Im Vorhof der Liebe

von Kai Krösche

Wien, 1. März 2014. Alles haben sie hinter sich gelassen: Gino und Morris, zwei alternde Typen, geschieden, losgelöst von den Ketten bürgerlicher Moral, träumen vom Neuanfang in einem Zimmer am Meer. Das künftige Leben: Frauen und Alkohol, ohne Zwänge, ohne Verbindlichkeiten.

Vielklingendes Herantasten

"Begin the Beguine" heißt der nach einem Song von Cole Porter benannte Dreiakter, durch den sich diese beiden Figuren bewegen; es ist zeitgleich eines der letzten künstlerischen Werke des Filmemachers John Cassavetes. Kurz vor seinem Tod 1989 schrieb er das Stück über die beiden gealterten Lebemänner, die aufs Ende warten, sich Prostituierte aufs Zimmer bestellen und über das Leben philosophieren. Es wurde nie aufgeführt, Cassavetes und seine beiden Wunschschauspieler Peter Falk und Ben Gazzara starben. Erst jetzt, 2014, kommt das Stück unter der Regie des belgischen Burg-"Artist in Residence" Jan Lauwers auf der Bühne des Akademietheaters zur Uraufführung.

BegintheBeguine1 560 ReinhardWerner uFrauen im Scheinwerferlicht: Sung-Im Her tanzt © Reinhard Werner

In seinen gemeinsam mit der belgischen Needcompany entworfenen Abenden vereint Lauwers Tanz, Musik, Bühne, Licht und Sprache zu multimedialen Gesamtkunstwerken. Er inszeniert "Begin the Beguine" mit großem Respekt vor dem Autor und den Darstellern auf der Bühne, verleiht dem Abend aber zugleich jene persönliche Note, die die gelungensten seiner Inszenierungen so besonders machen: keine ästhetische Homogenität, sondern ein bewusstes Nebeneinander verschiedener Formen, das kein einheitliches Ganzes, sondern vielmehr ein vielklingendes Herantasten an ein Thema ermöglicht.

Stets präsentes Konstrukt Theater

Musikalisch unterlegte Tanzszenen wechseln sich mit langen Dialogen ab, realistisches Spiel trifft auf comichafte Überzeichnungen, romantische Popmusik auf lärmenden Krach: Auf der weitgehend kahlen Bühne des Akademietheaters – nur ein Sofa, eine große Wand mit riesigem Blumenmuster und ein paar weitere Einrichtungsgegenstände stehen herum – ist die Illusionsmaschine, das Konstrukt Theater stets präsent in Form niederschwebender Scheinwerfer, sichtbarer Schminktische, zu Beginn gar eines groß projizierten Bildes von Cassavetes, Falk und Gazzara.

Falk Rockstroh zeichnet die Figur des Gino als ichbezogenen Leidenden: Im einen Augenblick scheint er vor innerer Zerrissenheit vom Stuhl zum Sofa zu hinken, trägt schwer an einer inneren Last, einer tiefen Enttäuschung vom Leben und der Liebe. Dann plötzlich hüpft und tänzelt er mit der Agilität und Ausgelassenheit des postmoralischen Lebemanns über die Bühne. Übergangslos schwankt er zwischen tiefer Ernsthaftigkeit, ja Resignation sowie Selbstironie und Zynismus. Wenn er Sätze sagt wie "Liebe, das sind die Toten jenseits der Schmerzen", dann klingen sie bei Rockstrohs Gino nicht bedeutungsschwanger, sondern wie beiläufige Selbstverständlichkeiten, verinnerlichte Gewissheiten.

