altZumutungen eines eingeschlafenen Gottes

von Barbara Bogen

Würzburg, 17. März 2012. Selten hat man so eine Sprache auf dem Theater erlebt, so ein Staccato, brüchig, heftig, hastig wie ein Massaker oder Schnellfeuergewehre, jede Silbe wie der köpfende Schlag einer Machete, eine Sprache, so aggressiv, so verstümmelt und gewaltig, weil sie einer Ohnmacht entspringt, einer Leere, die nicht fertig wird mit den unverschämten Zumutungen eines Gottes, der längst, wie es im Stück heißt, "vor den Menschen eingeschlafen" ist, weil man nicht zu Rande kommt mit den ungeheuerlichen Bedingungen des Seins, die Seuchen wie Aids im Programm haben, Steinigungen und Kids, die auf Knopfdruck zu blindwütigen Tötungsmaschinen mutieren auf einem Kontinent, der zufällig Afrika heißt, Verhältnisse, die aber auch in Europa oder anderswo vorstellbar wäre, vorstellbar immerhin.

Debbie Tucker Greens Stück "Stoning Mary" schlägt diese Imagination tatsächlich vor. Sie projiziert die Probleme Afrikas auf Europa, als wäre nichts selbstverständlicher als das. Sie tut das, weil sie weiß, dass die Nachrichten, die uns aus den Medien erreichen, nicht zünden, nicht die Empathie entfachen, um kapieren, nachfühlen, mitdenken zu können, wie es denen da drüben geht, wie es wohl aussieht in diesen fernen fremden Seelenruinen Afrikas.

Gewalt

"Stoning Mary" ist das einzige Stück der jungen schwarzen Autorin, das auch für nichtschwarze Schauspieler zugelassen ist. Das Stück spielt dort, wo es spielt, schreibt sie in einer Anmerkung, also bei uns, in Berlin-Mitte zum Beispiel oder eben in Würzburg.

Dort setzt Regisseurin Caro Thum die sechs Protagonisten aus in einem kleinen engen Raum, der lichtlos ist wie ein Verlies und kaum Luft zum Atmen zu lassen scheint (Bühne Stella Kasparek). Ein Raum, von kaltsilbernem Wellblech begrenzt und wie geschaffen für die Choreographie der Gewalt, die da gleich zu Beginn auf ihren Ausbruch lauert, so nervös trommeln die Figuren mit den Fingern und den Fußsohlen, schlagen unvermittelt gegen die laut scheppernden Wände.

StoningMary1 560 NicoManger uPhilipp Reinheimer,  Edith Abels, Anna Sjöström, Sebastian Jahreiß, Max De Nil. © Nico Manger

Hosenträger und Strickjacke

Dazwischen hocken sie auf schmucklosen Sitzblöcken, warten auf den Tod und führen in Short Cuts, teils superkurzen Schnitten und grellen Blenden sich selber vor: allesamt Prototypen, Durchschnittsfiguren aus der Mittelschicht, wie sie einem auch beim nächsten Einkauf bei Tengelmann begegnen könnten. Das Paar, er mit Hosenträgern, sie mit grauer Strickjacke, fade Figuren, Langweiler an sich, entlaufen aus der Bourgeoisie, wie man sie eher aus den Stücken Yasmina Rezas kennt, hier sind sie im peinigenden, peinlichen Überlebenskampf.

Beide haben Aids, aber da ist eben nur dieses eine verfluchte Rezept, weil sie sich ein zweites nicht leisten können. Sie sind zugleich auch die Eltern, die sich konfrontiert sehen damit, dass das System den Sohn gekidnappt hat, um ihn erfolgreich zum Kindersoldaten zu dressieren und die doch noch seinen Geruch in der Nase haben, sich erinnern, wie sich sein Haar anfühlte und die sich jetzt anrotzen, würdelos, schmerzlich in die Haare kriegen darüber, wen er von ihnen lieber hatte. Beleidigungen, Demütigungen, Verletzungen, die normal gewordenen Brutalitäten. Manchmal spucken sie in einem Dialog gleichzeitig ihre radikalen Abbreviationen der Verzweiflung aus, dann wird das Schweigen schon mal zum Choral, die Kotze zum Poem.

