Spiel der Götteralt

von Thomas Askan Vierich

Wien, 4. Mai 2012. Was ist das Langweiligste in der Ilias? Der endlose Schiffskatalog der Griechen, als Homer aufzählt, wer mit wie vielen Schiffen von wo gegen Troja in den Krieg zieht. Gerade dieser Schiffskatalog wird zum Höhepunkt dieser viereinhalbstündigen Dramatisierung der Ilias. Fabian Krüger zählt sie alle mit Furor auf und seine Schauspielerkollegen schleppen Kartons mit Papierschiffchen heran, die sie auf der Bühne des Casinos am Schwarzenbergplatz zu einer schier unübersehbaren Flotte aufstellen. Andere falten fleißig aus Papier weitere Schiffchen. 1186 Schiffchen für 60.000 Griechen. Ob es wirklich 1186 Schiffe wie bei Homer sind, konnte nicht nachgezählt werden. Diese Aktion wurde trotzdem mit spontanem Szenenapplaus belohnt.

troja ii 088s 560 reinhard werner uDie 1186 Schiffe der griechischen Flotte. © Reinhard Werner

Belastbare Stoffe für ästhetische Experimente

Matthias Hartmann, der auf der gleichen Bühne mit großem Erfolg die Dramatisierung von Krieg und Frieden realisiert hatte, hat sich jetzt an die Ur-Erzählung des Abendlands gewagt. Und die ist mit 15.693 Hexametern noch bedeutend voluminöser als Tolstois Roman. Faust I & II bringen es zusammen auf rund 12.000 Verse – und wurden ebenfalls an der Burg von Hartmann dramatisiert. Hartmann und seine Dramaturgin Amely Joana Haag haben sich durch die gesamte Ilias-Literatur gearbeitet – und daraus ein Sample erstellt. Hartmann hat dieses Epos gewählt, weil er für seine angestrebten "formalen ästhetischen Erzählexperimente" einen "belastbaren Stoff brauchte, einen großen Steinbruch der Geschichten", wie er im Vorfeld verkündete.

Nun, Geschichten werden erzählt: Das Urteil des Paris zum Beispiel, als er auf die Göttinnen Aphrodite, Athene und Hera trifft und wählen muss, wer die Schönste im Olymp ist. Er wählt Aphrodite, weil die ihm die Liebe der Helena, der schönsten Frau der Welt, verspricht. Die verlässt prompt ihren Mann für Paris und löst damit den zehnjährigen Trojanischen Krieg aus, weil sich die Griechen an den Trojaner dafür rächen wollen – aufgehetzt von den eifersüchtigen Göttinnen Hera und Athene. Die werden von Catrin Striebeck und Christiane von Poelnitz gespielt – und beide geben prächtig bösartige Megären ab, die vom Olymp (im Casino eine über die Bühne ragende Empore) dem Kriegstreiben der Männer zusehen und sich dabei prächtig amüsieren.

troja ii 147s 560 reinhard werner uDie Göttinnen Catrin Striebeck und Christiane von Poelnitz (vorne), Stefanie Dvorak (hinten) auf der olympischen Empore in Wien. Links: Fabian Krüger. © Reinhard Werner

Die Götter sind auch nur Menschen

Überhaupt sind alle Menschen und Halbgötter in diesem Stück den Launen der Götter ausgeliefert. Die lenken die Geschicke, ohne ihren Willen läuft gar nichts. Hartmann ist beim Lesen der vielen Ilias-Adpationen und –Übersetzungen (u.a. Raul Schrotts saftige, aber umstrittene Übersetzung, Christa Wolfs "Kassandra", Allesandro Bariccos oder Rudolf Hagelstanges Nacherzählungen) die Erkenntnis gekommen, "dass sich hinter den griechischen Göttern eine total korrupte Mafia verbirgt." Naja, ganz so schlimm scheint es dann doch nicht zu sein. Eher könnte man sagen: Das sind halt auch nur Menschen.

Aber diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu. Und leider auch nicht die versprochenen "Erzählexperimente". Zwar wird hier viereinhalb Stunden lang sehr gekonnt erzählt, deklamiert, gestöhnt, alles sehr glaubwürdig und voller Tragik. Aber die Figuren spielen nicht miteinander. Wie so oft bei Dramatisierungen von erzählerischen Texten – und Homer ist leider nicht bekannt für knackige Dialoge – kommt es nicht zu wirklichen Szenen. Jeder erzählt seine Geschichte, beklagt sein Leid, mit viel Gefühl und auch dem einen oder anderen eingestreuten Witzchen. Aber wirkliches Theater wird daraus nicht.

troja i 106s 280 reinhard werner uRatlos vor Troja? © Reinhard Werner Und wenn es dann doch mal dazu kommt, wirkt es aufgesetzt bis albern. Besonders schlimm ist die Szene, als die Krieger erzählen, wie sie wen massakriert haben. Sie werden einmal mehr von den Göttinnen auf der Empore angestachelt und schildern ihre Kämpfe in allen blutigen Details. Sie tun das aber seltsam überzogen, ziehen die Gewaltorgien ins Lächerliche. Hartmann hatte verkündet, dass er nach den opulenten Kriegsszenen in "Krieg und Frieden" nun "kriegsmüde" geworden sei. Aber muss er deshalb eine schlechte Tarrantino-Kopie abliefern?

Schaumstoff und Pfeffer

Noch schlimmer sind die ständigen Wiederholungen: Warum muss bei der Stofffülle manche Geschichte drei- bis viermal erzählt werden? Mit fast den gleichen Worten? Man hatte schon beim ersten Mal verstanden, was der Trick mit dem Trojanischen Pferd ist, das die Griechen den Trojanern unterschieben.

