Fünfmal Sterben

von Martin Pesl

Wien, 31. Jänner 2014. Alles hängt mit allem zusammen: "Deine zerbissenen Lippen kommen vielleicht von der Abspaltung Ungarns." Aber alles hätte immer auch anders verlaufen können. Von Ursache und Wirkung in den "100 Jahren Wahn und Sinn" seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist das Schauspielhaus Wien in dieser Spielzeit geradezu besessen. Auf der Suche nach dem großen Historienbogen muss sich Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend" aus dem Jahr 2012 für die Spielplangestaltung geradezu aufgedrängt haben. Im Buch der 1967 in der DDR geborenen Autorin stirbt die Hauptfigur nämlich zwischen 1902 und 1992 gleich fünfmal.

So wirklich wie eine Tüte Mehl

Zwischen den fünf Todesgeschichten, die eigentlich eine einzige Lebensgeschichte sind, erklärt je ein Intermezzo in eleganter Prosa, wie eine Kleinigkeit hätte anders sein und die Frau überleben können: Mit einer Handvoll Schnee hätte man 1902 in Galizien das Baby retten können, das in Buch I den plötzlichen Kindstod stirbt. Der Genosse B. in Stalins Moskau hätte die Kaderakte seiner verdächtigen Genossin genauso willkürlich auf den rechten Stapel der Freisprüche legen können wie er ihn auf den linken für die Verhaftungen getan hat. Oder die renommierte DDR-Schriftstellerin wäre mit knapp 60 nicht von der Treppe gefallen, wenn sie halt nur besser aufgepasst hätte.

In der Dramatisierung von Andreas Jungwirth werden alle fünf Geschichten bis zum (endgültigen) Tod der Greisin im Altersheim durchgespielt. Neben althergebrachtem Erzählen von Handlung hat Jungwirth viele der Prosagedanken in Dialoge gefasst. Nicht immer gelingt es dabei, dass die "Worte aus Tinte sich in etwas Wirkliches verwandeln, so wirklich wie ein Tüte Mehl", wie die Schriftstellerin es mehrmals formuliert.

allertageabend3 280 alexi pelekanos uDie Frau mit kreisenden Alter Egos: Katharina
Klar, Katja Jung und Franziska Hackl
© Alexi Pelekanos

Was Kreide-Linien sagen

Dabei hebt der Abend erfrischend unprosaisch an: Steffen Höld und Franziska Hackl erstarren nach dem unerwarteten Tod ihrer Tochter erstmal in Wortlosigkeit. Der Mann versucht, die Frau zu sich hochzuziehen, ist zu schwach, kann nur einfach weggehen, nach Amerika, wo er nackt vor der Einwanderungsbehörde steht: "Und was jetzt?" Die Mutter der Frau (Katja Jung) hievt sie vom Boden hoch, jeden Tag aufs Neue, und gesprochen werden nur die spitzesten der ohnehin messerscharfen Erpenbeck-Sätze. Man atmet auf: Bei dieser Dramatisierung scheint sich wirklich Drama abzuspielen.

Dann aber hat die Tochter doch überlebt. Sie ist jetzt Katharina Klar und unglücklich in den Verlobten ihrer toten Freundin verliebt. Unter großer, musik- und videogestützter Dramatik lässt sie sich von Florian von Manteuffel, einem anderen Unglücklichen, erschießen. Das Kapitel geht so rasant vorbei, dass man emotional kaum mitgekommen ist, aber es war Zeit genug für den Vater, seine Erdbebenstudien zu präsentieren, die zeigen, "wie ein und dieselbe Ursache tausenderlei verschiedene Wirkungen haben kann". Und wieder ist er angerissen, der kosmologische Geschichtszusammenhang, aber in dieser seismografischen Kreide-Zickzacklinie spiegelt sich vor allem eine gewisse Müdigkeit ob des Pflichtthemas.

