicht". Und Robert Dölle, bei dessen Roger alle Fäden zusammenlaufen und der das Publikum immer wieder antreibt, stellt fest: "Feierabendgemütlichkeit ist von draußen dreimal so schön."

Die erfundenen Figuren bekommen Gesellschaft von Leuten, die tatsächlich rund um den Platz arbeiten oder leben: Roger erzählt von der alten Frau, die ihr Haus verkommen lässt, Mira stellt uns die Kellnerin Vio vor, die auch im O-Ton eingeblendet wird und die wegen der Liebe nach Köln kam. Dass Nähe und Nachbarschaft auch unangenehme Seiten haben können, wird thematisch angerissen, zum Beispiel wenn Torsten Peter Schnick als René den Inhalt der Mülltonnen eines Wohnhauses wie ein Müll-Spitzel den Bewohnern zuordnet.

Wer betrachtet wen?

Die Zuschauer werden rührend umsorgt. Schauspielhaus-Mitarbeiter reichen Schirme, sobald es wieder anfängt zu regnen. Als wir in den beiden Kneipen Station machen, gibt’s ein Schnäpschen zum Aufwärmen. Wir laufen den Parcours ab, dennoch ist das kein Mitmachtheater. Die Schauspieler reagieren nur wenig auf uns und folgen ziemlich streng dem vorgegebenen Ablauf. Immer wieder wird jedoch das normale Leben, das auf dem Platz ja trotz Anwesenheit von Theaterleuten und Publikum weitergeht, einbezogen: Die Schauspieler beschimpfen Autofahrer, erfinden zu Passanten Namen und Geschichten.

Das ist zunächst amüsant auf Kosten der anderen, aber als die Passanten zurückstarren auf die frierenden und durchnässten Gestalten, die mit Kopfhörern auf der Straße rumstehen, ist schon nicht mehr so klar, wer hier der Voyeur ist. Plätze oder Viertel neu zu entdecken, indem man sie bespielt, ist ja keine neue Idee. Aber Gesine Danckwart und ihr Team setzen die Idee im Kölner Agnesviertel sehr liebe- und phantasievoll, amüsant und charmant um.

Goldveedelsaga. Roman für eine Stadt (UA)
Text und Regie: Gesine Danckwart, Ausstattung: Benjamin Förster-Baldenius, Raumlaborberlin, Kostüm-Mitarbeit & Entwurf: Thomas Rodehuth, Klangkunst: Fabian Kühlein, Dramaturgie: Jens Dietrich.
Mit: Holger Bülow, Robert Dölle, Torsten Peter Schnick, Maik Solbach, Marie Rosa Tietjen, Birgit Walter.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr zu Gesine Danckwart: wie besprachen kill the katz/kac, das im Mai 2010 in Mannheim entstand, für Und die Welt steht still erkundete Danckwart im April 2009 die Mannheimer Hafenlandschaft.


Kritikenrundschau

Einen "Roman für eine Stadt", wie ihn der Untertitel verspricht, "ergibt diese Collage freilich nicht", schreibt Christian Bos für den Kölner Stadt-Anzeiger (10.10.2011). "Dafür tönen die erfundenen Figuren mit zuviel theatralischem Pathos." Für die Realitätsansichten aber hat der Kritiker viel übrig: "Das echte Leben ist spannender und durch die schauspielernde Vermittlung über jeden Banalitätsverdacht erhaben. Und das Leben als solches einzufangen, beziehungsweise Theatergänger in Kopfhörer tragende Kosmonaten der eigenen Stadt zu verwandeln, das gelingt Gesine Danckwart und ihrem Ensemble so eindrücklich, dass die schlotternden Glieder wieder warm werden."

Ganz ähnlich urteilt Brigitte Schmitz-Kunkel in der Kölnische Rundschau (10.10.2011): "Zum 'Roman für eine Stadt', wie der Untertitel dick aufträgt, verbinden sich die vielen teils etwas oberflächlichen Episoden dieser Uraufführung nicht. Und doch entwickelt die 'Goldveedelsaga' mit dem sympathischen und spielfreudigen Ensemble Poesie." Und nachhaltige Wirkungen erzielt der Abend in der Schilderung der Kritikerin auch: "Auf dem Nachhauseweg sieht man doch anders hin, auf die Alltäglichkeiten am Rand…".

Kleine szenische Steinchen, ein Mosaik hat Stefan Keim erlebt, wie er in der Welt (13.10.2011) berichtet: "Mal schillernd, mal stumpf, mal witzig, mal traurig. Wie das Leben." Höhepunkt sei der Besuch einer Betonkirche: "Der Schauspieler Maik Solbach führt die Zuschauer durch dieses seltsame Stück 60er-Jahre-Architektur und wechselt virtuos die Charaktere. Eine andere Stimmlage und kleine Gesten genügen, um von der Pfarramtssekretärin zum Leiter eines Obertonchores zu mutieren." Charmant und entspannt, berührend und selbstironisch sei dieser gelungene Abend.

 
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