Schnörkel- und mitleidlos

von Regine Müller

Salzburg, 20. August 2012. Jakob Michael Reinhold Lenz bezeichnete sein 1776 entstandenes Theaterstück "Die Soldaten" lapidar als "Komödie". Lenz erzählt die Geschichte der unbescholtenen Marie, Tochter eines Galanteriewarenhändlers, die mit dem Tuchhändler Stolzius verlobt ist, aber dann vom Offizier Desportes verführt, fallengelassen und damit dem Untergang preisgegeben wird. Von Soldaten vergewaltigt und vom Vater nicht mehr erkannt endet die Geschändete als Bettlerin.

Fast zweihundert Jahre nach Lenz überhöhte der Kölner Komponist Bernd Alois Zimmermann die nüchterne Vorlage des unglücklichen Sturm-und-Drang-Dichters zum epochalen Musiktheater-Drama, das als Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts gilt. Eine Generalabrechnung mit Krieg, Militarismus und Gewalt. Und nicht zuletzt ein Ringen mit der eigenen Depression und existentiellen Kriegerfahrungen. Zimmermann selbst sprach über sein 1965 uraufgeführtes Opus Maximum ein Rätselwort: Er raunte von der "Kugelgestalt der Zeit" und erklärte, seine Oper spiele "gestern, heute und morgen". Nicht zuletzt diese visionären Ansprüche brachten dem nur unter großen Mühen und Krächen in Köln schließlich zur Uraufführung gebrachten Werk den Mythos der Unspielbarkeit ein.

Frappierend realistisch
Zudem verlangt das Werk ein riesiges Solistenensemble, Chor, eine Jazz-Band und ein mit 120 Musikern besetztes Orchester, das so ohne weiteres in keinem Orchestergraben Platz findet. Ganz zu schweigen von der Komplexität der Partitur, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt und im normalen Theaterbetrieb kaum zu stemmen ist. Daher sind Zimmermanns "Soldaten" nur sehr selten auf der Bühne zu erleben. Vor sechs Jahren löste David Pountneys Inszenierung für die Ruhrtriennale das "Kugelgestalt"-Problem, indem er die simultan ablaufende Handlung auf einem 120 Meter langen Steg in der Bochumer Jahrhunderthalle wie einen Teppich ausrollte, an dem das Publikum auf fahrenden Tribünen lautlos entlang glitt.

soldaten4 560 ruth walz uGestern, heute und morgen in einem Raum: "Die Soldaten" © Ruth Walz

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, nutzt die 40 Meter breite Bühne der Salzburger Felsenreitschule nun in ähnlicher Weise, indem er simultan Ablaufendes räumlich verortet: In die imposante Naturkulisse der historischen Felsarkaden der ehemaligen erzbischöflichen Sommerreitschule hat er eine zweite Felsenreitschule hineingebaut. Die hintere Hälfte der Bühne bleibt abgeteilt, durch Fensterbögen, die die historischen Arkaden zitieren, sieht man in eine Art Kasernen-Innenhof, in dem zu Anfang Soldatenbetten stehen und später sieben leibhaftige Pferde im Kreis geführt, gestriegelt und schließlich von leicht geschürzten Damen geritten werden. Vor den Fensterbögen bleibt nur eine schmale Spielfläche, auf der vor jedem der Bögen ein anderer Handlungsort angedeutet ist. Ein hölzernes Etagenbett für das Elternhaus der Marie und ihrer Schwester Charlotte, Biedermeiermöbel und ein Beichtstuhl für Stolzius' Haus, Wirtshausstühle für das soldatische Umfeld, Strohballen für die Momente der sexuellen Ausschweifung. Hermanis verlegt das Drama in die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts, Eva Dessecker hat dazu frappierend realistische, detailreiche Kostüme entworfen. Man glaubt, den beißenden Soldaten-Schweiß in den zerschlissenen Uniformen förmlich zu riechen.

Penibel inszenierte Scherenschnitte
Hermanis erzählt die bittere Geschichte schnörkellos und sucht sein Heil nicht in dramatisierender Zuspitzung. Seine Protagonisten sind sich selbst Entfremdete, deren Körpersprache mitunter in zuckenden, hysterischen Übersprungsbewegungen aus dem Ruder läuft. Die Rudel-Szenen der verwahrlosten Soldaten choreographiert Hermanis virtuos, und immer wieder glücken ihm starke, eindrückliche Bilder. Etwa wenn ein Artisten-Double der Marie in schwindelnder Höhe über die ganze Bühnenbreite auf einem Drahtseil balanciert und eben nicht abstürzt. Oder wenn die lungernden Soldaten zu penibel inszenierten Scherenschnitten einfrieren.