Rollen, kreisen, wirbeln

Die Frau, doch nicht erschossen, findet sich im dritten Teil als um ihr Leben fürchtende und selbiges protokollierende Kommunistin wieder. Um Katja Jungs Monolog kreisen ihre Alter Egos in stummen Choreografien, die in, um und unter der Bühnenbildkonstruktion von Michael Zerz klettern. Die rollenden Wandteile mit Klappen, Fenstern und Dächern suggeriert Funktionalität, sind aber in Wirklichkeit ziemlich kompliziert und manchmal ein bisschen im Weg.

Auch Felicitas Bruckers kleinteilige Regielösungen stehen der Entfaltung des großen Historienbogens im Weg. Ihre fünf Tode in gut zwei Stunden wirken wie die zusammengestauchte Fassung einer der beliebten Serien des Schauspielhauses, bei denen jeder Teil von einem anderen Regisseur in Szene gesetzt wird. Buch IV etwa ist plötzlich eine Art Boulevard-Sketch: Franziska Hackl palavert als (gegenüber dem Roman stark aufgewertete) DDR-treue Haushälterin recht witzig die Verzweiflung des Sohnes über den tödlichen Sturz seiner Mutter nieder. Und der letzte Teil führt mit Johanna Tomek eigens eine neue Schauspielerin ein, die zwischen Alzheimer und Nostalgie von der Pflegerin auf einem Drehstuhl um die eigene Achse gewirbelt wird, während der Rest des Ensembles die Heimbewohner als comichaft stumpfe Gestalten vorstellt. Das historische Aha-Erlebnis: Wir hatten es auch heute Abend wieder nicht.

 

Aller Tage Abend (UA)
von Jenny Erpenbeck
Bühnenfassung: Andreas Jungwirth
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Michael Zerz, Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Sounddesign: Arvild Baud, Video: Samuel Schaab, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Franziska Hackl, Steffen Höld, Katja Jung, Katharina Klar, Florian von Manteuffel, Johanna Tomek.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Eine "wirklich gelungene" Uraufführung hat Norbert Mayer erlebt, wie er in der Presse (online 1.12.2014) schreibt. "Nur am Ende faserte die Inszenierung ein wenig weitschweifig zur Altenehrung aus." Die Darsteller leisteten Beachtliches. Katja Jungs "furioser Monolog als gefährdete österreichische Kommunistin im Moskau der Dreißigerjahre ist der Höhepunkt der Vorstellung: Klarsicht in der Verblendung."

"Die sinnliche Genauigkeit von Erpenbecks Sprache, ihre wunderbar nüchterne Aura, verliert sich im vergröbernden Vorspiel, meint Hartmut Krug im Deutschlandfunk (2.2.2014). Wo Erpenbeck durch Jahrzehnte die Ostbiographie eines in Polen geborenen jüdischen Mädchens so verdeutliche, dass man verstehe, dass auch ihre Abstammung es ihr in diesen Zeiten dauernder Lebensgefahr schwer macht, verallgemeinere die Theaterfassung dies zu einem eher allgemein menschlichen Memento Mori. Die Inszenierung mache mit ihren wechselnden szenischen Findungen, die den Text manchmal fast volksstückhaft vereinfachen und, schlimmer noch, vergröbern, "den Eindruck, Regisseurin Felicitas Brucker traue der sinnlichen Nüchternheit des Textes nicht".

Im Standard (3.2.2014) bezeichnet Ronald Pohl die Inszenierung als "eine literarische Umwälzanlage". Es gebe ein ganzes Jahrhundert kostengünstig zu besichtigen. Das Durchspielen der vielen Optionen mache zugleich die Gefahren für das Theater deutlich. "Keine Haltung darf sich verfestigen. Die Figuren zerfallen, kaum dass die sechs Schauspieler sie hastig skizziert haben, in ihre Einzelteile." Alle Menschen in dieser Zentrifuge seien Personen auf Widerruf. Am Ende habe das Ensemble entsetzlich viel Aufwand getrieben, um wenige Einsichten zu gewinnen. "Streckenweise war es auch bloß fade."

 

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