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Danse Macabre auf Zauberkönigs Auslage

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Januar 2012. "Das Stück spielt in unseren Tagen", schrieb Ödön von Horváth 1931, und es stehen einem die Haare zu Berge, wie einschränkungslos das auch achtzig Jahre später wieder "unsere Tage" sind. Auch in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" wird ununterbrochen von Krise geredet; auch wir leben in einer Zeit, wo "die Zeiten immer schlechter werden, und zwar voraussichtlich unabsehbar", wie die Marianne so schön sagt.

Am Schauspielhaus Zürich siedelt Karin Henkel ihre kluge, leichtfüßige und trotzdem schwermütige Inszenierung weder im Wien der dreißiger Jahren noch im Züricher Heute an, sondern in einem zeitlosen Raum: in einem überzeitlichen Holzverschlag, in den sie Horváths Figuren wie Vieh hineintreibt, in einer Arena, in der die Jagd nach dem Glück ausweglos im Kreis verläuft (Bühne: Henrike Engel).

Komik, Tod und Musikalität

Am Ende wird hier Oskar eine leblose Marianne auf die Arme heben und sie wird so – innerlich tot – seiner Liebe nicht mehr entgehen; beim Mariannes Vater, dem "Zauberkönig", wird das Skelett am gewohnten Platz hängen und gegenüber in der Fleischhauerei die abgestochene Sau; der Rittmeister wird seinen Klappstuhl aufstellen und die Lottoziehung kontrollieren, während Metzgergeselle Havlitschek, blutige Wurstdärme stopfend, Poesiealbumsverse rezitieren wird.

Karin Henkel hat mit dem Züricher Ensemble eine Inszenierung erarbeitet, die dem Text äußerst aufmerksam folgt, ihn sorgfältig liest und präzise weiterspinnt. Was wir sehen, ist schlicht und ergreifend eine ungemein genaue Theaterarbeit, dicht und konzis, und dabei hinreißend komödiantisch. Dreierlei hebt Henkel dabei hervor: die Komik von Horváths Text, die Todesmotivik, von der er – genau besehen – ganz und gar gezeichnet ist, sowie seine Musikalität. Das Stück heißt nicht nur wie ein Walzer von Johann Strauß, es ist, wenn man die Regieanweisungen liest, das reinste Neujahrskonzert: Ständig spielt hier ein Klavier im zweiten Stock irgendeinen Walzer oder den Radetzkymarsch.

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© Tanja Dorendorf

 

Danse Macabre der ausgeborgten Existenz

In Zürich sind es die famosen "Dead Brothers" um Alain Croubalian, die in Knochenmännerkostümen einen so morbiden wie kunstvoll sentimentalen, ausgeleierten Soundtrack beisteuern. "So schön, so schön!", stöhnt Alfred schon beim ersten Auftritt, und beim Heurigen führen die "Dead Brothers" dann die ganze heillose Vorstadtgesellschaft zur um sich selbst kreisenden Danse Macabre, wie auf einer Spieluhr aus Zauberkönigs Auslage.

Ungemein anschaulich wird in solchen Momenten die Uneigentlichkeit dieser Figuren, ihre ausgeborgte Existenz – was sich wiederum auch in der Sprache ausdrückt. Mit Witz und Selbstverständlichkeit eignen sich die Züricher Schauspieler Horváths Jargon an, ohne ihn irgendwie explizit auszustellen. Namentlich Matthias Bundschuh als Oskar tut dies sehr unterspielt, mit biederer Hartnäckigkeit, trocken, schmächtig und unendlich komisch.

Schmerzlich komischer Alltagsfoxtrott

Und dann die Marianne von Lilith Stangenberg, die das uneigentliche Sprechen auch in der eigenen schauspielerischen Distanz zur Rolle elektrisierend einbringt: Sie ist gegenwärtig vielleicht überhaupt die ideale Besetzung für diese Partie. Eigensinnig und von zerbrechlicher Kraft ist ihre Marianne, sie will im Kreis fortfliegen, sie will krächzend in der Luft das Glück erkrallen, sie muss unendlich lang mit den Händen die Augen verschließen, als sie Alfred zum ersten Mal sieht. In der Liebesszene dann ist es ein Glänzen, Blitzeinschlagen und Strahlen, dass beide bodenlos am Schnürboden schweben – und nachher, platschnass, einsam und völlig zerzaust durch die Windmaschine, singt sie das Kitschlied von der Wachau.

Alfred selber ist bei Aurel Manthei ein hochglanzpolierter Schaubudencowboy, als Auto wäre er tiefergelegt; Jean-Pierre Cornu ist der hinreißend vertrottelte Rittmeister; Friederike Wagner eine spröde Trafikantin. Gegen sie hat eine Marianne auf der Suche nach dem richtigen Leben natürlich keine Chance. Sie tanzen, Wechselschritt vor, Wechselschritt zurück, ihren innerlich toten Trott, stille Straße im achten Bezirk, maniküren die Hände mit dem Fleischermesser, stopfen – "die Liebe ist ein Edelstein" – die triefenden Blutwurstdärme, kontrollieren weiterhin die Lottoziehung und schwimmen synchron in der Donau-so-blau. Der Alltagsfoxtrott, leichtfüßig, und schmerzlich komisch.

