Das große Glühen vorm finalen Frost

von Ralf-Carl Langhals

Frankfurt am Main, 12. April 2013. Heute wird man Geduld brauchen. Das weiß nach den ersten von vielen ins tiefe Schwarz des Schauspielhauses dringenden Klaviertönen auch derjenige, der zuvor nicht auf der Suche nach der Aufführungsdauer ins Programmheft schielte oder gar aufgrund bestimmter oder unbestimmter Erfahrungswerte beim Namen Andrea Breth bestimmte oder unbestimmte Erwartungen mitbrachte.

Lange grummeln stählerne Pianobasssaiten, bevor man endlich auf einen klassizistischen Saal (Bühne: Annette Muschertz) blickt, der in seinen schmutzigen Eisfarben suggerieren soll, bessere Zeiten gesehen zu haben. Im trendigen Shabby-Chic-Look und im Verbund mit den schönen schwarzen Gewändern (Kostüme: Moidele Bickel), die ihn durchwandern, vermittelt er ein derart elegantes Elend, wie es im großen Festspielhaus zu Salzburg Herrn Mozart zur Ehre gereichen würde und im wahren Leben nur bei zurückgetreten Politikern und abgefundenen Starmanagern zu finden ist. Verschwindend hübsch platziert die Regisseurin auf dieser Bühne ein grünes (Loriot-)Sofa und einen Sessel. Ende.

Einst nannte man's Figurenentwicklung

Auf diesem Sofa kommt es zur ersten Paarbegegnung des Abends. Nach Jahren sprechen zwei Schwestern erstmals wieder miteinander, die vor langer Zeit den gleichen Mann liebten und nach dessen selbstverschuldetem Sturz, nach Prozessen und Skandalen, jetzt als Mutter und Tante um seinen Sohn streiten. Eisig verläuft zunächst das Wiedersehen der aufrichtig verbitterten Gunhild Borkman (Corinna Kirchhoff) mit ihrer vermeintlich altruistischen Schwester Ella (Josefin Platt). Ständig fallen sie sich gegenseitig ins Wort, umkreisen und umfauchen sich, um alsbald in übermütiger Backfischerinnerung fast ins Tollen zu verfallen. Die Art und Weise, wie beide den Namen des Zankapfels "Erhart" (frisch und glaubhaft: Christian Erdt) aussprechen, ist voller phonetischer Finessen und somit auch hohe Dramaturgie (Sibylle Baschung).borkman1 560 bernd uhlig xElegantes Elend mit Sofa, Stuhl und maßloser Leidenschaft © Bernd Uhlig

Während Kirchhoff ihre Rolle im Sekundentakt mit atemberaubender Präsenz von frustriert-zickig über beängstigend-sonderlich hin zur hysterischen Selbstaufgabe schraubt, schwinden der anfangs couragiert zupackenden Ella zunehmend die Kräfte. Wir können zusehen, wie das Leben aus ihr zieht. Die Leistung der beiden Damen nannte man einst Figurenentwicklung und gilt mancherorten als ausgestorben. Aber auch im Stock darüber – und einen Akt später – ist sie noch lebendig: Hier geht seit acht Jahren wie "wie ein kranker Wolf im Käfig" der einstige Finanzjongleur (Wolfgang Michael) hörbar auf und ab. Als zynischer Übermensch fühlt er sich von der Gesellschaft weiterhin ungerecht behandelt.

Erfülltes und genüsslich Unerfülltes

Auch wenn er seine Weste als weiß wahrnimmt, der Fleck drückt am Schuh – und will von dort trotz Putz-Tick nicht weichen. Er demütigt den treu(doof)en Freund Vilhelm (Peter Schröder), der den schönen Satz hat: "Solange du an mich glaubtest, solange glaubte ich an dich." Kaum ist John Gabriel seinen letzten Freund und dessen musikalische Tochter (Wiebke Mollenhauer) los, gehen die plötzlich virulenten Einsamkeitsunterbrechungen weiter. Auch wenn der alte Wolf langsam grau wird: Mit Frau und Schwägerin hat Borkman ein "gespanntes Verhältnis". Die einstige Geliebte Ella schwebt bei ihm zwischen Himmel und Hölle, an Fäden gehalten von einer Hand, die sich zwischen Streicheln und Schlagen nicht zu entscheiden wagt. Im räumlichen Umgang mit seiner Frau kreisen zwei Magnete zwischen Abstoßung und Anziehung, das Ergebnis ist Schauspielerenergie.

Das wirklich Schöne an Andrea Breths Arbeit ist die Tatsache, dass sie viele der bestimmten und unbestimmten Erwartungen, die man mit unterschiedlichen Vorzeichen in sie setzt, erfüllt, um andere genüsslich links liegen zu lassen: Es wird in der Übertragung von Heiner Gimmler sehr texttreu gearbeitet, psychologisch interagiert – und der deutsche Jammerbarde darf mit seinem obligaten Rampenliedchen an diesem Abend mal ebenso zuhause bleiben wie der intellektualisierte Fäkalterror, der in Vegard Vinges und Ida Müllers (zum Theatertreffen 2012 eingeladener) Borkman-Anlehnung federführend war.

