Wie ein Fisch im Datenmeer

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 21. Februar 2013. In der Besetzungsliste für diesen Abend gibt es den Live-Codierer und den Core System Programmierer. Zusätzlich zum Handzettel wird ein Glossar verteilt, das Begriffe wie "Ableton Live" (eine Musik-Software), "Fluxus" (eine Programmiersprache) und "Kinect" (eine 3D-Kamera) erklärt. Und auf der Bühne agieren keine Schauspieler, da hängen kreuz und quer Leinwände von der Decke. Kunst ist hier Datenübertragung. Damit es strömt, bedienen drei Programmierer ihre Rechner. Sie sitzen etwas seitwärts an einer Theke, ihre Finger auf der Tastatur, ihre Augen meist auf den Monitor gerichtet.

Worüber Fische nichts wissen

Dortmunds Intendant Kay Voges erkundet gern ungewohnte Wege der Bühnenkunst. Diesmal hat er das Theaterforschungsfeld ganz seinem Kameramann und Videokünstler Daniel Hengst überlassen. Der hat seinen Abend "Der Live-Code: Krieg und Frieden im globalen Dorf" genannt, und er spielt nicht nur im Titel auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan an. Da gibt es zum Beispiel die Botschaft an den Fisch: "Etwas, worüber Fische überhaupt nichts wissen, ist das Wasser, weil sie keine Gegen-Umwelt kennen, die es ihnen ermöglichte, das Element wahrzunehmen, in dem sie leben." Zum zitierten Ton bewegt sich auf der Leinwand ein 3D-Objekt, ein grauer Fisch, den "Fluxus Live-Coder" Rolf Meinecke kurz zuvor programmiert hat. Seine Befehle sind sichtbar, nachvollziehbar wahrscheinlich nur für wenige im Publikum.

live-code-ii 560 birgit-hupfeld u© Birgit HupfeldAuch McLuhans Kurzschluss von Römischer Heeresmacht und Papyrus wird erwähnt. Oder das Paradebeispiel für seine These von den Medien als Körperausweitungen: Das Rad ist ein Medium, weil es eine Ausdehnung des Fußes darstellt. Aber das alles bleibt ein Datenrauschen, Inhaltsfetzen in einem Übermaß an Form. Hengst und seine Netzwerker stellen selbst so eine Körperausweitung dar. Die Musik von Komponist Martin Juhls ist aus Daten generiert, aus Bits und Bytes werden Beats. Und Schauspielerin Eva Verena Müller ist bloß eine durch Hengsts Videokamera Übertragene. Sie bewegt sich als gestrichelte 3D-Animation auf der Leinwand.

"Was Ihr nicht reparieren könnt ..."

Als Medium sind sie die Botschaft. Und genau hier liegt ein Problem, nämlich das der Vermittlung. Hengst will mehr, er möchte uns zu Mitwissern des elektronisch-menschlichen Fortschritts machen. Davon erzählt ein Video gegen Ende des 70-minütigen Abends, in dem Schauspielerin Eva Verena Müller erstaunlich "normal" in Farbe und 2D, Hühnchen schmatzend und Bier trinkend, über die neue Evolution spricht, die kontraintuitiv sein könnte. Aha. Vorher fiel mal der schöne Satz: "Sucht mal an eurem iPad die Schrauben. Was ihr nicht reparieren könnt, gehört euch nicht." Mal ganz davon abgesehen, dass ein Techniklaie sein iPad vermutlich auch mit Schrauben nicht reparieren könnte, lässt es sich dazu angenehm schmunzeln. Nichts ist bedrohlich, nichts drängt sich auf an diesem Abend. Auch die Demonstration, dass das Navigationsgerät, das die Menschen mittlerweile massenweise und täglich benutzen, von anderen Menschen programmiert wurde, bleibt anekdotisch. Und die Filmszenen einer OP, bei der am offenen Computerherzen gearbeitet wird ("Mein Herz ist eine Pumpe, mein Hirn ist ein Computer"), wirken fast anachronistisch.