Musikalisch ist das Geschehen über jeden Zweifel erhaben: Dirigent Ingo Metzmacher hat die Musiker der Wiener Philharmoniker über den Graben hinaus auf beide Bühnenseiten und bis unter das Dach auf die Beleuchtungsbrücke verteilt. Der Wucht der Zimmermann'schen Musik ist nicht zu entkommen. Metzmacher hat den gewaltigen Apparat souverän im Griff, betont die Modernität der Partitur und fährt die Dynamik mitunter bis an die Unhörbarkeit hinunter. Die Sängerschar leistet Außerordentliches, allen voran Laura Aikin als geschundene Marie.

Insgesamt erreicht der Abend durch die gewisse Ausnüchterung, mit der Hermanis sich auf Lenz' Vorlage besinnt, eine hohe Intensität, die das Mitleidlose des Urtexts betont und Zimmermanns Dramatik durch Untertreibung sogar noch verschärft.

Die Soldaten
von Bernd Alois Zimmermann
nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lenz
Regie und Bühne: Alvis Hermanis, musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Kostüme: Eva Dessecker, Licht: Gleb Filshtinsky, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Alfred Muff, Laura Aikin, Tanja Ariane Baumgartner, Cornelia Kallisch, Tomasz Konieczny, Renée Morloc, Reinhard Mayr, Daniel Brenna,  Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Boaz Daniel, Matjaz Robavs, Morgan Moody, Gabriela Benackova,  Matthias Klink, Andreas Früh, Paul Schweinester, Clemens Kerschbaumer, Beate Vollack, Robert Christott, Stephan Schäfer, Volker Wahl, Anna-Eva Köck, Ruüert Grössinger, Frederik Götz, Wiener Philharmoniker.

www.salzburgerfestspiele.at

Auch in Salzburg schickte Cornelia Rainer den Autor der Soldaten in ihrer zum diesjährigen Young Directors Project eingeladenen Produktion Jakob Michael Reinhold Lenz auf die Achterbahn.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite der Wiener Zeitung Der Standard (21.8.2012, 17:42 Uhr) ) schreibt Ljubiša Tošic: Alvis Hermanis setze der naiven Marie, die in dieser materiell und seelisch "demolierten Kriegsgesellschaft" nur scheitern könne, quasi ein Denkmal: "Im Finale steht sie auf der Halle, zwischen den drei Pferdekopfskulpturen, und schreit ihr Schicksal als über allem schwebende, rehabilitierte Leidensikone heraus." Hermanis sei ein "virtuoser Raumbeherrscher", er schaffe "große, faszinierende Bilder, wie er auch intime Kammerspielchen zu komponieren" verstehe. Es sei "eine Art poetischer Surrealismus zu erleben, der bisweilen für groteske Komik sorgt und in Massenszenen "dynamische Menschenskulpturen" modelliere. Dirigent Ingo Metzmacher führe die Wiener Philharmoniker "zwischen ruppiger Drastik und poetischem Klangstrom". Dazu übersetze Hermanis die Energie der Musik "szenisch intelligent".

Auf der Webseite der Wiener Presse (21.8.2012, 16:59 Uhr) schreibt Walter Weidringer: Es habe etwas "ungemein Bewegendes", wie die Wiener Philharmoniker "hinter all der musikalischen Unerbittlichkeit und Gewalttätigkeit", auch die "positive Gewalt des philharmonisch Schönen und Sinnlichen" zur Geltung brächten. Ingo Metzmacher könne für sich und dieses Orchester einen "enormen Erfolg im jüngeren Repertoire erringen". Mit "vollem Risiko und ohne technisches Netz" werde dieses extrem schwierige Stück "zum Leben erweckt". Auch die Entscheidung, das Finale aus dieser Zeitgebundenheit zu lösen und ganz auf die zentrale Figur der Marie zuzuschneiden, habe sich als tragfähig entpuppt. "Die sich steigernden Trommelrhythmen und vor allem der Schrei, den die wunderbare Laura Aikin da als geschundene Kreatur ausstößt, braucht wahrlich keine elektroakustische Multiplikation." Hermanis beschränke sich auf eine schmale, aber die ganze Breite der Bühne nützende Spielfläche, auf der die Welten ineinander übergehen. So könnten die Soldaten "in die Bürgerstube stieren", sich "an Marie aufgeilen". Hermanis erspare Marie bei ihrem abstieg weder Schwangerschaft noch Fehlgeburt, bis schließlich der eigene Vater sie nicht mehr erkenne.

