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Immobiliengeschäfte in Transsilvanien

von Tobias Prüwer

Dessau, 8. Juni 2012. Bram Stokers Blutrausch um bittere Liebe und süßen Tod ist in etlichen Versionen zu haben, auch auf der Bühne. Regisseurin Astrid Griesbach ließ sich von der Vielfalt weder schrecken noch beeindrucken und legte in Dessau-Roßlau einen herrlich unverkitschten "Dracula" hin. Ganz frei nach der Romanvorlage hat die künstlerische Leiterin des Berliner Theaters des Lachens den Schauerstoff als Figuren- und Schattentheater zu einem fantastischen Kinderstück umgemünzt.

Pinguineske Figuren
Im schwarzen Bühnenrund steht im Hintergrund eine weißer, überdimensionierter Paravent, vorne reichen zwei Podeste als Kulisse aus. Schwarz-Weiß dominiert die ganze Inszenierung, nur ein paar Details sind in Blutrot getunkt. Wie die Bühne sind die Spieler zweifarbig gehalten. In Abendgarderobe wie aus Ebenholz haftet den drei Spielerinnen und einem Spieler mit weißer Badekappe und dick umrandeten Augen etwas Pinguineskes an. Ein Stahlrohknoten als Kronleuchter und eine zur Mohnstraußvase umfunktionierte Urne bezeugen schon zu Beginn, dass sich hier Skurriles Bahn brechen wird.

In Dessau-Roßlau ersehnt man Dracula als potenten Immobilieninvestor, weshalb sich der Makler Hutter zu ihm nach Transsilvanien aufmacht. Seine Geliebte Ellen lässt er zurück, verspricht aber regelmäßiges Nachrichtenschreiben. Der Vampir zieht dann mit Gefolgschaft ins neue Eigentum, Ellen schwebt in der akuten Gefahr, unter seinen Fängen unsterblich zu werden und Hutter kommt im letzten Moment, um noch eine Art Happy End zu besorgen. Denn der Tod ging schon tüchtig um an der Unteren Mulde: Auf den Raumteiler gesprühte Kreuze hatten die Stadt in einen Friedhof verwandelt.

Alles ist Material zur Narration
Mit geringer Ausstattung und wenigen Mitteln gelingt Griesbach eine dichte Inszenierung. Diese ist keine Anbiederung ans junge Publikum und dafür, dass sie für Menschen ab zehn Jahren gedacht ist, wird recht komplex erzählt. Das führt allerdings nicht zur Überforderung, weil über die Regisseurin vorzugsweise über die Banden, über Emotion und Sinnlichkeit spielt. Das Episodische des Briefromans ist beibehalten worden. Als Erzählebene vor Ort dient der Vordergrund. Hier gibt Ellen kund, was ihr Geliebter Hutter so schreibt. Das geschieht ans Objektspiel angelehnt eben nicht mit Figurentheaterpuppen, sondern mit einer Spielzeugpuppe als Ellen und an Gartenzwerge erinnernde Plastikmenschen. Es geht nicht um Handwerk und kunstfertige Figurenführung, alles ist bloß Material zur Narration.

dracula1 560 claudia heysel uWer hat Angst vor Dracula? © Claudia HeyselDer weiße Raumteiler wird in Schattenspielereien zur Erzählebene der Transsilvanienepisoden. Plaudert Ellen unbekümmert munter drauf los, so erfährt das Publikum die Geschehnisse im Lichttheater meistens indirekt. Dorfbewohner wundern sich über den Fremden Hutter, der in ihrer Karpaten-Einöde einfindet, kommentieren, was ihn beim Grafen erwartet und hoffen, er hat ausreichend Knoblauch, Hammer und Pfahl sowie Silberkugeln im Gepäck. Diese Art Erzählfilter wird auf andere Weise in der Vampirburg aufgegriffen. Als Nosferatu in Murnau-Optik ragt Dracula immer wieder in die von Schlieren und Unrat, Gestrüpp und Grabfigurine gezeichneten Bildfläche. Rote Lachen bedeuten blutige Orgien, in denen Draculas Gespielinnen den Makler umgarnen. Es passiert viel, Worte werden wenige verloren.

Dracula, der Hütchenspieler
Da die zwei Erzählebenen auf die Mittel des Figurentheaters fokussiert sind, auf der die körperliche Ebene liegt, erscheinen die Spieler überirdisch. Aus einer Zwischenwelt heraus agieren sie wie Götter oder Schicksalfüger, geben den Figuren – die ja hier die Menschen darstellen – Einflüsterungen und lassen sie handeln, spielen mit ihnen und treiben Schabernack. Und wenn das Quartett mit einem mitreißenden, live intonierten Chanty – "To the Sea" von Katzenjammer – die Überfahrt der Blutsauger begleitet, trumpft Griesbachs Vorliebe für das Jokermotiv auf.

Auch in anderen Momenten schimmern in dieser schmissigen Symphonie des Grauens an Comedia dell'arte erinnernde Elemente durch, und derberer Humor kommt nicht zu kurz. Auch Gegenwarts- und Lokalkolorit findet sich in Form von Vorurteilsbekundungen – "die klauen doch dort in Rumänien und diese Hütchenspieler" – eingestreut sowie Hinweise auf die strukturschwache Region Dessau, ohne zu bemüht auszufallen. Und ebenso zurückhaltend fällt die Spur Gesellschaftskritik im Schlussbild nur angedeutet aus, wenn dort der Mensch den Mammon anbetet wie der Wolf den Mond anheult.

Dracula
Eine Menschen-Schatten-Puppengeschichte frei nach Bram Stoker, von Astrid Griesbach
Inszenierung: Astrid Griesbach, Ausstattung: Petra Linsel, Masken und Figuren: Lisette Schürer.
Spiel: Uta Krieg, Sabine Mittelhammer, Christine Müller, Helmut Parthier.

www.anhaltisches-theater.de

 

Kritikenrundschau

Astrid Griesbach lasse die Dracula-Story von ihren Akteuren "schön spannungsvoll zelebrieren", berichtet Helmut Rohm für die Magdeburger Volksstimme (11.6.2012). Die Schauspieler "präsentieren keine feste Rollenzuweisung, sind als Menschen dennoch oft geheimnisvoll handlungsrelevant". Liebe zum Detail beweise die Inszenierung. "Die darstellerische Vielfalt und das vielfältige komödiantische engagierte Können werden auch beim mit Spontan-Beifall bedachten live instrumental (Violine, Gitarre, Akkordeon) und gesanglich stimmig eingefügten Song 'To the Sea' erlebbar deutlich."

Zwischen "Heimat und Ferne, zwischen Geld- und Blutsaugerei, zwischen Tod und Leben" lege Griesbach die Spielebenen ihrer Dracula-Erzählung an, schreibt Thomas Altmann für die Mitteldeutsche Zeitung (12.6.2012). Damit liefere sie ein "wirklich fesselndes Spiel der Grenzüberschreitungen". Hervorgehoben werden die Schattenspiele und Bilderprojektionen ("köstlich konzentrierte und karikierende Zeichnungen" und "gestisch anmutende Malerei"). Es erscheint dem Kritiker "so gewagt wie auch erstaunlich gelungen, Gesellschaftskritik unvermittelt auf der ästhetischen Ebene, auf der gemeinhin Quietschenten schwimmen, aufzupfropfen."

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