Kindermord

Und da ist Mary, die jugendliche Intellektuelle, Typ Klassenerste im rot-schwarzen adidas-Jogging-Dress, die ein Kind tötet, aus Rache, weil dieses Kind ihre Eltern getötet hat und die dafür nun gesteinigt werden soll. "Aber ich hab was getan, wenigstens hab ich was getan." Sagt sie, als ginge es um eine Protestaktion für Attac oder Occupy-Wallstreet. Das Kind hockt da, im Rautenpullover, in der Mitte der Bühne, blond und mit Blicken, die schwer zu deuten sind, schnibbelt in Slow-Motion einer Puppe das Langhaar ab und später die Arme, aber das klappt nicht so richtig. Manchmal isst das Kind auch eine Brezel.

Irgendwann finden die Spielebenen zusammen, werden zu einer Story. Die dargestellte Gewalt erspart sich Caro Thum in ihrer reduzierten, fast minimalistischen Regiearbeit. Als Mary das Kind töten will, winkt sie es einfach lächelnd zu sich und führt es, die Machete in der Hand, lautlos hinter die Bühne.

Gleichgültigkeit

Es gibt Momente an diesem Abend, wo tatsächlich so etwas entsteht wie die Vorstellung, da habe einer nur kurz mal am Erdball gedreht und damit die Kontinente und die Problematiken beiläufig verschoben. Gleichgültigkeit ist das Stichwort, Europas oder sagen wir, unsere Gleichgültigkeit, die auch diese Inszenierung glasklar im Visier hat. Eine der Figuren kauert dann auch eine ganze Weile hinten am rechten Bühnenrand, unscheinbar, indifferent blättert der in der "Mainpost", der örtlichen Würzburger Tageszeitung, blättert und liest da was vom Weltende und blättert weiter und bleibt -blind.

Am Ende stapft die Mutter noch einmal auf die Bühne, den East-Contest-Rucksack ihres Sohnes in der Hand, stülpt ihn um und heraus platzen schwere Steine, wie Spielzeuge oder eben die nötigen Accessoires für so ein gewaltiges Ding wie "Stoning Mary".

 

Stoning Mary
von Debbie Tucker Green
Deutsch von Anja Hilling
Regie: Caro Thum, Bühne: Stella Kasparek, Kostüme: Kristopher Kempf, Musik: Joachim Werner a.G., Dramaturgie: Mona Becker.
Mit: Edith Abels, Max De Nil, Anne Diemer, Philipp Reinheimer, Anna Sjöström und den Kindern Sebastian Jahreiß / Moritz Siebert.

www.theaterwuerzburg.de

 

Stoning Mary wurde im April 2007 von Benedikt Andrews in der Berliner Schaubühne zuerst auf Deutsch inszeniert.

 

Kritikenrundschau

Von der vermeintlichen Sprachgewalt in "Stoning Mary" sei in der Würzburger Inszenierung "wenig zu hören", schreibt Manfred Kurz in der Main-Post (19.3.2012). "Reichlich statisch liefern zwei Paare und eine junge Frau im nüchternen Stil von Nachrichtensprechern schlichte, um nicht zu sagen banale Dialoge ab. Sie sollen Wut und Verzweiflung ausdrücken, bleiben aber reichlich emotionslos und transportieren allenfalls Leere und viel Weitschweifigkeit, so dass der Abend im ausgestellt Künstlichen stecken bleibt." Und "weil auch die im Programmzettel behauptete politische Poetik der Sprache sich partout nicht einstellen will, können sich auch siebzig gespielte Minuten zum unendlich langen Abend dehnen."

Anders sieht es das Kürzel str in den Fränkischen Nachrichten (19.3.2012): "Eine latente Aggressivität" sei spürbar und werde "immer wieder in Sprache und gelegentlich in Handlung manifest. Die Auseinandersetzungen der Ehepaare – der Wirklichkeit genau abgehört – entfalten in der Behandlung durch Debbie Tucker Green eine eigene künstlerische, von der Realität losgelöste, Qualität. Dass dies alles nicht nur Theorie bleibt, dafür sorgen die Protagonisten (...), die die Künstlichkeit der Situation mit authentischem Spiel konterkarieren und korrigieren."

 

 
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