Auf der Webseite der Welt (21.8.2012, schreibt Manuel Brug: Eigentlich von Beginn an verfalle "man" der "Gewalt, der Qualität, der Zärtlichkeit und der Faszination dieser Partitur, die hochkomplex und sehr einfach ist, immer dramatisch richtig, die mitleiden lässt und doch Abstand hält, die manipuliert und zur Reflexion Mut macht". Die Wiener Philharmoniker spielten das "wunderfein wie Mondscheinmusik von Richard Strauss", würfen sich aber auch mit "Furor und Können in die Materialschlacht der Instrumente". Großartiger könne man das nicht musizieren. "Toller, mutiger, pointierter" als die SängerInnen könne man das nicht singen. Musikalisch handele es sich um eine meisterliche Interpretation des 21. Jahrhunderts. Inszenatorisch allerdings fabriziere Hermanis in seiner ersten Operninszenierung "gleich mehr Oper als nötig". Nach dem Auftaktbild, das "famos alles Kommende wie im Brennglas aufblitzen lässt", stumpften seine Mittel schnell ab, wirkten sie "konventioneller als sie vielleicht sind". Die Szene bleibe "manierlich", "geliebt und Notzucht betrieben" werde hinter und im Stroh, in einer Vitrine stellten sich die Protagonisten aus, ohne sich zu entblößen. Verstörung werde der Partitur und ihrer "exzellenten Exekution" überlassen. Intellektuell fühle man sich nicht auf der Höhe der Zeit herausgefordert.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.8.2012) schwärmt Eleonore Büning, die Felsenreitschule in Salzburg sei der gegebene Ort für dieses "multimediale Simultan-Musiktheater", hier gehöre es hin. "In ihrer Ausdrucksmacht sei diese "Soldaten"-Darbietung atemraubend", "leidenschaftlich präzis" sei gesungen und gespielt worden. "Warum müssen die zittern, die Unrecht leiden? Warum dürfen die fröhlich sein, die Unrecht tun?" Das seien die Kernfragen von Lenz und Zimmermann. Alvis Hermanis habe ernsthaft versucht, sie zu beantworten, "regiehandwerklich einwandfrei, mit viel Pathos und Kitsch, mit Opas Sex und haufenweise frisch gedroschenem Stroh und mit sieben Kaltblütern". Manchmal habe Hermanis die Sänger rhythmisch wild herumzucken lassen, "um die schmerzhaft gezackte Melodieführung Zimmermanns zu unterstreichen". Er schicke Marie mit Kuscheltier ins Bett, Wollust stelle er in der Vitrine aus. "Außerdem kürzte Hermanis Zimmermanns Film- und Toneinspielungen und änderte Zimmermanns Schluss. "Man hört jetzt nicht mehr die Soldaten marschieren, man hört Marie bei der Urschreitherapie zu." Dass in den Notentext eingegriffen werde von der Regie, sei eine neue Entwicklung auf der Opernbühne.