Netzwerke ohne Teilhaber

Vielleicht liegt es am mangelnden Kontakt. Selbst Schauspieler, die ihren Sätzen keinen psychologisch hergeleiteten Inhalt geben, die als Phrasendreschmaschinen auf der Theaterbühne agieren, stellen doch eine Beziehung zum Publikum her. Die Programmierer bilden über Kabel und LAN-Verbindungen ein Netzwerk, sie sind anwesend, aber sie bleiben doch Abgeschottete. Passenderweise haben ihnen die Kostümbildnerinnen Antonella Mazza und Laura Sophie Rehkuh nerdige Kapuzenpullis und -anzüge übergezogen. Und der Zuschauer, der sich frei auf der Dortmunder Studiobühne bewegen kann, der den Live-Programmierern bei der Arbeit zusehen darf, ist immer noch der Fisch, dem irgendwie die Orientierung fehlt (vielleicht geht es den Computerexperten unter den Zuschauern anders).

"Wir sind alle Roboter, wenn wir unkritisch in unsere Technologien verstrickt sind", heißt es in McLuhans und Quentin Fiores "Krieg und Frieden im globalen Dorf". Der Satz – das Buch erschien 1968 und wurde 2011 neu aufgelegt – stimmt ja. Die Jahre der Entwicklung spitzen ihn wahrscheinlich noch zu. Nur sagt der Theaterabend nicht, warum. Er macht den Zuschauer nicht zum Teilhaber. Bei allen technischen Finessen – da stockt die Übertragung.

 

Der Live-Code: Krieg und Frieden im globalen Dorf
Konzept und Video: Daniel Hengst, Live-Coding: Rolf Meinecke, Live-Musik: Martin Juhls, Bühne: Antonella Mazza, Kostüme: Antonella Mazza, Laura Sophie Rehkuh, Core System Programming: Stefan Kögl, Programming Anbindung cosm.com: Lucas Pleß, Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz.
Mit: Daniel Hengst, Rolf Meinecke, Martin Juhls und Eva Verena Müller.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

 

Kritikenrundschau

Das "überraschend sehenswerte Experiment des Dortmunder Schauspiels" hat Bettina Jäger für die Halterner Zeitung (23.2.2013) angeschaut. Der Abend nehme "uns wie einst der Disney-Klassiker 'Tron' mit in die ästhetische Welt der Gittergrafiken und Bildschnipsel" und stelle dabei "die richtigen Fragen". Etwa: "Sind wir auf dem Weg zu Mischwesen aus Mensch und Maschine? Wohin bringt uns die 'neue Evolution'? Was wird aus den Zettabytes (eine Zahl mit 21 Nullen) von Daten, die inzwischen existieren?"

Ein "fundamental poetischer Abend" war dieses Werk für Rainer Wanzelius vom Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (23.2.2013). Er zeige ein "visionär-utopisches Szenario, in dessen Verlauf sich die alte, natürliche Evolution im Sinne Darwins von sich selbst verabschiedet und das der Welt eine neue Evolution verspricht, den in neuronale Systeme gespannten programmierten Neuen Menschen." Der Kritiker notiert Beobachtungen aus dem freien Herumgehen im Raum: "Phasenweise wirkt die Flut der Daten wie ein Tutorial in Sachen DNA plus GPS, angewandte digitale Ingenieurskunst, aber eben Kunst. Dann begreift man, dass es unsere Gefühle sind, die hier kreisen. Momente der Schönheit, zugegeben."

McLuhans Theorien, auf denen dieser Abend beruht, "erschließen sich in dieser Präsentationsform freilich nicht", schreibt Ralf Stiftel für das Onlineportal des Westfälischen Anzeigers (23.2.2013). "Zu fragmentarisch ist das alles, zu sehr der fragmentierten Wahrnehmungsweise von Nerds angepasst. Es ist wie ein DJ-Remix aus Technogrooves, Wikipedia und Schulfunk."

 

 
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