Ruhe, Humor und maßlose Leidenschaft

Und doch wird in hohem Maße körperlich und musikalisch gearbeitet, stark überzeichnet, verfremdet – und fast ein ganzer Akt zugunsten eines absurd langen Scherenschnitt-Tableaus gestrichen. Die Geduld lohnt, in der Ruhe liegt die Kraft. Kurz vor dem Ende soll Erfrierenden – eine Gnade der Natur – angeblich noch einmal warm werden … Ende des dritten Aktes glüht diese große Inszenierung nahezu hysterisch auf. Im finalen Naturbild zieht statt Versöhnung Frost ein in dieses fatale Bermuda-Dreiecksverhältnis. Vielleicht ist es aber auch das größte Verdienst dieser Inszenierung, dem gemeinhin eher unterschätzten Text seinen Humor und seine "maßlose Leidenschaft" zurückgegeben zu haben.

In Andrea Breths erster Frankfurter Arbeit vor Finanzkulisse am Willy-Brandt-Platz ist das korrupte Scheitern des größenwahnsinnigen Bankdirektors Borkman mehr als nur eine kuriose Geschichte aus dem hohen Norden. Es ist eine Geschichte von Menschen, die hier auch im Publikum sitzen könnten. Die Geschichte eines Falls aus großer Höhe. Eine von mangelnder Einsicht, von Selbstüberschätzung, emotionaler Erpressung – und doch auch eine von Liebe.

 

John Gabriel Borkman
von Henrik Ibsen
Aus dem Norwegischen von Heiner Gimmler
Regie: Andrea Breth, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Moidele Bickel, Musik: Bert Wrede, Licht: Johan Delaere, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Wolfgang Michael, Corinna Kirchhoff, Christian Erdt, Josefin Platt, Claude De Demo, Peter Schröder, Wiebke Mollenhauer, Corinna Schnabel.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Andere Borkman-Deutungen der jüngeren Vergangenheit: Elmar Goerden inszenierte das Stück am Theater in der Josefstadt in Wien, Armin Petras an den Münchner Kammerspielen sowie Vegard Vinge und Ida Müller im Prater der Volksbühne Berlin.

 

Kritikenrundschau

Andrea Breths Thema in ihrer "Borkman"-Inszenierung sei: vorzuführen, wie die Figuren "in ihrer vertrauten Neurose aufgehen", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (15.4.2013). Dafür lasse "ihnen die Regisseurin alle Zeit und allen Raum. Das macht die Stärke und die Überzeugungskraft ihrer von grimmigem Witz getragenen Inszenierung aus, deren bisweilen zähe Längen man gern in Kauf nimmt – sie sind Programm." Corinna Kirchoffs "Gezeter, so sehr es nervt", habe "etwas unbestreitbar Grandioses". Und Wolfgang Michael sei "kein imposanter Patriarch, sondern ein Phantast und, obwohl sein Borkman mit weissem Hemd und Krawatte die äussere Form wahrt, ein ziemliches Wrack." Dass der Schlussakt durch ein einziges stummes Bild ersetzt werde, wertet Villiger Heilig als "genialen Coup".

Matthias Heine hat von Andrea Breths "erwartungsgemäß textfrommer" Inszenierung einen "faustischen Gesamteindruck" empfangen, nachzulesen in der Welt (15.4.2013). Und charakterisiert die Darsteller folgendermaßen: "Mit dem minutenlangen Heultheater, das sie beim Weggang des Sohnes spielt, parodiert die Schauspielerin Corinna Kirchhoff ein bisschen sich selbst und alle großen Tragödinnen alten Stils. Hier ist das Gold des hohen Tones heruntergewechselt ins Kleingeld eines Emotionskrawalls, mit dem sie in jeder Trashtalkshow ein gern gesehener Gast wäre." Der Kontrast sei "umso größer, weil die Figuren hier – wie man es im werktreuen Qualitätstheater der Andrea Breth erwarten kann – eher durch kleine Gesten charakterisiert werden." Neben seiner hysterischen Gattin wirke Borkman trotz einiger Ticks "fast wie ein Vernunftmensch", Wolfgang Michael lasse "manchmal eine ironische Distanz zum eigenen Gerede aufblitzen".

An diesem "großen Abend" trage "ein jeglicher sein Gefrierfach in sich", meint Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (15.4.2013). "Und seine Marotten vor sich her. Aber die Regisseurin denunziert das nicht. Sie lässt sie in genialer Leichtigkeit so sein, wie sie sind." Corinna Kirchhoff zeige "in der divenhaften Allüre der hohen Zicken-Frouwe" und "mit ihrem Bratschenvibrato in der hochfahrenden Stimme und in schauspielerischer Höchstform: eine Super-Egoistin." Josefine Platt hingegen gebe die Ella als eine "Egoistin letzter Lüste, die (…) als komisches Flackern unter der Gefühlskruste eines kompakten Lebens- und Liebesanspruchs zelebriert werden." Das stumme Schlussbild kommentiert Stadelmaier so: "Alle drei stumm, in unendlicher, klavierbegleiteter Bewegung: Überlebensgezwungene, Gefriergefrostete in der Hölle des Eises und der Finsternis. In einem letzten albtraumverlorenen Tanz. Dies ist aber den Figuren nicht aufgezwungen. Es kommt aus ihrem Inneren. Ihrer Wahrheit. Die Regie enthüllt gnadenlos, was der Dramatiker gnädig verhüllt."

