altGeschichte und Körpergedächtnis

von Leopold Lippert

Wien, 18. Mai 2012. Die einsamen Lichtkegel von Taschenlampen schweifen durch den Theaterraum, suchend, sich langsam durch die Dunkelheit tastend. Ein Videoprojektor beginnt zu surren, man sieht historische Aufnahmen von China um 1960, zur Zeit der großen Hungersnot. "Memory 2: Hunger" von Wu Wenguang und dem Living Dance Studio nähert sich auf poetisch-dokumentarische Weise einem totgeschwiegenen Kapitel chinesischer Geschichte: Aufgrund der überhasteten Industrialisierung und Vernachlässigung der Agrarproduktion verhungerten zwischen 1959 und 1961 Millionen Menschen vor allem im ländlichen Raum.

Während des ganzen, knapp über vier Stunden dauernden Abends sind Taschenlampen und Projektor die einzigen Hilfsmittel, mit denen sich acht Mittzwanziger auf die Suche nach ihrer Geschichte und damit auch ihrer Identität machen. Ihre Methoden: die unaufhörliche Wiederholung, das ständige Oszillieren zwischen Individuum und Masse und eine Poetik der Langsamkeit (die wunderbare Choreographie stammt von Wen Hui).

memory ii hunger2  560 huang zhaojun uKollektives Körpergedächtnis: das Pekinger Living Dance Studio  © Huang Zhaojun

Interviews mit Überlebenden

Inhaltlich lässt sich das Projekt in folgendem Satz beschreiben, den man im Laufe des Abends unzählige Male hören wird: "Ich fuhr zurück in mein Heimatdorf und interviewte dort die alten Leute." Diese Interviews, in denen Überlebende der Hungersnot um ihre Erinnerungen gebeten werden, kann man auf Videoeinspielungen sehen. Sie erzählen von den vielen Toten, um die sich niemand kümmern konnte, von den Volksküchen und immer kleiner werdenden Reisportionen, und von den Baumrinden und der Spreu aus dem Kopfpolster, die die Menschen mangels Alternativen gegessen haben. Sie erzählen aber auch davon, dass man die Vergangenheit endlich mal vergangen sein lassen sollte, jetzt ginge es den Leuten ja einigermaßen gut. Dazwischen gibt der Zeitzeuge Jia Zhitan ("Onkel Jia") als wandelndes historisches Lexikon auf der Bühne Auskunft über die Euphemismen der Kollektivierung.

Für die jungen Performer/Filmemacher war der Dokumentationsprozess eine Rückkehr aus der Großstadt aufs Land ihrer Kindheit oder der Kindheit ihrer Eltern. "Memory 2" ist auch eine Bestandsaufnahme der Urbanisierung und der Entfremdung von familiären Zusammenhängen. Während sie mit den Taschenlampen ihre eigenen Körper ausleuchten, sprechen sie von der "Wiederentdeckung" des bäuerlichen Dorflebens. Im nachträglichen Live-Moment des Theaterabends interagieren die Performer schließlich mit ihren eigenen Filmdokumenten. Sie beschreiben, kommentieren, und imitieren. Vor allem aber wiederholen sie. Dabei lösen sich die Geschichten über die Hungersnot von ihren Erzählern und verschwimmen in einer Art kollektiver Poesie, eine historische Affektkonstellation, die das Verhältnis zwischen Einzelnem und Kollektiv, zwischen Körper und Masse immer aufs Neue verhandelt.

Ergänzung zum beschönigenden Geschichtsnarrativ

Die erneute Auseinandersetzung mit dem titelgebenden "Memory" (es ist dies schon "Memory 2", die Vorgängerproduktion widmete sich der Kulturrevolution) entwickelt sich hingegen als wenig komplex. "Memory", im Deutschen irgendwo zwischen Erinnerung und Gedächtnis verortbar, wird hier als simple Wahrheitssuche verstanden, bleibt meist deskriptiv und faktenorientiert. So erschöpft sich das performative Potential des Abends in Stehsätzen wie "Die Erfahrungen der alten Menschen bestürzten mich sehr" oder gestelztem Übersetzungsmurks in den deutschen Übertiteln ("Ihre Geschichte floss unaufhörlich aus ihr heraus.") Am Ende haben die Performer des Living Dance Studio zwar dem beschönigenden offiziellen Geschichtsnarrativ eine Ergänzung hinzugefügt; ihr Nachdenken über den Nutzen und Nachteil von Geschichte als Vergegenwärtigung und Verlebendigung – kurz: als Erinnerung – bleibt allerdings enttäuschend oberflächlich.

 

Memory 2: Hunger
von Living Dance Studio
Konzeption und Inszenierung: Wu Wenguang, Choreographie: Wen Hui, Filmschnitt und Technik: Jia Nannan, Videotechnik: Wang Wenli. Text, Performance und Filmdokumentation: Jia Zhitan, Zhang Mengqi, Zou Xueping, Luo Bing, Li Xinmin, Jia Nannan, Wang Haian, Shu Qiao, Wang Yixuan.

www.wienerfestwochen.at

 

Kritikenrundschau:

Auf Deutschlandfunk rümiert Christiane Enkeler in der Sendung Kultur Heute (19.5.2012), die Performer hätten "einen berührenden, tief beeindruckenden Abend geschaffen, der ein Fenster aufstößt zu vielen Fragen. Diese Erinnerungsarbeit ist ein Prozess." Sie zeigt sich begeistert von der Leistung der jungen Leute auf der Bühne und spricht von "berührendem" und "beeindruckendem" Dokumentartheater.

"Memory" und "Memory 2: Hunger" bezeichnet Christine Dössel in ihrem Wiener Festwochen-Rundumschlag in der Süddeutschen Zeitung (29.5.2012) als "sehr besondere Doku-Performances". "Memory" sei Meditation, aber auch "eine Art Geschichtelektion, eine Unterrichtsreise der Extraklasse, soghaft melancholisch, komisch, berührend, atmosphärisch dicht und eindrucksvoll". "Memory 2: Hunger" setze das so gelobte Prinzip mit anderem Thema fort.

 
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