 

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth

Regie: Karin Henkel, Bühne und Kostüme: Henrike Engel, Musik: Alain Croubalian, Licht: Gerhard Patzelt, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Lilith Stangenberg, Michael Neuenschwander, Matthias Bundschuh, Friederike Wagner, Aurel Manthei, Fritz Fenne, Kate Strong, Jean-Pierre Cornu, Alexander Maria Schmitt, Christian Baumbach und den "Dead Brothers" (Alain Croubalian, Matthias Lincke, Stefan Baumann, Mago Flueck).

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (16.1.2012) schreibt Barbara Villiger Heilig von "einer Inszenierung, die sich zusammensetzt aus starken Momenten und überflüssigem Drum und Dran." Aus reichlich Regie-Schmarren und, immer wieder, schauspielerischen Highlights dazwischen sei diese Inszenierung. Karin Henkel sei "offenbar darauf erpicht, Horváths Szenenfolge in postdramatisches Diskurstheater zu verhackstückeln." Gegen Schluss, d. h. nach der Pause, verdichte und intensiviere sich freilich alles zur unerbittlichen Coda. "Es lohnt sich also zu bleiben, um die finalen Schläge in die Magengrube mit nach Hause zu nehmen – als nachhaltiges Souvenir."

In der Badischen Zeitung (16.1.2012) schwärmt Bettina Schulte: Karin Henkel bringe den Schweizern den ungarisch-österreichischen Dramatiker wieder nahe: "eine formidable Regietat." Die Inszenierung zeige, wie ein Kollektiv weltwirtschaftskrisengebeutelter Angehöriger der unteren Mittelschicht es vereitelt, dass eine von ihnen ausschert aus der ihr zugedachten Rolle. Sie lebe von "bildkräftigen Ideen" und vom "sehr genauen Hören auf Horváths Sprache". Man staune, wie viel subtile Komik die Regie auf diese Weise in dem Melodram (um eine mittellose Alleinerziehende und ihr am Ende totes Kind) freilegt, so Schulte: "Großer Jubel für einen großen Wurf."

Wolfgang Bager findet den Abend im Südkurier (16.1.2012) "morbid aber zu seelenlos". Die den Horváth-Figuren von der Regisseurin beigegebenen Figuren Knochenmann und Knochenfrau (Fritz Fenne und Kate Strong) mache sich selbstständig, quassele viel zu viel horváthfremden Text, "und das noch zweisprachig". Da müsse Horváth schon aufpassen, "dass er nicht gleich mit beerdigt wird". Außerdem ist Bager verdrossen, weil er meint, hier Elemente aus Henkels Kölner "Kirschgarten" wiederzufinden. "Eine kleine Drehbühne in der Mitte, Glühbirnen-Glamour drumherum – was bei Tschechow funktioniert, kann bei Horváth nicht falsch sein, so die neue Regie-Ökonomie." Inhalt, Sinn und Verstand oder auch nur Atmosphäre würden gern dem schönen Bild, der spektakulären Wirkung geopfert. Blass und austauschbar sei in weiten Teilen auch die Personenführung. Allein Lilith Stangenberg als Marianne findet Bagers Gnade: "Ihr Spiel, ihre entrückte Art zu sprechen, ihr naives Anrennen gegen die Widrigkeiten des Daseins, ist nicht von dieser Welt." Sie allein lasse ahnen, was den spezifischen Reiz von Horváth-Stücken ausmacht. "Und sie macht eine etwas misslungene Inszenierung noch sehenswert."

Cornelia Fiedler schreibt in der Süddeutschen Zeitung (1.2.2012): Lilith Stangenberg gebe der Marianne eine "anrührend kindliche Schlichtheit". Die wenigen Momente ihres "blitzenden Zorns" wirkten dann "umso stärker". Es gebe "intensive Szenen" in Henkels Inszenierung. Trotz des "platten Regiekonzepts", in dem "aufdringliche Gags" den Handlungsverlauf konterkarierten. Die Kleinbürger, die Marianne drangsalieren, zeigten ein "menschlicheres Antlitz", weil die Charaktere aus der benutzten Frühfassung "lebenswärmer" seien. Oskar etwa sei in dieser Fassung ein "fast zärtlicher Mensch, der Angst hat vorm Schlachten". Menschelt es jedoch, nehme man "diesem Drama die Schärfe". Heraus komme "Horváth auf Lenor".

Klara Obermüller fragt auf Welt Online (1.2.2012), was passiere, wenn man Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald" alles Wienerische austreibe? Karin Henkel habe das mit allen Mitteln versucht. Der Preis sei hoch: es fehlten Brechung und der "Kontrast zwischen dem, was die Figuren sagen, und dem, was sie sind". Und die "Stille". Der Gewinn des Verfahrens sei, dass die "geradezu erschreckende Aktualität" des Stückes "überdeutlich zutage" trete. Den Schauspielern mache es die Inszenierung allerdings nicht leicht. Sie müssten, "fast schon im Brecht'schen Sinn zeigen", wer sie sind. Das gelingt den einen besser, anderen weniger gut. Lilith Stangenbergs Marianne enttäusche mit "ihrem klagenden Ton und elfenhaften Gehabe", das mehr an Kleists Käthchen erinnere. Karin Henkels "Geschichten aus dem Wienerwald" seien ein "sehr deutscher Abend geworden". "Etwas mehr Wien, etwas mehr Stille" hätten der Inszenierung "gutgetan".

 
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