Männer auf der Suche

Oliver Stokowskis Morris ist ein nervöser Mann auf der Suche; sein Wunsch, sich in die immer neuen Frauen zu verlieben, die er Abend für Abend, schließlich gar Stunde für Stunde bestellt, könnte ernstgemeint zu sein. Anders als Gino scheint er seine Situation als Übergang zu empfinden. Er begreift nicht, dass der Neuanfang schon längst zum unveränderlichen Zustand geworden ist. Immer wieder behauptet sich Stokowskis Morris in so tragischen wie zeitgleich komischen, kurzen Ausbrüchen, bäumt sich auf, spricht überdeutlich und mit scharfen Gesten, als könne er mit kontrollierten Worten und Bewegungen seine stillstehende Situation ändern.

BegintheBeguine3 560 ReinhardWerner uMenschen in der Lebensschleife: Falk Rockstroh, Inge Van Bruystegem, Sung-Im Her, Oliver Stokowski. © Reinhard Werner

Ihnen gegenüber stehen Inge van Bruystegem und Sung-Im Her, Ensemblemitglieder in der von Jan Lauwers geleiteten Needcompany, die auf Deutsch und Englisch eine Bandbreite an verschiedenen (und dann doch wieder verschwimmend ähnlichen) Prostituierten zeigen. Her treibt ihre Überzeichnungen unterschiedlicher junger Frauen teils so stark ins Überdrehte, dass sie die Schmerzgrenze überschreitet – und dadurch starke Kräfte innerhalb des Spiels des Ensembles auslöst. Wenn sie sich als Prostituierte Benee völlig losgelöst gemeinsam mit Gino in Babysprache hochschaukelt und Morris kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, dann entsteht auf der Bühne eine Dynamik und Reibung, die an die Nerven geht; die beiden jungen Frauen setzen den alternden Männern eine Lebendigkeit entgegen, die diese zwar herausfordert, aber lediglich der kurzen Illusion einer möglichen Zukunft aussetzt, die so schnell verflogen ist wie der Rausch sexueller Lust nach einer allzu schnellen Befriedigung.

Wärmende leere nackter Körper

Für einen Ausweg, das begreift schon früh Gino, am Ende auch Morris, ist es genauso spät wie für den erhofften Neuanfang: Als Morris spontan zum Telefon greift und anstelle des stets neue Frauen "liefernden" Zuhälters sein Kind am Apparat hat und ihm erzählt, dass er gern zu ihm und dessen Mutter und überhaupt seiner alten Familie zurückkehren würde, so scheint der Anruf wie ein letzter Gruß eines bereits Verstorbenen, hinein in eine ferne Welt, die er verlassen hat. Gefangen in einer Zwischenwelt aus Lust und Rausch, auf der vergeblichen Suche nach dem tiefen Gefühl der Liebe: ein nüchterner Augenblick also, ein Ausbruch in Tränen. Tränen allerdings, die schon bald wieder in neuen Drinks und in den Armen Prostituierter aufgesogen werden, in der wärmenden Leere nackter Körper, die sich auf der Flucht vor der Einsamkeit die undurchdringliche Haut aneinander abreiben.

 

Begin the Beguine (UA)
von John Cassavetes
Deutsch von Andreas Marber
Regie, Bühne & Licht: Jan Lauwers, Kostüme: Lot Lemm, Dramaturgie: Florian Hirsch, Elke Janssens.
Mit: Falk Rockstroh, Oliver Stokowski, Inge Van Bruystegem, Sung-Im Her.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Die beiden Helden sind wie Saxofone", schreibt Ronald Pohl in Der Standard (3.3.2014). "Giro (Falk Rockstroh) wäre das melancholisch näselnde Altsaxofon." Dieser Mann hüte seine Altersdepression wie einen kostbaren Schatz. Sein Gegenüber Morris (Oliver Stokowski) handhabe die Tenorsaxofonstimme. Als bulliger Enthusiast sprühe er vor Unternehmungsgeist. "Wie die beiden ein Zerrbild der Würde abliefern, mit und ohne Unterhosen, das ist große Schauspielkunst", findet Pohl, und ist auch angetan von Lauwers' Theater, in dem "in der Bildmitte auf scharf gestellt" werde. "An den Rändern zeigt er die Mittel der Illusionskunst bereitwillig her." Das Stück setze "mittendrin" aus. "In der Hölle gibt es keinen Anfang und kein Ende."