In der Süddeutschen Zeitung (22.8.2012) schreibt Egbert Tholl: Der "Genius" der Salzburger Aufführung sei Ingo Metzmacher. So extrem präzis gearbeitet sei die musikalische Seite der Aufführung, dass darin die Sänger in ihren aberwitzig schwierigen Partien mit schauspielerischer Natürlichkeit agieren könnten, "die Fülle der musikalischen Bestandteile und die Dynamik bis ins Extrem auslotend". Selbst der Lärm sei kontrolliert. Zimmermann schreibe Zuspielbänder vor, "die auch die technische Machbarkeit einer Aufführung sicherstellen und die Sänger schonen sollen". Bei Metzmacher werde alles live gespielt. Das sei dem Gesamtkonzept der Aufführung geschuldet. Denn so wie Metzmacher auf die elektronischen Hilfsmittel verzichte, so lasse Regisseur Alvis Hermanis die vorgeschriebenen Filmsequenzen weg. Er entwerfe einen im Detail exaltierten Naturalismus, ähnlich wie in seinen letzten Schauspielarbeiten. Doch gehe es dabei "nicht um das Festschreiben einer vergangenen Welt, sondern um das Erschaffen einer Welt, in der die psychologische Wahrhaftigkeit der Figuren erst möglich wird". Der Raum, die Kostüme, die an die Zeit des Ersten Weltkriegs erinnern, die erotischen Daguerreotypien nackter Damen, zusammen schaffe dies ein allgemeingültiges Panorama des Soldatenstandes. Hermanis erzähle die Geschichte mit "unzweifelhafter Deutlichkeit", wo ihm das Stück nicht reiche, erfinde er Bilder hinzu.

Joachim Lange schreibt in der Frankfurter Rundschau (22.9.2012): Ingo Metzmacher und die Wiener Philharmoniker sorgten für "musikalisches Premium-Format". Ein geradezu "referenzverdächtiges Meisterstück". Regisseur Alvis Hermanis aber "beplaudert die Bühne vor allem". Bei Zimmermanns Zeitangabe für seine 1965 in Köln uraufgeführte Oper – "gestern, heute und morgen" – beschränke sich die Regie, ganz im Unterschied zur Musik, aufs "gestern". Hermanis wolle seinem Publikum "die lästige Nähe der Figuren und des Krieges" offenbar eher vom Leibe halten. Durch den hyperrealistischen Rückgriff bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges verbaue er den Weg in die Gegenwart.

In ihrer Doppelbesprechung für Die Zeit (23.8.2012) vergleicht Christine Lemke-Matwey die beiden Opern-Großprojekte dieser Woche – "Europeras 1 & 2" bei der Ruhrtriennale und "Die Soldaten" bei den Salzburger Festspielen – und findet, dass der inszenatorische Ansatz unterschiedlicher kaum sein könnte: In Salzburg "soll man um jeden Preis fühlen, was man vielleicht gar nicht fühlen will", bei der Ruhrtriennale hingegen "soll um jeden Preis nicht gefühlt werden, wobei man durchaus gerne hin und wieder etwas gefühlt hätte und vor allem mehr gedacht als nur den Gedanken, dass alles anders ist und letztlich unverständlich bleibt. So richtig froh und frei wird der Zuschauer in beiden Fällen nicht." In Salzburg zollt Lemke-Matwey der "eminenten Kunst- und Koordinationsleistung Ingo Metzmachers am Pult der Wiener Philharmoniker" Respekt, "wie er Zimmermanns kathedralische Klanggebirge durchmisst und durchglüht, mal rhythmische Damoklesschwerter sausen lässt, mal mit der Jazz- Combo swingt, mal einen Bach-Choral in katholische Sphären entrückt und immer deutlich bleibt dabei, immer logisch." Regisseur Alvis Hermanis' Einfühlungsästhetik schrammt für sie demgegenüber am Kitsch. Bei "aller geradezu filmischen Genauigkeit in der Personenführung mutet hier in der Tat vieles albern an: das Fäusteballen der ach so wehrhaften Offiziere, die hysterischen Zuckungen und Schmollmünder der weiblichen Personage."

"Alvis Hermanis, der sich hier, auf Wunsch des Dirigenten Ingo Metzmacher, erstmals der Oper zuwandte, wusste als Regisseur und Bühnenbildner den Raum nicht wirklich zu nutzen, schreibt Peter Hagmann in der Neuen Zürcher Zeitung (25.8.2012). "Starke Metaphern dienen ihm dazu, die Geschichte zu erzählen." Im Übrigen gebe es einiges an szenischer Action und etwas weniger an überzeugendem musikalischem Theater. "Erst recht bleibt die Verlegung der Handlung in die Zeit des Ersten Weltkriegs, wovon die grossformatig gezeigte Pornografie aus jenen Jahren zeugt, dekorativ und beliebig." Auf höchstem Niveau rangiere dagegen die musikalische Auslegung. "Durchwegs herausragend auch die vokale Besetzung." Den szenischen Mängeln zum Trotz sei die Produktion der "Soldaten" eine Großtat.

 
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