In der Frankfurter Rundschau (15.4.2013) möchte Peter Michalzik Andrea Breth empfehlen, "eine Zeit lang nur noch Opern" zu machen. Ihr "Borkman" scheue "jede Berührung mit der Gegenwart". Die Inszenierung sei überdeutlich, "eine Mischung aus Gefühlstheater und großen Gesten, bedeutungsschweren Zufällen und deutlichen Hinweisen". Das passe nicht zusammen, solle "trotzdem organisch aussehen", ein "verbissen geführter Textdurchdringungskrampf", ein "Wust aus geführten Gängen und choreografierten Lachern, hingetupften Zeichen und groß gesetzten Wendungen", wahrscheinlich "durchdacht", aber nicht "textgetreu". Zu dieser Art Theater würde gehören, dass sich Figuren entfalten und entwickeln, hier seien sie dafür da zu zeigen, was man an dem Text alles verstehen könne.
Wolfgang Michael spiele den Borkman als "Schakal", den "eingebildeten Übermenschen als struppigen Köter". Den 3. Akt beende Kirchhoff, Breth-Schauspielerin durch und durch, mit einem endlosen Zusammenbruch, das sei "jämmerlich und lachhaft" und "schwer auszuhalten", da kippe das Schauspiel in die Performance.

"So langsam, bedeutungsschwer und psychologisch-naturalistisch-ausgefieselt", wie Andrea Breth diesen Text "ausstellt, ausbreitet, ausweidet, um ihn sodann in einem seltsamen Quantensprung in die Seelengroteske zu treiben, ja, richtiggehend zu verzerren", sei es "ein Leichtes, dazu auf Abstand zu gehen", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (15.4.2013). "Man kann diese keifenden, jammernden Lebenspfuscher da vorne ohne weiteres als Fremdlinge aus einer fernen Zeit abtun. Die müssen einen nichts angehen, ihre Probleme sind nicht die unseren. Das ist der Effekt, den Breths Hypergenauigkeit unter dem Brennglas der Geschichtsforscherin hier erzeugt: Man blickt schier historisch auf die Figuren." Und fatalerweise entglitten sie der Regisseurin auch noch "zunehmend ins Lächerliche." Der Schluss dann sei "ein Bild aus der Abteilung Kunstgewerbe. Es lässt einen, wie der ganze Abend, kalt."

Auf dradio.de schreibt Cornelie Ueding entlang ihres Beitrags für Deutschlandfunk (Kultur heute, 13.4.2013), Andrea Breth verzichte in ihrer Inszenierung "auf naheliegende Aktualisierungen". Wolfgang Michael sei als Borkman "kein gieriges Monster, sondern ein skurriler Hasardeur, ein Egomane mit kauzigen Zügen" und einer "Macht- und Erfolgsbezogenen Leidenschaft". In Breths "wort-und gefühlsgenauer Regie" gebe es "keine Situation, in der sie nicht die Ambivalenz der Gefühle minutiös herauspräpariert hätte". Die "egomanische Gemeinheit", das werde "in dieser grandiosen Inszenierung körperlich greifbar", lauere "hinter jedem der schäbig verzweifelten, wackelig-großspurigen, in Wahrheit hoffnungslosen Akteure". "Werkgetreu, doch nicht am Text klebend", verzichte Breth auf den "schwer verdaulichen, von moralisierenden Bühnenkonventionen um 1900 dominierten vierten Akt" und setze an deren Stelle eine "eisige Hölle" und "sprachloses Endspiel".

In der taz (16.4.2013) schreibt Shirin Sojitrawalla: Der stumme letzte Akt gleiche einem "Hieb in die Magengrube", wo sonst die Versöhnung der beiden Schwestern lauere, lasse Andrea Breth sie "wortlos im ewigen Eis vergletschern": "Ergreifend düster". Wolfgang Michael verdeutliche Borkman als coolen Hund, den die imaginären Flecken auf seinen Schuhspitzen mehr als die anderen und alles andere beschäftigte. Als Erhart das Haus verlässt, wehklage sich Kirchhoffs Gunhild in "hysterische Koloraturen, die abwechselnd zum Schämen wie zum Herzerweichen tönen". "Für einen irren Augenblick wirken die drei einsamen Gestalten auf der großen Bühne dann wie im Wahnsinn vereinte Bewohner einer geschlossenen Anstalt." Doch bei aller "Beklemmung", die diese Inszenierung anfache, lasse sie doch genügend Raum für das Komische. Das entlarve die Figuren herrlich, verrate sie aber nicht.

 

 
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