"Eine Macho-Mühsal" hat Norbert Mayer für Die Presse (3.3.2014) gesehen und scheint: "Lauwers hätte gewarnt sein müssen. Es hat meist Gründe, dass ein Text mehr als ein Vierteljahrhundert liegen bleibt." Die beiden Hauptdarsteller gäben zwei frustrierte reife Männer, die gemeinsam eine Wohnung am Meer bezogen haben, "im Dialog vereint, im Tief- wie im Stumpfsinn". Mit Innenleben mühten sich die beiden in zum Teil platten Texten ab. "Nur selten blitzt Tragisches auf."

"Herrlich unverschämt" promenierten die zwei Needcompany-Tänzerinnen Inge Van Bruystegem und Sung Im Her mit langen Beinen und bauchfreien Outfits vor den Herren im steifen Smoking, die sich (…) weniger für Sex interessieren als für ihr philosophisch angehauchtes Männer-Geschwafel", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (3.3.2014). "So witzig das sein könnte: Es wirkt wie ein Eigengoal." Jan Lauwers figuriere in Matthias Hartmanns Konzept als Repertoire-sprengender Artist in Residence. "Und gerade er zeigt hier die Grenzen des Burgtheaters auf: Jenes spontane, natürliche, transparente Spiel, für das seine Needcompany berühmt ist, lässt die hauseigenen Schauspieler arg konventionell ausschauen."

"'Beginn the Beguine' ist absurd wie ein Beckett-Stück, chauvinistisch wie ein Herrenabend und philosophisch wie eine Tschechow-Komödie", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (3.3.2014). "Der ideale Regisseur für diese krude Mischung wäre Cassavetes, aber der ist seit 25 Jahren tot." Der vielleicht einzige lebende Regisseur, der die nötige Kombination aus Empathie und Coolness mitbringe, sei der Belgier Jan Lauwers. Und Bingo! Lauwers habe "die richtige Atmosphäre für den Text" hergestellt. "So lapidar und lässig wird auf deutschsprachigen Bühnen selten Theater gespielt, ein paar magische Needcompany-Momente inklusive." Auch das Zusammenspiel der Ensembles mache Sinn: "Das Burgtheater stellt die blendend disponierten Herren Falk Rockstroh als Gito (wohl die Gazzara-Rolle) und Oliver Stokowski (Morris/Falk), während Inge Van Bruystegem und Sung-Im Her aus der Needcompany die Prostituierten spielen." Die Damen sprächen meistens Englisch, und sie kämen auch körpersprachlich sichtlich aus einer anderen Theaterwelt. "Das stört aber gar nicht, im Gegenteil: Die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den verkorksten Freiern und den überforderten Nutten werden auf diese Weise nur anschaulicher, auch komischer."

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.3.2014): Die Grundsituation erinnere an Becketts "Warten auf Godot", nur dass "Begin the Beguine" weniger vergnüglich sei und sich Wladimir und Estragon weniger mit Nutten abgeben und seltener ihre Familien (oder einen Zuhälter) mit weinerlicher Stimme anriefen. Die beiden Wartenden würden "immerhin mit einigem Aufwand und viel Einfühlung" von Oliver Stokowski und Falk Rockstroh gespielt und träfen auf Inge Van Bruystegem und Sung-Im Her, die mindestens sechs Bordsteinschwalben gäben. Ansonsten gebe es noch die Regieassistentin als "Kameramäuschen" und reichlich Kameraeinblicke ins Schlafzimmer, wo die Damen nackig stöhnten, ihren Text ins Publikum brüllten, sich schminkten oder umzögen. Uninteressant sei "die ganze Angelegenheit nach spätestens einer halben Stunde" geworden.

 
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