Das Bühnenbild entwarf Jan Lauwers von der legendären Needcompany, derzeit Artist in Residence an der Burg. Von ihm stammt die Schiffchenszene und der Olymp als schwindelerregender Balkon. Riesige weiße Schaumstoffwürfel werden erst zur Mauer von Troja und am Ende zum Trojanischen Pferd zusammengebaut. Allerdings ist es eher mäßig spannend den Schauspielern bei diesem einige Zeit in Anspruch nehmenden Baukastenspielchen zuzusehen.

Ein bisschen mehr Pfeffer verstreuten die Musiker Karsten Riedel und Joeri Cnapelinckx: Ihr Soundtrack lieferte ab und zu die Dramatik, die ansonsten über weite Strecken fehlte. Man kann nur hoffen, dass nach der Dramatisierung von Faust, Krieg und Frieden und jetzt der Ilias Schluss ist. Lieber Herr Hartmann, bitte keine "Odyssee" auf die Bühne bringen! Bitte.

 

Das Trojanische Pferd
Textfassung von Amely Joana Haag und Matthias Hartmann
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Jan Lauwers, Kostüme: Victoria Behr, Musik & Komposition: Karsten Riedel, Joeri Cnapelinckx, Video: Moritz Grewenig, Hamid Reza Tavakoli, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Therese Affolter, Stefanie Dvorak, Sabine Haupt, Christiane von Poelnitz, Sylvie Rohrer, Catrin Striebeck, Adina Vetter, Sara Zangeneh, Bernd Birkhahn, Franz J. Csencsits, Sven Dolinski, Lucas Gregorowicz, Philipp Hauß, Daniel Jesch, Fabian Krüger, Oliver Masucci, Juergen Maurer.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Es gibt zauberhafte Momente in dieser Inszenierung", konzediert Christian Gampert im Deutschlandfunk (5.5.2012). Es gebe auch unglaubliche Grausamkeiten zu besichtigen: "wenn der schäumende Achill den besiegten Hektor um die Stadt schleift, dann fräst der Schauspieler Oliver Macucci einer Dummy-Puppe tatsächlich das Gesicht weg, mit einer Schleifmaschine." Aber ein wirklicher interpretatorischer Zugriff sei das nicht: "Es ist Behauptungs- und Effekt-Theater." Die Sucht nach Unterhaltsamkeit sei der größte Vor-, aber auch Nachteil des "Hartmann-Theaters". Keine Episode könne psychologisch zu Ende erzählt werden, immer stehe schon das nächste Highlight auf dem Programm. Die These der Inszenierung sei, "dass hier alle den Kopf verlieren, dass blöde Menschen aus gekränkter Eitelkeit Krieg führen, zum Amüsement der Strippenzieherinnen auf dem Olymp". Heraus komme, "immerhin, schönes Schauspielertheater". Aber das sei nicht genug.

Für Die Presse (5.5.2012) schreibt Norbert Mayer über "Hartmanns Trojanisches Gummipferd": eine "durchwachsene Inszenierung" sei der Abend, eine "bizarre Melange" aus Pathos, Kalauer, Zynismus, Läppischem und auch wirklich Schönem. Der Schwachpunkt des Textes sei ein Zentraler. "Raoul Schrotts kecke Übertragung der 'Ilias' ins Zeitgeistige ist schmerzhaft platt." Bei einem schwächer besetzten Ensemble würde man, so Mayer, bemängeln, "dass diese Aufführung zu oft in den Ulk kippt". Hartmann erweise sich vor allem als Liebhaber des Verblödelns. "Dazu würden aber auch eineinhalb statt viereinhalb Stunden reichen."

Als "unfertig wirkende Antikenrevue" bezeichnet Ronald Pohl die Ilias-Angelegenheit im Standard (7.5.2012). Weit davon entfernt, der unübersichtlichen Überlieferungslage etwas substanziell Neues hinzuzufügen, gönnten sich Leitung und Mannschaft eine szenische Aus- und Abschweifung. "Aus den Textzeugnissen werden Szenen herausgepresst: je nach Ertragslage köstliche Dramolette, aber auch fade Schmonzetten und lässliche Einwürfe." Am Ende hätte der Rezensent noch gerne gewusst: "Wozu das Ganze?"

"Antiken-Gulasch vom Fast-Food-Restaurant McHomer's" hat sich Ulrich Weinzierl (nicht) schmecken lassen, der den Abend in der Welt (7.5.2012) beschreibt. "Chefkoch Hartmann" vertraue den mythischen Figuren nicht im Geringsten, "teils veralbert er sie, teils degradiert er sie zu Sprech- beziehungsweise Schreikarikaturen". Ganz schön, wenn auch zu breit ausgewalzt, seien Jan Lauwers' Bühnenideen. Auch einige szenische Ansätze hätten Potential, dann aber "keine Chance, sich gegen den sonstigen Firlefanz zu behaupten". Kurz: "Matthias Hartmann hat auf das falsche, das Trojanische Pferd gesetzt – und es obendrein vom Schweif her aufgezäumt."

Als "Textcollage von Jelinekschen Ausmaßen, wenn auch nicht vergleichbarer Qualität", empfindet Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.5.2012) die textliche Grundlage dieses Abends. Auch inszenatorisch kann er ihm wenig abgewinnen. "Regieanweisungen und Anmerkungen werden immer gleich mitgesprochen, damit man auch versteht, was man ohnedies sieht." Es gebe zahlreiche "gequält witzige Einlagen". Fazit: "Was man dieser Inszenierung also vorwerfen kann, ist ein Mangel an Entscheidungsfindung, ein Verzicht auf Streichen und Straffen, das Auftragen eines unentschlossenen Potpourris aus Fundstücken mit bestenfalls beliebig geknüpftem Zusammenhang."

 
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